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«Das Virus ergreift uns, bevor es uns befällt»

Der Psychoanalytiker Mario Erdheim interpretiert unsere Panik vor dem Coronavirus als Ausdruck weltweiter Abhängigkeiten.

«Das Virus symbolisiert vor allem, wie abhängig wir voneinander geworden sind», sagt Mario Erdheim. Foto: Andrea Zahler
«Das Virus symbolisiert vor allem, wie abhängig wir voneinander geworden sind», sagt Mario Erdheim. Foto: Andrea Zahler

Herr Erdheim, nehmen Sie bei sich Ansteckungsfantasien wahr?

Ich hatte vor ein paar Nächten einen Traum, in dem alles um mich herum überflutet wurde. Ich deute ihn als unbewusste Reaktion auf die Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken. ­Interessanterweise steht die Angst in keinem Verhältnis zur unmittelbaren Gefahr. Dennoch eskaliert die Angst in unserer Gesellschaft zurzeit zur Panik. Wer Angst hat, kann noch über Ursachen und Folgen nachdenken. Wer in Panik gerät, handelt nur noch reflexartig. Panik ist Angst ohne Denken. Eine virale Gefahr erzeugt ein panisches Flucht- und Abschottungsverhalten. Quarantäne verhängen, Grenzen schliessen, Menschen isolieren. Wir haben das Bedürfnis, uns zu distanzieren, und geraten in Panik, weil wir merken, dass dies nicht geht. Das Virus ergreift uns, noch bevor es uns befällt.

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