Warum Optimisten seltener krank sind

Ob wir zufrieden sind mit unserem Leben, können wir selbst beeinflussen, sagt Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello.

Enge Beziehungen und gegenseitige Unterstützung sind wichtig für ein erfülltes Leben. Foto: iStock

Enge Beziehungen und gegenseitige Unterstützung sind wichtig für ein erfülltes Leben. Foto: iStock

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Alle möchten glücklich sein. Doch was ist eigentlich Glück?
Das sind diese kurzen Momente, in denen man mit allem im Einklang ist. Man kann Glück nicht planen. Und wenn man versucht, es festzuhalten, ist es schon wieder weg. Im wissenschaftlichen Kontext ist Glück aber nur ein ­Bestandteil des Wohlbefindens. Dieses umfasst neben emotio­nalen Lustgefühlen auch die Lebens­zufriedenheit – also wie wir unsere Umstände auf kognitiver Ebene bewerten. Zum Wohlbefinden gehören auch psychische Dimensionen wie Lebenssinn und die Fähigkeit, sich selber zu akzeptieren.

Die Schweiz schneidet bei Untersuchungen zum Glück immer sehr gut ab. Schweben wir alle auf Wolke sieben?
Natürlich nicht. Doch in der Schweiz haben wir optimale Rahmenbedingungen, um viele ­Aspekte zu realisieren, die Wohlbefinden ermöglichen. Denn dieses können wir zu einem guten Teil beeinflussen.

Was haben wir selbst in der Hand?
Wie nie zuvor haben wir die Wahl – sei es beim Beruf, dem Wohnort, den Hobbys oder der Auswahl von Freunden. Einen entscheidenden Anteil am Wohlbefinden haben zudem Charaktereigenschaften. Wer den Lebensumständen etwa mit Humor, Optimismus, Hoffnung und Dankbarkeit begegnet, ist zufriedener, als wer mit einer negativen Haltung durchs Leben geht.

Ist unsere Persönlichkeit nicht angeboren?
Nur zum Teil. Hauptsächlich wird sie durch die Umwelt und vor allem durch uns selbst geprägt. Denn die Charaktereigenschaften – ein wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeit – kann man trainieren. Und es lohnt sich: Es ist erwiesen, dass Menschen mit einer positiven Grundhaltung weniger Stress und ein stärkeres Immunsystem haben und folglich weniger krank sind.

Also einfach immer gute Laune verbreiten? Das hat ja oft auch etwas Oberflächliches.
So ist es nicht gemeint. Man kann durchaus ernsthaft, kritisch und differenziert sein und dennoch versuchen, stets das Gute zu sehen, statt sich nur an widrigen Umständen aufzureiben. Und wenn man zu den Mitmenschen freundlich und grosszügig ist, kommt häufig etwas zurück.

Einige Menschen erleiden schwere Schicksalsschläge wie Unfälle oder den Tod Angehöriger. Wie können sie dennoch ein zufriedenes Leben führen?
Viele fallen zuerst einmal in ein Loch. Das ist normal. Eine plötzliche Querschnittslähmung oder der Verlust des Partners kann einen ganz schön aus der Bahn werfen. Doch die meisten rappeln sich danach wieder auf. Menschen aus schwierigen Verhältnissen entwickeln oft eine eindrückliche Widerstandsfähigkeit, auch Resilienz genannt.

Entwicklungspsychologin und Co-Autorin des Sozialberichts 2016 zum Wohlbefinden.

Sind das nicht Ausnahmen?
Nein. Es ist sogar erwiesen, dass die meisten Menschen an Schwierigkeiten und tragischen Ereignissen wachsen. Nur wenige gehen daran zugrunde. Es sind eben nicht die Umstände, die ausschlaggebend sind für unser Wohlbefinden, sondern unsere Interpretation davon.

Im Welt-Glücksbericht der UNO steht Finnland, gefolgt von weiteren skandinavischen Ländern, an der Spitze. Wie wichtig ist Wohlstand?
Geld allein macht nicht glücklich, aber kein Geld kann unglücklich machen. Wenn man ständig finanzielle Sorgen hat, ist das dem Wohlbefinden sicher nicht zuträglich. Kann man sich hingegen hin und wieder verwöhnen, sich etwas Angenehmes gönnen – etwa ein gutes Essen oder ein Wellness-Wochenende –, vermag das gerade in schwierigen Momenten ein wenig zu trösten. Doch die nordischen Länder schneiden nicht nur wegen des materiellen Wohlstands gut ab.

Sondern?
Es handelt sich allesamt um politisch stabile Demokratien. Das Gefühl, mitbestimmen zu können und viele Freiheiten zu haben, ist ebenfalls sehr wichtig. Dass man seine Meinung äussern und das Leben grösstenteils so gestalten kann, wie es einem entspricht, auch abseits von gesellschaftlichen Normen. Diese Bedingungen sind von aussen gegeben. Wir können sie kaum selber verändern.

Auf dem Happy-Planet-Index, einer anderen Glücksrangliste, rangiert Costa Rica auf Platz eins. Ihre Erklärung?
Für lateinamerikanische Verhältnisse ist das Land relativ sicher, stabil und wohlhabend. Zudem wird das gute Ergebnis damit begründet, dass der Zusammenhalt funktioniert. Wie die Forschung aufzeigt, wirken sich enge Beziehungen mit gegenseitiger Unterstützung äusserst positiv auf die Gesundheit aus. Umgekehrt macht Einsamkeit krank.

 Im Alter gewichten wir die flüchtigen Glücksgefühle weniger stark. Dafür lernen wir immer besser, mit Problemen umzugehen.Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello

Der Familiensinn südlicher Regionen würde wohl manchen Nordeuropäer überfordern.
Es geht nicht um die Quantität der Beziehungen, sondern um die Qualität. Für viele ist es genug, zwei oder drei gute, verlässliche Freunde zu haben. Wichtig ist einfach, dass man sich zugehörig fühlt. Dass man Aufmerksamkeit und Zuwendung erfährt.

Ein weiterer Faktor, den der Happy-Planet-Index misst, ist der ökologische Fussabdruck. Warum soll der einen Einfluss aufs Wohlbefinden haben?
Dieser Index misst eben auch den Einfluss, den ein Land auf das Wohlergehen des ganzen Planeten hat. Solidarisches Verhalten hat aber auch einen Effekt auf der persönlichen Ebene: Es schafft Lebenssinn – eine zentrale Voraussetzung für psychisches Wohlbefinden.

Geniesser leben doch unbeschwerter als jene, die sich bei allem Gedanken machen über die globalen Folgen. Soll man selbstlos leben oder vor allem an sich selbst denken?
Es braucht beides. Die Genussfähigkeit ist wichtig: damit man für sich selber gute Momente schaffen kann und sich etwas gönnt. Mindestens so wichtig sind aber auch sinnstiftende Aufgaben sowie das Gefühl, selbstbestimmt und für andere wichtig zu sein. Zudem muss man sich an die gegebenen Umstände anpassen können und sich damit begnügen. Dies gelingt älteren Menschen besser als jungen.

Je älter also, desto glücklicher?
Ja. Studien zeigen, dass selbst betagte Menschen, die unter widrigen Umständen leben, immer noch ziemlich zufrieden sind. Im Alter gewichten wir die flüchtigen Glücksgefühle weniger stark. Dafür lernen wir immer besser, mit Problemen umzugehen.

Erstellt: 07.10.2019, 07:01 Uhr

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Die Hilfsorganisation Helvetas will mit einer Kampagne den Menschen zu mehr Glück verhelfen. Ein wichtiger Teil ist dabei die Ausstellung «Global Happiness», die derzeit in Aarau gastiert: Auf anschauliche und interaktive Art können die Besuchenden ihren eigenen Lebensstil reflektieren und sich gleichzeitig mit wissenschaftlich erarbeiteten Glückskonzepten auseinandersetzen.

Wer sich vertieft mit dem Thema beschäftigen möchte, kann auf der Website von Helvetas (www.helvetas.org/de/schweiz) einen kostenlosen Online-Glückskurs abonnieren: In fünf Lektionen erfährt man da zum Beispiel, was gute Freundschaft ausmacht oder wie man sich selbstzerstörerische Mechanismen abtrainieren und sein Denken neu programmieren kann. (asö)


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