Schlafen wir wirklich zu wenig?

Naturvölker schlafen laut einer Studie weniger bis gleich viel wie die Bewohner der westlichen Industrieländer. Der bei uns viel beklagte «Social Jetlag» ist womöglich nur ein Mythos.

Wir sind womöglich gar nicht chronisch übermüdet: Schlafende Ikea-Kunden in Peking.

Wir sind womöglich gar nicht chronisch übermüdet: Schlafende Ikea-Kunden in Peking. Bild: Getty Images

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Die Schuldigen hängen alle zumindest zeitweise an der Steckdose: Fernseher, Computerspiele, Internet, Smart­phones, Kunstlicht. Ihretwegen schlafen wir zu wenig, mit negativen Konsequenzen für die Gesundheit, befürchten Mediziner. Sie nennen es «Social Jetlag», die chronische Übermüdung durch unser Sozial- und Berufsleben.

Studien deuten sogar darauf hin, dass wir immer weniger schlafen. In der Schweiz im Durchschnitt 38 Minuten weniger als noch vor gut 30 Jahren, wie eine Befragung 2014 ergab. Werktags beträgt die mittlere Schlafdauer demnach 7,5 Stunden, an freien Tagen 8,5. In Frankreich, Grossbritannien und den USA soll die Schlafdauer eine halbe Stunde kürzer sein. Eine Auswertung historischer Quellen im Fachblatt «Pediatrics» von 2012 ergab, dass Kinder heute eine gute Stunde weniger schlafen als vor 100 Jahren.

Doch diese Daten werden auch angezweifelt, etwa von Jerry Siegel, umtriebiger Schlafforscher an der University of California in Los Angeles (UCLA). «Es wird viel behauptet, trotz mangelhafter Belege», sagt er. Tatsächlich basieren viele Studien nicht auf exakten Messungen, sondern auf Befragungen, die anfällig für Verzerrungen sind. Um herauszufinden, wie wir natürlicherweise schlafen würden, hat Siegel nun zusammen mit einem Forscherteam den Schlafrhythmus von Naturvölkern vermessen.

Das überraschende Resultat: Ursprüngliche Jäger und Sammler schlafen weniger bis gleich viel wie wir. Der Durchschnitt liegt bei 6,4 Stunden pro Nacht, mit einer Schwankungsbreite zwischen 5,7 und 7,1 Stunden. Die Liegezeit, die wahrscheinlich eher der in Befragungen erhobenen Schlafzeit entspricht, beträgt im Mittel 7,7 Stunden. «Der Schlaf in diesen traditionellen Stämmen ist demjenigen in Industriegesellschaften in verschiedenen Aspekten ähnlicher als angenommen», resümieren die Forscher in der gestern erschienenen Studie im Fachblatt «Current Biology».

Tagsüber kaum Nickerchen

Jerry Siegel und Kollegen untersuchten das Schlafverhalten von insgesamt 94 Mitgliedern der drei Jäger-Sammler-Völker Hadza in Tansania, San in Namibia und Tsimane in Bolivien. Die Teilnehmer bekamen während 6 bis 28 Tagen einen sogenannten Aktigrafen ums Handgelenk geschnallt: ein Messinstrument, das die Aktivität des Trägers aufzeichnet. Dies ermöglichte den Forschern zuverlässigere Rückschlüsse auf das Schlafverhalten, als dies etwa durch Befragungen möglich ist. Neben der kurzen Schlafdauer förderten die Messungen dabei eine weitere Überraschung zutage. Trotz der traditionellen Lebensweise ist der Schlaf der untersuchten Stämme gleich strukturiert wie in westlichen Industrie­ländern – nämlich monophasisch. Das heisst, die San, Tsimane und Hadza schlafen wie wir einmal am Stück. Bisher ging man davon aus, dass der natürliche Schlaf nachts öfter unterbrochen werde und dass häufige Nickerchen am Tag der Normalfall seien. Bei den untersuchten Gruppen registrierten die Forscher jedoch bei weniger als 20 Prozent der erfassten Tage kurze Schläfchen.

Es zeigte sich auch, dass sich die archaischen Menschen nicht mit einsetzender Dunkelheit zur Ruhe legen, sondern erst dreieinhalb Stunden nach Sonnenuntergang, wenn die Temperatur fällt. Siegel und seine Mitautoren vermuten deshalb, dass nicht nur das Tageslicht, sondern auch die Temperatur eine wichtige Rolle bei der Strukturierung des Schlafs spielt. Aufgestanden wird aber bei Sonnenaufgang.

Obwohl die drei Völker geografisch weit auseinander und entwicklungsgeschichtlich schon lange getrennt leben, sind die Resultate vergleichbar. Für Siegel ein deutliches Indiz, dass hier das charakteristische Schlafmuster der vormodernen Ära von Homo sapiens vorliegt. «Unsere Resultate deuten darauf hin, dass die Schlafdauer in Industrie­ländern nicht kürzer ist, als sie in der Entwicklungsgeschichte unserer Spezies die meiste Zeit normal war», so Siegel.

«Survival Jetlag» wegen Jagd?

Mit seiner Studie stösst Schlafforscher Siegel bei Kollegen auf grosses Interesse. «Das sind bemerkenswerte Resultate, die bisherigen Annahmen zur Schlafdauer und -struktur in Naturvölkern widersprechen», sagt Christian Baumann, Leiter der Parkinson- und Schlafforschung an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich. Tatsächlich sei auch unter Fachleuten umstritten, ob wir heute weniger schlafen als früher. «Eine andere Frage ist, ob wir und auch die untersuchten Naturvölker genug schlafen», sagt der Neurologe. In Versuchen konnte gezeigt werden, dass die geistige Leistungsfähigkeit kontinuierlich sinkt, wenn Versuchspersonen weniger als acht Stunden pro Nacht schlafen. «Unter sechs Stunden ist die Fehlerquote schon sehr hoch.» Auch die Auswirkungen von wenig Schlaf auf Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien weitgehend gesichert.

Für Baumann stellt die Studie von Siegel deshalb nicht primär die Vorstellung eines «Social Jetlags» infrage. Er hält es eher für möglich, dass Naturstämme wie die San, Hadza und Tsimane gar nicht im Einklang mit ihrer Physiologie und der Natur leben, sondern eine Art «Survival Jetlag» haben. Ihre auf Jagd ausgerichtete Lebensweise, das Klima und die Gefahren der Wildnis könnten sie dazu zwingen, mit wenig Schlaf auszukommen. «Unter anderen Umständen würden sie vielleicht auch länger schlafen», sagt Baumann. Darauf könnte allenfalls auch hindeuten, dass die untersuchten Volksstämme einen aussergewöhnlich ununterbrochenen Schlaf aufwiesen.

Auch Christian Cajochen vom Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel glaubt, dass die Lebensform der untersuchten Gruppen für die Resultate eine grosse Rolle gespielt habe. «In einer anderen Untersuchung mit archaischen Bauern in Nigeria stellte man zum Beispiel fest, dass diese in der Nacht lange Wachphasen haben», sagt Cajochen. «Das könnte eine Folge ihrer sesshaften Lebensweise sein.» Offen sei zudem, wie sich der Abstand zum Äquator auf das natürliche Schlafverhalten auswirke. «Allein die jahreszeitlichen Schwankungen und die Lichtverhältnisse wirken sich stark aus», so Cajochen.

So oder so wird die Veröffentlichung von Siegel noch viel zu reden geben. Am Sonntag wird der Forscher seine Resultate am Treffen der Society of Neuro­science in Chicago vor seinen Kollegen und den Medien als «hot topic abstract» präsentieren.

Erstellt: 16.10.2015, 06:41 Uhr

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