Zum Hauptinhalt springen

Schluss mit Golf und Luxushotel

Die Medizintechnik-Branche will ihr Image aufbessern. Geschenke an einzelne Ärzte sollen nicht mehr möglich sein.

Auch ein Herzschrittmacher ist ein Medizinprodukt: In der Schweiz ein Milliardenmarkt. Foto: Getty Images
Auch ein Herzschrittmacher ist ein Medizinprodukt: In der Schweiz ein Milliardenmarkt. Foto: Getty Images

Luxuriöse Kongresseinladungen, grosszügige Geschenke oder Spenden von Herstellerfirmen können die Entscheidungen von Ärzten beeinflussen. Wer dabei nur an die Pharmaindustrie denkt, vergisst einen wichtigen Akteur: die Medizintechnik-Branche. Auch sie hat ein Glaubwürdigkeitsproblem und will dem nun mit einem neuen Ethik- und Transparenz-Kodex entgegenwirken.

Die Medtech-Hersteller sind für die Gesundheitsversorgung von grosser Bedeutung und in der Schweiz auch wirtschaftlich wichtig. Es geht dabei im ­Wesentlichen um alle medizinischen Produkte, die keine Medikamente sind. Also etwa Heftpflaster, Kondome oder Skalpelle – aber auch komplexere und vor allem heiklere Produkte wie Computertomografen, Hüftprothesen oder Stents. Auch medizinische Software und Gesundheits-Apps gehören dazu. Gemäss der Branchenorganisation Swiss Medtech sind in der Schweiz 1350 Unternehmen mit 55'000 Mitarbeitern in dem Bereich tätig, die grosse Mehrheit sind KMU. Der jährliche Umsatz beträgt 14 Milliarden Franken, wobei über zwei Drittel im Ausland erzielt werden.

Medizinische Produkte, die keine Medikamente sind: Ein Kondom. Foto: Peter Dazeley (Getty Images)
Medizinische Produkte, die keine Medikamente sind: Ein Kondom. Foto: Peter Dazeley (Getty Images)

Der neue Kodex verbietet den Mitgliedern von Swiss Medtech seit Anfang Jahr Zuwendungen für Ausbildungen und Veranstaltungen an einzelne medizinische Fachpersonen. Die Firmen dürfen diese nur noch an medizinische Einrichtungen oder professionelle Konferenzveranstalter tätigen. Die Empfänger­organisation soll dann autonom entscheiden, wer von der Unterstützung profitieren kann.

Die zweite wesentliche Änderung betrifft die Transparenz. Die Firmen müssen die Zuwendungen, die sie an Organisationen für Ausbildungen zahlen, jeweils jährlich bis zum 31. August auf dem Internet veröffentlichen. Erstmals wird das 2019 geschehen. Die Gelder werden jeweils zusammengefasst pro unterstützte Organisation angegeben.

Grosszügige Einladungen ins Fünfsternhotel zum Golfspielen soll es künftig also nicht mehr geben. «Das war früher möglich», sagt Jörg Baumann, stellvertretender Geschäftsführer von Swiss Medtech. «Die Branche hat eingesehen, dass unangemessenes Handeln nicht gut für die Integrität und das Image ist.»

Honorare und Forschungsgelder werden weiterhin nicht offengelegt.

Der Kodex formuliert zum Teil detailliert, welcher Rahmen für Veranstaltungen akzeptabel ist. Doch er lässt viel Interpretationsspielraum, und es bleiben gewichtige Schlupflöcher. Zum ­Beispiel: Was eine «angemessene» Ein­ladung zu einem Essen oder Anlass ist, bleibt im Einzelfall offen. Auch steht zwar, dass eine Weiterbildungsveranstaltung oder ein Kongress in einer zweckmässigen Lokalität stattfinden solle – was aber «unter Umständen auch ein 5-Stern-Hotel» sein könne. Weiterhin erlaubt sind zudem «in Ausnahmefällen Material für die fachliche Weiterbildung und/oder Geschenke von geringfügigem Wert» und «eine angemessene Anzahl» an kostenlosen Mustern.

Halbherzige Transparenz

Das wahrscheinlich grösste Umgehungspotenzial liegt in den Forschungsgeldern ­sowie bei Honoraren für Beratungen oder Vorträge. Sie dürfen weiterhin an Einzelpersonen ohne Offenlegung gezahlt werden. Und schliesslich bleiben zumindest Fragezeichen bei der Kontrolle des Kodexes. Der Verband handelt nur, wenn eine Konkurrenzfirma einen Verstoss meldet. In der Folge gibt es eine Mediation. Allerdings: «Falls es zu keiner Einigung kommt, wäre die letzte Sanktion ein Verbandsausschluss», sagt Baumann.

Als vor gut vier Jahren die Pharmaindustrie eine ähnliche, europaweite Transparenzinitiative startete, war von verschiedenen Seiten Kritik zu hören. Viele finden bis heute, dass die Transparenz halbherzig ist. Auf der anderen Seite sträuben sich verschiedene Pharmafirmen und Ärzte immer noch gegen das Offenlegen von Zahlungen und berufen sich dabei auf den Datenschutz.

Bei der Initiative von Swiss Medtech scheint hingegen alles glattzugehen. ­Obwohl der Kodex für alle Mitgliederfirmen bindend ist, gab es laut Baumann im Verband keine Widerstände oder gar Austritte. «Alle wissen, dass ein solcher Ethik-Kodex zum Mindeststandard gehört.» Intern und gegenüber dem betroffenen medizinischen Fachpersonal werden die neuen Vorgaben mit dem «Schutz der ­Reputation der Branche» gerechtfertigt. Man wolle vermeiden, dass durch die Zuwendungen ein falscher Eindruck erweckt werden könnte.

Wenig Widerstand

Freiwillig ist die Ethikinitiative nicht. Sie lehnt sich an den Kodex des europäischen Dachverbands Medtech Europe an. Dieser will damit (wie zuvor der Pharmaverband) eine strengere Regulierung durch die Behörden in Europa verhindern. In der Schweiz hat der Kodex zudem einen Bezug zur aktuellen Revision des Heilmittelgesetzes. Dort wurden die Medizinprodukte beim Artikel zur Integrität ausgenommen – unter anderem mit dem Verweis auf die Selbstregulation der Branche. Das Verbot von «nicht gebührenden Vorteilen» gilt dort nur für Arzneimittel. Ob der Medtech-Kodex die gleiche Wirkung haben wird, ist fraglich. Man werde die Umsetzung beobachten, heisst es beim Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Auch bei den Ärzten scheint der ­Widerstand gegen den Medtech-Kodex gering. «Wir sind sehr für Transparenz und ermutigen unsere Mitglieder, das zu unterstützen», sagt Josef E. Brandenberg, Präsident der Dachorganisation der chirurgischen und invasiven Fach- gesellschaften FMCH, darunter beispielsweise die Gesellschaften der Kardiologen, Radiologen oder Orthopäden. Die rund 8000 FMCH-Mitglieder seien mehr von der Transparenz der Medizintechnik betroffen als von derjenigen der Pharmaindustrie, sagt Brandenberg. Aus seiner Sicht wird es eine reine Formsache sein, wenn im April die FMCH-Plenarversammlung über den Kodex abstimmt.

Einzelne schwarze Schafe

Ändern würde der Kodex nur etwas für einzelne schwarze Schafe unter den Kollegen, die bis heute hemmungslos pro­fitierten, so der FMCH-Präsident. «Ich möchte jedoch nicht Präsident von schwarzen Schafen sein, das habe ich schon vor einem Jahr bei meinem Amtsantritt gesagt.» Der FMCH sei für einen sauberen Umgang mit der Industrie und wäre auch für schärfere Bestimmungen zu haben. Eine Offenlegung von Honoraren für Vorträge oder Beratung wäre für Brandenberg kein Problem: «Wenn wir an Kongressen auftreten oder eine Fachpublikation veröffentlichen, müssen wir schon seit längerer Zeit unsere Interessenbindungen offenlegen.»

Potenziell stark betroffen sind auch die Zahnärzte. Bei der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft SSO winkt man allerdings ab. «Wir haben von unseren Mitgliedern keine Rückmeldungen in diese Richtung bekommen», sagt Sprecher Marco Tackenberg. «Grundsätzlich unterstützen wir jegliche Bemühungen zur Schaffung von Transparenz.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch