LSD – ein Trip für die Wissenschaft

Wie die Droge künftig in der Medizin eingesetzt werden kann – ein Selbsttest.

Rausch, Horrortrip oder alles nur Märchengeschichten? Unsere Autorin hatte vor ihrem LSD-Erlebnis gemischte Gefühle. Foto: Getty Images

Rausch, Horrortrip oder alles nur Märchengeschichten? Unsere Autorin hatte vor ihrem LSD-Erlebnis gemischte Gefühle. Foto: Getty Images

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Vor zwei Tagen noch war ich völlig im Dschum. Quatsch, das klingt viel zu harmlos, viel zu niedlich für die Wucht und Vielgestaltigkeit meiner Empfindungen. Besser, wenn vielleicht auch nicht präziser: Ich befand mich in anderen Zuständen. In einem Raum, der sich wie die Ewigkeit anfühlte, nein, ebenso falsch; nicht ich flottierte durch einen sich ins Unendliche erstreckenden Raum, sondern irgendetwas von mir, ein Fragment, für das mein vertrauter Name nicht mehr richtig zu passen schien, so wie auch der Raum verändert war, sich ausdehnte zu etwas vollkommen Ungekanntem. Ins Uferlose.

Womit ich bereits beim ersten Problem bin – wie lässt sich eine Erfahrung in Worte fassen, die jede Sprache, die mir bis dahin mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zur Verfügung stand, ausfransen lässt? Die meine Neigung, meine Wahrnehmungen zu formulieren, in gleichem Ausmass auflöst wie meine übliche Wahrnehmung von mir, meinem Körper, meinem Ich?

Problem Nummer zwei: Angenommen, diese Erfahrung entzieht sich nicht dem Darstellbaren – dann bleibt trotzdem die Frage: Wie viel von dieser Erfahrung, für die mir selbst der Begriff «Intensität» flach und unzulänglich erscheint, will ich preisgeben? Andererseits, wer bin ich schon, dass ich mich schämen müsste, wenn mein Ich mir derart schamlos und ungestüm tief greifende Innenansichten zugesteht? Ist der Impuls, diese schildern zu wollen, Zeichen für ein grosses oder gerade für ein kleines Ego? (Und weshalb hoffe ich, dass es sich mit meinem Ego so verhält wie mit Michael Endes Riesen «Herrn Tur Tur», der seine Riesenhaftigkeit verliert, je näher er kommt?) Aber was macht mein Ich überhaupt aus? Mein Bewusstsein? Und woran liegt es – vielleicht hauptsächlich an meinem sich irgendwie sperrenden, zu grossen oder zu kleinen Ego –, dass ich nun, am Ende dieses siebenmonatigen Experiments, so ungeheuer erleichtert bin, dass der Spuk vorbei ist? Ich wusste ja nicht, welche gewaltige Welle auf mich zurollen würde, sonst hätte ich mich nie getraut. Daneben bin ich dankbar – dafür, dass ich es durchgezogen habe, obwohl ich zwischendrin mehrmals abbrechen wollte. Was aber trieb mich dazu, die Reise fortzusetzen: freiwillig wieder und wieder die Kontrolle über mein Denken und Fühlen abzugeben (an wen auch immer)? Meine bewährte Welt in Scherben fallen zu sehen? Und wo, an welchem Punkt, geraten eigentlich Freuds berühmte Begriffe vom Ich, Über-Ich, Es hinein?

So viele Fragen und keine herkömmlich klaren Antworten – aber könnte es sich nicht exakt darum drehen: Fragen zu stellen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt? Vielmehr darum, sich an alle möglichen Antworten heranzutasten, willens, nicht bei Teilantworten stehen zu bleiben? Dagegen ein für allemal zu begreifen, dass alles im Fluss ist, in einer steten Veränderung, und dennoch weiterbesteht, als Elementarteilchen? Zu akzeptieren, dass nichts auf der Welt, kein Baum, kein Strauch, kein Käfer, seelenlos ist, nein, durch und durch beseelt, auch wenn mein Wachbewusstsein es mir nicht gestattet, das Wesen der Dinge wahrzunehmen?

Das Orakel von Delphi

Ich ahne, wie spinnert das alles klingt. Glaube dennoch, dass der Versuch wichtig ist, mit meinen journalistischen Mitteln nachzuvollziehen, worum sich die jüngste Forschung mit bewusstseinserweiternden Drogen auf ihre Weise bemüht: dem Ungreifbaren eine Form zu geben. Und eines wenigstens ist mir von Anfang an sonnenklar, bei aller Dürftigkeit von Worten: Auf das Wörtchen «Ich» werde ich nicht verzichten können. Ohne geht es einfach nicht, im Gegenteil, es geht allein darum. Wenn stimmt, dass LSD es möglich macht, sich aus den aussergewöhnlichsten Gesichtswinkeln zu betrachten, in vielen (Zerr-)Spiegeln, muss es auf eine «Selbstbespiegelung» hinauslaufen, jeder einzelne Trip und jedes nachträgliche Deuten dessen. Denn die Natur der Droge liegt eben gerade darin, einen in sein Zentrum gleiten zu lassen, sogar dann noch, wenn sie das Ich hat verschwinden lassen. Es wird sein, als würfe man einen Stein in einen inneren See, wo sich Ringe um ihn bilden. Ringe, Ringe, immer neue Ringe, Hunderte, Tausende.

Kein Zufall, dass schon die Griechen in der Antike regelmässig psychoaktive Substanzen zur Selbsterkenntnis genutzt haben. «Erkenne dich selbst», sagt das Orakel von Delphi – wusste es womöglich um die Wirkung von Entheogenen (auch der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet «das Göttliche im Innern hervorbringend»)? Oder formuliert das Orakel einen Anspruch, der von niemandem je absolut eingelöst werden kann? Gar nicht eingelöst werden will? Schliesslich: Wie viel und was in meinem Leben hatte ich bisher vergessen – vergessen wollen –, vielleicht ja aus gutem Grund? (Neulich blätterte ich in einem «Jahrbuch 1981» und stellte perplex fest, was mir alles entfallen war: etwa das Attentat auf Papst Johannes Paul II. in jenem Jahr wie das auf Ronald Reagan oder die Freilassung der US-Botschaftsangehörigen nach 444 Tagen iranischer Geiselhaft. Wenn ich mich nicht mal mehr an die weltbewegenden Ereignisse hatte erinnern können, wie verschüttet wären erst jene, die mich persönlich betroffen hatten?) Wird das Halluzinogen LSD nicht deshalb in der posttraumatischen Behandlung erprobt: weil es Verdrängtes an die Oberfläche des Bewusstseins spült? Es dem Bewusstsein alle alten Schleichwege abschneidet?

***

Stopp, der Reihe nach. Halte ich mich am besten an die reine Chronologie der Ereignisse – ungeachtet meines jetzigen Wissens, dass die kontinuierliche Abfolge der Zeit das Erste sein würde, was über die Leitplanken meines Bewusstseins flöge. Geschenkt.

Letztes Jahr also las ich in der «Financial Times» einen Artikel über den kalifornischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan, dessen Buch «How to Change Your Mind»* gerade veröffentlicht worden war. Darin erzählte Pollan von der Renaissance der Forschung mit Psychedelika, vor allem mit LSD und Psilocybin (bekannt als «Magic Mushroom» oder «Zauberpilz»), insbesondere in den USA und England. Auch davon, dass er – kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag – einige wenige Selbstversuche unternommen hatte, um zu verstehen, was unter dem Einfluss von Halluzinogenen passiert. Er hatte den Stoff im Geheimen nehmen müssen, geleitet von Menschen, die sich als Schamanen, Psychonauten, als Reiseführer der ausserordentlichen Art bezeichneten, da LSD seit 1966 in den Vereinigten Staaten verboten ist.

Die damalige US-Regierung hatte LSD als Teufelszeug verurteilt, als Droge der übelsten Sorte, die eine komplette Generation rebellisch gemacht habe – Präsident Richard Nixon erklärte Timothy Leary, den LSD-Guru der Hippies, zum gefährlichsten Mann Amerikas, nachdem der nicht müde geworden war, die Parole «Turn on, tune in, drop out» laut herauszuschreien.

Manche Wissenschaftler hatten sich damals tatsächlich in Verkünder einer neuen Lehre verwandelt. Leary hatte als Psychologieprofessor 1960 das «Harvard Psilocybin Project» ins Leben gerufen. Und verirrte sich später in seiner Begeisterung für psychedelische Drogen, indem er anstatt Opium fürs Volk LSD an gesamte Landesbevölkerungen verteilen wollte, um, wie er meinte, die Welt zu einem besseren, friedlicheren Ort zu machen. Daher landete er nicht nur ausserhalb jeglicher universitären Ordnung, sondern sogar im Knast. (Seine Geschichte lässt sich neuerdings, stark fiktionalisiert, im Roman «Licht» von T. C. Boyle nachlesen, der Leary aber sehr schlecht wegkommen lässt.)

Auch historisch gesehen, irritierte LSD dadurch, eine Gleichzeitigkeit widerstrebender Tendenzen mit seiner eigenen Logik zu versehen: Während die Flower-Power-Bewegung LSD noch als himmlische Kraftquelle pries, als Mittel zur Erleuchtung, testete der (kürzlich verstorbene) Psychiater James S. Ketchum es im Auftrag der Army-Spitze als chemischen Kampfstoff – LSD sollte in Form einer «Cloud of Confusion», als Wolke der Verwirrung, die militärischen Feinde der USA kriegsunfähig machen. Die CIA ersann zudem den Plan, LSD dem Trinkwasser beizumischen wie auch Fidel Castros Zigarren, damit Systeme beziehungsweise Hirne Kabolz schlügen.

Der «Summer of Love» zählt zu den amerikanischen Legenden, aber welches schwere Vermächtnis er noch fünfzig Jahre später birgt, besonders für die Forschung, das lese ich erst bei Pollan: All die über Generationen überlieferten Mythen – von freier Liebe, Trips voller Paranoia samt reihenweise Suiziden in überbordender Hochstimmung – setzten mehreren Jahrzehnten erfolgreicher Forschungsarbeit ein jähes Ende.

Bis 1965 hatte man mehr als eintausend, oft sehr vielversprechende Studien zur Wirksamkeit von LSD als Medikament durchgeführt, zum Beispiel gegen Alkoholismus, Nikotinsucht und Zwangsneurosen. Danach, fast vierzig Jahre lang: nichts. Jeder Wissenschaftler, der nicht als unseriös abgestempelt werden wollte, liess die Finger davon. Die Politik hatte den Leuten einzuhämmern vermocht, dass LSD das Böse schlechthin aus einem Menschen heraushole. Und damit verhindert, dass sich noch irgendein Akademiker daranmachte, den rationalen Gegenbeweis anzutreten.

Verdrängte Kindheitstraumata

Nach der Lektüre des «FT»-Artikels beherrschten mich zwei Gedanken: Zum einen wollte ich es Pollan unbedingt nachmachen – das am eigenen Leib erleben, von der Entrücktheit kosten, wenn irgend möglich aber «unter kontrollierten Bedingungen». Zum anderen hielt ich die Beschwörungen des Dämons LSD für nichts als geschickte Regierungspropaganda, für die politisch gezielt gestreute Legitimation, es als harte illegale Droge deklarieren zu können.

Ich kannte durchaus die Fotos vom kollektiven Abtauchen der Achtundsechziger, auch deren künstlerische Auswüchse, Schlachtlieder wie John Lennons «Lucy In the Sky With Diamonds» oder Carlos Santanas Woodstock-Song «Bad Trip». Oder Victor Vasarelys regenbogenbunte, verschlungene Op Art, Robert Crumbs Comics aus dieser Zeit und die rauschhaften Romane von Hunter S. Thompson, William Burroughs und Richard Brautigan, die aus einem einzigen Assoziationsgewitter hervorgegangen zu sein scheinen.



Psychoanalytiker begannen damals LSD einzusetzen, um Patienten ihre Geburt ein zweites Mal durchleben zu lassen.

Was ich bis dahin nicht wusste – wer schon alles auf einen Trip gegangen war und zu welch unterschiedlichen Zwecken. Steve Jobs, der sich über seinen Konkurrenten Bill Gates lustig machte, weil der nicht wie er daraus bahnbrechende Erkenntnisse für seine individuelle wie für die Entwicklung der digitalen Welt geschöpft habe. Im Internet zirkuliert sogar die Behauptung, für Francis Crick, der 1962 mit James Watson und Maurice Wilkins den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung der DNA-Struktur erhielt, habe die Doppelhelix nur mittels LSD Gestalt angenommen.

Psychoanalytiker wie Stanislav Grof begannen damals, LSD einzusetzen, um verdrängte Kindheitstraumata ihrer Patienten aufzuspüren und sie ihre Geburt ein zweites Mal durchleben zu lassen. Von Grof stammt der Satz: «Was das Mikroskop für die Biologie ist oder das Teleskop für die Astronomie, das ist LSD für die Bewusstseinsforschung.»

Worauf Leute wie Anaïs Nin, Jack Nicholson, Stanley Kubrick Trips schmissen, in der Hoffnung, es werde sie persönlich bereichern. Und Cary Grant, den ich aus seinen Filmen als gutmütigen Trottel kannte, sagte 1959 öffentlich, er verdanke LSD ein neues Leben: Nach mehr als sechzig Trips fühle er sich «wiedergeboren».

Grant hatte sich der in den Fünfzigerjahren populär werdenden LSD-Behandlung unterzogen; in Beverly Hills galt es geradezu als chic, seine Neurosen oder anderen seelischen Nöte auf diese Weise aufzusprengen. «Die ganze Traurigkeit und Eitelkeit war wie weggeblasen», sagte der damals 55-jährige Schauspieler in einem Interview, «mein Ich wurde abgestreift. Ohne Ich ist man ein besserer Schauspieler, weil man Wahrheit in sich trägt.» Nach dem Interview meldeten sich bei Grants Psychiater etliche seiner Kollegen, deren Patienten um das vermeintliche Wunderelixier bettelten.

Die Schweiz als Standort

Als ich anfange, mich eingehend mit der Theorie zu LSD zu beschäftigen, erfahre ich, warum man heute von einer «Renaissance» in der Wissenschaft spricht. Und gelange schnell an die hiesigen Experten; die Tatsache, dass der Basler Sandoz-Chemiker Albert Hofmann 1938 Lysergsäurediethylamid aus dem Getreidepilz des Mutterkorns synthetisierte, hat die Schweiz zu einem herausragenden Forschungsstandort gemacht.

Entdeckte LSD 1938 per Zufall: Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann. Foto: Keystone

Fünf Jahre nach seiner Entdeckung gab Hofmann dem Impuls nach, es könnte dahinter mehr als ein Kreislaufstimulans für Gebärende stecken, und stellte es abermals im Labor her. Dabei muss wohl etwas LSD an seinen Fingerspitzen kleben geblieben sein, wie er in seinem Buch «LSD – mein Sorgenkind» vermutete. Es drang über die Haut ein, wonach er «ungewöhnliche Empfindungen» an sich bemerkte. Im selben Jahr, am 19. April 1943, wagte der 37-Jährige daher einen Selbstversuch, mit 250 Mikrogramm LSD. Dieser Tag wurde als «Bicycle Day» berühmt, weil Hofmann unter dem halluzinatorischen Einfluss wankend nach Hause geradelt war (wo er seinen Trip drei Tage darauf gewissenhaft dokumentierte).

Empathie durch LSD

Einer, den die hochpotente Wirkung des LSD ebenso nachhaltig beeindruckt hat, ist Peter Gasser, ein anderer Pionier der LSD-Forschung. Der Solothurner Psychiater und Psychotherapeut mochte nach einzelnen, für den compassionate use bewilligten Anwendungen bei Patienten und seinem persönlichen Trip Ende der Achtzigerjahre nicht davon lassen – für ihn barg der Stoff ein enormes Potenzial als Katalysator für Psychotherapien. Schon weil er selbst erlebte, dass «Emotionen etwas Körperlich-Sinnlich-Wahrnehmbares» seien: LSD habe ihm Empathie für seine Patienten beigebracht.

Umso mehr missfiel ihm, dass der amerikanische «War on Drugs» LSD zum Hauptfeind erklärt hatte, sagt der 59-Jährige: «Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, indem man vor fast fünfzig Jahren LSD als Medikament verbot, ohne hinreichende Begründung.»

Darum ist er froh, dass das Bundesamt für Gesundheit und Swissmedic ihm, wenn auch nach einem aufwendigen Verfahren, 2017 eine Vierjahresstudie in Zusammenarbeit mit dem Unispital Basel genehmigt haben (nach einer kleinen klinischen Studie 2008): Seitdem darf er Angstpatienten über zwei Halbjahre hinweg, nach vielen Vorgesprächen, LSD geben. Während der zwölfstündigen Trips in seiner Praxis betreut er sie. Anschliessend wertet er die Erfahrung mit seinen Patienten aus – diese wird «integriert», wie er es nennt, nutzbar gemacht fürs alltägliche Leben. In diesen Integrationen, die viele persönliche Interpretationen beinhalten, zeichnet er sich als sehr guter Arzt aus, als einer, der die feine Balance zwischen Zumutung und Schutz für seine Patienten zu halten vermag.

Gassers Studienpatienten fallen in zwei Untergruppen. Die einen leiden unter «psychischen Angsterkrankungen», die anderen sind lebensbedrohlich erkrankt und sollen sich mithilfe von LSD einen leichteren Umgang mit ihrer Angst vor dem nahen Tod aneignen. Endgültige Resultate werden zwar erst gegen 2022 vorliegen, aber die bisherigen Ergebnisse lassen das Weiterforschen lohnend erscheinen. Ein Patient etwa starb im Frieden mit sich und seiner Krankheit, nachdem er die LSD-typische Ichlosigkeit erfahren hatte.

Eine Erfahrung, die man nie mehr vergessen wird: Albert Hofmann im Film «The Substance». Video: Youtube

Die «Selbsttranszendenz», die durch LSD fühlbar wird – das Loslassen des eigenen Egos und die Verwandlung seiner selbst in eine andere Daseinsform –, kann einem die Angst vor dem Verfall des Körpers nehmen. Die Formen aber, wie das vonstattengeht, können sehr unterschiedlich aussehen, erzählt Peter Gasser: Ein Patient mit Parkinson hatte eine Konfrontation mit seiner Krankheit erwartet – und begegnete auf dem Trip stattdessen seinem vor Jahrzehnten verstorbenen Vater. Der schien ihm aus einer anderen Sphäre stumm zuzuwinken, was der Sohn im Nachhinein für sich als eine Art väterlichen Willkommensgruss im Reich der Toten auslegte.

LSD sei ein fantastisches Medikament, praktisch ohne körperliche Nebenwirkungen, sagt Gasser, und ohne die Gefahr, physisch oder psychisch abhängig zu machen. In seine Stimme schleicht sich der Ton eines Fans. Aber er verliert sich, wieder ganz Wissenschaftler, nicht im Schwärmen: Verharmlosen dürfe man das Risiko, dass LSD eine schwere Psychose, ähnlich der Schizophrenie, auslösen könne, keinesfalls. Obschon, schränkt er ein, Menschen mit dieser Veranlagung nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen. Sonst würden von den schätzungsweise zehntausend Schweizern, die sich jeden Monat auf Partys und in Klubs Blotter-Papierchen auf der Zunge zergehen lassen, weitaus mehr gesundheitliche Schäden davontragen. Und einen «Flashback» habe nur eine Patientin von ihm gehabt, in der Woche nach ihrem Trip, im Schwimmbad: Noch einmal sah sie die Wände sich ihr entgegenneigen, als sie ihre Bahnen schwamm.

Und doch sind die Erzählungen von Flashbacks, Horrortrips, schwerer anhaltender Paranoia bis heute ungemein mächtig. Kein Wunder, dass Gasser den Pharmakologen Matthias Liechti, der seit 2013 ebenfalls mit LSD forscht, als «mutig» bezeichnet.

Gleich zu Beginn unseres Gesprächs im Universitätsspital Basel erzählt mir Professor Liechti, dass sein Team deshalb rund drei Jahre Medienanfragen zu seiner Forschung abgelehnt habe, um nicht die Pferde scheu zu machen. «Das Thema ist so besetzt, trotz der wissenschaftlichen Tradition bei uns in der Schweiz, dass wir unsere Forschung nicht gefährden wollten, bevor wir in Fachzeitschriften gute Resultate präsentieren konnten. Wir wollten im Schatten des Scheinwerferlichts in Ruhe arbeiten können.»

Er gibt mir einen kurzen Abriss über den Forschungsstand: Am längsten in der Schweiz experimentiert der Psychiater Franz X. Vollenweider am Zürcher Burghölzli mit Psychedelika. In England arbeitet nach zwanzig Jahren Stillstand eine Gruppe um den Psychopharmakologen David Nutt daran, mit bildgebenden Verfahren die Regionen im Gehirn zu identifizieren, die bei Ich-Auflösung und Halluzinationen aktiviert sind.

Auch die Forschungsgruppe um Matthias Liechti hat Probanden auf dem Hoch des Trips in die MRT-Röhre geschoben; in mehreren Studien werden zudem gesunde Probanden ausführlich zu ihrer LSD-Erfahrung befragt. Weltweit laufen zurzeit aber vor allem Versuche mit der LSD-ähnlichen Substanz Psilocybin, sagt Liechti, da deren Ruf weniger belastet sei und Untersuchungen dadurch einfacher bewilligt und finanziert würden. Die Effekte beider Substanzen seien, soviel man bisher wisse, vergleichbar, nur wirke Psilocybin an die sechs, LSD bis zu sechzehn Stunden. Beide Stoffe heften sich an den Serotonin-5-HT2A-Rezeptor im Gehirn und lösen dadurch die starken Bewusstseinsveränderungen aus.

Er sei durch und durch Pharmakologe, kein Psychologe, betont der 49-Jährige: Er verkläre LSD nicht als Wundermedikament, sondern wolle nüchtern prüfen, welche Dosis welche Wirkung erzeuge. Insofern könne er sich nicht vorstellen, dass die Verzückung im Silicon Valley, wo das Microdosing momentan sehr en vogue ist, durch mehr als einen Placeboeffekt zustande komme – aus pharmakologischer Sicht könnten derartige Mikrodosierungen eigentlich kaum etwas ausrichten. Zumal LSD in hohen Dosen die Konzentrationsfähigkeit deutlich herabsetze, warum sollte es in winzigen Mengen diese dann erhöhen? Selbstverständlich aber warte er die Ergebnisse der Kollegen zum Microdosing ab – ob die Technerds in Kalifornien ihre angekurbelte Fantasie nicht doch zu Recht auf die LSD-Kleinstdosierungen schöben.

Überall auf der Welt fällt LSD, seit dem Vorangehen der USA, unters Betäubungsmittelgesetz, sagt Liechti, dabei sei es eigentlich kein Betäubungsmittel. Ein wenig schimpft er danach auf die Bürokratie, weil der klinische Forschungsaufwand dadurch so hoch sei und jede Studie bis zu einem Jahr von einer Ethikkommision, von Swissmedic und dem BAG unter die Lupe genommen werden muss. Unterm Strich schätzt er sich aber glücklich, LSD als Medikament unter anderem mit staatlichen Geldern zu ergründen.

Therapeutische Halluzinogene

Es sei aber auch an der Zeit, dem «anekdotisch gefütterten Negativimage» von LSD endlich wieder wissenschaftliche Sachlichkeit entgegenzusetzen. Schliesslich zeichne sich schon jetzt ab, wie gross die therapeutische Bandbreite von Halluzinogenen sei. Gegen die Volkskrankheit Depression zum Beispiel wurden sie mit sehr gutem Ergebnis getestet; eine einmalige Gabe Psilocybin führte zu einer starken Gemütsaufhellung, die bis zu einem halben Jahr anhielt.

Die Vorzüge von LSD: Eine körperlich schädliche Überdosierung ist quasi ausgeschlossen.

Sowieso muss man kein Verehrer von Psychedelika sein, um sich vor Augen zu halten, dass sich an den Rezepturen der millionenfach verschriebenen Antidepressiva seit den Fünfzigerjahren nichts grundlegend geändert hat – genauso wenig an deren oft schweren Nebenwirkungen. Aber die Pharmakonzerne verdienen sich nun mal an diesen Medikamenten eine gol-dene Nase, wogegen das Patent von LSD längst abgelaufen ist. Und die Zulassung eines Arzneimittels kostet im Schnitt eine Milliarde – wozu die ausgeben, wenn es für die Konzerne kein Geschäft verheisst. (2016 legte der Zürcher Psychopathologe Michael P. Hengartner eine Arbeit vor, in der er «systematische Verzerrungen in der Fachliteratur» aufzeigte: Die publizierten Daten zu Antidepressiva würden einen Behandlungserfolg suggerieren, während sie die ebenfalls häufig zu beobachtende Unwirksamkeit verschweigen. Der dänische Medizinforscher Peter C. Gøtzsche fährt noch härtere Geschütze gegen Psychiatrie und Pharmaindustrie auf: Er wirft ihnen in seinem 2016 veröffentlichten Buch «Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen» Profitgier und Bestechlichkeit vor – ein geradezu kriminelles Vorgehen; sie würden gemeinsam die Gesundheit der Patienten vorsätzlich aufs Spiel setzen.)

Matthias Liechti, lieber Forscher als Aktivist, zählt mir in neutralem Ton die Vorzüge von LSD auf: Eine körperlich schädliche Überdosierung sei quasi ausgeschlossen. Die akuten Nebenwirkungen seien sehr gering. Blutdruck, Puls und Körpertemperatur stiegen leicht; Kopfschmerzen und Übelkeit könnten auftreten. Man sei weiterhin zu den meisten Handlungen in der Lage, und nicht mal ein Kater folge dem Trip. Die psychische Wirkung aber sei potenziell sehr stark und könne auch unangenehm werden.

Aber wie ist es denn nun, will ich von ihm wissen, was ist dran an der grossartigen mystischen Erfahrung? An der Erhabenheit des Rausches? Er beschreibe die Wirkung von LSD gern so: Wie bei einem Betriebsausflug, auf dem die Mitarbeiter verschiedener Abteilungen miteinander ins Reden kommen, sorgt das LSD dafür, dass sonst funktionell separierte Hirnareale vermehrt kommunizieren. Durch «temporär erhöhte funktionelle Verbindungen sonst getrennter neuronaler Netze» stellen sich zum Beispiel «synästhetische Empfindungen» ein, erklärt Liechti, etwa dass man Geräusche sehen kann, und vielleicht ein Gefühl von «Einssein mit dem Kosmos».

«Stellen Sie sich das wie ein Reset beim Computer vor, der sich aufgehängt hat – der wird nach einem Trip neu hochgefahren!» Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Aber wie anders kann ich herausfinden, was es damit auf sich hat, als es selbst zu wagen?

Plötzlich Probandin

Auf einmal wittere ich im Gespräch die Chance, irgendwann nicht mehr wie die Blinde von der Farbe reden zu müssen – und gestehe Matthias Liechti, wie gern ich einen Selbstversuch machen möchte. Lapidar erwidert der: «Kein Problem, Sie können an unserer laufenden Studie mit gesunden Probandinnen und Probanden teilnehmen.»

Ich schlucke; als ich dennoch nicke, scheint wiederum er überrascht – oh, wendet er ein, das sei aber «heavy». Ich müsse mich sechsmal für jeweils 26 Stunden am Stück im Studienzentrum aufhalten, mir würden fünf verschiedene Dosierungen verabreicht – 25, 50, 100 und 200 Mikrogramm LSD sowie eine weitere 200-Mikrogramm-Dosis bei gleichzeitiger Gabe von Ketanserin, einem den Effekt von LSD hemmenden Medikament, und einmal ein Placebo. Zudem sei die Reihenfolge der Gaben zufällig und doppelt verblindet.

Bislang haben mir legale Mittel zur Bewusstseinserweiterung genügt: gute Literatur, gute Gespräche.

Bevor ich Angst vor meiner eigenen Courage bekomme, bitte ich ihn, mich auf die Probandenliste setzen zu lassen. Ja, verabschiedet er mich, dann werde sich seine Mitarbeiterin wegen der Details demnächst bei mir melden. Kaum zu Hause bekomme ich kalte Füsse. Zu meiner Beruhigung krame ich eine Packung Kopfschmerztabletten hervor und sehe, dass schon eine Tablette 400 Milligramm Ibuprofen enthält: Ein Mikrogramm ist ja gerade mal ein tausendstel Milligramm, verglichen damit ist so ein Trip ja gar nichts! Dennoch kann ich nicht umhin, Professor Liechti eine E-Mail zu schreiben: Natürlich hätte ich keine kalten Füsse bekommen, und doch wolle ich noch mal nachhaken, was er denn mit «heavy» gemeint habe. In seiner Antwortmail beruft er sich auf den beachtlichen Zeitaufwand, den eine Studienteilnahme bedeute – dazu komme neben den sechs Studientagen in Basel auch noch das Aufnahmegespräch mit einem Psychiater, ein Austrittsgespräch mit diesem, und zwischen den einzelnen Studientagen müssten mindestens zehn Tage Abstand liegen. Aber jedem Probanden stehe es frei abzubrechen, jederzeit und ohne Begründung.

Wer A sagt, muss auch B sagen. Oder nicht? Eigentlich sieht mir das gar nicht ähnlich, ich fühlte mich zu Drogen nie hingezogen. Ich habe zu jener Generation Pubertierender gehört, der «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo», das Schicksal von Christiane F., in Buch und Film leinwandgross in die Knochen gefahren ist. Die toten Augen von Junkies rufen bis heute eine diffuse Furcht in mir wach. Aber neugierig bin ich, am neugierigsten auf andere Menschen, am allerneugierigsten auf das, was das Menschsein ausmachen kann. Doch bislang haben mir die legalen Mittel zur Bewusstseinserweiterung vollkommen genügt: gute Literatur, gute Gespräche, gute Freundschaften. Und abgesehen von ein paar überschaubaren Versuchen mit härteren Drogen in meiner frühen Erwachsenenzeit hat es die kleinmütige Aufpasserin in mir immer dringlich vermieden, mich dem ausschweifenden Kontrollverlust hinzugeben. Noch in der Entgleisung hatte ich mich kein einziges Mal vom Steuerknüppel wegbewegt, wohlweislich in Kauf nehmend, dass ich so wahrscheinlich niemals das Firmament berühren würde. Weshalb sollte meine Neugier nun plötzlich statt kunstvoller Trigger einen künstlichen brauchen?

Lauter Rätsel

Jeder ist sich selbst am nächsten, lautet eine der Grundprämissen im Kapitalismus. Von wegen. Häufiger, im buchstäblichen Sinne, ist doch die Gegenbehauptung der (mitunter schmerzliche) Fall: Wann, unter normalen Umständen, ist man sich selbst schon richtig nah?

Meine mehr als fünfzig Jahre auf Erden haben mich eins gelehrt – die Welt ist voller Rätsel, und es kann ein grosses Vergnügen sein, sich auf die Fährte von dem ein oder anderen zu setzen. Das grösste Rätsel allerdings bleibt man meistens sich selbst, auch wenn man sich und andere vielleicht ein Leben lang glauben machen kann, sich zu kennen. Alles, was ich über mich weiss, weiss ich letztlich aus Begegnungen. Bisher haben mir im We sentlichen andere gesagt, wer ich bin. Jetzt könnte ich die einzigartige Gelegenheit ergreifen, mir ohne jeden anderen zu begegnen, mich ansehen, als wüsste ich von nichts. Ganz neu. Ohne die gängigen moralischen Massstäbe im Hinterkopf.

Aber auch ich spüre das Gewicht der drei Buchstaben, bin befrachtet von der Geschichte und den Geschichten über LSD. Ich fange an, mich im Bekanntenkreis umzuhören, und merke einmal mehr, wie blauäugig ich an die Sache herangehe. Da sind einige, die einen Trip geschmissen haben, von denen ich es nie vermutet hätte: Eine sah währenddessen, auf eine Alpwiese gebettet, die Sterne auf sich herunterregnen. Eine tanzte entfesselt über viele lustvolle Stunden. Eine überkam, durch eine gewöhnliche Schweizer Landschaft spazierend, ein kaltes Grausen: in einer entfremdeten, zerstörten Plastikwelt zu leben. Einer – der inzwischen ein therapeutisch bewilligter Sonderfall in der Praxis von Peter Gasser ist – nimmt bei Bedarf jeweils Mikrodosen und hat so seinen jahrelangen Cluster-Kopfschmerz bezwungen. Einer genoss Blotter mit einem Kumpel, und über Stunden kugelten sich beide vor Lachen. Eine suhlte sich wollüstig im Schlamm. Und ein Freund erlebte zweimal eine Ekstase, die – und an dieser Stelle seines Erlebnisberichts schaut er mich freundschaftlich-besorgt an – seine «Glücksskala» für alle Zukunft verschoben habe. Sein leiser Hinweis vor meinem Reiseantritt: Wenn er es eines Tages bereuen sollte, LSD probiert zu haben, dann höchstens insofern, als die Absolutheit seiner LSD-Glückseligkeit alle anderen Glücksmomente aus dem hellsten Licht rücke und sie für immer in einer etwas schattigeren Ecke seines Gedächtnisspeichers verwahre.

Sterile Spitalatmosphäre

Dann gibt es eh zu tun; ich fahre nach Basel, damit der Psychiater der Studie nach unserem Gespräch und einer medizinischen Untersuchung bestätigt, dass ich teilnehmen darf: Niemand in meiner Familie ist an einer Psychose erkrankt, damit bin ich nicht erblich vorbelastet. Dafür bin ich die älteste Probandin, die anderen fünfzehn rekrutieren sich aus dem universitären Umfeld – wohl weil kaum einer, der nicht mehr studiert, sich so viele Arbeitstage ohne weiteres frei halten kann. Die Geschlechterverteilung ist halbe-halbe. Ich werde unter den Letzten sein, die das Wagnis eingehen. Die meisten haben ihre Versuchsreihe schon hinter sich, ein, zwei Probanden sind nach dem ersten oder zweiten Studientag ausgestiegen. Die Spitalatmosphäre behagte ihnen nicht für solch ein Erlebnis.

Das leuchtet mir sofort ein, als ich das Zimmer sehe: Steriler kann es nicht aussehen. Ein höhenverstellbares Krankenhausbett in der Mitte, daneben ein medizinischer «Baum» mit Infusionsflasche, damit einem für den Trip eine Kanüle gelegt werden kann – jede halbe Stunde wird die Konzentration im Blut gemessen werden. Ein Kasten mit hervorquellenden Spritzen, Nadeln, Tupfern, ein Büroschreibtisch, eine Waage, Messlatte, Uhr an der Wand. Ein Lavabo (ohne Spiegel, vielleicht weil viele erzählt haben, dass sie während des Trips ihr Spiegelbild schlecht ertragen hätten). Vorm Fenster ein recht dürrer Baum und eine Baustelle.

Die Diskrepanz zwischen der Nüchternheit des Raumes und der Grenzüberschreitung, die mich erwartet, lässt mich grinsen. Und dann ist das Studienzentrum auch noch ausgerechnet in der Schanzenstrasse untergebracht! Muss ein Zeichen von ganz oben sein, dass hier meine persönliche Startrampe ins All steht. Unten im Parterre aber bremst mich das Schild zur «psychiatrischen Notaufnahme» sogleich wieder aus. Flüchten dorthin nicht auch diejenigen, die auf einem Trip hängen geblieben sind?

Vor jedem Studientag ab Mitternacht keinen Alkohol, keinen Kaffee, schwarzen Tee, keine Schokolade.

Die vielen Formulare, die ich für die Studienteilnahme unterschreiben muss, tragen ebenfalls nicht zu meiner Entkrampfung bei. Andererseits, muss man nicht schon vor jeder kleinen OP einen Haftungsausschluss des Spitals unterschreiben? Und Liechti wie Gasser hatten mir doch versichert, dass ich keinen Schaden davontragen werde – ernstlich müsse ich nicht bangen, dass mich in meinem fortgeschrittenen Alter noch eine Psychose heimsuchen könnte. Die meisten erkranken daran im Alter zwischen zwanzig und dreissig Jahren, allerdings nicht selten ausgelöst durch Marihuana oder andere Drogen.

Auch muss ich unterschreiben, dass ich mich verpflichte, vor jedem Studientag ab Mitternacht keinen Alkohol, keinen Kaffee, schwarzen Tee, keine Schokolade zu mir zu nehmen, mit leerem Magen zu kommen, weil mein Trip standardisiert, mit ein oder zwei Gipfeli im Bauch, anlaufen soll. Nur mit dem Verzicht auf Schokolade tue ich mich schwer – eine Freundin, Journalistin wie ich, traf den LSD-Vater Albert Hofmann zu seinem hundertsten Geburtstag und befragte ihn zu schlechten Trips. Lächelnd habe er ihre Frage pariert, erzählte sie mir, und ihr gesagt, man müsse vorher lediglich eine Tafel Schokolade essen, dann sei alles in Butter. (Von dieser Empfehlung Hofmanns hat Liechti nie gehört. Doch wird nicht überall geschrieben, dass ein hoher Kakaoanteil in der Schoggi zu einer Serotoninausschüttung führe und glücklich mache?)

Na ja, immerhin sind das die kontrollierten Bedingungen, die ich mir ausgemalt hatte. Und während der zwölf Stunden, die ich in etwa auf dem LSD-Hochplateau schweben werde, wird unentwegt eine Betreuerin im Raum sein. Ausserdem wird vom frühen Abend bis zum nächsten Morgen eine Nachtwache aufpassen, dass ich sicher wieder in meinem Alltagsbewusstsein lande. Sollte dennoch etwas kolossal schiefzugehen drohen, wird mir eine Ärztin ein Benzodiazepin verabreichen, und jede Panik wird innerhalb von Minuten schwinden. Bei der laufenden Studie sei nur ein einziger «schlecht drauf gekommen» und wehrte in einem Anflug von Verfolgungswahn die Betreuerin ab, weil die ihm das «Gift» eingeflösst habe. Der Proband sagte aber später, er habe von den Erfahrungen unter LSD alles in allem profitiert – an seinem letzten Studientag war er überzeugt, es handle sich um den Placebo-Tag. Wider Erwarten habe er dann die höchste von allen Dosierungen erhalten, wohl deswegen habe es ihn eiskalt erwischt.

Doppelverblindet

Eben das scheint mir das Reizvollste an der Versuchsanordnung: dass die Studie doppelverblindet ist. Weder die medizinische Leitung noch ich als Probandin werden wissen, in welcher Reihenfolge ich die einzelnen Dosierungen erhalte. Erst am Ende, bei meinem Austrittsgespräch mit dem Psychiater, wird der einen Briefumschlag öffnen und verraten, welche LSD-Dosis ich wann bekommen habe.

Mancher meiner Nächsten, der in der folgenden Zeit von meinem Vorhaben erfährt, findet mich kühn. Vielleicht, ohne es auszusprechen, tollkühn. Meine kluge Mutter jedenfalls simst mir später einmal in die Schlusskurve eines (moderat dosierten) Trips hinein eine Nachricht, in der sie mir wünscht, nicht zu viele neue Erkenntnisse zu haben: Sonst werde das Leben vielleicht zu kompliziert, bisher sei es doch sehr okay gewesen. In dieser einen Zeile fasst sie die Wurzel meiner grössten Angst vor jedem Trip zusammen – dass das, was gut war, danach auf einmal nicht mehr gut sein könnte, im schlimmsten Fall die Kehrseite. Dass ich mich ein halbes Jahrhundert getäuscht habe, mit mir, mit allen, mit allem. Dass ich mich danach vielleicht nicht länger für eine vernunftbegabte Enthusiastin halten kann – denn wer weiss schon bei durch und durch wachem Verstand (ich bestimmt nicht), welche Episode ich mir in meinem opportunistischen Gedächtnis auf Hochglanz gestriegelt habe? Und liegt nicht eben darin das Extrakt einer Bewusstseinserweiterung: sich selbst und sein Dasein zu sehen, wie man es nie gesehen hat, weil man es womöglich nie hat sehen wollen? Dass die neue Durchlässigkeit einem Perspektiven aufdecken könnte, die einen nicht wie bisher weitermachen lassen? Weil sie mich um die Vergeblichkeit wissen lassen, dass es unmöglich ist – und vielleicht auch ganz unnötig –, sich eine alternative Vergangenheit zuzulegen? Eine alternative Kindheit? Dass es vielleicht reicht, es sich einfach einmal sehr sorgfältig anzuschauen? Schon langt, sich aus all seinen Gewissheiten herauszuhebeln, vielleicht auch den ein oder anderen Schluss daraus zu ziehen und es dabei bewenden zu lassen?

(Stattdessen sollte ich im Laufe meiner Trips erfahren, dass es einen Unterschied gibt zwischen illusionsfrei und desillusioniert. Um es kurz zu machen: Das Erste geht mit Erleichterung einher, Letzteres mit Verbitterung.)

Noch lache ich in mich hinein, als mir dieser abgedroschene Werbeslogan einfällt: Machen Sie mal Urlaub vom Ich! Jetzt würde ich mich definitiv in die umgekehrte Richtung bewegen – Urlaub mutterseelenallein mit meinem Ich machen. (Und wahrscheinlich keinen allzu erholsamen.)

Anfälligkeit für Horrortrips

Dann besuche ich Katrin Preller, die seit zehn Jahren zusammen mit Franz X. Vollenweider psychoaktive Substanzen an der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich erforscht. Vor allem um vor meinem ersten Mal auszuloten, ob ein spezieller Charakter anfälliger ist für Horrortrips. Gerade haben sie und ihre Kollegen eine Studie mit Psilocybin (wegen seiner kürzeren Wirkdauer) an sechzig Patienten begonnen, die unter mittelschweren Depressionen leiden. Auch sie erhoffen sich, dass sich Psychedelika für solche Patienten als probate Medikamente erweisen werden.

«Set und Setting» sei das Schlüsselwort für die Beschaffenheit eines Trips, sagt mir die 34-Jährige. Entscheidend sei der Kontext, in welchem man LSD nimmt, das Setting. Ebenso ausschlaggebend sei die Verfassung, in welcher man sich auf den Trip begibt, das «Mindset». Das heisst: die Vorerwartungen, der seelische Zustand – Ängstlichkeit oder Offenheit gegenüber der Erfahrung –, die gesamte Haltung bestimme, wie man es erlebt. Wenn sie mir einen Rat geben könne, dann den, mich nicht gegen das, was mich an Eindrücken erreicht, zu wehren, sondern schlicht mitzugehen. Man habe nämlich festgestellt, dass der extrovertierte Persönlichkeitstyp öfter positive Erfahrungen unter LSD mache, und die Menschen, die sehr kontrollbedürftig sind, die Ich-Auflösung bei hohen Dosierungen als schrecklich empfinden können.

Arbeiten mit verschiedenen Halluzinogenen: Assistent Robin von Rotz, Psychologin Katrin Preller und Franz X. Vollenweider, Psychiater und Forscher (v.l.n.r). Foto: wemakeit.com

Und worauf führt sie die offenbar enormen Effekte auf ein schwer angeschlagenes Gemüt zurück? «Wir wissen noch nicht, welchen Anteil die Erfahrungsqualität des LSD-Trips hat und welchen Anteil die Pharmakologie», sagt Katrin Preller, «ich persönlich glaube, es ist beides.» Neue neuronale Bahnen würden vom LSD angelegt. Und dadurch, dass der depressive Mensch durch den Trip Distanz zu sich gewinnt, entferne er sich längerfristig auch ein Stück von seiner Dunkelheit. Die Gehirnpartie, das «Default Mode Network» im Cortex, das für das «autobiografische Selbst» zuständig ist und für das ständige Gedankenkreisen und Grübeln bei Depressionen, könnte neu vernetzt werden. (Übrigens wurde das auch in den Gehirnen buddhistischer Mönche während tiefer Meditationen beobachtet.)

Dann gebraucht auch Katrin Preller die Ferienmetapher: «Die psychologische Erfahrung würde ich mit einem Urlaub vergleichen, wo man Abstand erhält zu seinem regulären Leben. Gleichzeitig ist die sensorische Leistung erhöht, und so vollziehen sich auf der Hirnchemie-Ebene neue Abläufe.»

Magisch denken wie ein Kind

Aber wenn wir wirklich alle so «suggestibel» sind, wie mir Gasser sagte, und sich das durch die Eigenschaften von LSD möglicherweise auf unerwünschte Art zeigt, wie soll ich mich vorher unansprechbar machen? Wie Stimmungen ausblenden, die ich nicht während des Trips eingeblendet haben will?

Liechti hatte mir erzählt, dass das psychedelische Bewusstsein dem von Kindern gleiche, die noch in einem magischen Denken versinken können. Seine amerikanische Forscherkollegin Alison Gopnik unterscheidet zwischen dem «Scheinwerfer-Bewusstsein» von Erwachsenen und dem «Rundumleuchten-Bewusstsein» von Kindern: Erwachsene könnten ihre Konzentration sehr gezielt lenken, während Kinder ihre Aufmerksamkeit noch weit streuen, sodass sie in einem grösseren Wahrnehmungsfeld auf alle erdenklichen Reize antworten. Demnach würde mir das LSD erlauben, den Strahl meiner Taschenlampe in meinem Bewusstsein hin- und herzuschwenken – aber verbieten, bei einem seiner Ränder oder Zipfel zu verweilen.

Hör doch endlich auf, dir in die Hosen zu machen!, sage ich mir.

Kindern wie Urvölkern schreibt man eine «eidetische Wahrnehmung» zu, ein intuitives Erkennen von Phänomenen, eine unmittelbare Anschauung sinnlicher Phänomene. In der Philosophie macht dies die Existenz eines Gegenstandes evident – ohne intuitive Erkenntnis wüsste der Mensch nichts über sein Innenleben, erst diese ermöglicht ihm Reflexion und Selbsterkenntnis.

Friedrich Nietzsche wiederum hat als eine von «drei Säulen des Glücks» die «Freude am Unsinn» benannt. Könnte die Entropie der Gedanken durch das Rundum-Leuchten mir nicht ebenso gut eine Epiphanie bescheren? Und steht nicht im Buch «Ein richtig guter Tag» der amerikanischen Schriftstellerin Ayelet Waldman, wie sie ihre drastischen pathologischen Stimmungsschwankungen durch Winzmengen LSD nach nur einem Monat losgeworden ist? Wie sie eine viel stabilere, energiegeladene Person wurde (der Untertitel ihres Buches: «Wie Microdosing meine Stimmung, meine Ehe und mein Leben rettete».)

Hör doch endlich auf, dir in die Hosen zu machen!, sage ich mir. Obwohl mir allmählich immer plastischer wird, dass ich die Reise auf einen ungeahnten Kontinent ohne Gesellschaft antrete, ich in der Tat meine einzige Reisebegleitung sein werde, nur mit Neugierde im Gepäck, wen ich antreffen würde in mir. Umso mehr möchte ich mich mit dem grösstmöglichen Optimismus wappnen: nach meiner theoretischen Recherche besonders die Aussicht auf ein Allheilmittel in den Blick nehmen. Mein Pessimismus bezieht sich nur auf mich selbst.

Die letzten Nächte vor dem ersten Studientag schlafe ich schlecht; in Basel erscheine ich am Morgen nervös, zugleich bemüht, meine Nervosität nicht überhandnehmen zu lassen, weil mich das sonst erst recht schnurstracks in einen bad trip katapultieren könnte. Als mich Friederike Holze, Apothekerin und Leiterin der Basler Studie auf Doktorandinnenseite, in Empfang nimmt, ist mir gleich etwas leichter ums Herz: Sie wird die ganze Zeit an meiner Seite sein. Die 27-Jährige ist so hemdsärmelig-patent wie feinfühlig und nahbar; um den Hals trägt sie eine Kette, die das Oxytocin-Molekül darstellt, das Bindungshormon. Friederike wird mir um halb neun zwei Kapseln geben, in denen Ketanserin oder ein Placebo ist, und um halb zehn die beiden Ampullen mit dem zweiten Placebo oder aber mit in grässlich schmeckendem, hochprozentigem Alkohol gelöstem LSD, direkt aus dem Labor, das man so rein auf dem Schwarzmarkt nie kriegen würde (und das demzufolge um einiges stärker wirkt als dieselbe Menge vom Dealer). Alle darauffolgenden Stunden werde ich im Bett liegen, meine eigens zusammengestellte Playlist «Luckytrip» über Kopfhörer in mich einsickern lassen – mit lauter Liedern, die mir für einen Trip irgendwie tauglich vorkamen.

***

Und dann geht’s los.

Kaum etwas langweilt mich so, wie wenn mir jemand einen Traum schildert, den er letzte Nacht geträumt hat. Deshalb eine kurze Bilanz meiner sechs Versuchstage, sozusagen die Quintessenz meiner Erlebnisse.

1. Trip
Nach der Einnahme merke ich über fünf Stunden lang gar nichts, verdammt, alle Unruhe vorher war für die Katz. Bis ich die Bauarbeiten auf dem Spitalgelände, die aber schon seit morgens laufen, durchs geschlossene Fenster höre: Jeder Spatenstich klirrt plötzlich in meinem Ohr! Prüfend setze ich meine Kopfhörer auf, und zum allerersten Mal in meinem Leben nehme ich Töne dreidimensional, bildlich wahr – synästhetisch: Die Musik erscheint mir zu Schleiervorhängen und spitzenzarten Schichten gewebt, als Stoffe, die aus zum Greifen nah scheinenden Wohlklängen komponiert sind. Ich bin entspannt wie nie zuvor. Oder simpler: Es ist ein bis in den Abend währender immenser Genuss, der mich ergriffen und ehrfürchtig stimmt. Alles zeichnet sich durch Vollkommenheit aus. Nicht zum allerersten Mal, dafür in weit intensiverem Masse spüre ich (und dadurch wird es mir bewusst), wie sehr ich vom Schicksal verhätschelt bin. Oder als Kalenderkitsch ausgedrückt: das unverschämte Glück, zu lieben und geliebt zu werden. Umso komischer, dass ich nach meiner ersten Nacht zu Hause vor Wut auf einen Kollegen, von dem ich geträumt habe, erwache; noch Tage danach bin ich auf Krawall gebürstet (was mich ins Grübeln bringt, ob die US-Regierung 1966 mit dem Gerede vom aufrührerischen LSD wirklich so falschlag).

2. Trip
Meine absolute Bruchlandung. Ich kehre niedergeschlagen davon zurück, weil ich in nichts als einer dumpfen, tauben, Übelkeit erregenden Benommenheit zerschellt bin. Weder meine Gefühle noch meine Gedankensplitter haben irgendeine Trennschärfe – und lassen damit auch jedes Echo vermissen. Ich wache schweissgebadet wie aus einem viel zu langen Fiebertraum auf.

3. Trip
Haut mich derartig um, wie ich wahrlich nie zuvor umgehauen wurde, und das in der zweifachen Bedeutung des Wortes: Das LSD fällt in einer ungeahnten Heftigkeit über mich her und blendet mich zugleich mit seiner Strahlkraft. Hingerissen geht mir die magische Matrilinearität auf, die weibliche Linie von meiner Mutter über mich zu meiner Tochter. Weitere riesenhafte Einsicht, mir in (gefühlter) Hellsichtigkeit serviert: dass sich die Ewigkeit auf der Uhr zwischen 14 und 15 Uhr abspielt. Noch Wochen nach der Entgrenzung fühle ich mich wie in der Rekonvaleszenz, irrsinnig erschöpft, körperlich wie mental.

4. Trip
Entpuppt sich auf der Stelle als Placebo-Tag. Was mich nervt, weil ich die obligaten 26 Stunden im Basler Spitalzimmer verbleiben muss. Was mich entspannt, weil es mir zusätzliche Karenzzeit zum nächsten echten Trip verschafft.

5. Trip
Ein einziger innerer Freudensprung. Der heiterste, weil vermutlich zweckfreieste Trip: so behaglich schnurrend wie eine Katze auf der Ofenbank. (Doch, daran könnte ich mich schon gewöhnen.) Haupterkenntnis: ab sofort viel häufiger mit Tochter und Mann durchs Wohnzimmer tanzen! Jede Einladung nutzen, das Leben zu feiern!

6. Trip
Sonderbar und verstörend in jeder Hinsicht. Albert Hofmann soll bis zu seinem späten Lebensende mit 102 Jahren immer wieder mit LSD experimentiert – und es dabei zu einer gewissen Meisterschaft gebracht – haben: Je geübter er war, desto schneller konnte er sein Bewusstsein an den Punkt führen, an dem er es haben wollte. Können vier LSD-Portionen schon einen «Trainingseffekt» haben? Mehr eine Vorahnung als ein Wissen: Die Gewalt dieses Trips wird nachhallen, in welcher Form auch immer. Er ist voller autobiografischer Bezüge, wie es Psychiater Peter Gasser zwei Tage später in seiner Solothurner Praxis für mich, in einer Art «integrativer Sitzung», zusammenfasst. Lauter Bilder von beelendenden Horrorfratzen. Ich sehe mich sterben und meinen Vater. Wäre es ein Film und ich dessen Heldin wie Antiheldin in Personalunion, träfe es der Titel von Stanley Kubricks Film für mich am direktesten: «Eyes Wide Shut». Anders als beim dritten Mal, dem anderen hoch dosierten Trip, aber bin ich hinterher nicht schrecklich kaputt, sondern fühle mich über Wochen belebt und überaktiv. Morgens werde ich ohne Weckerklingeln nach fünf Stunden wach und bin tagsüber dennoch putzmunter.

Und nun für alle anderen, an Psychonautik Interessierten, hier die Long Version zu meinen beiden «grossen» Trips mit 100 und 200 Mikrogramm (ich verkneife mir an dieser Stelle den albernen Appell «Bitte nicht nachmachen!»): Bei den hohen Dosierungen schiesst mir schon nach zwanzig Minuten das LSD ins Blut, meine Beine kribbeln wie verrückt, bis in die Fussspitzen. Zittern. Beim ersten Mal ist es anfangs verwirrend, das Licht, das durchs Fenster fällt, wird heller, die Dinge beginnen zu leuchten, die Baumstämme zu atmen, in einem ruhigen Puls.

Das LSD hat mich in Brand gesteckt, etwas in mir lodert, alles zerschmilzt in einer Spirale, die in einen Glutkern mündet. Ich bin durchgeschwitzt, mich schaudert es unentwegt, nie war mir heisser. Ich falle aus der Zeit. Verirre mich in ihren Dimensionen. Wann immer ich auf die grosse Uhr an der Wand des Spitalzimmers blicke, ist es zehn nach zwei am Nachmittag. Zunächst denke ich noch, das kann nicht sein, der Zeiger muss doch vorrücken, dann lässt sich in mir ein kleiner Frieden nieder, nachdem ich für mich beschliesse, das muss die Ewigkeit sein: Und es geschieht ja sowieso alles von selbst, ohne Wollen, ohne Richtung, ohne Kontur. Keine Absicht führt noch irgendwohin, deshalb sage ich mir, dass die Zeit bloss ein Konstrukt meines Gehirns ist – eines, das sich jetzt verflüssigt hat, weggesickert in einen Gully meines Bewusstseins.

Als ich meine Betreuerin bitte, mir wegen meiner starken Übelkeit einen Eimer neben das Bett zu stellen, bin ich überrascht, dass sie es tut – baff darüber, dass ich die Absicht in Worte gepackt habe. Vergangenes, Gegenwärtiges, Zukünftiges strömen ineinander, fallen in eins zusammen, alles wird brüchig. Jede Zeit verliert ihren Sinn, ich weiss nicht mehr, ob die Zukunft bereits stattgefunden hat oder die Vergangenheit näher ist als die Zukunft. Trotzdem kann ich mir nach wie vor im Handumdrehen ausrechnen, dass ich das LSD vor mehr als vier Stunden eingenommen habe.

Dreht meine Betreuerin am Schreibtisch ihren Kopf, sehe ich das abgehackt, in Einzelbewegungen zergliedert. Den Hubschrauber, der auf dem Dach vis-à-vis landet, dafür in einer Schärfe und wie in Technicolor, selbst die Rettungssänitäter mit der Trage, einige Hundert Luftmeter entfernt.

Und ich bilde mir auf einmal ein, sie ohne Maske zu sehen, als sie das Zimmer durchquert. Ohne jene Maske, die bei jedem Menschen unmerk lich mit der Haut verwachsen ist – das denke ich, ohne zu denken. Und mich ergreift ein Mitgefühl mit ihrer Nacktheit, ohne dass es mir wehtut. Genauso wenig möchte ich das, was darunter freigelegt wurde, studieren – geschweige benennen: Meine sonstige Vorliebe, alles und jeden zu verstehen, mich inklusive, ist wie weggeblasen – egal, wie sehr ich im Zeitraffer mit einem kindlich masslosen Staunen durch die Enden meines Bewusstseins rase. Meine Innenansichten scheinen sich eh ohne mein Zutun einzustellen, kristallklar. Als Gedankenkaskaden, die mir mit unheimlicher Geschwindigkeit durch den Kopf sprudeln.

Wie schön, ich brauche die Erkenntnisse und Sprache nicht mehr für mein Wohlbefinden – alles kann wortlos und wortreich zugleich sein, wirklich und unwirklich, wahr und unwahr, schal und himmlisch, glücksgetränkt und erbärmlich in einem. Ein Niemandsland mit seinen eigenen logischen Gesetzen, wie sie auch ein Traum besitzt, nun mit nicht mehr und nicht weniger besiedelt als dem, was mich zu bedingen scheint. Von Erschütterungen und Beben durchsetzt, aufgewirbelt von den Takten der Lieder, die in meinen Schädel dringen. Alles umfasst mich, alles löst sich auf, und für einen Wimpernschlag bin ich am Boden von etwas sehr Tiefem angelangt, schlage ich am Meeresgrund auf: dort Grabesstille. Geräuschlosigkeit. Leere.

Jetzt schwinde auch ich – zerspringe zu Sprühregentröpfchen. Ich, ohne meinen gewöhnlichen Körper, schaue von unten auf eine Fontäne, die aus einem Springbrunnen in hohem, glitzerndem Bogen spritzt, und ich weiss in totaler Fraglosigkeit, dass dieser Sprühregen unverkennbar ich bin. Das verwundert mich kein bisschen – mein Ich, zusammengesetzt aus Hunderten Wassertröpfchen. Eher wundere ich mich darüber, dass mich dieser Umstand nicht selig macht, nur erleichtert – ah, ermuntere ich mich, jetzt lehn dich innerlich zurück, das ist die berühmt-berüchtigte Ich-Auflösung bei den hohen Dosierungen gewesen: Die hast du ja schon mal glänzend überstanden.

Danach der Gedanke: Du musst deine Gedanken nicht ernst nehmen, lass sie vorbeiziehen, jede Beständigkeit ist dahin.

Ungebremste Empfindungen

Vor vielen Jahren sagte mir eine Wahrsagerin mal, mein Element sei das Wasser. Ich mass dieser Aussage damals keinerlei Bedeutung zu – scheinbar –, denn nun, nachdem ich mich als Wasserfontäne wiedergefunden habe, frage ich mich, ob mein Bewusstsein diese mir völlig nichtig dünkende Aussage nicht doch in einem toten Winkel meines Bewusstseins über all die Jahre aufbewahrt hat, um sie schliesslich in dieses Bild zu übersetzen. Findet sich tatsächlich für all das, was ich erlebe, das Unbedeutende, das Bedeutende und alles dazwischen, ein (über lange Zeit sachter) Abdruck in meinem Gehirn? Wenn, wäre das nicht unglaublich, dieser gigantische Vorratsspeicher für jenen letzten Film, der, wie manche behaupten, während des Sterbens vor einem abläuft?

Bei der zweiten hohen Dosis kann ich nicht mehr unterscheiden, ob ich meinen eigenen Erinnerungen erliege oder in denen meiner Mutter herumkurve. Die Bilder überkommen mich als ungebremste Empfindungen, mir schiesst das Wort «übersinnlich» durch den Kopf, in neuer Gültigkeit: Meine Sinne ragen wie Abertausende kleiner Antennen in die Atmosphäre, vom leichtesten Windhauch in Schwingungen versetzt, und jede einzelne kann ich körperlich spüren. Jedes Gefühl aber ist etwas ganz anderes. Meine eigene Geschichte stülpt sich kopfüber, implodiert und zerrt bei ihrem Bersten einiges mit sich, was mich immer gehalten hat. Andere Teile von ihr werden an die Decke geschleudert, wo sie sich als (Schein-) Einsichten festheften.

Einerseits fühle ich mich untröstlich, andererseits geniesse ich es, haltlos zu weinen.

Danach eine gefühlte Endlosigkeit lang: Todesbilder, in einem einzigen, nicht abreissenden Strom. Schaurige Anblicke, eine fortwährende Abfolge von Monstrosität und Kläglichkeit – vor Eiter triefende, blutende Augen, aufklaffende, fleischigrot wuchernde Wunden, schrundige Elendsgestalten wie aus dem Mittelalter mit zerlumpten Kleidern und verwelkten, ausgezehrten Gesichtern, Haut und Knochen, der Totenschädel eines Vogels mit spitzem Schnabel im Profil, das verdörrte, grätige Seeteufelmaul mit scharfen Zähnen, ausgeweidete Leiber, die Gerippe von Wüstentieren und Kakteen.

Was mich daran zutiefst verblüfft: So sicher ich bin, dass mich die Bilder meinen, sie treffen mich nicht bis ins Mark. Es fühlt sich nicht an wie eine kalte Hölle, sosehr diese meinem Hirn entschlüpften Geschöpfe eine solche auch bewohnen könnten. Die Todessymbole bedrängen mich nicht, lassen mich vielmehr spüren, dass diese von mir mit gewissem Abstand betrachtete Kümmerlichkeit auch zu mir und meinem Wesen gehört.

Einerseits fühle ich mich untröstlich, andererseits geniesse ich es, haltlos zu weinen. Es ist eine von vielen paradoxen Empfindungen und Vorstellungen, die ich unter LSD nicht als widerstreitend wahrnehme – mir kommt es in diesem Zustand ganz natürlich vor, dass zwei direkte Gegensätze nebeneinander existieren können. Es ist nur meiner jetzt nervlich fein synchronisierten Geistesgegenwart zu verdanken. Und meiner exotischen Eigenschaft, von einer Aussenposition auf mich zu gucken und gleichzeitig mitten im Erleben, im Fühlen, zu sein.

Wirkungspeak nach drei Stunden

Auch als mir irgendwann «Horrortrip» einfällt, erscheint mir das bloss wie ein Begriff aus einer wissenschaftlichen Kategorie – so wie das Faktum, dass Forscher mithilfe von LSD versucht haben, krankhaften Wahn, eine Psychose, nachzuvollziehen. Die Angst, «auf einem schlechten Trip hängen zu bleiben», packt mich vielleicht deswegen nicht, weil mir Friederikes Beruhigung im Ohr ist, dass der Wirkungspeak der Substanz nach rund zweieinhalb, drei Stunden überschritten ist und man von da an langsam, über weitere zwölf, dreizehn mildere Stunden, garantiert zurückfinden wird. Auch Wissen formt das Bewusstsein.

Vielleicht – und die Frage stelle ich mir erst Tage darauf – sind zumindest ein paar meiner Trip-Phänomene archetypische, denen etwas Universales eigen ist und die weniger meiner Biografie entspringen als einer gemeinsamen Menschheitsgeschichte. Ich habe keinen Schimmer von Jungs psychoanalytischen Theorien, aber die Tatsache, dass sich manche Bilder in den LSD-Protokollen trotz der Verschiedenheit der Berichtenden gleichen – von Ernst Jünger bis zu Michel Foucault –, klingt für mich plötzlich schlüssig. Oder gibt es, viel bestechender, in Wahrheit jenes grosse Ganze, etwas Übergeordnetes, das uns alle einschliesst? Ich bin nicht religiös, aber das Einssein mit dem, was man Universum nennt, habe ja auch ich deutlich verspürt, wenn auch am stärksten auf meinem ersten, geringer dosierten Trip. Oder ist dieses quasireligiöse Gefühl auch wieder nur eine Schimäre des Geistes? Kollektives Bewusstsein, Ich, Über-Ich, Ego, all diese Konzepte der Psychoanalyse, sind für mich jedenfalls auf einmal von Erfahrung gesättigt.

Das mächtigste Gefühl allerdings überfällt mich, als ich sterbe – das Segel, das nun mein Ich ist, steht mit einem Schlag still, und alle Farbe entweicht aus dem Bild. Bei meinem Verschwinden setzt sich eine orange glimmende Unvergänglichkeit an meine Stelle. Das Bizarre ist, dass ich mich erneut aus einer Distanz beobachte und aus purem Gefühl bestehe.

Auf dem Höhepunkt der Wirkung bin ich zu nichts mehr imstande, obwohl Friederike sagt, ich würde es sicherlich allein auf die Toilette schaffen. Vollkommen in mich gekehrt halte ich ihr immer wieder meinen Arm hin, zum Blutabnehmen und Pulsmessen, aber den Fragebogen vermag ich nicht mehr auszufüllen – auf Fragen wie «Fühlst du dich verwundbar?» oder «Möchten Sie jemanden umarmen?», selbst auf die Frage «Wie sehr scheint die Grenze zwischen dir und deiner Umgebung zu verwischen?» kann ich mir keinen Reim mehr machen. Die Grenze zwischen mir und meiner Umgebung ist nicht verschwommen, sie existiert nicht mehr. Auch den Laptop-Test, Fotos von Gesichtern mit Emotionen wie Wut, Traurigkeit, Furcht und Freude zu unterscheiden, wehre ich ab. Zu sehr bin ich auf mich zurückgeworfen – das Setting, die Spitalatmosphäre wie das Eine Woche später wird das Rätsel der jeweiligen Dosierungen gelüftet. Bevor der Psychiater den Umschlag mit der Reihenfolge öffnet, fragt er mich nach meinen Einschätzungen. Ich zähle auf:

1. Tag 200 Mikrogramm plus hemmendes Ketanserin

2. Tag 50 Mikrogramm

3. Tag 200 Mikrogramm

4. Tag Placebo

5. Tag 25 Mikrogramm

6. Tag 100 Mikrogramm

Und bin ein wenig stolz, als er sagt, dass ich mit jeder Dosis richtigliege, als Erste seiner Probanden.

Wobei mir das vor allem damit zusammenzuhängen scheint, dass jede einzelne Dosierung für mich eine komplett eigentümliche, einzigartige Farbe besass – von daher kann ich nun auch nachempfinden, wie wichtig es ist, mit der Studie diejenige angemessene Dosis zu ermitteln, die im jeweiligen Therapiefall den stärksten Heilungseffekt erbringen wird. Meine Trips hatten nur gemeinsam, dass das LSD (wie bei den meisten anderen Probanden auch) wie ein Appetitzügler wirkte. Schlimmer noch, mir (wie vielen anderen) war durchweg speiübel, glücklicherweise ohne dass ich mich übergeben musste. Zwang ich mir aus Vernunft ein paar Cracker rein, schmeckten sie fad, und auch mein Geruchssinn schaltete keinen Turbo ein. In einer Hinsicht weiche ich aber ziemlich von meinen Mitstreitern ab: Kein einziges Mal hatte ich optische Halluzinationen, etwa grelle Farben und Muster vor mir – dabei hatte mir Friederike lachend erzählt, sie habe für die meisten Probanden immer «mindestens signalblaue Haare» gehabt. Vielleicht ist mein visueller Sinn irgendwie verkümmert, auch wenn ich seit dem «Schlussbouquet» mit einem wärmeren Blick durch Landschaften streife.

Die Bäume atmen sehen

Ungefähr in der Halbzeit meines Experiments lerne ich den Mann kennen, der den Wunsch, mich auf diese Weise neu kennen zu lernen, überhaupt erst in mir gepflanzt hat: den amerikanischen Buchautor Michael Pollan. Eine Stunde verbringen wir damit, uns über die Praxis auszutauschen. Er gibt zu, mich um die Studienteilnahme zu beneiden – er selbst musste, wie ich wisse, doppelt ins kalte Wasser springen und für seine Trips in den USA auf kriminelle Verbindungen bauen. Einig sind wir uns darin, dass wir nach unseren Erfahrungen einen gehörigen Respekt vor LSD bekommen haben, vor der Zäsur, die es ins Leben schneidet – und dass wir uns beide nicht mehr vorstellen können wie noch zu Beginn unserer Reisen, dass sich diese Art, aufgewühlt zu werden, für jeden gleichermassen eignet.

Heute, sieben Monate später, finde ich reichlich unbedarft, wie ich mich auf diese Expedition eingelassen habe – und fühle mich an ihrem Ende beschenkt, so anstrengend einzelne Etappen auch waren. Indem sie mir vor Augen geführt hat – mittels reinster Empfindung, unter Ausschluss meiner Ratio –, welch fundamentales, unfassliches Abenteuer dem Leben innewohnt, sobald man es wagt, in ungewohnter Flughöhe darüber zu kreisen und sich über seine irdische Existenz zu erheben. Und für wenige Stunden einmal ans Unendliche zu rühren (es zumindest kurz anzutippen).

Spinnerei hin oder her, ich bilde mir jetzt ein, ein bisschen genauer zu wissen, worauf es ankommt (und vielleicht, worauf nicht). Zwar erweist es sich fast als banal: nämlich möglichst viele Augenblicke in meinem Leben zu suchen und zu finden, in denen ich mich quicklebendig wähne. Was nicht zwangsläufig grösstmöglichen Genuss bedeuten muss, ebenso wenig Auf und Ab, Hoch und Runter, sondern vielleicht bloss, das Unangenehme nicht auf Teufel komm raus zu meiden. Immerhin vermag Schmerz (sofern er wieder vergeht) einem auch zu veranschaulichen, dass man ein pulsierender Organismus ist (selbst wenn man sich halb tot fühlt). Sicher aber meint es das Gegenteil von Stumpfwerden. Von Vor-sich-hin-Leben.

Aber die Chancen, das nicht zu tun, stehen, glaube ich, alles andere als schlecht: Schliesslich habe ich auf dem Trip die Bäume atmen sehen. Erstmals wahrgenommen, dass die Natur, alles um mich herum, von Leben erfüllt ist, ein grosses atmendes Ganzes. Die Feinheiten, das Fragile unserer Existenz wie die Grobheiten und Trümmer hautnah erfahren.

Da wäre es ja gelacht, wenn ich dieses «erstmals wahrnehmen» nicht hinüberretten könnte in mein Alltagsbewusstsein – mir war doch schon vorher, bei substanzungetrübtem Verstand, klar, dass jedes erste Mal vor allem deswegen einen so besonderen Zauber besitzt, weil es im wahrsten, freudvollsten Sinne einem Knick in der Optik gleicht: das erste Mal in Asien; das erste Lächeln meines Babys; der erste Sprung in den See in diesem Sommer. Gut, frisch verliebt zu sein, hat denselben Effekt, aber der nutzt sich bekanntlich ab, und man kann ja nicht immerzu in die nächste Liebe hechten oder dem Verliebtsein unablässig nachtrauern.

Wie hatte es der Psychiater Peter Gasser beschrieben, in meinem ersten Gespräch mit ihm, als ich noch unbeleckt war von dieser Erfahrung? «Es verschafft einem einen umfassenderen Zugang zur eigenen Existenz. Dank LSD kann man sehr weit vorstossen, aber trotz allem bleibt das Leben ein Geheimnis.»

Stimmt, ein ewiges Geheimnis, das einen mehr denn je staunen lassen sollte.

Erstellt: 02.09.2019, 22:06 Uhr

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