Pillen schlucken ohne Pannen

Ein neues Buch verrät alles über Tabletten – und um welche Zeit man am besten zum Zahnarzt geht.

Wie kriegt man die Dinger bloss runter? Für jede Pillenform gibt es eine optimale Art, sie einzunehmen. Foto: iStock

Wie kriegt man die Dinger bloss runter? Für jede Pillenform gibt es eine optimale Art, sie einzunehmen. Foto: iStock

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Rasch ein Aspirin schlucken, wenn die Migräne den Kopf vernebelt; schnell ein Neo Citran trinken, wenn sich eine Grippe ankündigt. Was sich in unserem Körper abspielt, nachdem wir die Pillen, Dragees und Pülverchen eingenommen haben, interessiert meist wenig. Hauptsache, es geht einem besser. Aber wie weiss die Schmerztablette eigentlich, dass sie im Kopf wirken soll? Und merkt die Anti-Baby-Pille die Zeitverschiebung, wenn man nach Australien in die Ferien reist?

Die deutsche Pharmazeutin Christine Gitter beantwortet in ihrem unterhaltsamen Buch «Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Apothekerin» Fragen, die sich die meisten von uns wohl noch nie gestellt haben. Einige Erkenntnisse sind aber ziemlich überraschend. Oder hätten Sie gewusst, dass man schmerzhafte Zahnarzttermine mit Vorteil nachmittags vereinbart? Wir fassen die wichtigsten Kniffe in Sachen Pillenkunde zusammen:

Wie schlucke ich Kapseln, ohne würgen zu müssen?

Manche versuchen es mit möglichst viel Wasser, andere kippen ihren Kopf ruckartig nach hinten. Es geht auch einfacher: Halten Sie den Kopf gesenkt, wenn Sie Kapseln mit einem Glas Wasser schlucken. Der Grund: In der Kapsel befindet sich oft ein kleiner luftgefüllter Raum, sodass sie im Wasser oben treibt. Im Mund bedeutet das: Wenn Sie Ihren Kopf senken, bewegt sich die Kapsel in Richtung Rachen und rutscht so leichter die Speiseröhre hinunter. Neigen Sie ihn jedoch nach hinten, fliesst zuerst das Wasser ab. Zurück bleibt die Kapsel, was einen lästigen Würgreflex auslösen kann.

. . . und Tabletten?

Auch hier gibt es einen Trick. Sie brauchen dafür eine PET-Flasche, die Sie mit etwas Wasser füllen. Die Tablette legen Sie auf Ihre Zunge. Nun saugen Sie energisch an der Flasche, bis diese sich zusammenzieht. Schlucken Sie nun die Tablette, sie sollte ohne Probleme in Richtung Magen wandern.

Wirkt eine halbe Pille halb so stark?

Für das bisschen Kopfweh tut es auch eine halbe Dosis? Aufgepasst: Nicht jede Tablette kann bedenkenlos geteilt werden – teilweise ist die vermeintliche Bruchrille nur eine Schmuckkerbe. Manche Pillen sind so konzipiert, dass der Wirkstoff langsam und gleichmässig über Stunden freigesetzt wird. Wenn Sie die Tablette zerbrechen, gelangt alles auf einmal ins Blut, das kann die Nebenwirkungen verstärken. Andere sind mit einem magensaftresistenten Schutzfilm überzogen, der sich erst im Dünndarm auflösen sollte und durch das Brechen beschädigt wird. Faustregel: Tabletten nur halbieren, wenn die Packungsbeilage es ausdrücklich erlaubt, ansonsten nachfragen. Kapseln und Dragees nie teilen.

Welche Nebenwirkungen muss man ernst nehmen?

Manche Packungsbeilagen lesen sich, als ob einen umgehend der Tod ereilen würde, nachdem man das Medikament geschluckt hat. Keine Sorge: Nicht alle unerwünschten Effekte braucht man wirklich zu fürchten.

  • Sehr häufige Nebenwirkungen treten bei mindestens 1 von 10 Personen auf.
  • HäufigeNebenwirkungen kommen bei weniger als 1 von 10, aber mehr als 1 von 100 Personen vor.
  • Von seltenenNebenwirkungen spricht man, wenn sie bei weniger als 1 von 1000, aber mehr als 1 von 10'000 Behandelten auftreten.
  • Sehr seltene Nebenwirkungen werden bei weniger als 1 von 10'000 Personen beobachtet.

Spielt es eine Rolle, ob man Tabletten morgens oder abends einnimmt?

Ja. Unsere Hormone und Organe arbeiten je nach Tageszeit unterschiedlich. Viele Menschen spüren das, wenn sie nachmittags ein Konzentrationstief haben. Aus demselben Grund wirken Arzneimittel nicht immer gleich gut. Der Dünndarm etwa kann Wirkstoffe besser aufnehmen, wenn er gut durch­blutet ist – also nachts. Deshalb sollten Sie den empfohlenen Einnahmezeitpunkt genau einhalten. Und: Zahnarzttermine, bei denen Ihnen eine Spritze gesetzt wird, besser für die Zeit nach 14 Uhr vereinbaren. Nicht nur sind Sie dann unempfindlicher gegen Schmerz, die lokale Betäubung wirkt am Nachmittag auch ungefähr dreimal stärker als morgens.

Sind Pillen vegan?

Oft nicht. So bestehen 90 Prozent aller Kapseln aus Gelatine, andere Arzneimittel enthalten Lak­tose. Gerade Gelatine ist in der Pharma-­Industrie sehr beliebt, beispielsweise lassen sich mit diesem Stoffgemisch überzogene Kapseln und Tabletten leichter schlucken.

Spüren Babys einen Placebo-Effekt?

Offenbar ja. Ist jemand von einer heilenden Wirkung überzeugt, soll er den Effekt sogar auf Kleinkinder und Tiere übertragen können. Placebo by Proxy nennt sich das.

Christine Gitter: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Apothekerin, Droemer-Verlag, 2019, 288 Seiten, ca. 19 Franken



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Erstellt: 06.07.2019, 21:11 Uhr

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