«Männliche Föten sind fordernder»

Der Evolutionsbiologe Axel Meyer verlangt, dass sich die Geschlechterdiskussion mehr an wissenschaftlichen Fakten orientiert. Der Einfluss der Gene werde in der Genderforschung völlig negiert.

«Jungs spielen lieber mit Baggern, Mädchen eher mit Puppen. Das ist sogar bei Menschenaffenbabys so.» Bild: Helmut Meyer/ TopicMedia

«Jungs spielen lieber mit Baggern, Mädchen eher mit Puppen. Das ist sogar bei Menschenaffenbabys so.» Bild: Helmut Meyer/ TopicMedia

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Sie arbeiten normalerweise mit Gensequenziermaschinen und stellen Stammbäume auf. Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben, in dem es um Männer, Frauen und die Ihrer Meinung nach nicht kleinen Unterschiede zwischen ihnen geht. Wieso das?
Ich bin Evolutionsbiologe, und die Evolution hat diese Unterschiede hervorgebracht. Wir werden mit ihnen geboren, schon im Mutterleib gibt es sie, männliche Föten etwa sind fordernder, weshalb sie, wenn sie geboren werden, im Durchschnitt schwerer sind als Mädchen. Aber der eigentliche Grund, das Buch zu schreiben, war, dass viele, auch im akademischen Bereich, das eben ganz anders sehen.

Sie meinen die sogenannten Genderforscher. Beziehungsweise -forscherinnen, denn 95 Prozent sind hier weiblich.
Diese meinen, wir würden jenseits des Organischen vollkommen gleich geboren. Und nur die Gesellschaft presst Menschen mit Vagina oder Penis dann in ihre jeweiligen Rollen. Biologen wie ich, die in Experimenten zeigen, dass Geschlechtsunterschiede auch in Verhaltens- und Denkaspekten angeboren, genetisch mitbestimmt sind, sind für die Genderforschung ein Feindbild.

Wenn man Sie reden hört, könnte man denken, dass es andersherum auch so ist.
Eigentlich nicht. Die meisten Biologen wissen gar nichts davon. Bevor ich ein Jahr am Wissenschaftskolleg in Berlin war und da auch eng mit Geisteswissenschaftlern zu tun bekam, ging mir das ähnlich.

Das klingt nach wissenschaftlichen Paralleluniversen, die dasselbe Thema bearbeiten.
Ja, und das war die Initialzündung für das Buch, das jetzt herausgekommen ist. Es geht genau darum: welchen Einfluss die Gene auf das menschliche Leben, und speziell bezüglich der Unterschiede zwischen Mann und Frau, haben. Und da geht es um wissenschaftliche Evidenz, um Studien, um statistisch abgesicherte Daten. Und eben nicht um geisteswissenschaftliche Interpretation, nicht um Philosophie, nicht um Ideologie.

Die streng biologische Interpretation der Conditio humana gilt aber selbst als ideologisch, als «biologistisch», und sie vermittelt auch einen Determinismus, der mit unserem Freiheitsbegriff und auch unserer Erfahrung nicht zusammenpasst.
Ich behaupte ja nicht, dass alles genetisch vorbestimmt sei. Manches ist eher oder sogar ganz genetisch vorbestimmt, manches ist sehr umweltabhängig, kulturbedingt – das meiste speist sich aus beidem. Und die Umwelt nimmt Einfluss auf die Biologie. Die Epigenetik-Forschung zeigt ja sogar, dass Umwelt-Inputs beeinflussen, welche Gene aktiv werden, zum Teil sogar über Generationen. Wissenschaftler werden kritisiert, wenn sie sagen, dass die Verteilung der Intelligenz zu etwas mehr als 50 Prozent erblich bestimmt sei. Aber das bedeutet doch auch, dass die anderen knapp 50 Prozent beeinflussbar sind – durch Ernährung und Bildung etwa, aber auch dadurch, dass man Menschen ihren genetisch bedingten Neigungen nachgehen lässt. Und eben auch den je nach Geschlecht unterschiedlichen Neigungen.

Was ist dann mit der Gleichstellung der Frau?
Die ist doch heute hierzulande weitestgehend erreicht, und es ist wichtig, das zu verteidigen. Aber die Aufsichtsratsquote bei uns in Deutschland zum Beispiel, die ist Unsinn; sie ist selbst eine neue Form von Geschlechterdiskriminierung. Und sie schadet der Gesellschaft und der Wirtschaft. Wenn man konsequent wäre, müsste es dann ja auch eine Soldatinnen- oder Müllfrauenquote geben. Und wenn die Lebenserwartung von Frauen fünf oder sechs Jahre höher ist, wird ja auch nicht gefordert, dass Frauen um so viele Jahre länger vor der Rente arbeiten sollten, was ja nach konsequenter Gleichheitslogik eigentlich nur fair wäre.

Meinen Sie, dass «Gleichheit» und «Diversität», zwei der Leitbegriffe der freien Welt, gar nicht zu vereinen sind?
Die Menschheit ist jedenfalls wunderbar divers, wie die ganze Natur. Und es wird mit ideologischem Impetus vollkommen übertrieben versucht, alles gleichzumachen. Eben auch das, was nicht gleich ist.

Martin Luther King . . .
. . . meinte ja tatsächliche Konstrukte von Ungleichheit aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe. Ihm ging es um gleiche Rechte und die Universalität der Menschenwürde – welcher vernünftige Mensch würde dem widersprechen? Aber für mich gehört zu einem menschenwürdigen Leben auch das Recht, den eigenen biologischen Veranlagungen folgen zu können, solange man damit anderen nicht schadet. Aber auf wissenschaftlich unbegründbare Konstrukte von Ungleichheit mit genauso unbegründeten Konstrukten von Uniformität zu antworten, das ist doch absurd.

Was ist denn typisch männlich und typisch weiblich?
Jungs spielen lieber mit Baggern – Mädchen eher mit Puppen, das ist sogar bei Menschenaffenbabys so. Männer können sich im Allgemeinen besser räumlich orientieren als Frauen, vielleicht ein Erbe der Zehntausende Jahre, die sie Jäger waren. Sie waren ja dann auch umso erfolgreichere Ernährer, je besser sie sich zurechtfanden in Wald und Savanne. Aber es gibt auch Orientierungsgenies bei Frauen, nur eben etwas seltener. Die Nobelpreisträgerin Dorothy Hodgkin etwa, die die dreidimensionale Struktur von Molekülen erforschte, war vielleicht so eine. Ich beschreibe sie ausführlich in meinem Buch. Sie war aber eben eher eine Ausnahme von der statistischen Regel. Einzelbeispiele, Anekdoten sind zwar beliebt und eingängig, aber sie haben keine echte wissenschaftliche Aussagekraft. «Typisch weiblich» trifft eben immer nur zu einem Teil zu, was ich im Buch versuche, genauer zu erklären.

Sie sprechen viel von statistischen Wahrscheinlichkeiten, das finden die meisten Leute ziemlich abschreckend, unkonkret, abstrakt.
Gut – die, die das so sehen, sollten sich klarmachen: Sie wären ohne Statistik wahrscheinlich längst tot oder nie geboren worden. Denn ohne Statistik gäbe es zum Beispiel kein einziges modernes und einigermassen sicheres Medikament – und deren Wirkung wird in biomedizinischen klinischen Studien statistisch analysiert.

Aber Wahrscheinlichkeiten in der Statistik bedeuten immer auch Unsicherheit. Zum Beispiel was sogenannte Krankheitsgene angeht.
Teilweise werden aus solchen Wahrscheinlichkeiten gruselige Tatsachen. Ich selbst habe zum Beispiel mein Genom im Selbstversuch charakterisieren lassen. Da kam ein im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt mehr als dreifach erhöhtes Thromboserisiko heraus. Und raten Sie mal, weswegen ich, während ich an dem Buch schrieb, ins Krankenhaus musste?

Man könnte jetzt über selbsterfüllende Prophezeiungen spekulieren. Aber konkret: Was bringt so ein Test dann?
Solche Gentests sind zwiespältig; bei manchen Krankheitsgenen kann man bislang wenig machen, denen für Alzheimer etwa. Da sollte man sich vorher genau überlegen, ob man das Ergebnis wissen will. Bei Thrombose hat mir der Test aber vielleicht geholfen, selbst schnell genug die Verdachtsdiagnose zu stellen und ins Krankenhaus zu fahren, und jetzt nehme ich blutverdünnende Medikamente zur Vorbeugung. Angelina Jolie hat sich wegen ihres Krebsrisikos die Brüste, Eierstöcke und Eileiter entfernen lassen. Ohne dieses Wissen und ihre Konsequenz – und ohne die Möglichkeit, diese Tests und Eingriffe machen zu lassen, denn die hat ja ein Grossteil der Weltbevölkerung gar nicht – wäre sie mit etwa 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit erkrankt.

Sollte es, sobald es technisch möglich ist, erlaubt oder gar Standard werden, solche Gene schon im Embryo abzuschalten?
Da stehen uns tiefgreifende Diskussionen bevor, wo man hier die Grenze ziehen muss. Ich habe keine abschliessende Antwort. Aber wir müssen uns zumindest vergegenwärtigen, dass es wahrscheinlich gemacht werden wird, wenn nicht bei uns, dann anderswo.

Zurück zur Geschlechterforschung und den Humanwissenschaften generell. Wie kann man eine Annäherung erreichen?
Wie überall, durch Bildung und Kommunikation. Es wäre zum Beispiel gut, wenn Studenten der Geisteswissenschaften zumindest Grundkurse in Genetik und Evolutionsbiologie besuchen würden, Naturwissenschaftler umgekehrt Wissenschaftsphilosophie oder Soziologie hören müssten. Als Naturwissenschaftler plädiere ich aber vor allem für eines: Orientiert euch an der Evidenz, an Daten, Fakten, Ergebnissen von gut gemachten Experimenten, an der Statistik. Und nicht an Anekdoten, Einzelbeispielen und an denen, die am lautesten brüllen.

Das neue Buch «Adams Apfel und Evas Erbe» von Axel Meyer ist beim C. Bertelsmann Verlag erschienen; 416 S., 26.90 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2015, 10:30 Uhr

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Axel Meyer (55), Zoologe, ist Lehrstuhlinhaber für Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz und erforscht unter anderem die Evolution von afrikanischen Buntbarschen.

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