Neue schwarze Listen sorgen für Schub

Immer mehr medizinische Fachgesellschaften veröffentlichen Negativlisten mit unnötigen Behandlungen. Nun unterstützen auch Konsumenten- und Patientenorganisationen die Initiative «Smarter Medicine».

Eine der neuen Negativlisten macht deutlich, dass auch in Sachen Medikamente weniger manchmal mehr ist. (Helmut Fohringer/Keystone)

Eine der neuen Negativlisten macht deutlich, dass auch in Sachen Medikamente weniger manchmal mehr ist. (Helmut Fohringer/Keystone)

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Ältere Erwachsene sollen möglichst keine starken Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben bekommen. So lautet eine der fünf Empfehlungen, welche die Schweizerische Fachgesellschaft für Geriatrie nun veröffentlicht hat. Gemeint sind Medikamente der Klasse der Benzodiazepine, zum Beispiel Valium, Temesta, Seresta oder Dormicum. «Grosse Studien zeigen immer wieder, dass sich das Risiko für Verkehrsunfälle, Stürze und Hüftfrakturen sowie für Hospitalisierungen und Tod bei älteren Menschen mehr als verdoppeln kann, wenn Benzodiazepine oder andere Beruhigungs- oder Schlafmittel verordnet werden», heisst es auf der Negativliste der Altersmediziner.

Die Fachgesellschaft der Geriater unterstützt mit der Veröffentlichung die Kampagne «Smarter Medicine», die in der Schweiz vor drei Jahren lanciert wurde. Das Ziel ist, die verbreitete Überversorgung in Arztpraxen und Spitälern zu stoppen. Dies soll mit Negativlisten geschehen, auf denen die Ärzteorganisationen Behandlungen und Untersuchungen aufführen, die nach ihrer Ansicht in ihrem Fachbereich zu häufig durchgeführt werden und mehr schaden als nützen.

Stürze, geistiger Abbau, Schlaganfälle

Weitere Empfehlungen der Geriater betreffen als weiteres Beispiel die Behandlung von Dementen. Diese Patienten sollen demnach nach Möglichkeit nicht mit Magensonden künstlich ernährt werden. «Sondenernährung geht mit Unruhezuständen, dem vermehrten Einsatz von Fixierungen und medikamentöser Ruhigstellung einher», heisst es. Zudem wird abgeraten, bei aggressivem Verhalten oder anderen psychischen Symptomen als Erstes zu Antipsychotika zu greifen. Diese hätten nur eine begrenzte und keine verlässliche Wirksamkeit. Gleichzeitig würden sie das Risiko der übermässigen Dämpfung und des geistigen Abbaus bergen. Zudem käme es öfter zu Stürzen, Schlaganfällen und Tod.

Die Allgemeinmediziner (Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin, SGAIM) haben bereits 2014 und 2016 Top-5-Listen veröffentlicht, auf denen sie unter anderem von Antibiotika bei viralen Infekten, unkritischen Prostatakrebs-Screenings oder umfangreichen Blut- und Röntgenuntersuchungen ohne klare Fragestellung abraten.

Vorbild für «Smarter Medicine» ist die 2011 gestartete Initiative «Choosing Wisely» in den USA. Dort haben 75 Organisationen solche Listen veröffentlicht. Seither findet das Konzept in zahlreichen weiteren Ländern Resonanz.

Empfehlungen für die Intensivmediziner

In der Schweiz konnte die Initiative jedoch noch nicht richtig Fuss fassen. Zwar ist die SGAIM die grösste Schweizer Ärztefachgesellschaft. Doch andere Organisationen haben «Smarter Medicine» bis jetzt kaum mitgetragen. Vielen ist der finanzielle und administrative Aufwand zu gross. Zudem haben sie Zweifel am Nutzen solcher Listen.

Doch nun scheint Bewegung in die Initiative zu kommen. Neben den Geriatern haben nun auch die Intensivmediziner eine Liste veröffentlicht. Darin raten sie zu Zurückhaltung beim Verabreichen von Breitbandantibiotika, Bluttransfusionen sowie bei der Verwendung von Kathetern und Sonden. Im Herbst dürften die Gastroenterologen hinzukommen. Zudem sind rund zehn weitere Fachgesellschaften am Start und werden ihre eigenen Empfehlungen ebenfalls bald veröffentlichen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Übernahmen der schwarzen Listen der Schwesterfachgesellschaften in den USA. Nur wenige haben das Verfahren der SGAIM angewendet, welche die Aufstellung mit viel Aufwand selbst erarbeitet hat.

Vor allem wird die Initiative nun aber auf eine breite Basis gestellt. So existiert seit heute eine breite Trägerschaft. Neben der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), die als treibende Kraft hinter den Bestrebungen steckt, sind die SGAIM, der Schweizerische Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen, der Dachverband Schweizer Patientenstellen (DVSP) sowie verschiedene Konsumentenorganisationen dabei. «Ich halte das Konzept ‹Smarter Medicine› für einen wichtigen Schritt hin zu mehr Glaubwürdigkeit, und es trägt zur Behandlungsqualität bei», sagt Erika Ziltener, Präsidentin DVSP. «Das Thema Fehl- beziehungsweise Überversorgung ist auch in der Öffentlichkeit angekommen.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2017, 12:41 Uhr

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