Mit mexikanischen Pilzen gegen Depressionen

Der Neurowissenschafter Franz Vollenweider testet das LSD-ähnliche Psilocybin gegen Depression. Mit Erfolg.

«Wir sind eins, und das ist gut so.» Franz Vollenweider beschreibt Gefühle bei der Einnahme von Psilocybin. Foto: Robert Huber

«Wir sind eins, und das ist gut so.» Franz Vollenweider beschreibt Gefühle bei der Einnahme von Psilocybin. Foto: Robert Huber

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Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Burghölzli genannt, befindet sich unweit des Stadtzentrums auf dem Burghölzli-Hügel. Nebenan ist ein Weinberg, zur anderen Seite hin grasen Schafe. Hier, in einem Seitenflügel des schlossähnlichen Gebäudes, arbeitet der Psychiater und Neurowissenschafter Franz Vollenweider.

Vollenweider forscht seit 1990 mit Psilocybin. Psilocybin ist der aktive Wirkstoff der sogenannten Magic Mushrooms und wurde, wie schon zuvor LSD, vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann isoliert, 1958 war das. Psilocybin wirkt auf dieselben Rezeptoren im Gehirn wie LSD, aber der Rausch ist kürzer, weshalb es sich besser für die Forschung eignet. Es ist praktikabler.

Franz Vollenweider führt die weltweit erste placebokontrollierte Studie mit Psilocybin zur Behandlung von Depressionen durch. Die Studie wird zum Grossteil mit Staatsmitteln finanziert. Die medizinische Forschung mit Psychedelika wird wieder ernst genommen. In den USA erhielt ein psilocybinhaltiges Präparat im Oktober von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) «Breakthrough Therapy»-Status, was bedeutet, dass die Entwicklung dieses Arzneimittels beschleunigt werden soll.

Die FDA steht immer wieder in der Kritik, sie lasse wegen des Drucks aus der Pharmalobby zu schnell Therapien zu. An dem Präparat wird jetzt jedenfalls mit Nachdruck weiter geforscht. Hinter dem Präparat steckt eine Firma namens Compass mit Hauptsitz in London, die von Silicon-Milliardären wie dem Paypal-Gründer Peter Thiel finanziert wird.

Heilung durch Magie

Vollenweider sieht ein wenig aus wie der Lehrer, den man sich immer gewünscht hätte. Graue Haare, weisser Schnurrbart, Brille. Sein silbernes Armband signalisiert irgendwie Fernweh. Er kam von den Naturwissenschaften über die Psychologie zur Erforschung von Psychedelika und ihrer Wirkung, hat sich ausserdem mit Buddhismus und Tiefenmeditation beschäftigt, was ihn zu einem guten Gesprächspartner für dieses Thema macht, bei dem sich die Grenzen zwischen Biologie, Metaphysik und Philosophie selbst da vermischen, wo sich alles im klinischen Rahmen der Neurowissenschaften abspielt.

Neue Studien der Johns Hopkins University, der University of California (UCLA), der New York University oder auch des Imperial College in London deuten darauf hin, dass Psilocybin das Potenzial hat, die Lebensqualität von Todkranken zu erhöhen, gegen Alkohol-, Nikotin- und Kokainsucht zu helfen, auch bei Depressionen.

Der Konsum ist in der Schweiz verboten: So sehen die halluzinogenen Pilze aus. Foto: Keystone

«Es war für uns schon fast ein bisschen Magie, was wir in den Studien aus Amerika und England gesehen haben», sagt Franz Vollenweider. «Die Symptome der Depression gehen fast auf null, eine einzige Anwendung hat mehrere Monate lang einen Effekt. Das hatte ich noch nie gesehen. Aber so sind die Daten.»

An seiner laufenden Psilocybin-Studie nehmen 60 Personen mit mittelschwerer Depression teil. Man befindet sich im ersten Drittel, und bereits jetzt zeichne sich ab, sagt Vollenweider, dass auch in Zürich die Patienten von einer einmaligen Psilocybin-Erfahrung tief beeindruckt seien. «Es beschäftigt sie, dass sie so intensive Gefühle erleben können, eine Verbundenheit mit der Welt, das geht fast ins Spirituelle hinein.» Als Nächstes wird er eine Psilocybin-Studie mit Alkoholsüchtigen machen, eine europäische Koproduktion. Sie ist bereits bewilligt.

Die Sitzungen im Burghölzli finden in einem kleinen Raum statt, der auf die Art wohnlich eingerichtet ist wie Bahnhofhotelzimmer für Businessreisende: grauer Teppichboden, zwei Sessel, Tischchen, ausziehbares Sofa. Vor dem Fenster stehen auf dem Boden drei dünne Pflanzen. An den Wänden hängen Bilder: eine Berglandschaft, ein Buddha, die Kuppeln einer Kathedrale, es ist sozusagen für jeden etwas dabei.

Vollenweider träumt davon, dass es dereinst Meditationszentren gibt, in denen auch Gesunde vom Mysterium der Pilze profitieren können.

Durch die Fenster, die auf einen üppig grünen Park hinausgehen, sind immer wieder Passanten zu sehen, die nichtsahnend draussen vorbeigehen. Während einer Sitzung werden die leichten weissen Vorhänge zugezogen, aber es bleibt hell im Raum. Ohnehin wird sich hier niemand abgetrennt von der Welt fühlen, dafür singen die Vögel zu laut.

Es stelle sich immer schnell heraus, wer etwas kriegt

Die Probanden treffen – jeweils einzeln – um neun Uhr ein. Sie sollen leicht gefrühstückt haben, das Gehirn braucht Zucker. Sie bekommen eine Augenbinde und Kopfhörer, über die Musik eingespielt wird. Im Internet finden sich Kompilationen dieser Musik. Sie klingt wie erwartet, als hätte der Komponist zu lange in eine Lavalampe geschaut.

Der amerikanische Autor und Harvard-Dozent Michael Pollan fand diese schwimmenden Klänge bei seinen eigenen Selbstversuchen in den USA so grauenvoll, dass er immer seine eigene Musik mitbrachte: Bachs Cello-Suite Nr. 2 in d-Moll, gespielt von Yo-Yo Ma. Sowohl Kopfhörer als auch Augenbinde sollen der Innenschau dienen. Anders als bei einer LSD- oder Pilz-Erfahrung, die Menschen am Strand oder im Wald machen, soll für einen medizinischen Effekt die Aussenwelt zurücktreten, um einer Erkundung der inneren Welt Platz zu machen. Ein Therapeut bleibt die ganze Zeit im Raum.

Die Hälfte der Probanden bekommt 18 bis 25 mg Psilocybin in Kapselform, die andere Hälfte ein Placebo. Wer was kriegt, weiss keiner, aber es stelle sich eigentlich immer recht schnell heraus, wer was bekommen habe, sagt Franz Vollenweider.

Man weiss, dass man träumt

Etwa zwanzig bis dreissig Minuten nach der Einnahme gehe es los, dann spüre der Proband erste Effekte, «vielleicht wird die Musik plötzlich anders wahrgenommen, vielleicht kommen Bilder, das kann man sich vorstellen wie einen Traum, bei dem man aber weiss, dass man ihn träumt». Nach einer Stunde sei der Höhepunkt der Wirkung erreicht, dieser halte etwa eineinhalb Stunden an, dann flache alles ab. Zwei bis drei Stunden später ist der Proband nüchtern, er kann abgeholt und wieder nach Hause begleitet werden.

Wenn Vollenweider von den Rauschzuständen erzählt, umspielt manchmal ein leichtes Lächeln seine Mundwinkel, als gebe es eine Pointe, die nur verstehen kann, wer diese Erfahrung mal gemacht hat.

Etwa 900 Probanden hat Vollenweider nach eigener Schätzung mit Psilocybin mittlerweile behandelt, einen «Horrortrip» gab es seiner Auskunft nach nie. «Bei mittlerer Dosierung, wie wir sie geben, treten zwar Illusionen auf, hier im Raum könnte der Buddha aus dem Bild heraustreten, die Pflanzen mit der Musik pulsieren oder so etwas, aber das wird nicht als bedrohlich empfunden, sondern als das, was es ist – eine veränderte Sinneswahrnehmung.»

Und was macht bei all den Wahrnehmungen den antidepressiven Effekt aus, was sorgt dafür, dass Menschen sogar die Angst vor dem Tod verlieren?

«Man hat das Gefühl, eins zu sein mit der Umwelt»

Es gibt im Gehirn eine Partie, die für das autobiografische Selbst zuständig ist, das «Default Mode Network», eine Gruppe von Gehirnregionen im Kortex, verantwortlich etwa für die ewigen inneren Immer-hab-ich-Pech-Monologe, oder das typische, kreisende Grübeln bei Depressiven, aber auch für Zeitreisen, also etwa das Nachdenken über Vergangenes (das verlorene Paradies der Kindheit etwa) oder Sorgen um die Zukunft. Es wurde festgestellt, dass Psilocybin genau wie Tiefenmeditation einen Einfluss auf diesen Teil des Gehirns hat.

«Es findet eine Ichauflösung statt», sagt Vollenweider, «eine Selbstauflösung, Entgrenzung, man hat das Gefühl, eins zu sein mit der Umwelt.»

Das könne als bedrohlich empfunden werden, da wir alle extrem darauf trainiert seien, uns mit unserem Ego zu identifizieren. «Es ist im Prinzip das Ziel, das Buddhisten haben, Selbsttranszendenz, in etwas Grösserem aufzugehen. Dazu kommt ein Gefühl von Verbundenheit. Also: Wir sind eins, und das ist gut so. Das ist ein sehr positives Gefühl. Man fühlt sich wieder eingebettet ins Leben, zugehörig zur Welt. Das Grübeln wird unterbrochen, man hat eine andere Perspektive zu sich und der Welt eingenommen, und das Wissen, dass dies möglich ist, dass man alles auch anders bewerten kann, scheint das Existenzielle an der Erfahrung zu sein.»

Gegen die Legalisierung

Im Gehirn entstünden neue Verknüpfungen, die Netzwerke, die mit dem Selbst zu tun haben, würden neu organisiert. Ausserdem erleichtere Psilocybin den Zugang zu Verdrängtem, es kämen alte Gefühle wieder hoch, könnten nochmals erlebt werden, aber mit dem Bewusstsein von heute. «Dadurch wird Spannung abgebaut, und die Macht, die diese Gefühle über einen haben, nimmt ab.»

Im Prinzip klingt das wie eine Turbo-Psychotherapie, einmal Psilocybin, und man kann sich Jahre auf der Couch sparen? «Es ist nicht Entweder-oder», sagt Vollenweider: «Es muss psychotherapeutisch eingebettet sein.» Deshalb ist Franz Vollenweider auch nicht für eine Legalisierung von Psychedelika. Es brauche mehr Studien, «jetzt muss man zuerst mal zeigen, dass es wirkt».

Vollenweiders Traum wäre, wenn es eines Tages Meditationszentren gäbe, in denen auch Gesunde unter Anleitung und in sicherem Rahmen von dem Mysterium, das die Natur in Pilzen versteckt hat, profitieren könnten.

Erstellt: 03.07.2019, 19:59 Uhr

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