Plötzlich süchtig nach Sex

Mehrere Männer benehmen sich auf einmal wie Wilde. Und dann wird klar: Sie können gar nichts dafür. Schuld ist die medizinische Therapie.

Gewisse Medikamente führen dazu, dass sich Hausmänner übermässig für Sex, Glücksspiel oder Kokain interessieren: Szene aus dem Film «50 Shades of Grey». Foto: Universal Pictures

Gewisse Medikamente führen dazu, dass sich Hausmänner übermässig für Sex, Glücksspiel oder Kokain interessieren: Szene aus dem Film «50 Shades of Grey». Foto: Universal Pictures

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Man mag sich nicht vorstellen, was in einer Familie los ist, wenn die Söhne den eigenen Vater beim Sex mit dem Hund erwischen. Genau dies jedoch passierte dem 62-Jährigen: Er wurde in flagranti mit der Hündin ertappt. Vor gut drei Monaten hatte der verwitwete Mann seiner Enkeltochter sexuelle Avancen gemacht und damit die Familie in Aufruhr versetzt. Nun war der Familienhund zu seinem Opfer geworden. Früher war er ein ruhiger, ausgeglichener Mensch. Was war in ihn gefahren?

Das fragte sich auch die Ehefrau eines 67-Jährigen. Ihr Ehemann sei immer sehr schüchtern und zurückhaltend gewesen, berichtete sie den Ärzten. Nun aber verlange er täglich Sex von ihr, rede dabei obszön daher und habe plötzlich eine starke Vorliebe für Analverkehr.

Andere männliche Patienten verstörten ihre Angehörigen, weil sie aufs Mal Frauenkleider tragen wollten, täglich stundenlang Pornowebsites betrachteten, plötzlich fremdgingen oder sogar wegen sexueller Belästigung vor Gericht kamen. In manchen Fällen entwickelten diese Männer zusätzlich Obsessionen: Ein 29-Jähriger etwa konnte kaum aufhören, den Garten zu jäten. Ein anderer begann, wie besessen zu golfen.

Trommeln bis alle weg sind

Manchmal ging es auch gar nicht um Sex. Ein Hobbymusiker etwa wollte unablässig trommeln. Er kaufte sich teure Percussion-Instrumente und brachte sich vor lauter Trommeln sowohl um den Schlaf als auch um seine sozialen Kontakte.

Andere bekamen Essanfälle, sammelten ­kaputte Rasenmäher oder anderes Unnützes, shoppten unablässig und verschuldeten sich hoch. Oder sie begannen mit 70 Jahren, Kokain zu konsumieren.

Ein 62-jähriger ehemaliger Lehrer geriet in den Sog des Glücksspiels. Sein Leben lang hatte er nie dergleichen gemacht. Nun aber begann er sogar zu stehlen und zu lügen, nur um an Geld zu kommen, das er auf Pferde und Fussballresultate verwettete oder in Glücksspielautomaten investierte. Er verlor dabei nicht nur umgerechnet über 50 000 Franken, er verspielte auch sein Ansehen in der Familie. Seine Söhne hassten ihn.

Dabei konnte der Mann gar nichts dafür.

Schuld war nämlich die medizinische Therapie. Er nahm bestimmte Medikamente ein, die im Gehirn ähnlich wirken wie der Nervenbotenstoff Dopamin. Solche Wirkstoffe verordnen Ärzte zum Beispiel gegen ruhelose Beine oder gegen die «Zitterkrankheit» Parkinson. Der Grund für die Symptome bei Parkinson ist ein Mangel an Dopamin in einer bestimmten Region des Gehirns.

Das Gleichgewicht der Nervenbotenstoffe

Dopamin – das ist ein Nervenbotenstoff, mit dem wir die Welt erobern. Er löst Glücksgefühle aus und bringt uns zum Beispiel dazu, den Nervenkitzel zu suchen – und er kann ein suchtähnliches Verhalten hervorrufen. Solange das Gleichgewicht der verschiedenen Nervenbotenstoffe im Hirn stimmt, sorgen die Gegenspieler des Dopamins normalerweise dafür, dass wir es nicht zu toll treiben.

Etwa ein bis zehn Prozent der Patienten mit Parkinson bekommen durch die Therapie mit sogenannten Dopaminagonisten bizarre Anwandlungen, von denen sie nicht lassen können. Wie diese Nebenwirkung genau zustande kommt, ist unbekannt. Manchmal liegt es daran, dass der Patient eigenmächtig die Dosis erhöht. Eine Minderheit der Betroffenen scheint vorgängig schon gewisse Neigungen oder psychische Auffälligkeiten zu haben, wie etwa der 33-Jährige, der unter der Behandlung rund 50 Katzen adoptierte und diese, einem Impuls folgend, tötete.

Meist legt sich das verstörende Verhalten wieder, wenn das Medikament reduziert oder abgesetzt wird. Im Rückblick sind viele Betroffene dann genauso erschüttert über sich selbst wie ihre Angehörigen.

Erstellt: 20.01.2017, 18:55 Uhr

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