Mit günstigen Schallwellen eine teure Operation verhindern

Sie hilft bei entzündeten Sehnen, Nierensteinen und Tennisarmen: die Schalltherapie. So funktioniert sie.

Schmerzt bei jedem Schritt: Eine Entzündung der Achillessehne. Foto: Getty Images

Schmerzt bei jedem Schritt: Eine Entzündung der Achillessehne. Foto: Getty Images

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Schulthess Klinik Zürich, Abteilung Fusschirurgie. Ein Patient liegt bäuchlings auf dem Behandlungstisch. Oberärztin Simone Zwicky drückt einen Schallkopf, dessen Form einem Babyfläschchen ähnelt, gegen seine Fersenrückseite. Aus dem hüfthohen Gerät am Fussende der Liege ertönt ein nerviges Geräusch, das an einen elektrischen Viehzaun erinnert. «Zz, zz, zz, zz» macht es ununterbrochen, rund viermal pro Sekunde. Extrakorporale Stosswellentherapie: So lautet der zungenbrecherische Name dieser etablierten Behandlungsform, die in der Bevölkerung allerdings wenig bekannt ist. Abgekürzt heisst sie ESWT.

Der Patient ist Urs Angst aus dem zürcherischen Wallisellen, 72 Jahre alt. Seit seinem 40. Lebensjahr macht ihm seine linke Achillessehne Probleme. Er nahm damals an einem Halbmarathon im Engadin teil und verspürte dabei urplötzlich einen Schmerz am hinteren Unterschenkel. «Mein Grind liess es nicht zu, dass ich aufgab, also lief ich weiter», erinnert sich der Inhaber einer Metzgerei. «Achillodynie» lautete die Diagnose der Ärzte. Das ist eine Entzündung und Verdickung der Achillessehne, also jener Sehne, die das Fersenbein mit der Wadenmuskulatur verbindet und beim Gehen das Abheben der Ferse vom Boden ermöglicht.

Über die Jahre hat Urs Angst alles gegen seine chronisch gewordenen Schmerzen unternommen, was das medizinische Lehrbuch kennt: Kühlung, Schonung, entzündungshemmende Medikamente, Eigenbluttherapie. Entlastende Bandagen, Schuheinlagen zur Absatzerhöhung, Ruhigstellung durch einen Gips, leichtes Training, heilgymnastische Übungen, Kortisonspritzen. Nichts brachte jedoch den gewünschten Erfolg. «Was mir am ehesten noch Linderung verschaffte – zumindest vorübergehend –, war Wallwurzsalbe», sagt Urs Angst. Zuletzt wurden die Schmerzen aber so heftig, dass auch dies nichts mehr brachte. Er konnte kaum noch gehen, das Treppensteigen war unmöglich. Er vereinbarte einen Termin bei der Orthopädin Simone Zwicky. Sie war es, die ihm zu einer Stosswellentherapie riet.

Akustische Wellen einsetzen

Um genau zu verstehen, was extrakorporale Stosswellen sind, müsste man Physiker sein. Für alle anderen lässt es sich wie folgt erklären: In dem Gerät werden aus elektrischer Energie akustische Wellen erzeugt. Also Schallwellen, wie jene, die als Musik aus dem Lautsprecher kommen. Jedoch mit einem Unterschied: Stosswellen sind besonders energiereiche Schallwellen, die innert Nanosekunden sehr stark ausschlagen, sprich einen sehr hohen Druck aufbauen. «Weil sich diese Wellen im Körpergewebe gut ausbreiten können, sind sie dazu geeignet, gezielte Druckimpulse auf Stellen im Inneren des Körpers zu leiten und dort Heilungsprozesse anzustossen», sagt Simone Zwicky. Da die Wellen ausserhalb des Körpers erzeugt werden, nennt man sie «extrakorporal».

Wo die Stosswellen wirken

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Ursprünglich wurde die ESWT dazu verwendet, schmerzhafte Harn- oder Nierensteine zu zertrümmern, damit sie mit dem Urin ausgeschieden werden können. Erst in den 1990er-Jahren wurden Stosswellen auch für die Orthopädie, die Sportmedizin und die Rheumatologie entdeckt. Und dies eher zufällig: Aus Angst, die hochenergetischen Druckpulse gegen die Nierensteine könnten die umliegenden Beckenknochen schädigen, wurden die Effekte auf die Knochen genauer untersucht. Mit dem Resultat, dass diese nicht nur unbeschadet blieben, sondern sich sogar regenerierten, falls sie bereits Schäden aufwiesen. Heute wird ESWT gezielt bei Knochen eingesetzt, die nach einem Bruch nicht recht verwachsen wollen. Der Fachbegriff dafür ist Pseudoarthrose. Die auf die Bruchstelle gerichteten Stosswellen regen die Bildung neuer Knochenzellen an und beschleunigen so die Heilung des Knochens.

Einsatz bei entzündeten Sehnen

ESWT hat auch auf eine Reihe weiterer, schmerzhafter Krankheitsbilder eine positive Wirkung. Selbst auf solche, bei denen gängige Therapiemethoden keine Besserung bringen. Neben der Achillodynie, Urs Angsts jahrelangem Leiden, zählen etwa der Fersensporn (Fasziitis plantaris), die Haglund-Ferse, die Kalkschulter, der Tennis- und der Golfer-Ellbogen, die Trochanteransatz-Entzündung (am Oberschenkelknochen) sowie das Kniescheibenspitzen-Syndrom dazu. Bei all diesen Erkrankungen hat sich eine Sehne durch chronische Überbelastung entzündet. Als Reaktion auf die mikroskopisch kleinen Verletzungen lagert der Körper mit der Zeit Kalk ein, weshalb Ärzte auch von «Sehnenverkalkungen» sprechen. Meist ist der Ansatz der Sehne betroffen, also dort, wo sie am Knochen befestigt ist. Mit Ausnahme der Achillessehnen-Entzündung: Hier geht das Leiden auch häufig vom mittleren, schlecht durchbluteten Abschnitt der Sehne aus.

Die Stosswellen setzen vermutlich die Empfindlichkeit der Schmerzfasern herab: Behandlung am Fuss. Foto: Schulthess Klinik

Auf welche Weise genau Stosswellen diese verkalkten Sehnen genesen lassen, ist nicht restlos geklärt. Ursprünglich gingen Ärzte davon aus, dass sie die Kalkdepots in den schmerzenden Sehnen «auflösen», wie es auch bei den Nierensteinen der Fall ist. Aber ein Fersensporn wird nicht einfach zertrümmert. Er kann im Röntgenbild noch jahrelang sichtbar bleiben, doch er schmerzt nicht mehr, weil die Entzündung des umliegenden Gewebes abgeklungen ist. Mittlerweile vermutet man, dass die Stosswellen die Empfindlichkeit der Schmerzfasern herabsetzen. Wie genau das passiert, weiss man aber noch nicht. Tatsache ist: Durch die mechanischen Druckpulse bilden sich viele neue, feine Blutgefässe, und diese verbessern den Abtransport von Entzündungsstoffen und den Hintransport von heilenden Botenstoffen und Wachstumszellen zu den lädierten Körperstellen.

Spüren tut der Patient die Stosswellen als schwer definierbares «Klopfen». Urs Angst beschreibt es als «etwas unangenehm». Steigert Simone Zwicky jedoch langsam die Intensität, wird auch der Schmerz stärker und strahlt bis zum Knie aus. Die Geräusche aus dem Stosswellengerät sind jetzt hörbar langsamer und lauter. Urs Angst atmet durch die zusammengebissenen Zähne ein und unterbricht die Unterhaltung mit seiner Ärztin für einen Moment. Diese beruhigt ihn: «Keine Angst, wir gehen nie über die Schmerzgrenze hinaus. Es soll immer gerade noch erträglich sein.» Schmerz sei eben auch ein Zeichen dafür, dass die Stosswellen die richtige, entzündete Stelle treffen. Schwindet die Entzündung, tut die Behandlung weniger weh. Manche Patienten entwickeln deshalb einen regelrechten Masochismus, wie Simone Zwicky schmunzelnd sagt: «Denn sie wissen: Je mehr Energie man aushält, desto effektiver ist die Therapie.»

Neue Anwendungsgebiete

Es gibt zwei verschiedene Typen von Stosswellen: Die sogenannt fokussierten wirken auf einen ganz bestimmten Punkt, der bis zu zehn Zentimeter im Innern des Körpers liegen kann. Diese kommen auch bei Urs Angst zum Einsatz. Radiale Stosswellen hingegen sind für eher flächige, massageartige Anwendungen direkt auf der Haut geeignet, zum Beispiel um Verklebungen in den Faszien zu lösen. Diese werden auch von Physiotherapeuten eingesetzt.

Weil Stosswellen ein grosses Potenzial haben, funktionsgestörte Gewebe wieder herzustellen, ist die Forschung bestrebt, die Anwendungsgebiete auszuweiten. So scheint etwa Cellulite gut auf die Behandlung mit Stosswellen anzusprechen, dasselbe gilt für schwer heilende Wunden. Auch im Zusammenhang mit schweren Herzerkrankungen und Durchblutungsstörungen des Knochens werden grosse Hoffnungen auf die Technologie gesetzt. Abschliessende wissenschaftliche Beweise über die Wirksamkeit sind in manchen Gebieten allerdings noch ausstehend.

Die Angst vor einer Strahlenbelastung ist unbegründet. Denn Stosswellen haben nichts mit Röntgenstrahlen zu tun.

Dort, wo die Anwendung von ESWT schon länger Standard ist, weiss man: Sie kommt für fast jeden Patienten in Frage. Nur in wenigen Fällen sollte von einer Behandlung abgesehen werden. Etwa bei bösartigen Tumoren im Behandlungsgebiet, bei schwerwiegenden Blutgerinnungsstörungen, bei Trägern von Herzschrittmachern oder bei schwangeren Frauen – jedenfalls in Bauchnähe.

Auch bei Kindern, die noch wachsen, wird die Anwendung vorsichtshalber vermieden. «Nebenwirkungen gibt es kaum, ausser einer vorübergehenden Schmerzzunahme am Tag der Behandlung, einer lokalen Rötung oder – ganz selten – einem Bluterguss», sagt Simone Zwicky. Auch die Angst vor einer Strahlenbelastung ist unbegründet. Denn Stosswellen haben nichts mit Röntgenstrahlen zu tun, und sie sind auch nicht radioaktiv. Angesichts ihrer vielen Vorteile findet es Simone Zwicky schade, dass die Krankenkassen-Grundversicherung die Kosten für eine Stosswellentherapie nicht bezahlt. Die rund 100 bis 200 Franken pro Einzelsitzung müssen vom Patienten selbst berappt werden. Nur in manchen Fällen übernimmt die Zusatzversicherung einen gewissen Pauschalbetrag. «Viele können sich deswegen die Therapie nicht leisten», wie Simone Zwicky weiss.

Erholungszeit verkürzen

Dabei kann eine Stosswellentherapie in den Augen der Expertin, wenn diese denn erfolgreich ist, oft enorm Kosten einsparen: «Nicht selten erleben wir, dass eine teure und aufwendige Operation dadurch überflüssig wird.» Da so auch die lange Erholungszeit wegfalle, könne der Patient zudem schneller an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Urs Angst hat in seiner Verzweiflung fast einer Operation zugestimmt, bei der das chronisch entzündete Gewebe um die Sehne herum entfernt worden wäre. Dies steht nun nicht mehr zur Diskussion. Seine fünfte und letzte Behandlung liegt Monate zurück. «Seither habe ich null Schmerzen», sagt er. «Meiner Achillessehne geht es super.» Sportlich kann er wieder all das machen, was ihm gefällt – sogar joggen. Ein Marathon müsse es allerdings nicht mehr sein.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 09.10.2018, 18:50 Uhr

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Die Wirkung der Therapie ist belegt

Die extrakorporale Stosswellentherapie wird seit rund 30 Jahren erfolgreich bei Pseudoarthrose und Sehnenverkalkungen eingesetzt. Ihre Wirkung ist mittlerweile durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien belegt. Allerdings steht es um die Heilungschancen nicht bei allen Krankheitsbildern genau gleich gut. Ein Fersensporn oder eine klassische Achillodynie etwa heilt gemäss Studien in über 80 Prozent der Fälle aus – «sofern der Patient das Problem nicht schon jahrelang mit sich herumgetragen hat», wie die Orthopädin Simone Zwicky von der Zürcher Schulthess Klinik relativiert. Bei der Haglund-Ferse, welche stechende Schmerzen an der Fersenrückseite verursacht, stehen die Chancen etwa 50:50. Simone Zwicky: «Ein Versuch ist das allemal wert, bevor man monatelang Schmerzmittel einwirft oder zum Skalpell greift.» Spricht ein Patient auf die Stosswellen an, geht die Spezialistin davon aus, dass es bei schlecht heilenden Knochenbrüchen bis zu zehn Behandlungen à je 15 Minuten in wöchentlichen Abständen braucht. Eine Sehnenentzündung hingegen ist häufig schon mit fünf Sitzungen in den Griff zu kriegen.

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