Wink mit der Energieetikette

Der Mensch ist träge und entscheidet mit dem Bauch. Zürcher Psychologen untersuchen deshalb, wie man ihn so lenken kann, dass er sich ökologischer verhält.

Die Energieetikette soll helfen, ökologischer einzukaufen. Foto: Esther Michel

Die Energieetikette soll helfen, ökologischer einzukaufen. Foto: Esther Michel

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Mehr Strom aus erneuerbaren Quellen, ein allmählicher Ausstieg aus der Atomkraft. Das ist auf einen kurzen Nenner gebracht die Schweizerische Energiestrategie 2050. Das Szenario ist gemäss Berechnungen des Bundesamts für Energie (BFE) durchaus realistisch. Einen Strich durch die Rechnung macht den Strategen aber immer wieder der Faktor Mensch. Trägheit, Eigeninteressen und Unwissen führen im Alltag zu Verhaltensweisen, die das Erreichen der Ziele erschweren.

Deshalb ist Energieforschung nicht mehr nur eine Domäne von Ingenieuren und Technikern. Immer mehr sind auch Sozialwissenschaftler und Psychologen gefragt. So will ein Forscherteam der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur herausfinden, wie man Menschen ohne Zwang zu umweltfreundlicherem Verhalten bewegen kann.

Die Forschenden untersuchten für das Bundesamt für Energie das Wahlverhalten bei Stromprodukten. Dabei führten sie eine Befragung unter Studierenden durch. Es standen drei verschiedene Angebote zur Auswahl: Der kostengünstigste Mix enthielt überwiegend Atomstrom, der mittlere bestand aus Strom von erneuerbaren Quellen, beim teuersten handelte es sich um Strom mit einem ökologischen Mehrwert – unter anderem speziell gewässerschonender Wasserkraft. Die rund 250 Teilnehmenden wurden in vier Gruppen eingeteilt. Drei davon waren bereits bei einem der drei Stromprodukte eingeloggt. Wollten sie wechseln, mussten sie aktiv eine andere Auswahl treffen. Eine Kontrollgruppe konnte hingegen frei wählen.

Tendenz zur Mitte

In dieser Versuchsanlage erhielt das mittlere Produkt generell am meisten Zuspruch – vor allem bei jenen, die von Anfang entsprechend eingeloggt waren, aber auch in der Kontrollgruppe. Dies könnte mit dem bekannten Phänomen der Tendenz zur Mitte zu tun haben, sagt Studienleiterin Ester Reijnen. Interessant war, dass rund 50 Prozent beim Atomstrom blieben, wenn dieser vorgegeben war, während lediglich 15 Prozent diesen frei wählten.

Diesen Effekt nutzen unterdessen etliche Stromanbieter. Vorreiterin war das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ), das bereits ab 2006 seinen Kunden ein Produkt ohne Atomstrom lieferte, wenn sie sich nicht aktiv dagegen entschieden. Der neue Standardmix bestand aus Wasserkraft und einem Anteil Windstrom. Mit dieser Regelung konnte der Absatz bei den erneuerbaren Energien markant erhöht werden. Mittlerweile haben auch diverse andere Städte wie etwa Luzern, Bern und Winterthur einen Mix aus Wasserkraft, Biomasse, Wind- und Sonnenenergie als Standard definiert.

Beim Nudging geht es um ein sanftes Anstupsen.

Die Handhabung entspricht dem sogenannten Nudging-Konzept. Es geht dabei um ein sanftes Anstupsen. Der Begriff wurde von den beiden Autoren ­Richard Thaler und Cass Sunstein geprägt, die 2008 ein Buch darüber herausgaben. Darin beschreiben sie, wie man das Verhalten der Menschen durch die Gestaltung der Situation lenken kann, ohne ihnen die Entscheidungs­freiheit zu nehmen.

Beim Beispiel der Stromprodukte geschieht dies, indem man, wie oben beschrieben, eine Voreinstellung setzt. Der Erfolg basiert auf der Trägheit der Menschen. Viele haben die Tendenz, am Status quo festzuhalten. Unternehmen bedienen sich der Nudge-Effekte seit ­jeher, um ihre Produkte besser zu verkaufen. Zum Beispiel, indem sie das ­Sortiment in den Läden verkaufs­fördernd anordnen.

Gegen den freien Willen?

Dass auch die öffentliche Hand Menschen mithilfe von sanften Stupsern zu gewünschten Verhaltensweisen bringt, stösst zuweilen auf Kritik. Es handle sich um eine Einschränkung des freien Willens, monieren liberale Ökonomen. In der Umfrage der ZHAW gaben jedoch nur sehr wenige an, sie hätten sich bevormundet gefühlt. Im Gegensatz zu teuren und oft ineffizienten Informationskampagnen könne Nudging viel bewirken, sagt Ester Reijnen. Die Betroffenen fühlen sich dabei auch weniger mani­puliert als bei der Steuerung über den Preis. Die Psychologin findet Nudging ethisch vertretbar, solange keine kommerziellen Interessen im Vordergrund stehen, sondern Ziele verfolgt werden, die dem erklärten Willen der Mehrheit entsprechen.

Eine zweite Versuchsanlage starteten die Forschenden Anfang Jahr zum Thema Energieretikette. Sie wollen he­rausfinden, wie die Kleber auf Kühlschränken und Waschmaschinen gestaltet sein müssen, damit sich möglichst viele Käufer für ein stromsparendes ­Gerät entscheiden. Ursprünglich gab es die Kategorien A bis G, wobei die besten Geräte bei A eingeteilt waren. Doch dann kamen immer effizientere Modelle auf den Markt, sodass bald alle der besten Kategorie entsprachen. Deshalb wurden die Unterteilungen A+, A++ und A+++ ­geschaffen.

Eine Untersuchung der Universität St. Gallen hatte gezeigt, dass in der Folge weniger Kunden bereit waren, für ein ­effizienteres Gerät mehr zu bezahlen. Obwohl es dasselbe ist, erscheint ein Schritt von A+ zu A++ weniger gross als von C zu B.

Zu viele Angaben

Nun soll das EU-Label überarbeitet werden. In diesen Prozess wollen sich auch die ZHAW-Forschenden einbringen. Sie haben ein Label entwickelt, bei dem sich die Länge der Balken stärker unterscheidet. Es hat sich in einem Test mit rund 300 Personen jedoch als nicht zielführend erwiesen. Im Gegenteil: Die Gestaltung führte sogar zu noch weniger umweltbewusstem Kaufverhalten. Es stellte sich heraus, dass ein Label mit diversen Angaben generell sehr schlecht ver­standen wird. Die Psychologen werden nun neue Vorschläge erarbeiten und ­testen.

«Der Mensch entscheidet zu 80 Prozent nicht bewusst.»Ester ­Reijnen

«Der Mensch entscheidet zu 80 Prozent nicht bewusst», erklärt Ester ­Reijnen. Oder laut Volksmund: mit dem Bauch. Nun gelte es, noch genauer herauszufinden, wie Menschen funktionieren. Ein Stolperstein bei der Strom­auswahl sei zum Beispiel, dass die meisten Leute keine Ahnung haben, wie viel sie monatlich für elektrische Energie ­bezahlen. Mit der Einheit Kilowattstunden können sie zudem überhaupt nichts anfangen.

«Wenn man ihnen sagt, dass sie der Wechsel zu erneuerbaren Energien monatlich nicht viel mehr als eine Tasse Kaffee kostet, wächst die Bereitschaft erheblich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2016, 17:05 Uhr

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