«Medizinische Sensation» bei der Erkennung von Brustkrebs?

Ein neuartiger Bluttest zur Früherkennung von Brustkrebs wird als Durchbruch angepriesen. Schweizer Experten sind allerdings skeptisch.

Das neue Testverfahren schneidet nicht besser ab als herkömmliche Methoden: Eine Patientin bei einer Mammografie.

Das neue Testverfahren schneidet nicht besser ab als herkömmliche Methoden: Eine Patientin bei einer Mammografie. Bild: Keystone

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Schön wäre es ja: den Krebs endlich zu besiegen – und wenn das schon nicht möglich ist, wenigstens früher zu erkennen. Auf diese Weise könnte er rascher und erfolgreicher therapiert werden, so die Hoffnung von Ärzten wie Patienten.

Ein solcher Hoffnungsschimmer breitete sich gestern an einem Fortbildungskongress der deutschen Frauenärzte in Düsseldorf aus – unter anderem geht es bei dem Kongress um die Diagnose und Therapie von Tumoren der Brust und der Eierstöcke. Die Ärzte hatten noch nicht alle eingecheckt und ihre Unterlagen abgeholt, da tönte ihnen schon die Neuigkeit entgegen: Eine «medizinische Sensation» sei Ärzten der Uniklinik Heidelberg gelungen. Endlich «ein echter Durchbruch» in der frühen Diagnose von Krebs. Nur ein kleiner Pieks; schon sei es möglich, den bösartigen Tumor im Anfangsstadium ausfindig zu machen.

Nachweis von Botenstoffen

Die Untersuchung des Blutes sei ähnlich zuverlässig wie eine Mammografie, also die Röntgenuntersuchung der Brust, sagt Christof Sohn von der Heidelberger Unifrauenklinik, der neben Sarah Schott an der Entwicklung des Verfahrens beteiligt war: «Wir weisen Botenstoffe nach, die aktive Krebszellen bei einer Krebserkrankung ins Blut aussenden», so der Arzt. Insgesamt 15 sogenannte Tumormarker würden sich mithilfe des Tests im Blut auffinden lassen.

Die Messung von Tumor- und Biomarkern wird immer populärer, doch gibt es viele Enttäuschungen in diesem Bereich. Die Eiweissstoffe und Erbgutschnipsel, die für derartige Tests im Blut gemessen werden, sind viel zu unspezifisch, um sicher einen Krebs zu erkennen oder auszuschliessen. Vergangenes Jahr ­haben Forscher im Fachblatt «­Science» diese auch als «Liquid Biopsy» (flüssige Gewebeprobe) bezeichnete Methode bereits vorgestellt. Damals beschrieben sie einen Test, mit dem acht Krebsarten im Blut aufgespürt werden sollen – darunter Brustkrebs mit einer Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent, also noch unterhalb der Ratewahrscheinlichkeit.

Ein kleiner Piks soll Klarheit bringen: Die «Liquid Biopsy» hat Potenzial, ist aber noch zu ungenau. Foto: Keystone

Die Ärzte aus Heidelberg geben für ihren Test 75 Prozent an; eine mässige Quote für eine Untersuchung von dieser Bedeutung. Das bemängelt Jakob Passweg, Chefarzt der Klinik Hämatologie am Universitätsspital Basel. «Die allermeisten Frauen mit Brustkrebs sind über 50», schreibt er auf Anfrage dieser Zeitung. Und bei diesen Frauen betrage die Aufspürquote (Sensitivität) des vermarkteten Tests nicht 75, sondern nur 60 Prozent. «Dies ist etwas besser als 50:50, aber nicht gerade viel.» Es stelle sich daher die Frage: «Ist es an der Zeit, jetzt schon einen solchen Test zu kommerzialisieren?», so Passweg weiter.

Durch ungenaue Tests steigt der Anteil fragwürdiger Diagnosen.

Ähnlich urteilt Daniel Fink, Leiter des Brustzentrums und Direktor der Klinik für Gynäkolo­gie am Universitätsspital Zürich (USZ). Der Wert des neuen Verfahrens sei eingeschränkt, weil ältere Frauen wegen der geringen Sensitivität davon nicht profitieren können. Zum Vergleich: Eine Mammografie schneide da mit einer Sensitivität von 85 bis 90 Prozent viel besser ab.

Deutlich härter geht die Gesund­heitswissenschaftler­in und Vorsorgeexpertin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg mit dem neuen Verfahren ins Gericht: «Das verstörende an der Geschichte ist, dass es keine seriöse Publikation dazu gibt», sagt sie. «Es ist überhaupt nicht möglich, etwas zu überprüfen.» Bisher sind keine klinischen Studien bekannt oder registriert, die den Nutzen des Tests und etwaige Vorteile für Frauen beweisen, was auch Testentwickler Christof Sohn in seinem Kongressbeitrag einräumt. Trotzdem, eine Spin-off-Firma der Universität namens «HeiScreen» gibt es bereits, sie soll den Bluttest vermarkten.

«Sehr interessant»

Er wolle «früher Alarm schlagen», wird Sohn zitiert. Genau das ist schon jetzt ein Problem der Früherkennung. Durch ungenaue Tests steigt der Anteil fragwürdiger Diagnosen: Frauen bekommen das Etikett Krebs, auch wenn unklar ist, ob sich die entdeckten Veränderungen je bösartig entwickeln. «Die Ankün­digung auf dem Boulevard ersetzt nicht die Begutachtung von Fachkollegen, bevor Tests oder Therapien zugelassen und erstattet werden», sagt ­Mühlhauser.

Die Methode selber, die von den Heidelberger Ärzten mitentwickelte Liquid Biopsy, sei aber durchaus interessant, schreiben die von dieser Zeitung befragten Schweizer Experten. Der Basler Jakob Passweg sieht darin eine «zukunfts­weisende Technologie». Ähnlich urteilt Daniel Fink vom USZ, er sieht das Potenzial des Bluttests aber vor allem beim Eierstockkrebs. Für diesen Krebs gebe es kein sinnvolles Screening und er werde daher häufig erst sehr spät und in fortgeschrittenen Stadien entdeckt. «Diesbezüglich könnte der neue Test sehr interessant werden.»

Erstellt: 21.02.2019, 19:46 Uhr

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