Nach Medikamentenskandal: Was dürfen Schwangere noch nehmen?

Ein Epilepsiemittel hat schwere Gesundheitsschäden bei ungeborenen Kindern verursacht. Welche Arzneien unbedenklich sind und was Fachleute raten.

Frauen mit Kinderwunsch, die Medikamente nehmen, sollten sich vor der Schwangerschaft beraten lassen. Foto: DusanManic, iStock

Frauen mit Kinderwunsch, die Medikamente nehmen, sollten sich vor der Schwangerschaft beraten lassen. Foto: DusanManic, iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwangere sollten keine Medikamente nehmen. So lautet das Credo. Die Realität ist jedoch eine andere: Laut einer internationalen Studie nehmen 80 Prozent der Frauen im Verlauf der Schwangerschaft irgendwelche Arzneimittel. Oftmals haben sie gar keine andere Wahl, weil die Krankheit, gegen die sie die Substanzen schlucken, für das Ungeborene gefährlich wäre. Oder sie wissen noch nichts von ihrer Schwangerschaft. Rund die Hälfte aller Schwangerschaften entstehen ungeplant.

In der letzten Woche machte ein Medikamentenskandal um das Epilepsiemittel Depakine, den die «SonntagsZeitung» aufdeckte, Schlagzeilen (zum Bericht). Obwohl die Gefahren hätten bekannt sein sollen, bekamen schwangere Frauen Depakine, und ihre Kinder haben nun schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen. Das Epilepsiemittel ist Teil eines grösseren Problems. Es gibt zu wenig Forschung, welche Substanzen für Schwangere sicher sind und welche nicht. Wissenschaftler fordern nun vom Bund mehr finanzielle Mittel, um die Situation zu verbessern. Verschiedene europäische Länder sind in diesem Bereich deutlich weiter als die Schweiz.

Aktueller Forschungsstand

Die Forschung zum Thema ist anspruchsvoll. Schwangere dürfen nicht an klinischen Studien teilnehmen. Niemand möchte das Ungeborene unnötigen Risiken aussetzen. Es gibt zwar Tierversuche zum Thema, doch die Resultate lassen sich nicht einfach auf den Menschen übertragen, sondern geben nur gewisse Hinweise, wo Vorsicht angebracht ist.

Deshalb ist es ein aufwendiges, langwieriges Unterfangen, Daten zu möglichen Gefahren zusammenzutragen. Die Wissenschaftler müssen Fall­berichte von Schwangeren sammeln, die Medikamente eingenommen haben und bei denen sich mögliche Auswirkungen auf ihre Babys zeigen. Mit diesen Fallberichten lassen sich mit der Zeit Datenbanken aufbauen und Gefahren dokumentieren.

Was Frauen tun können, die schwanger sind oder es werden wollen und Medikamente brauchen:

1. Auf Medikamente setzen, die schon länger auf dem Markt sind

«Ein wichtiger Grundsatz für schwangere Frauen ist, möglichst keine Medikamente einzunehmen, die noch nicht lange auf dem Markt sind», sagt die Pharmakologin Alice Panchaud vom Universitätsspital Lausanne (Chuv). Panchaud forscht seit Jahren zum Thema Schwangerschaft und Medikamente. Wenn ein Arzneimittel erst kurz auf dem Markt ist, gibt es noch keine Berichte über problematische Nebenwirkungen und mögliche Gefahren für das Ungeborene, weil es eben Zeit braucht, um diese Berichte zu sammeln.

2. Sich vor der Schwangerschaft beraten lassen

Trotzdem kann es für das Ungeborene gefährlich sein, wenn die werdende Mutter auf alle Medikamente verzichtet. «Wir haben immer wieder das Problem, dass Frauen alles absetzen, sobald sie schwanger sind», sagt Panchaud. Einfach alles abrupt zu stoppen, sei nie eine gute Lösung. Das Chuv hat eine Beratungsstelle, bei der sich auch Ärzte aus der Deutschschweiz im Zweifelsfall erkundigen können.

Panchaud rät allen Frauen mit Kinderwunsch, die Medikamente nehmen, sich unbedingt vor der Schwangerschaft beraten zu lassen. Meist gebe es eine Möglichkeit, die Therapien auf Substanzen umzustellen, die für das Ungeborene nicht gefährlich seien. «Erst in der Schwangerschaft alles umzustellen, ist viel anspruchsvoller. Dann ist es oftmals schwierig, eine chronische Krankheit zu stablisieren.»

3. Tipps für Epilepsie, Asthma, Infektionen

Epilepsie ist eine der Krankheiten, die während der Schwangerschaft unbehandelt für Mutter und Kind ein grosses Risiko sind. Allerdings ist Depakine (Valproinsäure) nicht das einzige Präparat, das für die Behandlung zur Verfügung steht. Bei Frauen, die auf keine andere Substanz ansprechen, versuchen die Ärzte, die Dosierung zu senken und möglichst über den Tag zu verteilen.

Auch Schwangere, die beispielsweise Asthma haben, dürfen nicht auf Medikamente verzichten, weil Sauerstoffmangel für das Ungeborene gefährlich sein kann. Infektionen müssen die Ärzte ebenfalls behandeln, auch wenn es nicht für alle Antibiotika verlässliche Daten gibt. Doch es gilt der Grundsatz: Eine unbehandelte bakterielle Infektion ist für das Kind gefährlicher als ein zu wenig untersuchtes Antibiotikum.

4. Umgang mit Antidepressiva

«Rund ein Viertel aller Anfragen betrifft bei uns Psychopharmaka», sagt Stephanie Padberg, Ärztin an der Charité Berlin. Die Charité hat bereits eine Datenbank aufgebaut zu in Deutschland erhältlichen Medikamenten. Unter Embryotox.de kann man die Gefahren von Substanzen abfragen. Auch bei psychischen Erkrankungen sei es keine gute Idee, die Medikamente ersatzlos zu streichen, wenn Frauen beispielsweise unter psychotischen Schüben oder schweren Depressionen litten. Eine unbehandelte Depression kann zudem das Risiko erhöhen, dass die Frauen nach der Geburt an einer postpartalen Depression erkranken.

«Kaum eine Medikamentengruppe ist für den Gebrauch in der Schwangerschaft so häufig studiert worden wie die antidepressiv wirksamen SSRI», sagt Padberg. Es gibt Unterschiede zwischen den SSRI, Sertralin gilt beispielsweise als wenig problematisch. Auch in der Stillzeit, wenn eine postpartale Depression vorliegt, können die Frauen es einnehmen.

5. Was für stillende Mütter gilt

Während des Stillens müssen die Mütter ebenfalls darauf achten, was für Tabletten sie schlucken. Aber die Situation ist weniger heikel. Das Neugeborene reagiert nicht so empfindlich wie das Ungeborene, und die Konzentrationen in der Muttermilch sind meist nicht hoch. Die Forschungsinitiative IMI der EU hat im Oktober das grosse Forschungsprojekt Conception gestartet, bei dem die Auswirkungen von Medikamenten in der Stillzeit erforscht werden sollen. Auch die Universität Genf und Alice Panchaud sind beteiligt.

6. Aknemittel ist tabu

Die Fachleute kennen inzwischen einige Medikamente, die für Schwangere tabu sind. Ein bekanntes Beispiel ist das Aknemittel Roaccutane. Es kann zu schweren Fehlbildungen führen. Nur wer konsequent verhütet, darf es verschrieben bekommen. Heikel ist Roaccutane vor allem im ersten Drittel der Schwangerschaft. Eine Warnung findet man auch auf dem Beipackzettel.

7. Umgang mit Schmerzmitteln

Während der ersten drei Monate reagiert das Ungeborene am stärksten, weil dann die Organbildung stattfindet. Trotzdem kennt auch diese Regel Ausnahmen, beispielsweise bei den Schmerzmitteln Ibuprofen und Aspirin. Sie sind erst ab der 28. Schwangerschaftswoche heikel, weil sie dann die Gefahr steigern, dass sich ein wichtiges Gefäss zwischen Herz und Lunge schliesst. Allerdings geschieht das meist nur bei regelmässiger Einnahme.

Paracetamol galt lange als Mittel der ersten Wahl in der Schwangerschaft. In den letzten Jahren erschienen allerdings auch einige kritische Studien. Das Schmerzmittel soll das Risiko für einen Hodenhochstand, für Allergien oder Autismus erhöhen. Klare Belege gibt es aber nicht, und die deutsche Datenbank Embryotox stuft Paracetamol noch immer als empfehlenswert ein.

8. Medikamente gegen Übelkeit und Rheuma

Eine Warnung hat die Europäische Medizinalagentur (EMA) kürzlich für das Mittel Ondansetron veröffentlicht, das bei Übelkeit zum Einsatz kommt und bei schwerer Schwangerschaftsübelkeit nicht eingenommen werden sollte. Die Forscher vermuten, dass es zu Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten führen könnte. Auch Medikamente, die bei rheumatischen Erkrankungen verschrieben werden, gewisse alte Blutverdünner, die Frauen mit einer künstlichen Herzklappe einnehmen müssen, und gewisse Immunsuppressiva, nach Organtransplantationen, sind ebenfalls heikel. Im Zweifelsfall sollte man sich mit der Gynäkologin absprechen.

9. Grippe- und Erkältungstipps

Und was macht man bei Erkältungen und Grippe, die jeden plagen können? Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt für Schwangere die vorbeugende Grippeimpfung, weil eine Grippe für das Ungeborene ebenfalls riskant sein kann. Bei Erkältungen rät die Charité-Expertin zu «ins Bett legen und viel trinken». Allerdings sind Nasensprays bei kurzzeitigem Einsatz auch nicht problematisch.

Einig sind sich die Expertinnen, dass es dringend mehr Anstrengungen in diesem Bereich braucht. «Bei unseren Beratungen fühlt man sich manchmal, wie wenn man im Nebel Ski fährt», sagt Panchaud. Mögliche Gefahren könne man höchstens erahnen. «Und dieses Gefühl hasse ich wirklich.»

Erstellt: 16.01.2020, 11:52 Uhr

Mehr Mittel für die Forschung

Die Schweiz müsse mehr Mittelin die Erforschung von Medikamenten stecken, die für Schwangere unbedenklich seien, fordern Wissenschaftlerinnen wie Alice Panchaud vom Universitätsspital Lausanne. Panchaud arbeitet momentan an einer kleinen Studie zum Thema, bei der sie Daten der Krankenkasse Helsana nützen kann. Auch die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Perinatale Pharmakologie (SAPP) setzt sich dafür ein, dass Daten zur Medikamenteneinnahme in der Schwangerschaft in grösserem Stil gesammelt werden. Beim BAG will man zwar aktiv werden, das aber frühestens nächstes Jahr. Zuerst wollen die Verantwortlichen abwarten, wie sich die Datenbank Swisspeddose.ch, zur Dosierung von Arzneimitteln bei Kindern, bewährt. Sie ist seit Frühling 2018 aufgeschaltet. (abr)

Artikel zum Thema

Medikament schädigt das Hirn von Kindern schwer

In der Schweiz bringen Dutzende Frauen Babys mit Hirnschäden zur Welt, nun gibt es Klagen gegen Hersteller und Ärzte. Betroffene Familien erzählen. Mehr...

Medikamentenskandal: «Familien brauchen schnelle Hilfe»

Ein Epilepsie-Medikament hat Dutzende Kinder schwer geschädigt. Politiker fordern Entschädigungen für die betroffenen Familien. Mehr...

Medikamentenskandal: Drei weitere Kinder betroffen

Die Heilmittelbehörde sucht nach weiteren Kindern, die durch das Medikament Depakine hirngeschädigt wurden. Bereits wurden neue Fälle gemeldet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...