Komplementärmedizin macht Schule

Der Bundesrat will alternative Behandlungsmethoden in der Grundversicherung gleich behandeln wie die Schulmedizin. Die Reaktionen auf das Vorhaben sind erstaunlich zahm.

Eine Behandlung in der Traditionellen Chinesischen Medizin: Bei der Moxibustion werden Akupunkturpunkte durch Abbrennen von Moxakraut erwärmt. Foto: AKG-Images

Eine Behandlung in der Traditionellen Chinesischen Medizin: Bei der Moxibustion werden Akupunkturpunkte durch Abbrennen von Moxakraut erwärmt. Foto: AKG-Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn der TCM-Arzt an der Zunge des Patienten dessen Krankheit abliest, kann er dies heute über die Grundversicherung abrechnen. Das Gleiche gilt für die Homöopathin, die ihren Patienten ausführlich etwa zu Wetterfühligkeit, Schlafstellung oder Verdauung befragt. Der Grund dafür ist die provisorische Aufnahme der Komplementärmedizin in die obligatorische Krankenpflege-Versicherung (OKP).

Bundesrat Alain Berset will diesen Zustand nun in eine dauerhafte Regelung überführen und vier komplementärmedizinische Methoden der Schulmedizin gleichstellen. Konkret geht es um die anthroposophische Medizin, die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), die Homöopathie und die Phytotherapie. Diese Methoden sollen dem sogenannten Vertrauensprinzip unterstellt werden, das in der Grundversicherung für herkömmliche Medizin schon lange gilt. Es bedeutet, dass Untersuchungen und Behandlungen, die Ärzte vornehmen, grundsätzlich vergütet werden. Einzelne Leistungen können jedoch ­ausgenommen sein, wenn sich im ­Rahmen einer Umstrittenheits-Abklä-rung zeigt, dass sie nicht wirksam, zweck­mässig und wirtschaftlich sind (WZW-Kriterien).

Wie bei der noch gültigen provi­sorischen Regelung sollen auch künftig nur ausgebildete Ärzte komplementär­medizinische Leistungen über die Grundversicherung abrechnen können. Das heisst, vor dem Erwerb eines Fähigkeitsausweises zum Beispiel in TCM haben die Behandler mindestens sechs Jahre schulmedizinisches Studium sowie drei oder mehr Jahre Facharztausbildung hinter sich. Naturheilpraktiker und Komplementärtherapeuten ohne Medizinstudium werden weiterhin über Zusatzversicherungen abrechnen müssen. Zusätzliche Kosten erwartet der Bund mit der definitiven Regelung nicht, da in den letzten Jahren bereits provi­sorisch vergütet wurde.

Erster Antrag vor 20 Jahren

Es ist ein Befreiungsschlag, mit welchem einem jahrelangen Gezerre ein Ende gesetzt werden könnte. Bereits 1996 beantragten Komplementärmediziner die Aufnahme in die Grundversicherung. Sie wurden provisorisch für sechs Jahre aufgenommen, mit der Auflage, den WZW-Nachweis noch zu liefern. Dieser gelang zumindest nach Ansicht des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) nicht, weshalb die Komplementärmedizin wieder aus der Grundversicherung gestrichen wurde. 2009 kam es zu einer Volksabstimmung, bei der sich zwei Drittel der Stimmenden für die Komplementärmedizin aussprachen. 2012 wurde sie erneut provisorisch für fünf Jahre in die Grundversicherung ­aufgenommen.

Morgen geht die dreimonatige Vernehmlassung zu den neuen Vorschlägen zu Ende. Die Auswertung durch Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt: Die Fronten sind aufgeweicht. Von der Inbrunst, mit der noch vor wenigen Jahren um den Status der Komplementärmedizin gestritten wurde, ist heute nicht mehr viel zu spüren. Die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), die grösste medizinische Fachorganisation, schreibt, dass sie sich der vorgeschlagenen definitiven Regelung nicht widersetze. Sie insistiert jedoch, dass für die Komplementärmedizin – wie vorgesehen – die gleichen Kriterien gelten müssten wie für die anderen medizinischen Fachbereiche.

Ähnlich dürfte auch die noch nicht fertiggestellte Stellungnahme des Ärzteverbands FMH ausfallen. Es werde anerkannt, dass das Vertrauensprinzip auch für die Komplementärmedizin ­g­elten soll, fasst Yvonne Gilli vom FMH-Zentralvorstand die interne Diskussion zusammen. «Die WZW-Kriterien müssen jedoch erfüllt und die Qualität ge­währleistet sein.»

Unterstützung kommt auch von der Gesundheitsdirektoren-Konferenz sowie den Parteien SP, CVP, Grüne und Grünliberale. Einzig die SVP lehnt die Vergütung der Komplementärmedizin durch die Grundversicherung ab – trotz deutlichem Volks­entscheid. Die Wirksamkeit sei wissenschaftlich nach wie vor nicht nachgewiesen.

Mit dem gleichen Argument lehnt auch der Krankenkassenverband Santésuisse die Gleichbehandlung glattweg ab. Sandra Kobelt, Leiterin Politik und Kommunikation, glaubt nicht, dass dies keine Kostenfolgen haben wird: «Es ist von einer Verschiebung von bisher über die Zusatzversicherungen finanzierten komplementärmedizinischen Leistungen zur Grundversicherung auszugehen.» Der zweite Krankenkassenverband Curafutura hingegen «begrüsst grundsätzlich» die Vorschläge des Bundes.

Mittlerweile viel geforscht

Dagegen scheint für die Komplementärmediziner nun endlich ein alter Wunsch in Erfüllung zu gehen. «Jahrzehntealte Diskussionen könnten nun ein Ende finden», hofft Beat Meier von der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie. Mit dem pragmatischen Vorgehen der Gleichstellung der ärztlichen Methoden sei ein Meilenstein gesetzt worden.

«Für uns ist zentral, dass für die Schul- und Komplementärmedizin die gleichen Regeln gelten», schreibt Christine Keller Sallenbach, Geschäftsführerin des Dachverbands Komplementärmedizin (Dakomed). Sie weist darauf hin, dass mittlerweile in der Komplementärmedizin viel geforscht wurde. Gleichzeitig betont sie, dass auch in der konventionellen Medizin die Evidenzlage selbst in etablierten Fachrichtungen begrenzt sei, beispielsweise für Therapien bei Kindern und über 65-Jährigen.

Das Argument früherer Diskussionen, dass die Komplementärmedizin grundsätzlich nicht wissenschaftlich untersucht werden könne, ist heute völlig verschwunden. Sogenannte Ganzheitlichkeit oder individuelle Behandlungsansätze sprechen heute offenbar auch für Komplementärmediziner nicht mehr gegen Wirksamkeitsstudien. Tatsächlich konnten solche selbst bei der am meisten umstrittenen Homöopathie Effekte zeigen. Allerdings nicht durch die hochpotenzierten Arzneien, sondern durch den verstärkten Placebo­effekt beim Arzt-Patienten-Kontakt.

Die neue Regelung würde am 1. Mai 2017 in Kraft treten, dann, wenn die provisorische Aufnahme in die Grundversicherung ausläuft. Sie ist Teil eines ganzen Pakets von Massnahmen, die der Bund für die Umsetzung des Verfassungsartikels zur Komplementärmedizin angestossen hat. Dazu gehören die vereinfachte Zulassung von komplementärmedizinischen Arzneien, die Aus­bildung für angehende Ärzte an den ­Universitäten sowie eidgenössische ­Diplome für Naturheilpraktiker und Komplementärtherapeuten.

«Büchse der Pandora»

Doch es gibt sie noch, die scharfen Kritiker der Komplementärmedizin. Marko Kovic, Politologe und Präsident der Skeptiker Schweiz, hat 2014 den Appell «Wissenschaft vor Politik bei Komplementärmedizin» lanciert. Unter den Erstunterzeichnern sind arrivierte Wissenschaftler und Mediziner wie Prionen-Forscher Adriano Aguzzi, Epidemiologe Matthias Egger oder der Direktor des Instituts für Hausarztmedizin der Uni Zürich, Thomas Rosemann. Der Bundesrat habe entschieden, dass die Frage, was bei Komplementärmedizin wirkt und was nicht, nicht so wichtig sei, kritisieren sie im Appell. Man habe den Interessen von Lobbygruppen nachgegeben.

Die Vorschläge des Bundes sind für Kovic unverständlich: «Leider wird damit der Grund für unser Bestehen gestärkt», gibt er sich kämpferisch. «Wir sind in der Schweiz daran, die irrationale Büchse der Pandora zu öffnen, und es scheint niemanden zu kümmern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2016, 00:00 Uhr

Artikel zum Thema

Krankenkassen werden um Millionen betrogen

Ob Brustvergrösserung oder Badezimmerrenovation: Versicherte versuchen immer wieder, Leistungen einzufordern, die ihnen nicht zustehen. Mehr...

Krankenkasse zwingt Patientin zu doppelt so teurer Therapie

Eine Hepatitis-C-Behandlung kostet 100'000 statt 50'000 Franken, weil sich die Kassen stur ans Gesetz halten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Wie viel Verantwortung soll das Kind übernehmen?

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...