Notschlafstellen in Zürich sind voll mit psychisch Kranken

96 Prozent der Obdachlosen in der Stadt leiden unter psychischen Störungen. Fachleute bemängeln die schlechte Versorgung von schwierigen Patienten.

Ein Grossteil der Benutzer leidet unter mehreren psychischen Störungen: Habseligkeiten in einer Notschlafstelle. Foto: Laurent Gilliéron

Ein Grossteil der Benutzer leidet unter mehreren psychischen Störungen: Habseligkeiten in einer Notschlafstelle. Foto: Laurent Gilliéron

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96 Prozent der Obdachlosen in der Stadt Zürich sind psychisch krank. Dies geht aus einer Studie hervor, welche die Psychiatrisch-Psychologische Poliklinik der Stadt Zürich (PPZ) veröffentlicht hat. Es ist schweizweit die erste Untersuchung zu diesem Thema. Gemäss den Autoren liegt die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in sozialen Einrichtungen wie Notschlafstellen oder betreutem Wohnen weit höher als angenommen.

«Die Wohneinrichtungen übernehmen faktisch die Akut- und Langzeitpflege eines grossen Teils von psychisch Schwerkranken», sagt David Briner, Studienleiter und PPZ-Chefarzt. «Früher lebten psychisch Kranke über viele Jahren in den Irrenanstalten.» Heute landet ein beträchtlicher Teil dieser Patienten in Einrichtungen, die eigentlich zur Verhinderung von Obdachlosigkeit geschaffen wurden und nicht für die Behandlung von Psychiatriepatienten.

Grosse Belastung für Betreuer

Betreuer in sozialen Wohneinrichtungen beobachten seit einiger Zeit eine Zunahme psychisch schwer kranker und ungenügend behandelter Personen. In einer Umfrage vor ein paar Jahren waren sie noch von 15 bis 20 Prozent Betroffenen ausgegangen. «Schwer psychisch Kranke sind selbst in den niederschwelligen Wohneinrichtungen wie Notschlafstellen oft schwierig zu betreuen», sagt Briner. Der Betrieb werde dadurch ­beeinträchtigt. Immer wieder müssten Aufnahmesperren für einzelne Personen ausgesprochen werden. «Viele städtische Institutionen kommen deswegen an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit», sagt der Psychiatrie-Chefarzt. Für die Patienten selber ist die Situation ebenfalls problematisch. Laut Studien wirkt sich eine schlechte Wohnsituation negativ auf die psychische Gesundheit aus – und umgekehrt: Verbesserungen beeinflussen den psychischen Zustand positiv.

Für die PPZ-Studie befragten Fachleute 338 der insgesamt 460 Personen, welche die städtischen Einrichtungen Begleitetes Wohnen, Betreutes Wohnen City, Notschlafstelle und Nachtpension in Anspruch nehmen. Mit über 80 Prozent die häufigsten psychischen Störungen sind Alkohol- und Drogensüchte. Ein grosser Teil leidet daneben unter einer oder mehreren weiteren Erkrankungen. Ohne Einbezug der Süchte sind denn auch immer noch 61 Prozent der Wohn- und Obdachlosen von Erkrankungen wie Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörung betroffen. Im Schnitt ging es den Befragten dabei gesundheitlich und sozial sogar schlechter als Patienten der Akutstationen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK).

Betreuer in den Wohneinrichtungen vermuten verschiedene Gründe hinter der Situation. In der Studie erwähnt wird vor allem einen: «Als besonders problematisch werden die zu kurzen stationären Aufenthalte schwer kranker Personen erachtet, welche oft ungenügend behandelt und zu instabil aus der Klinik entlassen würden.» Solche Fälle könnten sich zusätzlich verschärfen, wenn ab 2018 in der Psychiatrie die leistungsorientierte Spitalfinanzierung eingeführt wird, die in der restlichen Medizin mit den Fallpauschalen bereits gilt. «Ab diesem Zeitpunkt ist mit noch kürzeren Aufenthaltszeiten in den Kliniken zu rechnen», heisst es weiter.

Versorgungslücke für Patienten

«Manche Patienten drängen möglicherweise zu früh auf Entlassung», sagt Matthias Jäger von der PUK, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. Der Grund sei dabei meist, dass die Patienten nicht in der Klinik bleiben wollten und aus rechtlichen Gründen nicht gegen ihren Willen festgehalten werden dürften. Für Jäger liegt ohnehin das Hauptproblem darin, dass die psychisch kranken Obdachlosen häufig nicht behandlungswillig und sehr autonomieorientiert sind. «Die Betroffenen leiden häufig an Schizophrenie oder einer anderen schweren psychiatrischen Erkrankung, sind aber nicht krankheitseinsichtig und wollen keinesfalls etwas mit uns oder anderen Institutionen zu tun haben», so der Psychiater.

Für diese Patienten ortet Jäger eine Versorgungslücke. Sie verbrachten früher einen grossen Teil ihres Lebens auf einer Langzeitabteilung, wie sie heute nicht mehr existieren. In den letzten 20 Jahren hat die PUK ihre stationären Abteilungen zunehmend verkleinert und entlässt ihre Patienten früher. Die vom Kanton finanzierte Uniklinik hat damit eine Entwicklung vollzogen, wie sie weltweit schon seit den 70er-Jahren vonstattengeht: Die Therapie psychisch Kranker erfolgt vermehrt ambulant, weil sich gezeigt hat, dass der Behandlungserfolg grösser und nachhaltiger ist, wenn Patienten in ihrem gewohnten Umfeld leben.

Behandlungslücke schliessen

Beim Umbau von stationären zu mehr ambulanten Behandlungen zeigt sich nun, dass schwierige Patienten durch die Maschen fallen. Diese schwer psychisch kranken Personen sind häufig weder gewillt noch in der Lage, selbst Hilfe zu suchen und Termine wahrzunehmen. Wenn sie aus einer stationären Behandlung entlassen werden, halten sie keine Behandlungstermine ein und tauchen nicht mehr auf.

«Um diese Lücke zu schliessen, würde es Fachpersonal brauchen, das diese Patienten von Beginn weg in ihrem Lebensumfeld aufsucht und sie dort betreut», sagt Jäger. Diese Art Behandlung benötigt sehr viel qualifiziertes Personal – pro Patient allerdings immer noch weniger als bei einer stationären Therapie. In Grossbritannien und skandinavischen Ländern sind heute solche Angebote etwa unter dem Namen «Assertive Community Treatment» üblich. In der Schweiz haben vereinzelte Städte und Kantone erst damit begonnen. «Letztlich ist es eine gesellschaftliche Frage, welche Strukturen und Ressourcen man zur Verfügung stellen will», erklärt Jäger.

Studienautor David Briner würde die vermehrte Einführung solcher aufsuchender Psychiatrieangebote begrüssen. «Die Schweiz hält in dem Bereich zu lange an der traditionellen psychiatrischen Versorgung fest und steckt im Verhältnis zum ambulanten Sektor immer noch zu viel Geld in den stationären Bereich», sagt der Chefarzt. «Mit vermehrten ambulanten und gemeindenahen Angeboten liesse sich nicht nur die Qualität der Versorgung für die Schwerkranken verbessern, sondern auch Geld sparen, wie zig Studien gezeigt haben.»

Erstellt: 04.06.2014, 23:10 Uhr

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