Streit über Krebsimpfung – Was ist dran an den Zweifeln?

Sie hätten schwere Nebenwirkungen nicht berücksichtigt, wirft ein renommierter Wissenschaflter ehemaligen Kollegen vor. Und schürt damit Impf-Zweifel.

In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit die Gebärmutterhalskrebs-Impfung seit 2007. (Foto: Science Photo Library, Getty Images)

In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit die Gebärmutterhalskrebs-Impfung seit 2007. (Foto: Science Photo Library, Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es hätte das Ende der ewigen Vorbehalte sein können: Vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichte das Forscher-Netzwerk Cochrane einen Bericht zu Nutzen und Risiken der Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV). Die Erreger können Gebärmutterhalskrebs auslösen; die Schutzimpfung sorgt dennoch seit Jahren für Kontroversen. Das wegen seiner Unbestechlichkeit und Akribie bewunderte und auch gefürchtete Forscher-Netzwerk Cochrane wollte mit dem Bericht eigentlich für Klärung sorgen. Stattdessen stürzte er die Organisation in eine tiefe Krise, die bis heute anhält. Und Impfzweifler fühlen sich in ihren Vorbehalten bestärkt.

Um die Bedeutung der Vorgänge zu verstehen, hilft es, die Rolle von Cochrane zu kennen. Der internationale Verbund aus Wissenschaftlern und Ärzten beeinflusst mit seinen umfang­reichen Übersichtsarbeiten Leitlinien, Therapieentscheide und zunehmend auch die Vergütung medizinischer Leistungen. Richtig bekannt wurde das Netzwerk durch seine Berichte zum umsatzstarken Grippemittel Tamiflu, dem es nur bescheidene Wirksamkeit attestierte.

Das Renommee von Coch­rane ist nun bedroht. «Wir müssen aufpassen, dass wir den guten Ruf, den wir uns über Jahrzehnte aufgebaut haben, nicht beschädigen», sagt Erik von Elm, Direktor von Cochrane Schweiz. Am jährlichen Strategietreffen Anfang April in Krakau brütete das Cochrane-Führungspersonal darüber, wie es weitergehen soll. Und unter den Mitgliedern brodelte es. Die Forderung nach Reformen steht im Raum.

Entfacht hat sich die Krise am 242-seitigen Bericht des Coch­rane-Teams um Marc Arbyn vom belgischen Krebszentrum Sciensano, der am 9. Mai 2018 erschien. Die Autoren analysierten 26 Studien zur Wirksamkeit und Impfstoffsicherheit mit über 70'000 Mädchen und Frauen über einen Zeitraum bis zu 8 Jahren. Die Schlussfolgerung: «Belege von hoher Qualität zeigen, dass HPV-Impfstoffe vor Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs bei jugendlichen Mädchen und Frauen schützen.»

Impfraten brechen ein

Der eigentliche Stein des Anstosses war jedoch das Fazit: «Wir haben kein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen festgestellt.» In den Studien gemeldete Todesfälle seien als nicht mit dem Impfstoff zusammenhängend eingestuft worden. Die Autoren forderten zwar langfristige Nachbeobachtungen unter anderem wegen möglicher seltener Schäden. An der Empörung änderte das nichts.

Die HPV-Impfung ist seit gut 15 Jahren in Verwendung und zeigt bislang eine gute Wirksamkeit. In der Schweiz empfiehlt sie das Bundesamt für Gesundheit seit 2007 für Mädchen und junge Frauen, seit 2015 auch für Buben. In zahlreichen Ländern kursieren jedoch Vorbehalte gegen den Krebsschutz. Heute steht vor allem die Angst vor Nebenwirkungen im Vordergrund. Unter anderem in Dänemark und Japan sind deswegen laut Medienberichten die ursprünglich hohen Impfraten massiv eingebrochen. Der Verdacht: Die HPV-Impfung könnte durch Autoimmunreaktionen die seltene Kreislaufstörung POTS oder das Schmerzsyndrom CRPS hervorrufen.

«Die Einwände sind nicht gewichtig genug, um die Impfempfehlung zurückzuziehen.»Erik von Elm,
Cochrane Schweiz

Auch das chronische Müdigkeitssyndrom CFS als Folge wird diskutiert. Behörden sehen nach Analysen keinen Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der Impfung. Doch gibt es erhebliche Zweifel, dass der Hersteller eines HPV-Impfstoffs bei den Zulassungsstudien unerwartete Nebenwirkungen immer korrekt erfasst hat. Dies konnte das US-Onlinemagazin «Slate» mit einer umfangreichen Recherche aufzeigen.

Der Kritiker mit dem wahrscheinlich grössten Renommee stammt aus den eigenen Reihen: Peter Gøtzsche. Er war bis vor kurzem Leiter des Nordischen Cochrane-Zentrums in Kopenhagen, Mitglied des Cochrane-Leitungsgremiums und Gründungsmitglied. Davor hat der Arzt und Naturwissenschaftler viele Jahre in der Pharmaindustrie gearbeitet und misstraut seither der Branche.

In einem Artikel im Fachblatt «BMJ Evidence-Based Medicine» veröffentlichten er und zwei Kollegen zweieinhalb Monate nach dem HPV-Bericht von Cochrane eine harsche Kritik: Die Autoren hätten nicht offengelegte Interessenkonflikte; ausserdem seien schwere Nebenwirkungen sowie fast die Hälfte der vorhandenen Studien nicht angemessen berücksichtigt worden.

Eklat am Jahrestreffen

Bei Cochrane liess man mit externen Fachleuten eine Untersuchung durchführen und wies in der Folge die Kritik von Gøtzsche als «deutlich übertrieben» zurück: Es sei nur eine kleine Anzahl von Studien verpasst worden, die zudem das Resultat des ursprünglichen HPV-Berichts kaum veränderten. Auch bezüglich möglicher schwerer Nebenwirkungen sei «transparent und verantwortungsbewusst» berichtet worden. Und es habe keine Verstösse gegen die Regeln für Interessenkonflikte gegeben.

Am Dienstag, 16.September 2018, eskalierte der Streit. Während des Jahrestreffens des Cochrane-Netzwerks in Edinburgh schloss das Leitungsgremium Peter Gøtzsche aus der Organisation aus. Grund sei sein langjähriges «zerstörerisches und unangemessenes Verhalten», das «der Arbeit, dem Ruf und den Mitgliedern der Organisation abträglich» war. Die Entscheidung fiel knapp und führte zu vier Protestaustritten aus dem Leitungsgremium. Viele witterten Zensur, die die wissenschaftliche Freiheit bedrohe. Gøtzsche selber beklagte «die wachsende autoritäre Top-Down-Kultur und ein zunehmend kommerzielles Geschäftsmodell», die «die wissenschaftlichen, moralischen und sozialen Ziele» von Cochrane bedrohten.

«Das kann ich nicht nachvollziehen», sagt Erik von Elm, der bei den Entscheidungen nicht involviert war. Er relativiert die Vorwürfe von Gøtzsche: Der Hickhack um den HPV-Bericht habe das Fass lediglich zum Überlaufen gebracht. «Peter Gøtzsche war immer schon stark auf Konfrontation aus», sagt er. «Damit hat er für die Organisation viel erreicht, im Leitungsgremium war die Zusammenarbeit aber offenbar sehr schwierig.» Von Elm geht davon aus, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist: «Es ist der übliche Prozess: Nach der Veröffentlichung eines Berichts dürfen alle Kritik anbringen, die dann analysiert wird und bei einem Update wenn nötig zu einer Korrektur führt.»

Was den Nutzen der HPV-Impfung betrifft, lässt der Schweizer Cochrane-Direktor von Elm keine Zweifel: «Die geäusserten Einwände gegen die Review sind nicht gewichtig genug, um die Impfempfehlung zurückzuziehen.»

«Tod eines Whistleblowers»

Ein Update des HPV-Berichts lässt allerdings auf sich warten. Man sei sich der Sensibilitäten sehr wohl bewusst, heisst es auf Anfrage bei der Londoner Pressestelle von Cochrane. Es gebe jedoch «keinen ausreichenden Anlass zur Sorge», um das Update vorzuziehen.

Gøtzsche hat seine Erlebnisse derweil im E-Book «Der Tod eines Whistleblowers und Cochranes moralischer Zusammenbruch» verarbeitet. Auch sonst ist der 69-Jährige weiterhin als Kritiker aktiv und äussert sich in Fachjournalen, an Kongressen und seinem Blog. Der drastische Name: «Deadly Medicines and Organised Crimes».

Therapieentscheide sollten auf wissenschaftlichen Fakten und nicht auf einem diffusen Bauchgefühl beruhen. Dass dies heute tatsächlich öfter als früher zutrifft, ist zu einem guten Teil das Verdienst von Pionieren wie Archie Cochrane. Der 1988 verstorbene britische Mediziner kritisierte immer wieder das Fehlen von wissenschaftlichen Belegen bei Therapien und veröffentlichte 1972 das bahnbrechende Buch «Effectiveness and Efficiency». Es gilt als Startschuss einer «evidenzbasierten Medizin».

Der Brite ist Namensgeber der 1993 gegründeten Cochrane Collaboration. Das weltweite Netz von Wissenschaftlern und Ärzten analysiert in systematischen Übersichtsarbeiten den Stand der Forschung zu medizinischen Therapien und bewertet sie. Jährlich erscheinen mehrere Hundert solcher Reviews, insgesamt sind derzeit rund 8000 in der Cochrane Library abrufbar.

Berichte oft missverstanden

Das weltweite Netzwerk besteht aus einem Kernteam in London, dezentralen Fachgruppen und nationalen Cochrane-Zentren. Finanzielle Unterstützung durch die Pharmaindustrie ist tabu.

Die Schweiz hat seit 2010 ein eigenes Cochrane-Zentrum an der Universität Lausanne. Es besteht aus vier Personen, die dafür sorgen, dass das gesam­melte Wissen von Cochrane zugänglich ist, unter anderem mit allgemein verständlichen Zusammenfassungen auf Deutsch und Französisch. Vor allem aber unterstützt das Cochrane-Team externe Autoren beim Verfassen von Übersichtsarbeiten. «Letztlich können alle, die über das nötige Know-how verfügen, eine Cochrane-Review verfassen», sagt Direktor Erik von Elm. In der Regel sind dies Forscher an Universitäten oder Kliniken.

Für die Reviews muss mit einer festgelegten Methodik gearbeitet werden, um Fehlschlüsse auszuschliessen. Die fertige Arbeit wird begutachtet, dann veröffentlicht und kann schliesslich kommentiert werden. Spätere Updates berücksichtigen neben neuen Daten auch Kritik.

Im Zentrum von Cochrane-Reviews stehen patientenrelevante Fragestellungen. Also, ob eine Behandlung das Überleben verlängert oder die Lebensqualität verbessert. «Indirekte Parameter wie Laborwerte sind nur bedingt aussagekräftig und werden in der Regel nur am Rand berücksichtigt», so von Elm. Dieser Fokus auf den Patientennutzen führt immer wieder zu Missverständnissen. Etwa bei Medikamenten, die noch nicht genügend lange auf dem Markt sind, um einen Effekt auf das Überleben zu zeigen. Oft kommt eine Review auch zum Schluss, dass nicht genügend Daten für die Bewertung vorhanden sind. Von Elm: «Das bedeutet nicht, dass eine Intervention wirkungslos ist.»

Erstellt: 15.05.2019, 10:08 Uhr

So funktioniert das Netzwerk

Therapieentscheide sollten auf wissenschaftlichen Fakten und nicht auf einem diffusen Bauchgefühl beruhen. Dass dies heute tatsächlich öfter als früher zutrifft, ist zu einem guten Teil
das Verdienst von Pionieren wie Archie Cochrane. Der 1988 verstorbene britische Mediziner kritisierte immer wieder das Fehlen von wissenschaftlichen Belegen bei Therapien und veröffentlichte 1972 das bahnbrechende Buch «Effectiveness and Efficiency». Es gilt als Startschuss einer «evidenzbasierten Medizin».

Der Brite ist Namensgeber der 1993 gegründeten Cochrane Collaboration. Das weltweite Netz von Wissenschaftlern und Ärzten analysiert in systematischen Übersichtsarbeiten den Stand der Forschung zu medizinischen Therapien und bewertet sie. Jährlich erscheinen mehrere Hundert solcher Reviews, insgesamt sind derzeit rund 8000 in der Cochrane Library abrufbar.

Berichte oft missverstanden

Das weltweite Netzwerk besteht aus einem Kernteam in London, dezentralen Fachgruppen und nationalen Cochrane-Zentren. Finanzielle Unterstützung durch die Pharmaindustrie ist tabu.

Die Schweiz hat seit 2010 ein eigenes Cochrane-Zentrum an der Universität Lausanne. Es besteht aus vier Personen, die dafür sorgen, dass das gesam­melte Wissen von Cochrane zugänglich ist, unter anderem mit allgemein verständlichen Zusammenfassungen auf Deutsch und Französisch. Vor allem aber unterstützt das Cochrane-Team externe Autoren beim Verfassen von Übersichtsarbeiten. «Letztlich können alle, die über das nötige Know-how verfügen, eine Cochrane-Review verfassen», sagt
Direktor Erik von Elm. In der Regel sind dies Forscher an Universitäten oder Kliniken.

Für die Reviews muss mit einer festgelegten Methodik gearbeitet werden, um Fehlschlüsse auszuschliessen. Die fertige Arbeit wird begutachtet, dann veröffentlicht und kann schliesslich kommentiert werden. Spätere Updates berücksichtigen neben neuen Daten auch Kritik.

Im Zentrum von Cochrane-Reviews stehen patientenrelevante Fragestellungen. Also, ob eine Behandlung das Überleben verlängert oder die Lebensqualität verbessert. «Indirekte Parameter wie Laborwerte sind nur bedingt aussagekräftig und werden in der Regel nur am Rand berücksichtigt», so von Elm. Dieser Fokus auf den Patientennutzen führt immer wieder zu Missverständnissen. Etwa bei Medikamenten, die noch nicht genügend lange auf dem Markt sind, um einen Effekt auf das Überleben zu zeigen. Oft kommt eine Review auch zum Schluss, dass nicht genügend Daten für die Bewertung vorhanden sind. Von Elm: «Das bedeutet nicht, dass eine Intervention wirkungslos ist.»

Felix Straumann

Artikel zum Thema

Eltern sollen gezwungen werden, ihre Kinder zu impfen

Mitte-Politiker wollen die Masern-Impfpflicht und Bussen für renitente Eltern. Die Forderung sorgt im Bundeshaus für eine gehässige Kontroverse. Mehr...

«Heute würde ich mich impfen lassen»

Neu gilt praktisch die ganze Schweiz als Zecken-Risikogebiet. Dass mit den Blutsaugern nicht zu spassen ist, zeigt die Geschichte von Beat Röthlisberger. Mehr...

Nein, Masern-Impfungen verursachen nicht Autismus

Analyse Die Masern breiten sich aus, weil sich zu viele nicht impfen lassen – wegen einer gefälschten Studie aus dem Jahr 1998. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...