Zum Hauptinhalt springen

Mal wirken sie naiv, dann wieder hoch intellektuell

Sie reden miteinander und aneinander vorbei, über die Liebe und den Papst. Zu Besuch in einer Selbsthilfegruppe von Menschen mit Autismus.

«Ich habe eine Frage an euch: Über welches Thema möchtet ihr reden? Möchtet ihr über Politik oder Religionen reden? Oder möchtet ihr über Beziehungen reden?» Anita sitzt da mit geradem Rücken. Sie fragt langsam, in glasklaren Sätzen und schaut dabei auf das gelbe Papiertischtuch oder an ihren Kollegen vorbei ins Leere.

Anita, Thomas, Katharina, Patrick: Vier Menschen, zwischen 33 und 41 Jahre alt, sitzen um den lang gezogenen Tisch im kleinen Sitzungszimmer der Kantonsschule Hottingen in Zürich. Bei allen wurde das Asperger Syndrom, eine Form von Autismus, diagnostiziert. Sie sind angereist aus verschiedensten Winkeln der Schweiz und gehören der Worldwide Autism Association an. Diesen kleinen Verein mit dem grossen Namen hat Patrick vor zehn Jahren mit einem Kollegen gegründet – um den Kontakt zwischen Menschen mit Autismus im In- und Ausland zu fördern. Einige Schweizer Mitglieder haben sich vor einiger Zeit zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen, die sich einmal im Monat trifft und Probleme und Interessen austauscht.

Frische Luft dringt durchs offene Fenster in den Raum und verdrängt den muffigen Geruch des Sonnenblumenbouquets auf dem Tisch. Anita kennt sich aus hier, arbeitet im Sekretariat der Schule. Sie hat das Fenster geöffnet, Gläser und Getränke hervorgeholt, Guetsli-Packungen geöffnet. Alles schön der Reihe nach, jede Handlung hat sie benannt. Jetzt sitzt sie da in ihrer steifen Körperhaltung und leitet das Gespräch. Ihre Stimme klingt freundlich monoton. Und doch strahlt jeder ihrer Sätze unmissverständlich Präsenz aus.

Thomas möchte besprechen, wie man als Autist eine Freundin findet. Sein Blick ist unstet, leise spricht er, stockt, formt mit grosser Mühe Wörter und Sätze. «Das ist ein gutes Thema», sagt Katharina und trinkt einen Schluck Orangensaft. Ganz anders wirkt sie, eloquent und mit modulierter Stimme. Nur einmal hat Thomas eine Freundin gehabt, «3 Tage lang». Dann ist er in die Ferien – «11 Tage lang» – und als er heimkam, hat sie Schluss gemacht: «Wegen der Eltern und kirchlichen Sachen.» Als Thomas innehält, sagt Katharina: «Das sind doch überwindbare Probleme, ich würde nicht so leicht aufgeben.» Und sie erzählt, wie ihre Eltern «100 Prozent dagegen» waren, dass sie heiratete. «Dabei war ich acht Jahre lang glücklich mit dem Mann, jetzt sind wir geschieden, aber gute Freunde.»

Sie reden, manchmal miteinander, manchmal aneinander vorbei. Die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite des Tisches. Zwischen den vier Menschen liegen Welten, und doch scheinen sie sich irgendwie nah zu sein. Aufmerksam hören sie sich zu, keine Spur von Ungeduld. Sprachliche Unsicherheiten kontrastieren mit messerscharfen Gedanken. Zweideutiges, Anspielungen oder Ironie gibt es nicht. Was sie sagen, meinen sie genau so, wie sie es sagen. Mal wirkt das naiv, dann wieder hoch intellektuell.

«Patrick. Willst du uns von Beziehungen erzählen?», fragt Anita nach einem Moment der Stille. Und wie in einem Kraftakt drückt der seine Geschichten hinaus, durch seinen wilden Bart: «Vergiftet» hat er zeitweise gesucht, ist oft mit Afrikanerinnen in Kontakt gekommen. «Es ist immer drauf rausgelaufen, dass sie Geld wollten oder eine Aufenthaltsbewilligung.» Patrick erzählt, zwinkert dabei mit den Augen und hüstelt, als wolle er dem Gesagten Nachdruck verleihen. In einer Bar in Bern hat er die Frauen kennengelernt: Sie haben ihn zu sich gerufen, und er hat Runden bezahlt.

Die Wucht verschütteter Emotionen

Wenn Patrick von den Nationalitäten der Frauen spricht, schwenkt das Gespräch mitunter ab auf geografische Besonderheiten oder politische Details dieser Länder. Dann wieder erzählt er von den beiden, die ihm gleich am zweiten Tag einen Heiratsantrag machten. So etwas wie Aufregung kommt in die Runde. Das geht ja nicht, sind sich alle einig. Aber nicht empört sind sie, eher irritiert. Kulturelle Unterschiede werden diskutiert. «Das habe ich in Betracht gezogen», sagt Patrick und «die andere Möglichkeit, die ich in Betracht gezogen habe, ist, dass sie sich nicht wirklich für mich interessierten.»

Emotionen kommen im selben Ton daher wie Fakten. Im Laufe des Gesprächs erfüllen die Geschichten und damit verbundenen Gefühle den Raum – wie eine verschüttete und umso wuchtigere Gewalt. Von draussen klingt leise der Gesang eines probenden Chors. Immer wieder reiben sich Katharina und Anita am Arm.

Nach den Beziehungen nehmen die vier noch Religionen durch und den Papst. Wenn Thomas etwas nicht versteht, erklären sie es ihm. Er schreibe die Wörter auf, sagt er, und lerne alles. «Damit ich bald besser mitreden kann.» Und unvermittelt fährt er fort: «Bald schreibe ich meine Autobiografie, noch 100 Tage, am 4. Januar 2009 beginne ich.» Die Idee mit dem Countdown hat Thomas von der EM. «Es geht aufwärts mit meinem Leben», sagt er. In seinen Augen flackert Begeisterung.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch