«Ohne Pille fühle ich mich wohler»

Wer ohne Hormone zuverlässig verhüten will, muss sich mit dem Monatszyklus befassen. Viele Frauen finden das gesünder als die tägliche Pillenschluckerei – und erst noch lustvoller.

Hat mit dem Absetzen der Hormone nur gute Erfahrungen gemacht: Susanne Rhyner. Foto: Raisa Durandi

Hat mit dem Absetzen der Hormone nur gute Erfahrungen gemacht: Susanne Rhyner. Foto: Raisa Durandi

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Susanne Rhyner war gerade einmal 13 Jahre alt, als sie mit dem Hormonpflaster begann. «Ich hatte früh den Sex entdeckt und brauchte eine zuverlässige Verhütungsmethode», lacht die heute 28-jährige Frau aus dem glarnerischen Mollis. 12 Jahre lang blieb sie bei diesem Mittel, bei dem die weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Gestagen durch die Haut aufgenommen werden. Unter Nebenwirkungen litt die junge Frau nicht. «Ich hatte nie irgendwelche körperliche Probleme.» Doch im Alter von 25 Jahren wurde ihr plötzlich bewusst: «Mein Körper hat noch gar nie einen richtigen Zyklus mit Eisprung erlebt.» Bei diesem Gedanken wurde ihr zunehmend unwohl. Schliesslich beschloss sie vor 3 Jahren, mit den Hormonen aufzuhören.

Seither setzen Susanne Rhyner und ihr Freund auf natürliche Verhütung. Das heisst: kein ungeschützter Geschlechtsverkehr während der fruchtbaren Tage. Mit einem kleinen Computer misst sie jeden Morgen nach dem Aufwachen die Temperatur. Je nachdem, ob das Lämpchen rot, orange oder grün leuchtet, ist Vorsicht oder Entwarnung geboten. «Am Anfang habe ich der Sache nicht so recht getraut», gesteht Freund Pascal. «Doch unterdessen finde ich es sehr spannend.» Als er vor 3 Jahren seine Partnerin kennen gelernt habe, habe er sich das erste Mal mit der Funktionsweise des weiblichen Zyklus auseinandersetzen müssen, erzählt er. In früheren Partnerschaften sei das nie nötig gewesen, weil alle seine bisherigen Freundinnen die Pille genommen hätten. «Wir Männer kümmern uns ja meist nicht gross um die Verhütung», ist ihm bewusst geworden.

Akne nach Pillenstopp

Dass Frauen bereits kurz nach Einsetzen der ersten Menstruation die Pille nehmen, ist gar nicht so selten. Häufig drängen die Eltern aus Angst vor einer Teenagerschwangerschaft darauf. Mit den Jahren stellt sich aber bei einigen eine gewisse Pillenmüdigkeit ein. Zudem klagen Frauen über verschiedene Beschwerden. Dass die Hormone zu Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, Kopfschmerzen oder Übelkeit führen können, ist schon länger bekannt. Je nach Präparat besteht auch ein leicht erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Blutgerinnsel. Kommt dann noch Zigarettenkonsum dazu, steigt das Risiko für Thrombosen, Embolien und Schlaganfälle.

Für Raucherinnen sind hormonelle Verhütungsmittel, die sowohl Östrogene als auch Gestagene enthalten, deshalb ein No-go. Dazu gehören neben verschiedenen Pillenarten auch Hormonpflaster und Vaginalringe. Seit kurzem legt die Forschung auch einen Zusammenhang mit Depressionen nahe. Und viele Frauen fühlen sich mit der Pille permanent lustlos.

«Ich finde es
einfach viel toller, mit dem Zyklus zu gehen, statt ihn
zu unterdrücken.»
Bea Loosli
Beraterin für natürliche Verhütung

Doch auch das Absetzen der Hormone kann mit Unannehmlichkeiten verbunden sein. Meist braucht es etwas Geduld, bis sich wieder ein regelmässiger Zyklus einstellt. Susanne Rhyner zum Beispiel hatte plötzlich mehrmals hintereinander eine Blasenentzündung, die sie mit der ­Veränderung der Vaginalflora in ­Verbindung bringt. Als Haut- und Make-up-Fachberaterin begegnet sie zudem häufig Kundinnen, die nach dem Pillenstopp eine Akne entwickeln. Denn die weiblichen Geschlechtshormone bringen Hautprobleme meist ziemlich zuverlässig zum Verschwinden. Nicht wenige junge Frauen schlucken die Pille von der Pubertät an sogar hauptsächlich wegen dieses schönen Nebeneffekts. Auch Krämpfe während der Menstruation treten mit den zugeführten Hormonen kaum mehr auf.

Mit einem normalen Monatszyklus dagegen kann die Stimmung aufgrund der hormonellen Veränderungen Schwankungen unterliegen. Während Frauen in der ersten Zyklushälfte tendenziell heiter und kreativ sind, kann es kurz vor der Menstruation zu Gereiztheit kommen – man spricht vom «prämenstruellen Syndrom».

Die körperliche Lust ist in der fruchtbaren Phase meistens am grössten. Ein Nachteil der natürlichen Verhütungsmethode ist, dass man ausgerechnet dann keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr haben darf, will man eine Schwangerschaft vermeiden. «Doch auch in dieser Zeit kann man kreativen, lustvollen Sex haben», betont Bea Loosli. Die 40-jährige Gründerin der Firma Ladyplanet in Bubikon ZH praktiziert die natürliche Verhütungsmethode seit 20 Jahren und gibt Kurse für Frauen und Paare. «Während der fruchtbaren Tage darf einfach kein Sperma in die Vagina gelangen. Auch kein Lusttröpfchen», mahnt sie. «Sonst ist alles möglich.»

Sicherheit in eigener Hand

Die ehemalige Kauffrau hat auf eigenen Wunsch selber keine Kinder. Seit 10 Jahren berät sie Frauen und Männer in Fragen rund ums «Natürlich Frau sein». In dieser Zeit hat sie nur sehr selten von ungewollten Schwangerschaften erfahren. Und in diesen Fällen sei wohl stets auch eine gewisse Unzuverlässigkeit mit im Spiel gewesen, vermutet sie. Wie sicher die Methode ist, hängt nämlich stark vom Kennen des eigenen Körpers ab sowie von der Übung und Disziplin. Ein Vorteil sei bestimmt ein regelmässiger Zyklus, sagt Bea Loosli. «Ich will aber sicher keine Frau von der Pille abbringen, wenn es ihr gut geht damit», betont sie. Sie selbst finde es einfach «viel toller, mit dem natürlichen Zyklus zu gehen, statt ihn zu unterdrücken».

Das sieht auch Susanne Rhyner so. «Seit ich die Pille nicht mehr nehme, fühle ich mich viel weiblicher, stärker und irgendwie wohler.» Sie sei entscheidungsfreudiger geworden und ausgeglichener. «Früher war ich oft aggressiv und aufbrausend», erinnert sie sich.

Und, auch mit der natürlichen Methode fühle sie sich jetzt zu 100 Prozent sicher.

Das Paar kann sich gut vorstellen, später einmal Kinder zu haben. Zurzeit wäre es aber nicht ideal, erklärt Pascal. Denn beide sind gerade daran, sich ein eigenes Geschäft aufzubauen. Dennoch sind sie sich einig: Eine Katastrophe wäre eine Schwangerschaft nicht.

Erstellt: 02.09.2019, 19:55 Uhr

So lesen Sie die Zeichen Ihres Körpers

Um die fruchtbaren Tage zu bestimmen, gibt es vier Hinweise:

Temperatur: Rund um den Eisprung steigt die Körpertemperatur um etwa ein halbes Grad an und bleibt danach auf diesem Niveau bis zum Einsetzen der nächsten Menstruation. Die Messung sollte stets kurz nach dem Aufwachen erfolgen.

Zervixschleim: In den fruchtbaren Tagen verflüssigt sich der Schleim, der aus der Vagina tritt. Er sieht glasig und durchsichtig aus, ein wenig wie rohes Eiweiss, und lässt sich zwischen den Fingern dehnen. Die Schleimhaut ist spürbar feucht.

Muttermund: Im Liegen kann man mit dem Mittelfinger die Veränderung des Muttermunds ertasten. In den fruchtbaren Tagen fühlt er sich feucht, weich und offen an, in den unfruchtbaren hart wie eine Nasenspitze.

Ovulationstest: Ein Teststreifen, der das Ansteigen des Ovulationshormons (LH) im Urin misst, gibt Gewissheit, ob der Eisprung bereits stattgefunden hat (erhältlich ist der Test in Apotheken).

Eizellen leben lediglich 12 bis 18 Stunden, Spermien dagegen bis zu 5 Tage. Bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr kann also in der Zeit zwischen 5 Tagen vor dem Eisprung und 1 Tag danach eine Schwangerschaft eintreten – maximal also während höchstens 7 Tagen des Zyklus. Das Problem ist, dass man im Voraus nicht genau weiss, wann der Eisprung stattfindet. Je unregelmässiger der Zyklus, desto mehr Vorsicht ist geboten. Wer auf Nummer sicher gehen will, verzichtet in der ersten Phase ganz auf Penetrationssex ohne Kondom und wartet ab, bis drei deutlich höhere Temperaturmessungen erfolgt sind.

Ein Zykluscomputer mit Digitalthermometer erleichtert das Erfassen der Temperatur. Eine günstigere Variante sind die App My NFP oder Cycle App. Es ist aber auch möglich, die Temperatur in einem Schulheft zu führen und mit den anderen Beobach­tungen zu ergänzen. Für die Sicherheit ist nicht die Technik entscheidend, sondern die Zu­verlässigkeit. (asö)


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