Placebo ist ein wirksames Medikament

Die Grundversicherung soll die Komplementärmedizin gleich behandeln wie die Schulmedizin. Nach 20 Jahren Diskussionen sollten wir endlich bereit sein dazu.

Ein Placebo (lat. «ich werde gefallen») ist im engeren Sinn ein Scheinarzneimittel, welches keinen Arzneistoff enthält und somit auch keine durch einen solchen Stoff verursachte pharmakologische Wirkung haben kann. Foto: Franziska Scheidegger

Ein Placebo (lat. «ich werde gefallen») ist im engeren Sinn ein Scheinarzneimittel, welches keinen Arzneistoff enthält und somit auch keine durch einen solchen Stoff verursachte pharmakologische Wirkung haben kann. Foto: Franziska Scheidegger

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Die Komplementärmedizin soll definitiv durch die obligatorische Krankenpflegeversicherung finanziert werden. Der Bund schlägt das vor, um die seit vier Jahren gültige provisorische Vergütung in eine dauerhafte Lösung überzuführen. Gestern ging die Vernehmlassung zu Ende, und es zeigt sich: Der Widerstand gegen das Vorhaben ist erstaunlich gering. Denn die Ärzte, ein Teil der Versicherer, Parteien und auch die Kantone sind einverstanden.

Für Kritiker bedeutet dieser Entschluss nichts weniger als der Einfall des Irrationalen in die moderne Medizin. Wunschdenken und Aber­glauben werde nun der wissenschaftsbasierten Heilkunde gleichgestellt, die ihren beeindruckenden Erfolg der letzten 150 Jahre der Vernunft und dem strengen wissenschaftlichen Experiment verdankt. Doch selbst wer diese Gleichbehandlung als Ungeheuerlichkeit empfindet, muss zur Kenntnis nehmen: Die Schweizerinnen und Schweizer haben es so gewollt. Mit einer klaren Zweidrittelmehrheit haben sie 2009 für die Komplementärmedizin gestimmt. Man kann diesen Entscheid für falsch halten. Politisch aber ist er zu akzeptieren.

Der so klar geäusserte Volkswille ist ein wichtiger Grund, warum die Reaktionen auf das Vorhaben des Bundes weniger harsch ausfallen als in früheren Jahren. Eine ebenso grosse Rolle dürfte die Ermüdung gespielt haben. Nach 20 Jahren kontroverser, hochemotionaler Grundsatzdiskussionen, deren Teilnehmer sich mit immer gleichen Argumenten im Kreis drehten, können sich manche Kritiker mit einer prag­matischen Lösung abfinden. Die Komplementärmediziner haben sich durchgesetzt.

Doch auch die Gegenseite hat etwas be­kom­men. Sie kann darauf verweisen, dass sich heute auch Anhänger der komplett unwissenschaftlichen Homöopathie-Theorie von Samuel Hahnemann oder des unbewiesenen Konzepts der Meridiane in der Traditionellen Chinesischen Medizin nicht mehr gegen wissenschaftliche Wirkungsnachweise stemmen. Das ist ein wichtiger Erfolg.

Studien zu Voodoo und Geistheilung

Noch vor kurzem galten viele Methoden der Komplementärmedizin als unbeweisbar. Begriffe wie «Ganzheitlichkeit» oder «individuelle Behandlung» hielten die Verfechter einer anderen Medizin schon als ausreichendes Argument gegen eine wissenschaftliche Überprüfung ihrer Behauptungen. Solche Stimmen hört man inzwischen nicht mehr. Offenbar hat sich die Erkenntnis durch­gesetzt, dass sich selbst Geistheilung und Voodoozauber mit verblindeten, placebokontrollierten Studien auf ihre Wirksamkeit untersuchen lassen.

Tatsächlich wird auch vermehrt zu Komplementärmedizin geforscht. Und es finden sich Wirkungen. Beispielsweise bei der Akupunktur, die bei gewissen Schmerzen durchaus einen Nutzen entfalten kann. Auch bei der Homöo­pathie lassen sich Effekte nachweisen, sogenannt unspezifische. Das bedeutet zwar nur so viel, dass der Placeboeffekt spielt – und meistens nicht zu knapp. Aber Placebo kann ein hochwirksames Medikament sein.

Keine falschen Schlüsse

Dass diese Art von Medizin von der Grundversicherung vergütet wird, hat etwas Irritierendes. Aber so wissenschaftlich geht es in der Schulmedizin auch nicht immer zu, vor allem wenn die Forschung dem Profit im Wege steht. Kommen Zweifel an beliebten Behandlungen auf, wird die Bedeutung der entsprechenden Studien gerne kleingeredet. Zu häufig verschreiben Ärzte immer noch Antibiotika bei viralen Erkältungen, schieben Patienten unnötigerweise in die Röhre oder operieren, obwohl Studien davon abraten. Auch das ist – im besten Fall – Placebomedizin, ­ebenfalls bezahlt von der Grundversicherung. Erst noch viel teurer.

Auch nach ihrem Erfolg müssen die Komplementärmediziner aber die Relationen wahren. Ihre Heilkunde ist keine gleichwertige Alternative zur etablierten Behandlung geworden. Sie bleibt «komplementär», also ergänzend. Ist die Gesundheit ernsthaft gefährdet, muss die Schulmedizin nach wie vor erste Wahl bleiben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2016, 22:37 Uhr

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