Wie Singapur das Virus besiegte

Im Gegensatz zu anderen Ländern hat der Stadtstaat das Zika-Virus in kurzer Zeit unter Kontrolle bekommen. Wie hat das kleine Land dies geschafft?

Totaloffensive gegen das Zika-Virus: Arbeiter in Singapur im Einsatz gegen die Aedes-Mücke. Foto: Edgar Su (Reuters)

Totaloffensive gegen das Zika-Virus: Arbeiter in Singapur im Einsatz gegen die Aedes-Mücke. Foto: Edgar Su (Reuters)

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Ende August meldete Singapur den ersten Zika-Fall. Innerhalb von nur einer Woche stieg die Zahl der Ansteckungen auf beunruhigende 242 Fälle an. Die USA, Australien und Taiwan rieten von Reisen in den Stadtstaat in Südostasien ab. Malaysia führte eine Art Gesundheitscheck bei der Einreise aus Singapur ein. Der kleine Staat rückte auf der globalen Zika-Liste in beängstigendem Tempo Richtung Brasilien. Im Land selbst berichteten die Zeitungen andauernd über neue Fälle, und das Gesundheitsministerium informierte laufend über die aktuellen Entwicklungen. Anti-Moskito-Produkte waren ausverkauft. Einige Schwangere verliessen aus Angst vor einer Ansteckung das Land.

Die Situation erinnerte an den Ausbruch der Viruskrankheit Sars im Jahr 2003. Damals wurden Tausende unter Quarantäne gestellt und die Schulen geschlossen. An der Lungenkrankheit starben allein in Singapur 31 Menschen, 206 wurden infiziert. Die Tourismusbranche kollabierte: Die Besucherzahlen sanken um 75 Prozent. Der Staat korrigierte die Wachstumsprognose nach unten. War Singapur nur 13 Jahre nach Sars wieder auf dem Weg zum temporären Kollaps durch ein heimtückisches Virus?

Freiwillige klärten Schwangere über die aktuelle Situation auf.

Im lokalen Mother & Child Centre ist drei Monate nach dem Zika-Ausbruch davon wenig zu spüren. Das Zentrum in nächster Nähe zu zwei führenden Privatkliniken ist einer der wichtigsten Treffpunkte für Schwangere und Mütter im Land. Hier werden Hebammen, ­Gynäkologen, Babymassagekurse oder Stillberatungen vermittelt. Über spezifische Informationen betreffend Zika ­verfügt das Mutter-und-Kind-Zentrum nicht. «Die Zika-Panik ist ausgeblieben», sagt Hebamme Rebecca Wood. «Die Regierung hat von Anfang an strikte Anweisungen gegeben, wie sich Schwangere verhalten sollen. Die Message war klar: Wer die betroffenen Stadtteile meidet und sich mit Anti-Moskito-Produkten und langer Kleidung schützt, hat wenig zu befürchten.»

Das Zika-Virus wird in den meisten Fällen durch den Stich einer infizierten Mücke der Gattung Aedes übertragen. Diese Mücken verbreiten auch das Dengue-, Chikungunya- und Gelbfieber-­Virus. Das Zika-Virus kann von einer schwangeren Frau auf ihr ungeborenes Kind übertragen werden und beim Baby zu einem ungewöhnlich kleinen Kopf führen. Die Experten sprechen von Mikro­zephalie. Geistige Behinderung und andere schwere neurologische Störungen können die Folge sein.

Im Angesicht der drohenden Kata­strophe wählte Singapur den Weg der ­totalen Transparenz und schaltete auf Generalmobilisierung. Die Bevölkerung wurde über Medien, Informationsplakate und direkt auf der Strasse informiert. Freiwillige verteilten Broschüren und Insektenspray. Sie besuchten in den vom Zika-Virus am stärksten betroffenen Stadtteilen Schwangere und klärten sie über die aktuelle Situation auf.

Baustellen als Hotspots

«Ich war zum Zeitpunkt des Zika-Ausbruchs sichtbar schwanger», erinnert sich Martha, eine junge Mutter mit ihrem gesunden Baby auf dem Arm. «Fremde Menschen auf der Strasse wiesen mich darauf hin, lange Kleider und Moskitoschutz zu tragen.» In Gefahr habe sie sich nie gefühlt. «Ich mied betroffene Gebiete und schränkte meinen Bewegungsradius entsprechend ein.»

Dass eine Aedes-Mücke in einen anderen Stadtteil fliegt und dort die Krankheit weiterverbreitet, ist ausgeschlossen. Die Mücken sind schlechte Flieger und schaffen kaum eine Distanz von 400 Metern. Grössere Distanzen können sie nur überwinden, wenn sie in einem Fahrzeug oder auf Pflanzen transportiert ­werden.

Jedes einzelne Zika-Cluster – damit wird der Ort (Hausblock, Strasse, Baustelle) bezeichnet, in dem die Ansteckungen auftraten – wurde in Singapur bis ins Detail dokumentiert. Die Gegend wurde jeweils sofort abgeriegelt und mit Insektiziden so intensiv und konstant behandelt, dass kein einziges Insekt überlebte. Die Mehrheit der Zika-Opfer in Singapur waren ausländische Bauarbeiter. Grossbaustellen sind potenzielle Mücken-Hotspots: Stehendes Wasser – zum Beispiel in Baugruben – ist ein idealer Brutplatz für Mücken. Die betroffenen Baustellen wurden mit einem Baustopp belegt.

Spitalzimmer mit Moskitonetz im Farrer Park Hospital in Singapur. Foto: Reuters

Zusätzlich brachten im September einheimische Wissenschaftler eine Testbox auf den Markt, mit der innerhalb von nur zwei Stunden eine mögliche Ansteckung von Dengue, dem Chikungunya-Virus und Zika nachgewiesen werden kann. Gleichzeitig schafften es andere Forscher, das Genom des lokalen Zika-Virus zu entschlüsseln. Sie entdeckten, dass das Virus nicht vom südamerikanischen Zika-Virus abstammt, sondern zum asiatischen Stamm gehört. Dieser kommt schon seit Jahrzehnten in Südostasien vor – etwa in Thailand und den Philippinen.

Das seien gute Neuigkeiten, sagt einer der involvierten Wissenschaftler in den nationalen Medien. Denn die Chance, dass die Menschen in der Region immun sind gegen das Virus, sei damit grösser und das Risiko, dass das lokale Zika-­Virus Fehlbildungen bei Neugeborenen verursacht, kleiner. Insgesamt wurden bis Anfang November 17 schwangere Frauen in Singapur mit dem Virus angesteckt. Zwei Babys von Zika-infizierten Müttern wurden schon geboren. Beide sind gesund.

Die WHO gratuliert

Grosse Beachtung im Kampf gegen die Aedes-Mücke erhielt ein Projekt der National Environment Agency (NEA). Dabei wurden Tausende männliche Aedes-Moskitos in Wohngebieten ausgesetzt, die alle Träger des Wolbachia-Bakteriums sind. Wenn sich diese Moskitos mit einer weiblichen Aedes-Mücke paaren, verhindert das Bakterium, dass die Mückeneier schlüpfen. Über einen längeren Zeitraum sollte das Bakterium dazu führen, dass die Aedes-Population verringert wird. Da genau diese Mücke Zika, Dengue und Chikungunya überträgt, sinkt damit automatisch das Risiko einer Ausbreitung all dieser Viren.

Die Totaloffensive – wissenschaftlich, medizinisch, sozial und kommunikativ – scheint sich für Singapur gelohnt zu haben. Seit Anfang November hat sich die Zahl der neuen Zika-Ansteckungen bei etwa zwei Fällen pro Woche eingependelt. Gleichzeitig ist ein Rückgang der Dengue-Fälle feststellbar. Die Krankheit wird wie das Zika-Virus von der Aedes-Mücke übertragen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gratulierte dem Stadtstaat zu seiner Leistung und bezeichnete Singapur als Vorbild für andere Staaten. Gleichzeitig hob die WHO den «globalen Gesundheitsnotstand» auf. Die Zika-Epidemie wird damit offiziell nicht mehr als «Notstand von weltweitem Ausmass» betrachtet.

Singapur als kleiner Stadtstaat verfügt über viele Vorteile, um ein Virus wie Zika erfolgreich zu bekämpfen: ­finanzielle und wissenschaftliche Ressourcen, medizinische Infrastruktur, politische und wirtschaftliche Stabilität, Erfahrung im Umgang mit Epidemien und ein kleines, übersichtliches Staatsgebiet von rund 700 Quadratkilometern – eine Fläche etwa so gross wie der Kanton Glarus.

Gratis Zika-Test für Schwangere

Gleichzeitig war sich der Staat auch seines Handicaps bewusst. Mit einer Population von 5,69 Millionen gehört Singapur zu einem der dichtestbevölkerten Länder der Welt. Schnelles, fokussiertes Handeln war überlebenswichtig; die Vorbereitung dazu ein Schlüsselelement. «Wir beschäftigen uns schon seit zwei Jahren intensiv mit Zika», sagte ­Gesundheitsminister Gan Kim Yong während einer Sitzung des Parlaments im September.

Während sich das Virus in anderen Ländern ausbreitete, begannen gegen 200 Kliniken in Singapur Blutproben von Patienten zu sammeln, die Zika-ähnliche Symptome zeigten. Im Fall einer positiven Probe alarmierten die Ärzte ­direkt das Gesundheitsministerium, welches rigoros handelte: Es führte innerhalb von zwei Wochen Inspektionen in mehr als 31'000 Grundstücken und Gebäuden durch, um mögliche Moskito-Brutstätten zu eliminieren, bot Schwangeren gratis Zika-Tests an und stellte im Fall einer Infektion eine engmaschige Betreuung sicher.

Mit einer total anderen Ausgangslage als Singapur sind andere Staaten – wie etwa Burma – konfrontiert. Die ersten Zika-Fälle sind dokumentiert. Doch das Land mit seinen 51,5 Millionen Einwohnern schafft es kaum, die Bevölkerung zu informieren oder Präventionsmassnahmen einzuleiten. Laut der WHO gibt es nur 0,6 Ärzte auf 1000 Personen. Die öffentlichen Krankenhäuser sind überfüllt. Patienten melden, dass sie nur gegen Bezahlung Bettwäsche bekommen oder die Toilette benützen dürfen. Es fehlt an Wissen, Fachleuten, Infrastruktur und Geld. Eine denkbar schlechte Ausgangslage für den Kampf gegen eine mögliche Zika-Epidemie.

Erstellt: 20.12.2016, 19:13 Uhr

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