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Mit Röthlin zum Marathon

Können, sollen, dürfen Asthmakranke Sport treiben? Nein, hiess es lange. Bestimmt, heisst es heute. Zwölf trainieren mit Viktor Röthlin sogar für einen Marathon.

Claudia Moosmann ist besorgt:?«Wenn es nicht bessert, sehe ich für meine Teilnahme am Marathon schwarz.» Die 36-jährige Zürcher Stadtpolizistin hat Asthma. Und sie musste ihr Training in letzter Zeit reduzieren. «Aber nicht wegen des Asthmas, es ist das ‹Chassis›, das Probleme macht», sagt sie und greift sich ans rechte Knie:?«Es ist entzündet, sobald ich das Tempo forciere, tuts weh.»

Trainieren mit dem Profi

Der Arzt Peter Dür steht daneben und nickt: «Schonung ist jetzt wichtig, das kriegen wir schon noch rechtzeitig hin. Solche Probleme am Bewegungsapparat und an den Gelenken können beim Marathontraining, bei dem man seinen Körper sukzessive an seine Leistungsgrenzen bringt, schon mal vorkommen.» Dies keineswegs nur bei Asthmatikern, fügt er bei. Derweil ist Claudia Moosmann bereits mit einem «Das will ich mir, Knie hin oder her, natürlich nicht entgehen lassen» zu einer Gruppe sportlich aussehender Leute geeilt, die sich um einen noch sportlicher aussehenden jungen Mann geschart haben: Viktor Röthlin. Der erfolgreiche Schweizer Marathonläufer lädt an diesem Tag im Zuger Leichtathletikstadion Herti zum Training.

Viktor Röthlin, Peter Dür und Claudia Moosmann sind Teil eines Projektes, das vom Pharmaunternehmen AstraZeneca initiiert wurde und aufzeigen soll: Asthmatiker können, sofern ihr Asthma richtig therapiert wird, durchaus Sport treiben. Mehr noch: Es ist für sie sogar ratsam, Sport zu treiben.

Ziel: 42 Kilometer laufen

Seit bald einem Jahr trainieren zwölf Asthmatikerinnen und Asthmatiker unter Leitung des Zuger Sportmediziners und Lungenarztes Peter Dür und sporadisch betreut von Viktor Röthlin für den Luzern-Marathon vom 26.Oktober. Röthlin gibt bei den gemeinsamen Trainings Profitipps und wirkt als prominenter Motivator. Dür ist der stets verfügbare Ansprechpartner, läuft als begeisterter Ausdauersportler bei den Vorbereitungsläufen mit der Gruppe mit und kümmert sich um die gesundheitlichen Belange der Projektteilnehmer: «Bislang», sagt er, «gabs bei einigen Teilnehmern wie Claudia Moosmann Gelenkprobleme. Was das Asthma betrifft, ist aber alles im grünen Bereich. Ich bin zuversichtlich, dass mindestens die Hälfte von ihnen die 42 Marathonkilometer schaffen wird.»

Unmögliche Kombination

Einen Marathon finishen? Als Asthmakranker? Das war lange Zeit eine unmögliche, unvorstellbare Kombination. Denn Atemwegserkrankungen, insbesondere Asthma, galten jahrzehntelang als unvereinbar mit körperlicher Aktivität. Und auch heute noch sind viele Leute verunsichert, wenn es um die Frage geht, ob Asthmatiker Sport treiben dürfen. Dies gilt vor allem auch dann, wenn es um die Teilnahme asthmakranker Kinder am Schulsport geht. Der Grund für diese Unsicherheit ist, dass unter körperlicher Belastung häufig akute Asthmasymptome auftreten, das sogenannte Anstrengungsasthma. Dabei handelt es sich nicht um eine besondere Art von Asthma, sondern um eine seiner Formen.

Die Schwelle verschieben

«Mit Hilfe von modernen Medikamenten», sagt Peter Dür, «kann aber heute die Erkrankung gut kontrolliert werden, und die Betroffenen können ein weit gehend uneingeschränktes Leben führen.» Und vor allem: Sportliche Betätigung und regelmässiges Training führe dazu, dass die Schwelle, die überschritten werden muss, damit es zu einem Asthmaanfall kommt, sich nach oben verschiebe. «In der Folge», sagt er, «sind wesentlich grössere Anstrengungen nötig, bis es zu akuten Symptomen kommt. Das sehe ich zum Beispiel auch an den Teilnehmerinnen und Teilnehmern unseres Marathonprojekts.»

Weniger Anfälle

Claudia Moosmann, die zur Schonung ihres Knies gerade eine Intervalltrainingseinheit mit Viktor Röthlin auslässt, bestätigt dies: «Ein wenig gejoggt habe ich ja schon immer, weil ich gemerkt habe, dass mir das gut tut. Und seitdem ich mein Training im Rahmen des Projekts langsam, aber stetig ausgeweitet habe, hatte ich keinen einzigen Atemnotanfall mehr.» Mehr Selbstvertrauen Wer regelmässig Sport treibe, ergänzt Dür, werde aber nicht nur weniger durch seine Erkrankung eingeschränkt: «Das Training hilft auch bei der Tagesstrukturierung und wirkt sich sehr positiv auf das Selbstvertrauen aus. Es ist ein unbeschreiblich positives Gefühl, zu merken: Ich kann 6 Kilometer, 10 Kilometer, 21 Kilometer und – wenn ich die nötige Disziplin aufbringe – sogar 42 Kilometer am Stück laufen.» Besonders hervorzuheben sei auch der positive Einfluss sportlicher Aktivitäten –?es müsse ja nicht gleich ein Marathon sein – bei asthmakranken Kindern:?«Diese profitieren von einer Zunahme der körperlichen Kraft, sind besser integriert und fühlen sich weniger krank», erklärt der Lungenarzt.

Fast jeder Sport möglich

Obwohl Asthmatiker fast alle Sportarten ausüben können, sind laut Dür Intervallsportarten mit wechselnder Belastung wie Handball oder Volleyball ideal: «Gut geeignet sind auch Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Rudern.» Weniger zu empfehlen seien kurze, intensive Belastungen sowie wegen der Gefahren bei einem Asthmaanfall unter Wasser auch das Tauchen.

Grundsätzlich, so Dür weiter, seien Aktivitäten in feuchtwarmer Luft besser als bei trockenem, kaltem Wetter, da dieses einen Asthmareiz auslösen könnte: «Im Zweifelsfall, etwa bei zu viel Feinstaub oder Pollen in der Luft, ist es auch ratsam, das Training in eine Halle zu verlegen.» Und nicht zuletzt: Für welchen Sport man sich auch entscheide, sollte man sich vorher unbedingt einem ärztlichen Check-up unterziehen.

Mittlerweile ist das Training mit Viktor Röthlin zu Ende. Obwohl Claudia Moosmann nicht alles mitmachen konnte, hat es ihr «grossen Spass gemacht». Und sie wirkt auch wieder zuversichtlicher. Als Röthlin in die Runde fragt, wer den Luzern-Marathon unter 5 Stunden zu absolvieren gedenke, hebt sie jedenfalls als eine der Ersten die Hand.

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