Tätowierte Haut schwitzt schlechter

Tattoos sind voll im Trend. Die Gefahren werden jedoch meist unterschätzt. Das sind die Risiken.

Noch kaum bekannte Wirkung: Grossflächige Tattoos können die Schweissproduktion der Haut stören. Foto: Getty Images

Noch kaum bekannte Wirkung: Grossflächige Tattoos können die Schweissproduktion der Haut stören. Foto: Getty Images

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Mit der wärmeren Jahreszeit sieht man sie wieder. Im Gartenrestaurant, im Schwimmbad, auf dem Fussballplatz: Zumeist jüngere Menschen mit ihren bunten Tattoos. Und es scheinen immer mehr zu werden. Der Eindruck täuscht nicht. Die Branche boomt, gemäss dem Verband Schweizerischer Berufstätowierer (VST) hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der registrierten Tätowierstudios hierzulande von rund 600 auf 800 erhöht. Wie viele Menschen mittlerweile tätowiert sind, davon gibt es keine Statistik. Die Zahl habe aber zuletzt «enorm zugenommen», ist VST-Präsident Luc Grossenbacher überzeugt.

Ein fragwürdiger Trend. Erst jüngst haben US-amerikanische Wissenschaftler in einer Studie herausgefunden, dass tätowierte Körperstellen die Schweissbildung behindern, wie das Fachmagazin «Fit for Life» diesen Frühling berichtete.

Schlecht für Sportler

Eine Forschergruppe um Physiologe Maurie Luetkemeier vom Alma College in Michigan untersuchte zehn Männer im Alter zwischen 20 und 22 Jahren. Damit die Wissenschaftler die Hautreaktionen bei jedem Einzelnen vergleichen konnten, hatten sie Männer ausgewählt, die nur auf einer Körperseite tätowiert waren. Um ihre Haut zum Schwitzen zu bringen, nutzten die Forscher den chemischen Wirkstoff Pilocarpin. Dann verglichen sie Menge und Zusammensetzung des Schweisses auf den tätowierten und den nicht tätowierten Hautstellen. Ergebnis: Die tätowierte Haut sonderte nur halb so viel Schweiss ab wie die untätowierte. Dafür wies der Schweiss auf den Tattoos eine beinahe doppelt so hohe Salzkonzentration auf.

Trifft es tatsächlich zu, dass tätowierte Haut die Schweissproduktion behindert, wäre das vor allem für Sportler mit grossflächigen Tattoos schlecht: Sie könnten ihren Körper nur ungenügend kühlen und müssten mit Leistungseinbussen oder gar gesundheitlichen Komplikationen rechnen.

Ähnlich wie eine Wunde

Zwar hat die US-Studie wegen der geringen Zahl von Probanden nur eine begrenzte Aussagekraft. Dennoch ist sie für Schweizer Fachleute plausibel. «Je nach Entzündungsreaktion, Vernarbung und Tätowierungstechnik ist eine reduzierte Fähigkeit zu schwitzen möglich», sagt Kristine Heidemeyer, Dermatologin am Berner Inselspital und Spezialistin für Tattoo-Entfernungen mit Lasertechnik.

Dazu muss man wissen: Beim Tätowieren wird eine Nadel oder ein Nadelbündel bis zu 3000-mal pro Minute in die Haut gestochen, um Tinte zu injizieren. Die Nadel dringt dabei bis in die zweite Hautschicht vor, auch «Lederhaut» genannt. Genau dort sitzen unsere Schweissdrüsen. Ähnlich wie bei einer Schnittwunde wird auch beim Tätowieren die sogenannte ­Basalmembran, die sich unter der ersten Hautschicht befindet, verletzt und muss sich neu bilden. Eine Tätowierung ist demnach vergleichbar mit einer kleinen Wunde, die der Körper heilen muss. Hinzu kommt allerdings, dass die mit dem Tattoo eingebrachte Farbe für unseren Körper ein Fremdkörper ist, den es zu beseitigen gilt. Oft kommt es deshalb zu Entzündungsreaktionen.

Dermatologen warnen: Tätowierfarben enthalten oft giftige Stoffe. Foto: Getty

Ähnlich wie Kristine Heidemeyer sieht es Felix Bertram, Chefarzt der Skinmed-Kliniken für Dermatologie und Plastische Chirurgie in Lenzburg und Aarau. «Die Entzündungs- und Narbenreaktion in der tätowierten Hautschicht kann die Fähigkeit zu schwitzen sehr wohl beeinflussen.» Allerdings, gibt Bertram zu bedenken, müsste jemand schätzungsweise 70 bis 90 Prozent seiner Körperoberfläche tätowiert haben, damit es in Sachen Temperaturregulation kritisch würde. «Bei normal grossen oder kleineren Tattoos kann nach meinem Verständnis die nicht-tätowierte Hautfläche das Defizit mühelos ausgleichen.»

Injizierte Farbe als Gefahr

Problematischer als das verminderte Schwitzen findet Bertram bei Tätowierungen ohnehin, was mit der eingespritzten Farbe im Körper passiert. Tatsächlich konnten schon frühere Untersuchungen verschiedene Risiken nachweisen, die von Tätowierungen ausgehen:

  • Eine andere US-Studie hatte bereits vor Jahren gezeigt, dass jedes zehnte Tattoo mit schweren allergischen Reaktionen einhergeht. Die Betroffenen leiden unter Ausschlag, Juckreiz, Schwellungen, oft monatelang.
  • Im Jahr 2013 prüfte das deutsche Konsumentenmagazin «Öko-Test» zwanzig Tätowierfarben. In jeder dritten Farbe fanden die Tester starke Belastungen mit krebsverdächtigen oder krebserregenden Stoffen wie PAK (Polycyklische aromatische Kohlenwasserstoffe), Nitrosamine, Formaldehyd und Nickel.
  • Die Tätowierfarbe kann sich an anderen Stellen des Körpers absetzen. So wurden Pigmente in den Lymphknoten von Tätowierten gefunden. Welche Folgen das für den Organismus hat, muss noch erforscht werden.
  • Mit dem Einstechen von Fremdpartikeln in die Haut besteht immer auch ein Infektionsrisiko (Hepatitis, HIV, Infektionen durch Bakterien oder Pilze), warnt die Schweizerische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie.
  • Studien zufolge treten bei 6 bis 8 Prozent der Tätowierten schwere Nebenwirkungen auf. Ausser den genannten Infektionen und allergischen Reaktionen können bei entsprechender Veranlagung in den tätowierten Arealen auch Schuppenflechtenherde oder Hautveränderungen anderer Autoimmunkrankheiten ausgelöst werden.
  • Schliesslich macht die Fachgesellschaft auch darauf aufmerksam, dass Tätowierungen auffällige Muttermale verdecken können. Im schlimmsten Fall wird so ein gefährlicher schwarzer Hautkrebs zu spät entdeckt.

Angesichts dieser Faktenlage verwundert es nicht, dass die Schweizer Dermatologen von Tätowierungen abraten. «So kunstvoll manche auch sein mögen», sagt Vorstandsmitglied Bettina Schlagenhauff, «man geht dabei immer ein gesundheitliches Risiko ein.»

Erstellt: 02.06.2019, 17:48 Uhr

Gut zu wissen

Wer bereits ein Tattoo hat oder sich eines wünscht, sollte folgende Punkte beachten:

Sonnenschutz: Tattoos werden gerne im Sommer zur Schau gestellt. Doch Vorsicht: Tätowierte Haut reagiert empfindlicher auf die Sonne als normale Haut. Sie muss deshalb noch konsequenter geschützt werden: am besten mit einer guten Sonnencreme (mindestens Schutzfaktor 30) oder aber mit Kleidung. Besonders anfällig ist tätowierte Haut sechs bis acht Wochen nach dem Stechen. Dann ist das Risiko eines Sonnenbrands nochmals höher; auch ist gerade in dieser Phase die Allergie- und Infektionsgefahr am grössten.

Qualitätssicherung: Wer sich ein Tattoo stechen lassen möchte, sollte einen registrierten Berufs­tätowierer oder eine -tätowiererin aufsuchen. Sie arbeiten nach dem «Hygiene Quality Label». Dieses Qualitätssiegel basiert auf den Richtlinien, die vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen empfohlen werden. Damit ist gewährleistet, dass der Tätowierer unter hygienisch einwandfreien Bedingungen arbeitet und so wenigstens eine nur sehr geringe Infektionsgefahr besteht. Das Problem: Die meisten der hierzulande aktiven Tätowierer verfügen über kein solches Qualitätslabel.

Henna-Tattoos: Die Körperbemalung mit Farbe aus Blättern der Hennapflanze ist keine gute Alternative. Dabei kommt es noch öfter zu allergischen Reaktionen als bei gestochenen Tattoos.
(sae)

Quellen: Skinmed-Kliniken,
Schweizerische Gesellschaft für ­Dermatologie und Venerologie,
Verband Schweizerischer Berufs­tätowierer.

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