Neue Therapien für Kurzsichtige

Immer mehr Kinder sehen schlecht – auch weil sie zu viel Zeit vor Bildschirmen verbringen. Nun forschen Ärzte daran, wie sich die Entwicklung abbremsen lässt.

Die Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen nimmt weltweit zu, weil sie immer länger in Bildschirme schauen. Foto: Getty Images

Die Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen nimmt weltweit zu, weil sie immer länger in Bildschirme schauen. Foto: Getty Images

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Die blauen Stäbe auf den Schultischen erinnern auf den ersten Blick an die Sicherheitsbügel eines Sessellifts. Doch halten sich die Kinder in dieser Grundschule in Hongkong weder daran fest, noch haben sie vor, in ihren Klassenräumen in nächster Zeit abzuheben. Wie die chinesische Zeitung «South China Morning Post» vor wenigen Tagen berichtete, haben die Eltern der Schüler die Metallstäbe gekauft, damit ihre Kinder sich beim Lesen nicht zu tief über die Bücher beugen. So wollen sie einen schwindelerregenden Höhenflug anderer Art ausbremsen: die zunehmende Anzahl kurzsichtiger Kinder in China.

Bereits 2015 hatte das Fachjournal «Nature» auf seiner Titelseite berichtet, dass die Kurzsichtigkeit weltweit zunimmt, am auffälligsten ist die Zunahme in Ostasien. In Peking sind mehr als 80 Prozent der Teenager kurzsichtig, ergab eine Studie im Fachmagazin «Plos One».

Im vergangenen Jahr hat der chinesische Staatspräsident Xi Jinping erklärt, das Thema habe nationale Priorität. In den USA betrifft die Myopie 41 Prozent der Bevölkerung, in Deutschland sind am Ende der Grundschulzeit etwa 15 Prozent der Kinder kurzsichtig, bis zum Alter von 25 Jahren rund 45 Prozent der Menschen. In der Schweiz werden keine Zahlen erhoben, doch auch hier berichten Experten von einer deutlichen Zunahme, wie die Schweizerische Ophthal­mologische Gesellschaft auf Anfrage sagt.

Vor allem stark kurzsichtige Menschen mit mehr als sechs ­Dioptrien haben ein erhöhtes ­Risiko für grünen und grauen Star wie auch für eine Netzhautablösung. Daher möchten Augenärzte das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit ausbremsen, vor allem, wenn sie früh im Kindesalter beginnt. Bei kurzsichtigen Kindern wächst der Augapfel zu schnell.

«Je eher die Myopie beginnt, desto stärker ausgeprägt wird sie gegen Ende des Jugendalters sein», sagt Wolf Lagrèze, Leiter der Sektion Neuroophthalmologie, Kinderophthalmologie und Schielbehandlung an der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg i. Br. Die Kurzsichtigkeit nimmt weltweit vor allem zu, weil Kinder und ­Jugendliche immer mehr Zeit ­damit verbringen, in Bildschirme von Handy, Tablet oder Computer zu schauen.

Augapfelwachstum hemmen

Bislang fahndeten Mediziner vor allem in Asien nach Möglichkeiten, die beängstigende Zunahme zu stoppen. «Inzwischen stösst das Thema auch in Europa und den USA auf grosses Interesse», sagt Lagrèze, der auf dem Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft über den Stand der Forschung berichtete. Vor allem erzählte er von Versuchen, das Längenwachstum der Augen zu verzögern.

Bei gesunden Augen wird das einfallende Licht auf der Netzhaut gebündelt. Dort entsteht ein scharfes Bild. Bei kurzsichtigen Menschen dagegen haben sich die Augen gestreckt, sodass die Bündelung vor der Netzhaut stattfindet; man sieht verschwommen. Ist der Augapfel nur einen Millimeter länger als normal, entspricht das bereits etwa 2,7 Dioptrien.

Um dieses Wachstum zu hemmen, hoffen Augenärzte zunehmend auf Atropin – eine Substanz aus der Tollkirsche, mit dem Mediziner früher zum Beispiel vor Augenuntersuchungen die Pupillen ihrer Patienten erweiterten. Atropin ist hochgiftig, man findet es ausser in der Tollkirsche auch in anderen Nachtschattengewächsen wie dem Bilsenkraut oder dem Stechapfel. In kleinsten Dosierungen kommt es auch in der Medizin, beispielsweise bei Herzproblemen, zum Einsatz.

«Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, umso ausgeprägter wird sie gegen Ende der Jugend sein.»Wolf Lagrèze, Leiter Augenheilkunde an der Universität Freiburg i. Br.

In zwei bahnbrechenden Studien wiesen Forscher aus Singapur vor Jahren nach, dass sich die Augen von asiatischen Kindern mit der Tropfenbehandlung langsamer verschlechterten als ohne. Inzwischen laufen mehr als 20 Studien in den USA und Europa, um die Behandlung an Patienten im Westen zu untersuchen.

Bereits drei Fachpublikationen aus Europa sind dazu in diesem Jahr erschienen, über Studien in Spanien, Italien und über eine kleine Pilotstudie an Grundschülern in Freiburg. 56 Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren nahmen an der deutschen Untersuchung teil, ihre Kurzsichtigkeit hatte vor Beginn der Tropfen­therapie im Durchschnitt um 1,05 Dioptrien pro Jahr zugenommen, nach zwölf Monaten Behandlung konnten die Ärzte diesen Wert auf 0,40 Dioptrien senken.

«Die früheren Ergebnisse haben sich also bei den europäischen Kindern bestätigt», sagt Frank Schaeffel, Leiter der Sektion für Neurobiologie des Auges am Forschungsinstitut für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Tübingen. Als einzige Nebenwirkung beobachteten die Mediziner eine leicht erweiterte Pupille. Noch allerdings ist die Therapie in Deutschland nicht zugelassen, die Kosten von 150 bis 500 Euro pro Jahr müssen die Eltern selbst aufbringen.

Wie Atropin wirkt, ist unklar

Wie Atropin die Kurzsichtigkeit genau ausbremst, wissen Schaef­fel und Kollegen noch nicht genau. Sie vermuten, dass bei der Therapie unter anderem bestimmte Zellen der Netzhaut mehr Dopamin ausschütten – einen Botenstoff, der das Längenwachstum des Auges hemmt. Allerdings sprechen, je nach Studie, 10 bis 20 Prozent der Kinder nicht auf die Therapie an.

«Warum das so ist, wissen wir nicht», sagt Schaeffel. Gemeinsam mit Kollegen will er nun untersuchen, ob Kinder mit einer besonders stark weitgestellten Pupille nach Atropin-Gabe vielleicht besonders gut auf die Therapie reagieren. «Dann könnten wir besser voraussagen, wer für die Behandlung geeignet ist», sagt er. Wie die beste Atropin-Behandlung für stark kurzsichtige Kinder aussehen könnte, möchte die Augenärztin und Epidemiologin Caroline Klaver von der Universität Rotterdam herausfinden. Im Jahr 2016 berichtete sie über eine Therapie mit einer sehr hohen Konzentration an Atropin – statt einer 0,01-prozentigen Lösung hatte sie eine 0,5-prozentige verwendet. Damit verzögerte sich die Sehverschlechterung der 60 behandelten Kinder von einer Dioptrie pro Jahr auf 0,1 Dioptrien.

Allerdings fühlten sich 72 Prozent der Kinder unter der Therapie wegen ihrer weitgestellten Pupillen stark geblendet. 38 Prozent der Behandelten taten sich mit dem Lesen schwer. Und die Therapie erfordert Disziplin, jeden Abend müssen die Kinder Tropfen in ihre Augen träufeln. «Aber auch nach drei Jahren Behandlung war das Längenwachstum der Augen noch 70 Prozent geringer als vor Therapiebeginn», berichtet Klaver über ihre noch unveröffentlichten Ergebnisse.

Aufenthalt im Freien als Prävention

Forscher versuchen auch, die Augen der Patienten gezielt zu überlisten. So kann zum Beispiel die Netzhaut unterscheiden, ob das scharfe Bild vor ihr entsteht wie bei Kurzsichtigkeit oder aber dahinter – dann wächst das Auge sozusagen hinterher. Weil Kurzsichtigkeitsbrillen oft in Teilen des Gesichtsfeldes überkorrigieren, können sie die Kurzsichtigkeit so noch verstärken.

Daher bieten manche Augenärzte ihren Patienten Mehrstärkenbrillen mit verschiedenen Schärfenebenen für Nah- und Fernsicht an. So bleibt quasi ein Rest Kurzsichtigkeit unkorrigiert, damit das Auge weiss, dass kein Wachstum mehr nötig ist: «Das Auge bildet aus den beiden Ebenen einen Mittelwert, der dann stets vor der Netzhaut bleibt», sagt Schaeffel.

Nach dem gleichen Prinzip hat ein Team um Carly Lam von der Hochschule für Optometrie der Polytechnischen Universität in Hung Hom, Hongkong, spezielle Mikrolinsen in Brillengläser eingearbeitet. In einer Studie an insgesamt 160 Kindern gelang es ihr, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit auf 0,41 Dioptrien pro Jahr zu drosseln. In der Kontrollgruppe waren es 0,85 Dioptrien. «Damit haben wir eine einfache Möglichkeit gefunden, die Kurzsichtigkeit auszubremsen», sagt sie. Eine Firma hat die Brillengläser inzwischen in China auf den Markt gebracht, von Sommer 2020 an sollen sie auch in Europa verkauft werden.

Damit Kinder erst gar nicht kurzsichtig werden, sollten sie stets mit einem Abstand von mindestens 30 Zentimetern lesen, rät der Freiburger Augenarzt Lagrèze, wie die Schüler mit den blauen Metallstangen in Hongkong. Und vor allem sollten die Kinder mindestens zwei Stunden pro Tag im Freien sein. «Das Tageslicht halbiert das Risiko für eine Kurzsichtigkeit», sagt Lagrèze. So sitzen die Schulkinder der Yanxi Experimental Primary School in der südchinesischen Stadt Yangjiang in einem neu errichteten Gebäude – aus Glas.

Erstellt: 31.10.2019, 20:23 Uhr

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