Gedanken lesen – mit manipulierten Daten

Der renommierte Mediziner Niels Birbaumer wird von der Wissenschaft abgestraft. Seine spektakulärste Entdeckung ist unhaltbar.

Die Forschungsgemeinschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen Niels Birbaumer. Er soll Resultate seiner Studien gefälscht haben. Foto: DPA

Die Forschungsgemeinschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen Niels Birbaumer. Er soll Resultate seiner Studien gefälscht haben. Foto: DPA

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Es ist ein tiefer Sturz. Die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) hat Niels Birbaumer fünf Jahre lang gesperrt: In dieser Zeit darf der renommierte Hirnforscher weder Gelder beim wichtigsten deutschen Förderer von Grundlagenforschung beantragen, noch darf er als Experte die DFG-Anträge von Kollegen begutachten. Abgesehen von einer strafrechtlichen Verurteilung gibt es kaum eine schwerere Sanktion im Feld der Wissenschaft.

Die Vermutung steht im Raum, dass Birbaumer seine spektakulärste Entdeckung gefälscht haben könnte. 2017 hatten er und seine Mitarbeiter eine mit Sensoren gespickte Kopfhaube vorgestellt, mit der sie angeblich die Hirnaktivität von vollständig gelähmten Menschen so genau interpretieren konnten, dass sie ein gedachtes Ja von einem gedachten Nein unterscheiden konnten. Menschen, die nicht einmal mehr zu einer Augenbewegung fähig waren, sollten wieder mit ihrer Umwelt kommunizieren können – indem man ihre Gedanken las. Eine Sensation, über die rund um die Welt berichtet wurde.

Professor seit 1975

Bei amyotropher Lateralsklerose (ALS) verliert ein Patient die Kontrolle über seine Muskeln, bleibt aber im Besitz seiner geistigen Fähigkeiten. Berühmtestes Beispiel war der Physiker Stephen Hawkings, dessen ALS langsam voranschritt. Er konnte bis zuletzt mit technischer Hilfe kommunizieren.

Der 74-jährige Birbaumer ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Der in der ehemaligen Tschechoslowakei geborene Österreicher hat Hunderte wissenschaftliche Artikel publiziert, mehr als zwei Dutzend Bücher geschrieben, die wichtigsten deutschen Forschungspreise und mehrfach die Ehrendoktorwürde erhalten. 1975, kaum 30 Jahre alt, wurde er Professor an der Universität Tübingen, wo er seit seiner Emeritierung 2013 weiter als Seniorprofessor arbeitet. Er forscht auch am «Wyss Center for Bio- and Neuroengineering» in Genf.

Er hält an seinen Ergebnissen fest

Erste Zweifel an der spektakulären Kommunikation mit Patienten, die als «komplett eingeschlossen» gelten, kamen schon 2018 auf. Ein Computerexperte in Tübingen hatte nachgerechnet: Die publizierten Daten konnten nicht stimmen. Er richtete sich direkt an den Professor. Als dieser ihn abwies, meldete er seinen Verdacht der Universität. Diese leitete nach einigem Druck eine interne Untersuchung ein, die zu einem eindeutigen Schluss kam: Birbaumer hatte Daten, die nicht zu den gewünschten Ergebnissen passten, ausgelassen; er hatte nicht all seine Befunde mit Daten unterlegt; und seine statistische Analyse war fehlerhaft.

Der Professor verteidigt seine Ergebnisse bis heute und räumt höchstens geringe Versäumnisse ein. Hier und da habe es technische Probleme gegeben, oder die Untersuchung eines schwer kranken Menschen musste unterbrochen werden, weil sein Zustand sich verschlechtert hatte. Aber: «Die Studien zeigen, dass es möglich ist, mit Patienten zu kommunizieren, die vollständig gelähmt sind», betonte Birbaumer am Donnerstag.

Daran zweifelt inzwischen die Fachwelt, das zeigt auch die DFG-Strafe. Ob ein Patient Ja oder Nein gedacht hatte, konnte Birbaumer zu keiner Zeit wissen.

Erstellt: 20.09.2019, 18:06 Uhr

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