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Kluge Kinder zählen mit den Fingern

Eine Genfer Studie zeigt, dass Kinder, die beim Rechnen die Hände zu Hilfe nehmen, später besser in Mathe sind.

Früher verpönt, heute gelobt: Kinder sollten nicht entmutigt werden, wenn sie mit ihren Händen rechnen.
Früher verpönt, heute gelobt: Kinder sollten nicht entmutigt werden, wenn sie mit ihren Händen rechnen.
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Kinder, die mit den Fingern zählen, werden oft etwas schief beäugt. «Hilfe, die Lehrerin meiner Tochter hat gesagt, sie solle endlich aufhören, mit den Fingern zu rechnen», beklagt sich die Mutter einer Erstklässlerin in einem Elternforum. «Was soll ich tun?» Und nicht selten werden diese Kinder als «Dummkopf» eingeschätzt, die sich Zahlen nicht merken könnten. Das Gegenteil sei der Fall, sagt die Genfer Psychologin Catherine Thevenot in der französischen Zeitschrift «Cerveau & Psycho». «Es sind die intelligenteren Kinder, die mit den Fingern zählen, und sie sind später besser in Mathe.»

So geht auch Multiplizieren mit den Fingern. Video: youtube/Schmidtpunkt der Wissenschaft

Test mit Schweizer Schülern

Catherine Thevenot hat zusammen mit ihrer Doktorandin Justine Dupont-Boime vor kurzem im Fachblatt «Journal of Cognitive Psychology» eine Studie veröffentlicht, welche den Wert des Finger zählens herausstreicht. Die beiden Psychologinnen haben herausgefunden, dass sechsjährige Kinder, die mit den Finger zählen, besser rechnen können. Darüber konnten die beiden Forscherinnen zeigen, dass die Kinder, die diese Methode nutzen, schon ein besseres Arbeitsgedächtnis haben. Von diesen würde man eigentlich erwarten, dass sie die Finger weniger brauchen müssten.

Die Forscherinnen haben in ihrer Arbeit 84 Schweizer Schüler und Schülerinnen aus sechs verschiedenen Schulen getestet. In diesen wurde das Finger-zählen nicht speziell gefördert. Bei allen Kindern testeten sie zuerst das Arbeitsgedächtnis, in dem sie eine bestimmten Zahlenfolge rückwärts heruntersagen mussten - ein klassischer Test zur Einschätzung dieser kognitiven Leistung.

Schwierige Aufgaben gelöst

Um dann zu beobachten, welche Kinder mit den Finger zählten, nahmen sie die kleinen Probanden bei verschiedenen Rechenaufgaben, die zum Teil auch über die 10 hinausgingen, per Video auf. So konnten sie deren Arbeitsweise später kodieren und analysieren. Wichtig war den Forscherinnen auch, dass die Kinder die Hände frei zu benutzen wagten. Die Aufgaben wurden ihnen deshalb nicht von einem Lehrer persönlich gestellt, sondern in einer Art Einzelkabine auf einem Tisch aufgelegt.

52 der 84 Kinder benutzten bei den Aufgaben die Finger – und die, welche sie nutzten, konnten die Aufgaben schneller lösen und hatten auch ein besseres Arbeitsgedächtnis. Allerdings entwickelten die Kinder unterschiedliche Strategien. Während die einen für eine Rechnung von zum Beispiel von 8 + 3 die ganze Rechnung mit den Fingern abzählten, wählten die anderen eine effizientere Strategie, in dem sie nur die kleinere Zahl 3 auf die im Kopf gedachte grössere Zahl 8 mit einer Hand aufaddierten. Interessant war, dass die Kinder mit dem schlechteren Arbeitsgedächtnis die mühsamere Strategie wählten und dann auch schlechter abschnitten, als wenn sie ohne Finger zählten. Sobald man ihnen aber die effizientere Strategie erklärte, verbesserten sich ihre Resultate schnell.

Zeitfenster in der frühen Primarschule

«Die Studie zeigt, dass die Methode des Fingerzählens in den ersten Schuljahren bei Rechenaufgaben gefördert werden müsste», schreiben Catherine Thevenot und Justine Dupont-Boime. Mit dem Älterwerden geben die Kinder dieses Werkzeug wieder auf, die Forscherinnen sprechen deshalb von einem «Zeitfenster des Fingerzählens». Dieses liegt im Bereich von 6 Jahren. Experimente hätten gezeigt, dass Kinder, die mit 6,5 Jahren mit den Fingern zählten, zu den Besten gehörten, während solche, die mit 8,5 Jahren immer noch dieses Werkzeug benutzten, die schlechtesten Rechenleistungen erzielten.

Heute weiss man auch, dass die Fähigkeit, mit den Fingern zu zählen, bereits im Gehirn angelegt ist. Bestimmte Regionen, die für die Wahrnehmung der Finger zuständig sind, überschneiden sich mit Bereichen, welche die Zahlen repräsentieren. Als Forscher einen für das Rechnen wichtigen Teil des Scheitellappens, den Gyrus angularis, mittels Magnetwellen kurzzeitig funktionsunfähig machten, waren bei den Probanden sowohl die Fähigkeit, Zahlen zu vergleichen, als auch ihre Wahrnehmung der Finger beeinträchtigt.

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