«Schlafmangel könnte die seltsame Verhandlungstaktik erklären»

Der griechische Ex-Finanzminister Varoufakis hat sich kaum Schlaf gegönnt. Der Schlafforscher Christian Baumann hält das für eine «dramatische Übertreibung».

Nickerchen unterwegs: Giannis Varoufakis – damals frisch im Ministeramt – reist per Flugzeug durch Europa. (4. Februar 2015)

Nickerchen unterwegs: Giannis Varoufakis – damals frisch im Ministeramt – reist per Flugzeug durch Europa. (4. Februar 2015) Bild: Twitter/Andreas Kynast

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Jeder Mensch braucht Schlaf. Der eine mehr, der andere weniger. Der kürzlich zurückgetretene griechische Finanzminister Giannis Varoufakis gehört nach eigenen Aussagen zu den Wenigschläfern. Zwei Stunden pro Tag während fünf Monaten – seit er Ende Januar das Amt angetreten hatte. Das sagte Varoufakis dem britischen Magazin «New Statesman».

Herr Baumann, Varoufakis gibt an, zwei Stunden pro Tag geschlafen zu haben. Ist das möglich?
Ich bin sehr skeptisch und halte dies eher für eine dramatische Übertreibung. Es gibt aber auch Menschen, die ihre tatsächliche Schlafdauer nur sehr schlecht selber einschätzen können.

Was passiert, wenn der Körper so lange mit extrem wenig Schlaf auskommt?
Ausgehend von einem durchschnittlichen Schlafbedürfnis von 7,5 bis 9 Stunden pro Tag, sind bereits fünf Stunden deutlich zu wenig, zwei Stunden wären somit wirklich extrem. Der chronische Schlafentzug führt zu einer erhöhten Schläfrigkeit, erhöhten Fehleranfälligkeit, Verlangsamung, Stimmungsminderung und möglicherweise auch zu einem erhöhten Risiko für körperliche Erkrankungen wie Diabetes.

Der Erfinder Nikola Tesla soll nur zwei Stunden pro Tag geschlafen haben und erlitt mit 25 Jahren einen Nervenzusammenbruch. Wie viel Schlaf braucht ein Mensch mindestens?
Wiederum, zwei Stunden pro Tag über lange Zeit verbuche ich eher in der Rubrik Legenden. Der Schlafbedarf ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich, die überwiegende Mehrheit benötigt aber für eine volle Funktionsfähigkeit und Erholung rund 7,5 bis 9 Stunden. Man kann dies selber gut abschätzen: Sobald man am Wochenende oder in den Ferien länger schläft als an Arbeitstagen, ist von einer zu kurzen Schlafdauer unter der Woche auszugehen.

Generell sinkt durch Schlafmangel die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit: Erklärt ein täglich zweistündiger Schlaf Varoufakis' widersprüchliche Aussagen und Gereiztheit?
Ja, grundsätzlich könnte man annehmen, dass ein chronischer Schlafentzug die manchmal etwas aussergewöhnliche Verhandlungstaktik und die undiplomatischen persönlichen Anfeindungen des Ex-Finanzministers erklären könnte. Dasselbe könnte aber auch für einige Verhandelnde in der Eurogruppe zutreffen. In diesem Sinne beobachten wir in unserer eigenen Studie hier aktuell, dass ein chronischer Schlafentzug die Risikobereitschaft erhöht.

Mit welchen Tipps und Tricks können die Verhandelnden wieder Energie schöpfen?
Zunächst sollten die Bedingungen optimiert werden. Verhandlungen sollten nicht so angelegt sein, dass nächtelang diskutiert und dann in den frühen Morgenstunden entschieden werden muss. Pausen, leichte Mahlzeiten und genügend Schlaf zur richtigen Zeit sollten integraler Bestandteil sein. Als aussenstehender Betrachter hat man das Gefühl, dass gerade in der Griechenlandkrise die immer wiederkehrenden Gipfel der allerletzten Chancen regelmässig auf die Spitze getrieben werden, um dann wieder mit wahrscheinlich schlaftrunkenen Entscheiden etwas Zeit zu gewinnen, bis die nächste Marathonverhandlung mit viel Schlafentzug wieder unumgänglich wird.

Gibt es allgemeingültige Schlafempfehlungen?
Ja, Powernaps, also kurze Schläfchen von 15 bis maximal 30 Minuten Dauer, können zu einer teilweisen Erholung führen. Ausserdem ist auch gerade bei internationalen Gipfeltreffen auf die innere Uhr zu achten. Kurz nach Ankunft nach einem transkontinentalen Flug mitten im Jetlag eine wichtige Verhandlung zu führen, ist sicherlich nicht optimal.

(spu)

Erstellt: 14.07.2015, 11:12 Uhr

Christian Baumann ist Leitender Arzt an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich. Zudem leitet er unter anderem das universitäre Schlaflabor.

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