Krebsfrei, aber noch nicht geheilt

Den aggressiven Krebs hat er zum Verschwinden gebracht. Doch Conradin Döbelis Kampf ist noch nicht zu Ende.

«Ich hatte genügend Rückschläge, ich will nicht warten, bis es wieder so weit ist», sagt Conradin Döbeli. Foto: Sabine Bobst

«Ich hatte genügend Rückschläge, ich will nicht warten, bis es wieder so weit ist», sagt Conradin Döbeli. Foto: Sabine Bobst

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Es ist heiss, 30 Grad, und feucht. Der Schweiss dringt aus den Poren, die Präsentations-Sildes auf dem Bildschirm beginnen vor den Augen zu flimmern. Conradin Döbeli ist allerdings in seinem Element. «Das ist meine Betriebstemperatur», sagt er. Der 34-Jährige sitzt in Shorts und T-Shirt vor dem Computer in der hintersten Ecke seiner Werkstatt in Liestal. Hier landet man schnell, wenn man ihn besucht, um über seinen Kampf gegen den Krebs zu sprechen. Döbeli klickt durch Slides, in denen er seine Behandlungsschritte und Messergebnisse zusammengefasst hat. Eigentlich hätte es ein Interview werden sollen. Doch das einfache Frage-Antwort-Schema funktioniert nicht. Zu komplex das Thema, zu schnell die Gedankengänge, zu vielschichtig die Antworten.

«Seit gestern bin ich krebsfrei», sagt Döbeli gleich als Erstes. Vor sechs Monaten berichtete diese Zeitung über seinen Kampf gegen seinen aggressiven Darmkrebs. Als er 2013 seine Diagnose erhielt, betrug seine Lebenserwartung anderthalb Jahre. Doch Döbeli gab nicht auf und liess sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen.

Teaser zum geplanten Dokumentarfilm «The Cure». Video: Youtube/Mira Film

In Absprache mit seiner Onkologin Michèle Voegeli vom Kantonsspital Baselland testete er neben der klassischen Behandlung auch verschiedene experimentelle Therapieansätze. Fünfmal kam der Krebs zurück. Jetzt hofft Döbeli, dass er wegbleibt. Seine Onkologin bestätigt, dass keine Krebszellen mehr nachweisbar sind. «Es sieht sehr gut aus», sagt sie. Es sei jedoch zu früh, von Heilung zu sprechen. «Der Krebs kann jederzeit zurückkommen.» Döbeli ist trotzdem optimistisch. Er fühlt sich gut, voller Energie und Tatendrang. Es wäre nicht das erste Mal, dass er Prognosen widerlegt hätte.

Gefährliche Nebenwirkung

Der positive Krankheitsverlauf zeichnete sich bereits vor den letzten Weihnachten ab. Im März liess Döbeli dann den letzten Krebsherd mit einem sogenannten Cyberknife behandeln. Dabei wird mit fokussierter Röntgenstrahlung der Tumor «gekillt», wie es Döbeli martialisch ausdrückt. Parallel dazu erhielt er in den vergangenen sechs Monaten einen Medikamentencocktail verabreicht. Zu einer klassischen Darmkrebs-Chemotherapie kamen Wirkstoffe, die nach Überlegungen von Döbeli den Krebs zusätzlich bekämpfen sollten. Zu der Einsicht kam er mithilfe von experimentellen Forschungsarbeiten, wie er sie in grosser Zahl studiert. «Einige der Studien liegen bei mir auf der Toilette – darin lese ich dann, wenn ich nachts nicht schlafen kann», sagt Döbeli.

Seine Onkologin mahnte wie oft zur Vorsicht, war dann aber einverstanden mit dem neuen Medikamentenmix. Doch dann hatte Döbeli im April erstmals während seiner langjährigen Krebstherapie eine schwere Nebenwirkung: ein Dünndarmgeschwür. «Das war alles andere als harmlos», sagt Voegeli. «Die Entzündung hätte zu einem gefährlichen Darmdurchbruch führen können.» Döbeli musste ­einige der Medikamente absetzen und neue schlucken, die die Darmschleimhaut schützen. Das Geschwür ist inzwischen ausgeheilt. «Der Patient hatte Glück, dass er davor noch keine schweren Nebenwirkungen hatte», sagt Voegeli. Das hätte wohl den ganzen Krankheitsverlauf komplett ändern können.

Es wäre nicht das erste Mal, dass er Prognosen widerlegt hätte.

Die Werkstatt ist Döbelis Arbeitsplatz als freischaffender Medizintechnologe. Doch inzwischen sitzt er draussen auf der Terrasse, wo es kühler ist – aus Rücksicht auf seinen Besucher. Von hier reicht der Blick in Richtung Stadtzentrum und zum Kantonsspital, wo er seit 2013 schon viele Stunden verbracht hat.

Döbeli gibt sich nicht damit zufrieden, krebsfrei zu sein. «Ich hatte genügend Rückschläge, ich will nicht warten, bis es wieder so weit ist», sagt er. Er hat verschiedene Ideen, um sich vor einem erneuten Rückfall zu schützen. Diese diskutiert er mit seiner Frau Miriam und der Onkologin. Manches muss er verwerfen, bei anderem haben sie sich auf einen Behandlungsversuch geeinigt. ­Er habe viele, gut begründete Ideen für neue Behandlungen, sagt Krebsspezialistin Voegeli. Oft seien sie jedoch risikobehaftet. «Ich muss ihn deshalb jeweils bremsen», sagt sie. «Vor allem wenn er wie jetzt auf eine klassische Behandlung anspricht und es ihm eigentlich gut geht.»

Zunehmend hegt Döbeli den Wunsch, seine Erfahrungen weiterzugeben. Zusammen mit seiner Frau und einer anderen Betroffenen hat Döbeli in Liestal inzwischen ein Patientennetzwerk gegründet. Und auch in der Facebook-Gruppe Colontown, wo sich Darmkrebs-Betroffene und Fachleute weltweit austauschen, setzt er sich ein. Geplant ist auch ein Dokumentarfilm («The Cure»), bei dem er als ungewöhnlicher Patient einen wichtigen Part übernehmen könnte.¨

«Wenn eine Therapie nur mithilfe von Esoterik erklärt werden kann, wird es relativ mühsam.»Conradin Döbeli

Seit sein Fall publik ist, wird Döbeli auch immer wieder von Betroffenen angegangen. Oft kommen auch abenteuerliche Krebstherapien zur Sprache. «Dabei wird selbst bei absurden Behandlungskonzepten mit Studien argumentiert», staunt er. In solchen Fällen will Döbeli wissen, ob die Studie vorab registriert und in einem guten Fachjournal veröffentlicht wurde. Solche wissenschaftlichen Standards sind in der Regel nicht erfüllt. Oft fehlt auch ein plausibler Wirkmechanismus. «Wenn eine Therapie nur mithilfe von Esoterik erklärt werden kann, wird es relativ mühsam», sagt Döbeli. Dennoch ist er offen, auch unkonventionellen Therapien nachzugehen. Zum Beispiel der manchmal propagierten ketogenen Ernährung gegen Krebs: «Ich habe bei meiner Suche eine wissenschaftliche Veröffentlichung gefunden, die zeigt, dass damit das Wachstum gewisser Tumore sogar gefördert werden kann.»

Und was sind seine nächsten Pläne? Demnächst will Döbeli an einen Krebskongress in Barcelona reisen und anschliessend in die Sommerferien nach Griechenland. «Ich hoffe, es wird so richtig heiss.»

Erstellt: 15.06.2018, 18:25 Uhr

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