Radikaler Humanist und Kriegschirurg

Nach ein paar Monaten in Pakistan kehrte der Mailänder Arzt Gino Strada nie mehr in ein europäisches Spital zurück. Dafür hat er Tausende von Kriegsopfern operiert und betreibt in Krisenländern hochmoderne Kliniken.

Gino Strada: «Das Problem ist der Krieg, egal, wer gegen wen kämpft.» Foto: Urs Jaudas 

Gino Strada: «Das Problem ist der Krieg, egal, wer gegen wen kämpft.» Foto: Urs Jaudas 

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Am Anfang war es pure Neugier. Gino Strada war in den 1980er-Jahren gerade auf dem besten Weg, ein erfolgreicher Herz- und Lungentransplantationschirurg zu werden, er operierte schon an den Universitäten von Stanford und Pittsburgh, in Grossbritannien und Südafrika. Doch der gebürtige Mailänder wollte noch mehr Erfahrungen sammeln «in der Welt», wie er sagt, aus Neugier eben, «um zu sehen, wie der Job eines Chirurgen aussieht in Ländern, wo es fast keine Chirurgen gibt». Strada heuerte 1988 beim italienischen Aussenministerium an, und die schickten ihn für ein paar Monate nach Quetta in Pakistan, wo er in einem vom IKRK geführten Spital nahe der afghanischen Grenze operieren sollte.

Was er dort antraf, damit hatte er nie gerechnet. Strada wurde erstmals mit dem Krieg und seinen Folgen konfrontiert. In dem Spital hätten sie unzählige Verwundete aus Afghanistan behandelt, erzählt er, sehr viele davon mit Verletzungen von Landminen, und sehr oft Kinder, die durch Spielzeugminen verletzt wurden. Minen also, die wie Spielzeug aussehen und so Kinder anlocken. Er begann sich Fragen zu stellen wie: «Was haben Kinder mit dem Krieg zu tun?» Oder: «Wie kann ein menschliches Hirn eine Strategie planen und durchführen, die darauf abzielt, Kinder im Feindesland zu verstümmeln?»

Kostenlose Behandlungen

Heute, 30 Jahre später, sagt Strada: «Diese Erfahrung hat mein Leben total umgekrempelt.» Aus den paar Monaten, die er plante, für das IKRK zu operieren, wurden Jahre. «Von da an arbeitete ich nie mehr in einem europäischen Spital», erzählt er Ende Juni bei unserem Treffen am Hauptsitz der Stiftung Emergency in Mailand. In den Jahren nach seinem ersten Einsatz operierte Strada Kriegsopfer in Pakistan, Afghanistan, Äthiopien, Peru, Somalia und Bosnien. In dieser Zeit realisierte er auch, dass 90 Prozent der Kriegsopfer Zivilisten sind. «Zuerst dachte ich, das sei nur in Afghanistan so», sagt Strada, dann habe er gemerkt, dass das in jedem Konflikt der Fall war. «Das Problem ist der Krieg, egal, wer gegen wen kämpft.»

Um den unzähligen Kriegsopfern besser helfen zu können, gründete er 1994 zusammen mit seiner Frau Teresa (sie starb 2009) die Stiftung Emergency, eine Nichtregierungsorganisation (NGO), deren Ziel es ist, Kriegs- und Landminenopfern eine kostenlose und hochwertige medizinische und chirurgische Behandlung anzubieten. Es sei offensichtlich gewesen, erzählt Strada, dass der Bedarf für Chirurgen in Kriegsgebieten riesig war. «Wir bildeten also ein kleines Team und gingen da hin, wo wir gebraucht wurden.»

Emergency wuchs schnell – obwohl Strada das gar nicht so plante. Doch eine Kampagne gegen Landminen in Italien war derart erfolgreich, dass Emergency rasch grosse Bekanntheit erlangte und die Spenden zu fliessen begannen. 300'000 bis 400'000 Menschen würden jedes Jahr einen kleinen Beitrag beisteuern, das sei bis heute so geblieben, sagt Strada. Noch kommen die meisten Spenden aus Italien, doch Strada will die Organisation nun auch international bekannter machen. Dazu hat er verschiedene Schwester-Stiftungen gegründet, darunter auch einen Ableger in der Schweiz.

Beinprothesen für Landminenopfer in einem Spital in Kabul. Foto: Damir Sagolj (Reuters)

Heute ist Emergency eine mittelgrosse NGO mit einem Umsatz von über 50 Millionen Euro. In den verschiedenen Emergency-Kliniken und -Spitälern in Afghanistan, im Sudan, im Irak und in anderen Kriegsschauplätzen arbeiten rund 2500 Angestellte, am Hauptsitz der Stiftung in Mailand sind es nochmals rund 150 Personen, inklusive freiwilliger Helfer.

Seit der Gründung von Emergency war Strada, getrieben von seiner Empörung über den Krieg und das viele Leid, das Unschuldige trifft, fast ständig auf Achse. Acht, neun Monate im Jahr operierte er in seinen Spitälern, lehrte dort lokalen Ärzten, wie man Wunden operativ behandelt, und stampfte nebenbei in schnellem Takt auch noch neue Kliniken und Spitäler aus dem Boden. Über 30'000 Kriegsopfer hat er in den letzten 30 Jahren selber operiert, er, der sich gerne auch als «surgical animal» bezeichnet, als chirurgisches Tier. Für sein unnachgiebiges Engagement wurde Strada 2015 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Hochqualitative Herzchirurgie

Strada ist ein radikaler Humanist, einer, der unerbittlich für die Abschaffung des Krieges kämpft, aber auch einer, der die Medizin als Menschenrecht sieht und der seinen Patienten immer mit viel Empathie begegnet. «Ich sehe nicht ein, warum ich einen Freund in Italien anders behandeln soll als einen afghanischen Patienten», sagt Strada, lehnt sich zurück und zündet sich eine Zigarette an. «Ich fühle mich moralisch verpflichtet, allen Menschen die bestmögliche medizinische Behandlung anzubieten.»

Das ist auch die Maxime von Emergency. Exemplarisch zeigt sich das beim Emergency-Spital Salam Center für Herzchirurgie in Khartum (Sudan). Es ist laut Strada das einzige Krankenhaus in ganz Afrika, das hochqualitative Herzchirurgie anbietet, mit einer State-of-the-Art-Einrichtung und hygienischen Standards, die nicht mal in westlichen Spitälern erreicht würden.

«Hygiene ist der wichtigste Faktor überhaupt, wenn es um das Ergebnis einer Operation geht», sagt Strada. In den zehn Jahren seit Bestehen des Spitals hat Emergency 50'000 kardiologische Konsultationen und 7000 Operationen am offenen Herzen durchgeführt, und dies mit einer sehr tiefen Sterblichkeit, wie Strada betont. Er selber operiert immer noch in Khartum und tut dies, wie vieles, mit grosser Leidenschaft. «Ich liebe die Herzchirurgie genauso, wie ich die Kriegschirurgie liebe.»

«Mit ein paar Einschränkungen fühle ich mich gesund genug, um mich weiterhin für die Stiftung einzusetzen.»

Genauso leidenschaftlich hasst Strada den Krieg und setzt er sich vehement für dessen Abschaffung ein. Ist das nicht utopisch? «Überhaupt nicht!», wehrt sich Strada und nestelt die nächste Zigarette aus der Schachtel. Es sei eine riesige Notwendigkeit und die einzige realistische Option, die Menschheit vor dem kollektiven Selbstmord zu retten. Eine einzige Atombombe reiche, um das Überleben der Menschheit zu gefährden. Er halte es daher mit Albert Einstein, der immer wieder gesagt habe, wie schrecklich Krieg sei und und dass dieser um jeden Preis abgeschafft werden müsse.

Man spürt, Strada ist mit seiner Mission noch lange nicht am Ende. Doch gesundheitlich wirkt er angeschlagen, er, der Kettenraucher, der sich, wie es scheint, immer mehr um die Gesundheit anderer als um seine eigene gekümmert hat. Er relativiert allerdings den Eindruck: «Mit ein paar Einschränkungen fühle ich mich gesund genug, um mich weiterhin für die Stiftung einzusetzen.» Seit März weilt Strada in Mailand, eine ungewöhnlich lange Zeit für einen Mann mit so viel Schaffenslust. Zieht es ihn nicht wieder in die Krisengebiete? Ja schon, aber er werde noch ein paar Wochen länger in Mailand bleiben. «Ich bin jetzt gerade 70 geworden, ich brauche etwas Ferien.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2018, 18:24 Uhr

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