Rote Blutkörperchen gegen MS

Mit einer völlig neuen Strategie wollen Neurologen des Universitätsspitals Zürich das fehlgeleitete Immunsystem von Multiple-Sklerose-Patienten zähmen und so die Nervenkrankheit heilen.

Rote Blutkörperchen: Jede Sekunde produziert der menschliche Körper ein bis zwei Millionen davon. Foto: Steve Gschmeissner (SPL, Getty)

Rote Blutkörperchen: Jede Sekunde produziert der menschliche Körper ein bis zwei Millionen davon. Foto: Steve Gschmeissner (SPL, Getty)

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Im obersten Stock der Klinik für Neurologie am Universitätsspital Zürich (USZ) herrscht Aufbruchstimmung. Hier planen zwei Neurologen, der Oberarzt Andreas Lutterotti und der Leitende Arzt Roland Martin, zusammen mit einem Team des Klinischen Forschungsschwerpunktprogramms MS eine völlig neuartige Therapie gegen die Autoimmunkrankheit multiple Sklerose (MS). Ihr Plan: Sie wollen das Immunsystem, das bei einer MS auf Abwege gerät und Nervenzellen in Gehirn und Rücken­mark angreift, mit seinen eigenen Waffen schlagen. Funktioniert die Therapie, könnte die schwere Krankheit viel von ihrem Schrecken verlieren.

Bislang gibt es allerdings nur wenige zarte Hinweise darauf, dass die Zähmung des Immunsystems beim Menschen ähnlich gut funktionieren könnte, wie sie es im Tierversuch getan hat. Aber schon bald, vielleicht in etwa eineinhalb Jahren, hoffen Martin und Lutterotti diesbezüglich schlauer zu sein. Bis Mitte 2019 sollen nämlich die beiden ersten klinischen Studien mit zehn respektive fünfzehn Patienten abgeschlossen sein. «Die Chance, dass die neue Therapie funktioniert, schätze ich auf 60 bis 75 Prozent», sagt Roland Martin.

Der vorsichtige Optimismus von Martin fusst auf dem Grundprinzip der neuen Therapie. Dieses lautet: das Übel an der Wurzel packen und nicht, wie gängige medikamentöse Therapien, nur auf Symptombekämpfung und Schadensbegrenzung machen.

«Wir haben Hinweise, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»Roland Martin

Bei MS ist das Übel das Immunsystem, das fälschlicherweise die Isolierschicht der Nervenfasern angreift, die sogenannte Myelin-Hülle. Mit ihrem neuen Ansatz wollen Martin, Lutterotti und Co. das Immunsystem umerziehen, sodass es die Myelin-Hülle nicht mehr als fremd, sondern als eigen erkennt und die Nervenbahnen in Ruhe lässt. In der Fachsprache heisst der Ansatz «Immuntoleranz induzieren» – und funktioniert ähnlich wie eine Desensibilisierungstherapie bei Allergien. Dementsprechend nannten Martin und Lutterotti das Projekt «Establishing Tolerance in MS» (ETIMS).

Genauer gesagt heisst das Projekt «ETIMSred». Wobei «red» für die roten Blutkörperchen steht, die bei der neuen Therapie eine zentrale Rolle spielen. Das Konzept der Therapie funktioniert nämlich so: Einem MS-Patienten wird in einem möglichst frühen Stadium der Krankheit Blut abgenommen, und daraus werden die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) isoliert und ­separiert. Im Labor werden diese Blutzellen mit sieben verschiedenen Eiweissfragmenten (sogenannten Peptiden) aus der Myelin-Hülle bestückt – und derart aufgemotzt dem Patienten wieder eingespritzt.

Zellulärer Suizid

In der Blutbahn sterben die Erythrozyten dann schnell ab, weil die Prozedur im Labor eine Tortur war, die sie nicht überleben: Sie «gehen in den programmierten Zelltod», sagt Lutterotti. Der zelluläre Suizid ist dabei ein zentraler Aspekt der Immuntoleranztherapie – und zudem ein ganz natürlicher Vorgang. Jeden Tag sterben nämlich 100 Milliarden oder mehr rote Blutkörperchen, und genauso viele produziert der Körper auch neu, Tag für Tag.

Um die absterbenden Erythrozyten kümmert sich das Immunsystem. Sogenannte Fresszellen nehmen die Blutkörperchen auf und präsentieren Fragmen­­te davon anderen Teilen des Immunsystems. Die Botschaft dabei: «Schaut her, diese Zellen respektive deren Fragmente sind völlig harmlos, sie sind körpereigen, also bloss nicht attackieren!» Sind nun Erythrozyten zusätzlich mit Peptiden der Myelin-Hülle bestückt – so die Idee der Therapie –, akzeptiert das Immunsystem diese Eiweissfragmente ebenfalls als körpereigen und stellt die Attacken auf die Nervenbahnen ein.

Das Zürcher Projekt baut auf einer Vorläuferstudie aus dem Jahr 2013 auf. Damals behandelte ein Team um Roland Martin und Andreas Lutterotti am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg zehn MS-Patienten mit aufgemotzten weissen Blutkörperchen (anstelle der in Zürich verwendeten Erythrozyten). Die Anzahl der transplantierten Zellen war allerdings zu gering, um einen klinischen Nutzen zu erwarten, es ging in der Studie vor allem um die Sicherheit der Behandlung. Man habe allerdings gesehen, dass diejenigen Immunzellen, die das eigene Nervengewe­­be angreifen, fast verschwunden seien, sagt Martin. «Das ist ein guter Hinweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

Erste Symptome meist bei jungen Erwachsenen

In nur eineinhalb Jahren wollen die Zürcher Neurologen nun gleich zwei kleine Studien mit dem ETIMSred-Ansatz durchziehen: In der ersten Studie (Phase Ib) mit insgesamt 10 Patienten geht es wieder um die Sicherheit der Behandlung und um das Bestimmen der optimalen Dosis. In der zweiten Studie (Phase IIa) erhalten dann 15 Patienten die höchste getestete Dosis an Zellen. «Da wollen wir schauen, was klinisch passiert», sagt Lutterotti. Dabei werde die Bildgebung im Vordergrund stehen. Die Patienten werden mehrmals in die Röhre eines Kernspintomografen gelegt. Mithilfe der dabei erhaltenen MRI-Bilder wollen die Ärzte dann feststellen, ob die Anzahl der entzündlichen Herde im Gehirn mit der Therapie zurückgeht.

Diese entzündlichen Herde in Gehirn und Rückenmark sind ein Markenzeichen der multiplen Sklerose. Die ersten Symptome der Krankheit treten meist bei jungen Erwachsenen auf, öfters bei Frauen als bei Männern. Die heimtückische Krankheit verläuft bei jedem Patienten anders, bei den meisten aber in Schüben. Bei einem Schub ist das Immunsystem aktiv und schädigt die Nerven. Dabei kann es zu Taubheitsgefühlen, Sehstörungen oder Lähmungen kommen. Bis vor 30 Jahren konnte man einzig mit Kortison die Entzündungsreaktion während der Schübe dämpfen.

Neustart des Immunsystems

Das wird heute noch so gemacht, allerdings gibt es mittlerweile über ein Dutzend teilweise sehr potente Medikamente, die den Verlauf einer MS deutlich bremsen können. Sie tun dies indes auf Kosten des Immunsystems, das sie alle mehr oder weniger spezifisch unterdrücken. Dies könne auf die Dauer zu grösseren Problemen führen, zum Beispiel zu teils schweren Infektionen, sagt Martin. Deshalb brauche es neue Ansätze – wie etwa die Immuntoleranz.

Ein anderer, eher neuer Ansatz ist gerade daran, sich in Kliniken weltweit zu etablieren. Bei der bislang wirksamsten Therapie gegen MS handelt es sich um die sogenannte autologe Stammzelltransplantation (aHSCT). Dabei wird das Immunsystem des Patienten quasi neu gestartet, nachdem man ihm vorher Blutstammzellen entnommen und das Immunsystem mit starken Medikamenten abgetötet hat. Die Therapie ist ein durchschlagender Erfolg. So fand eine kanadische Studie vor knapp zwei Jahren bei 24 Patienten auch sechs Jahre nach der Stammzelltransplantation keine neuen Krankheitsaktivitäten.

Unterstützung von Wyss Zurich

Allerdings sei eine aHSCT immer mit einem gewissen Risiko behaftet, sagt Roland Martin. So könnten direkt nach der Behandlung schwere Infektionen oder später in seltenen Fällen Tumoren auftreten. Zudem habe es auch ein paar Todesfälle gegeben, seit 2011 allerdings nur noch einen. Weltweit sind mit dieser Therapie bis heute bereits über 2000 Patienten behandelt worden. Offiziell zugelassen ist die aHSCT in der Schweiz noch nicht. Martin hat gemeinsam mit Urs Schanz, Leitender Arzt an der Klinik für Hämatologie am USZ, trotzdem bereits zwei Patienten damit behandelt.

Wenn die aHSCT schon so erfolgreich ist, warum braucht es dann überhaupt noch die neue Immuntoleranztherapie? «Die Stammzelltransplantation ist eine richtige Rosskur», sagt Martin, die ETIMSred-Therapie sei dagegen viel sanfter. Und vor allem könne man sie schon im Frühstadium der Krankheit einsetzen. Derzeit läuft bereits die Phase-I-Studie. Zwei Patienten haben die Ärzte des CRPP mit den aufgemotzten Erythrozyten bisher behandelt.

«Wichtiger Durchbruch in der Medizin»

Bei der Durchführung der beiden Studien können Martin, Lutterotti und Co. auf die Unterstützung von Wyss Zurich zählen. Dieses über eine Stiftung vom Medizintechnikunternehmer und Milliardär Hansjörg Wyss geschaffene Forschungs- und Entwicklungszentrum an der Uni und an der ETH Zürich fördert Projekte an der Schnittstelle zwischen Forschung und Klinik. ETIMSred ist eines von derzeit neun unterstützten Projekten am Wyss Zurich.

Und sicherlich eines der vielversprechendsten. Denn sollte die Zähmung des Immunsystems funktionieren, könnte die Methode auch bei anderen Autoimmunerkrankungen zur Anwendung kommen, etwa bei Diabetes Typ I, bei Schuppenflechte oder bei rheumatoider Arthritis. Zudem könnte man vor einer Organtransplantation das Immunsystem des Empfängers auf die Zellen des Spenders «tolerisieren», wie es in der Fachsprache heisst. Bei Mäusen habe das bestens geklappt, sagt Martin. Vorbehandelten Mäusen konnte man ein Herz verpflanzen – ohne Immunsuppressiva einsetzen zu müssen. «Wenn unser Ansatz funktioniert», sagt Martin, «wird das ein wichtiger Durchbruch sein in der Medizin.»

Mehr Infos zu den laufenden Studien zur Immuntoleranz bei MS: www.nims-zh.ch/etimsred (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2018, 17:30 Uhr

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Zahlen und Fakten zu Multiple Sklerose

10'000

Menschen leiden schätzungsweise in der Schweiz an multipler Sklerose (MS). Die Zahl basiert auf einer Studie aus dem Kanton Bern aus dem Jahr 1994. Neuere Daten aus Deutschland gehen allerdings von einer höheren Prävalenz aus, es könnten daher hierzulande auch 20'000 MS-Patienten sein. Weltweit leiden geschätzt 2,5 Millionen Menschen an der Autoimmunkrankheit.

85 Prozent

der MS-Patienten leiden an der schubförmig remittierenden Form (RRMS). Dabei führen unvorhersehbare Krankheitsschübe zu Symptomen wie Sehstörungen, Missempfindungen, Taubheitsgefühlen und vielem mehr. Anfangs bilden sich die Einschränkungen meist komplett zurück, später nur noch teilweise. Bei etwa 50 Prozent der Patienten kann die RRMS in eine sekundär progrediente MS (SPMS) übergehen, die mit einer schleichenden Verschlechterung der Symptome einhergeht. 15 Prozent der MS-Patienten leiden an der primär progredienten Form (PPMS), bei der die Krankheit von Beginn an schleichend fortschreitet und sich die neurologischen Defizite nicht zurückbilden.

13

Medikamente, die den Verlauf einer schubförmigen MS verlangsamen können, sind derzeit in der Schweiz zugelassen. Sie alle wirken auf das Immunsystem, entweder indem sie seine Funktion verändern oder diese unterdrücken. Einzelne Medikamente können die Schubrate um 50 Prozent oder mehr reduzieren. Für die primär progrediente Form ist nur ein Medikament zugelassen (Ocrevus von Roche), und dies auch erst seit Ende 2017. (nw)

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