Kuhmilch gerät unter Krebsverdacht

Ein Medizin-Nobelpreisträger warnt vor bislang unbekannten Krebserregern: Wo viel Milch und Rindfleisch verzehrt wird, sind die Darmkrebsraten hoch.

Nicht nur Rindfleisch, sondern auch Kuhmilch soll das Krebsrisiko erhöhen, sagt Harald zur Hausen. Foto: Keystone

Nicht nur Rindfleisch, sondern auch Kuhmilch soll das Krebsrisiko erhöhen, sagt Harald zur Hausen. Foto: Keystone

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Rindfleisch gehört schon länger zur Liste von krebserregenden Fleischarten. Vor gut drei Jahren hat sogar die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell empfohlen, beim Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch Mass zu halten. Das Risiko ist nicht übermässig gross, aber doch feststellbar.

Unklar ist, was genau die Ursache der Krebswirkung ist. Der angesehene Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen glaubt nun, im Falle von Rindfleisch dem wahren Grund auf die Schliche gekommen zu sein. Nicht nur das: Er ist überzeugt, dass auch Milch krebserregend sein kann, und empfiehlt vor allem bei Säuglingen Zurückhaltung.

Vergangenen Dienstag veranstaltete das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg eine Pressekonferenz und liess dort den ehemaligen DKFZ-Chef zur Hausen auftreten. Der 82-Jährige ist überzeugt, dass bis jetzt unbekannte Erreger in Kuhmilch und Rindfleisch das Krebsrisiko erhöhen. Sein Forschungsteam stiess in diesen Nahrungsmitteln auf sogenannte Bovine Meat and Milk Factors (BMMF), von denen die Wissenschaftler vermuten, dass sie chronische Entzündungen auslösen und so nach Jahrzehnten zu Dickdarmkrebs und möglicherweise anderen Tumorarten führen können. Eine Infektion würde im ersten Lebensjahr erfolgen, aber erst nach Jahrzehnten zu Krebs führen, so die DKFZ-Forscher.

Er hat Medizingeschichte geschrieben

Die Warnung stiess in den Medien auf grosses Echo. Doch was ist tatsächlich dran an diesen neuartigen Krebserregern von Rindern? Ernährungswissenschaftler sind jedenfalls skeptisch. Die Schlussfolgerungen von zur Hausen ständen auf recht wackligen Füssen, schreibt Sabine Rohrmann, Professorin am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) der Universität Zürich auf Anfrage. Die Theorie sei interessant, aber es fehlten Daten, die sie untermauern. «Ich finde es viel zu früh, eine Warnung auszusprechen.»

Auch David Fäh von der Berner Fachhochschule betont: «Für mich ist das höchstens eine vage Vermutung.» Es gebe plausiblere Gründe, die das Krebsrisiko von rotem und verarbeitetem Fleisch erklärten. Zudem: Verarbeitetes Fleisch wie Wurst sei stärker mit Krebs assoziiert als nicht verarbeitetes. «Ich würde erwarten, dass Erreger eher in nicht verarbeitetem Fleisch überleben», sagt David Fäh. Gegen Krebserreger aus der Milch würde sprechen, dass daraus hergestellte Produkte in Studien eigentlich mit einem tieferen Darmkrebsrisiko in Verbindung stünden.

Damit wäre die Sache eigentlich abgehakt, wäre nicht Harald zur Hausen der Absender der Krebswarnung. Seine aktuelle Forschung ist letztlich eine Fortsetzung seiner erfolgreichen Arbeiten, für die er 2008 mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt wurde. Mit dem Nachweis, dass humane Papillomaviren (HPV) Gebär­mutter­hals­krebs auslösen können, hat zur Hausen Medizingeschichte geschrieben.

Infektiöse Erbgut-Ringe im Darm nachgewiesen

Die Entdeckung führte zur Entwicklung einer Impfung, die heute in vielen Ländern, auch der Schweiz, für Mädchen empfohlen wird. Weltweit kommt es durch den zweithäufigsten Frauenkrebs zu 300000 Todesfällen jährlich, die meisten in Drittweltländern. In der Schweiz sind es rund 80.

Bereits 2008, als er die Nobelpreismedaille entgegennahm, skizzierte der Mediziner in seiner Dankesrede sein Vorhaben, neue Krebserreger im Fleisch zu identifizieren. Als er nach den Gebärmutterhalskrebsviren suchte, bezeichneten Forscherkollegen seine Ideen als abstruse Spekulationen. Heute werde hingegen mild über seine Theorie gelächelt, sagte zur Hausen 2015 bei einem Treffen mit dieser Zeitung. Nicht wenige dürften denken, dass der Virenforscher nach seinem Erfolg beim Gebärmutterhalskrebs überall Tumorviren am Werk glaubt.

Zur Hausen lässt sich von solchen Vorbehalten offensichtlich nicht beeindrucken. Er und seine Mitstreiter am DKFZ sind nun seit gut zehn Jahren daran, ihre Krebshypothese mit Daten zu unterfüttern. Ihre Ergebnisse haben sie unlängst im Fachblatt «International Journal of Cancer» zusammengetragen.

Krebsforscher fanden in der Milch neuartige Erreger, die nach Jahrzehnten zu Darmkrebs begünstigen könnten. Foto: K. Evdokimova (Plainpicture)

Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass die geografische Verteilung speziell von Darm- und Brustkrebs in Zusammenhang mit dem Konsum von Milch- und Fleischprodukten vom europäischen Rind zu stehen scheint:

  • Darmkrebsraten sind hoch in Nordamerika, Argentinien, Europa und Australien, wo viel Milch und Rindfleisch verzehrt wird.
  • In Indien sind die Darm- und Brustkrebsraten tief, ausser in Bundesstaaten, in denen Milchkühe eingeführt wurden.
  • In Bolivien und in der Mongolei sind die beiden Krebsarten ebenfalls selten, obwohl Rinderprodukte häufig verzehrt werden. Doch handelt es sich bei den Tieren um Zebus oder Kreuzungen.
  • In Japan und Korea stieg die ursprünglich sehr niedrige Darmkrebshäufigkeit parallel mit den Fleischimporten steil an.

Die Forscher hatten anfangs Viren im Verdacht. Immerhin geht nach heutigem Wissenstand etwa jede fünfte Krebserkrankung auf Viren, Bakterien oder Parasiten zurück. Neben den HPV gehören dazu auch die Hepatitisviren, die zu Leberkrebs führen können. Die Forscher analysierten zahlreiche Blutseren von Kühen sowie Milch und Milchprodukte aus Supermärkten. Dabei stiessen sie schliesslich auf die BMMF.

Ein Verzicht im Erwachsenenalter bringe nichts, da heute ohnehin alle bereits infiziert sein dürften.

Dabei handelt es sich um ringförmige, einsträngige Erbgutstücke, wie man sie sonst als sogenannte Plasmide bei Bakterien kennt. Auf diesen DNA-Fragmenten findet sich vor allem ein Gen, das für ihre eigene Vervielfältigung zuständig ist. Wie sich mit der Zeit herausstellte, bilden diese neuartigen Erbgutstrukturen in der Natur wahrscheinlich mit Eiweissen Partikel. Nachweisen konnten die Forscher bislang jedoch noch keine.

Hingegen gelang es ihnen, BMMF in menschlichem Gewebe aufzuspüren. Im Darm identifizierten die Forscher Bereiche, die von den Erregern besiedelt werden. Daraus entwickelten sie die Theorie, dass die infektiösen DNA-Ringe chronische Entzündungen verursachen und so indirekt die Entstehung von Darmkrebs Jahre später begünstigen.

Zur Hausen geht davon aus, dass die Infektion in den ersten zwölf Lebensmonaten erfolgt, wenn das Immunsystem des Kindes noch nicht vollständig in der Lage ist, die BMMF abzuwehren. Durch langes Stillen und den Verzicht auf Kuhmilchprodukte und Rindfleisch in dieser Anfangszeit könne eine allfällige Infektion verhindert werden, glauben die DKFZ-Wissenschaftler. Ein Verzicht im Erwachsenenalter bringe hingegen nichts, da heute ohnehin alle bereits infiziert sein dürften. Denkbar wäre künftig eine Schutzimpfung für Rinder oder auch für Babys, hiess es an der Pressekonferenz. Vor allem wurde aber hervorgehoben, dass Bewegung, Alkohol- und Tabakverzicht das Darmkrebsrisiko deutlich senken.

Erstellt: 04.03.2019, 06:38 Uhr

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Kein Rindfleisch für Babys?

Die Forscher um Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) raten, Kinder im ersten Lebensjahr möglichst lange zu stillen und ihnen keine Rinderprodukte zu verabreichen. Dies entspricht in weiten Teilen bereits den gängigen Empfehlungen – wenn auch aus anderen Gründen. So rät etwa die Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie davon ab, im ersten Jahr reine Kuhmilch zu verabreichen – dies vor allem wegen der zu hohen Protein- und Mineralstoffkonzentration. Kleinere Mengen Kuhmilch seien ab dem siebten Lebensmonat jedoch problemlos möglich. Möglichst langes Stillen wird ebenfalls schon lange empfohlen. «Ab etwa sechs Monaten brauchen die Babys jedoch weitere Lebensmittel, um vor allem den Eisenbedarf zu decken», sagt Sabine Rohrmann von der Universität Zürich. Dabei sei auch Fleisch wegen des Eisens für Säuglingsbreie empfohlen. (fes)

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