Schon Elfjährige erkranken an Magersucht

Eine besorgniserregende Entwicklung beschäftigt die Jugendpsychiater. Die Geschichte von Lea zeigt, wo Betroffene Hilfe erhalten und wie wichtig die Eltern sind.

Die Hälfte der 14-jährigen Zürcher Mädchen finden gemäss einer Befragung, sie sollten schlanker sein. Foto: Prisma/Christoffer Askman

Die Hälfte der 14-jährigen Zürcher Mädchen finden gemäss einer Befragung, sie sollten schlanker sein. Foto: Prisma/Christoffer Askman

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Lea* beschloss eines Tages, da war sie elf, ab sofort auf Desserts zu verzichten. Auch ihre Portionen am Familientisch schrumpften. Das Mädchen ging in die fünfte Klasse, die Schule fiel ihr leicht, sie hatte Freundinnen, war eine begeisterte Leichtathletin. Essen war bis anhin nie ein besonderes Thema gewesen.

Doch plötzlich fand Lea, ihre Beine, die seien einfach zu kräftig. «Sie hatte sportliche, muskulöse und schlanke Beine», sagt Leas Mutter. Wie alle Frauen in der Familie übrigens. Von den Sport- bis zu den Sommerferien ass Lea weniger, aber sie ass. Sie verlor etwas an Gewicht, ihre Eltern ermunterten sie zum Essen, allzu dramatisch schien die Situation noch nicht zu sein. Doch Lea sprach nicht über das, was sie beschäftigte. In Gedanken verglich sie sich ständig mit anderen Mädchen. Und sie kamen ihr alle schlanker vor.

Dann begann Lea die sechste Klasse, und die Situation verschlechterte sich rasant. Von August bis Oktober verlor das Mädchen acht Kilo, ein Fünftel seines Körpergewichts, 32 Kilogramm wog es noch. «Sie zog sich völlig zurück, verweigerte das Essen, war depressiv, apathisch, hatte einen starren Blick», sagt ihre Mutter. «Es war grauenvoll.» Als Lea bei einem Fünf-Kilometer-Lauf beinahe zusammenbrach, wandten sich die Eltern in ihrer Verzweiflung an die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Ursache Leistungsdruck

Lea ist kein Einzelfall. Essstörungen wie Magersucht nehmen gerade in der Altersgruppe der 10- bis 12-Jährigen zu. «Die Patientinnen werden in den letzten Jahren immer jünger», sagt Dagmar Pauli, Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich und Spezialistin für Essstörungen. Früher hätten sie selten ein Kind aus dieser Altersgruppe behandelt, heute sei dies Alltag.

Die Patientinnen werden in den letzten Jahren immer jünger.Dagmar Pauli, Chefärztin Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich

Dieselben Beobachtungen macht die Psychologin Armita Tschitsaz, die das Therapiezentrum für Essstörungen an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Bern leitet. Forschungen aus Deutschland bestätigten das, für die Schweiz gibt es keine aktuellen Zahlen. «Der Anstieg bei Kindern lässt sich vor allem bei den 11- bis 12-Jährigen nachweisen», schrieb die deutsche Jugendpsychiaterin und Expertin für Essstörungen Beate Herpertz-Dahlmann kürzlich in einer Studie. Es ist laut Pauli schon vorgekommen, dass das Kinderspital 12-Jährige auf der Intensivstation künstlich ernähren musste.

Es gibt verschiedene Gründe für diese Entwicklung. «Der grosse Leistungsdruck ist auf jeden Fall ein Thema», sagt Pauli. Internationale Studien hätten das gezeigt: Je höher der Leistungsdruck sei, desto anfälliger seien Kinder für Essstörungen. «Wir behandeln auffällig viele Gymischülerinnen», sagt die Psychiaterin. Obwohl auch Buben heute an Essstörungen leiden, sind noch immer rund 80 Prozent der Betroffenen weiblich. Bestimmte Persönlichkeitszüge scheinen das Risiko für eine Magersucht ausserdem zu erhöhen. Wer alles immer besonders gut machen möchte, sehr diszipliniert und verantwortungsbewusst ist, moralisch hohe Ansprüche an sich und andere stellt, hat ein grösseres Risiko zu erkranken.

Das kann Leas Mutter bestätigen. «Schon als kleines Mädchen war Lea sehr kontrolliert und organisiert», sagt sie. Die Schwester und der Bruder schienen im Vergleich viel unbeschwerter. Schon mit elf beschloss Lea, aus ethischen Gründen kein Fleisch mehr zu essen.

Hilfsangebot nicht für alle

Essstörungen beginnen häufig mit einer Diät oder einer besonderen, selbst auferlegten Einschränkung beim Essen. Die Schweiz hat im europäischen Vergleich eine hohe Anzahl an Fällen. Rund 3,5 Prozent der Bevölkerung erkranken laut einer Studie der Universität Zürich im Lauf des Lebens an einer schweren Essstörung wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating Disorder. Im europäischen Durchschnitt sind es 2,5 Prozent. Zusätzliche 5,3 Prozent leiden an einer leichteren Form.

Zwar ist das Therapieangebot in den grösseren Städten gut, doch schweizweit bekommen nicht alle Hilfe. Nur knapp die Hälfte der betroffenen Männer und zwei Drittel der Frauen erhalten Unterstützung. Dabei ist Magersucht (Anorexia Nervosa) die psychische Krankheit mit der höchsten Todesrate. Rund 5,5 Prozent der Betroffenen hungern sich zu Tode.

Möglichst früh therapieren

Um die Therapiemöglichkeiten zu verbessern, haben Experten um Dagmar Pauli nun die Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen (SGES) gegründet. An der Gründungsveranstaltung vorletzte Woche erzählte Gabriella Milos, die das Zentrum für Essstörungen am Universitätsspital Zürich leitet, von einer Patientin, die im Alter von 48 Jahren mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 10 auf der Intensivstation landete.

Ein BMI von 20 bis 25 gilt als Normalgewicht. Bei einer Körpergrösse von 1.70 Meter ist man mit einem BMI von 10 nur noch 30 Kilogramm schwer – und in akuter Lebensgefahr. Die Patientin erzählte Milos, dass sie seit 30 Jahren an Essstörungen leide, nun aber das erste Mal in Behandlung sei.

«Wir sehen die Eltern nicht als schuldig», sagt Dagmar Pauli, Chefärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich. Foto: Sabina Bobst

Inzwischen weiss man, dass eine frühe Therapie bei den Essstörungen entscheidend ist. Lea hatte Glück, dass ihre Eltern nicht allzu lange zögerten. «Es ist besser, man kommt schon in die Beratung, wenn der Gewichtsverlust noch nicht massiv ist», sagt Pauli. Bei den jungen Patientinnen ist die Rolle der Eltern sehr wichtig.

Seit einigen Jahren sind sie darum stärker in die Behandlung mit einbezogen. Für Mütter und Väter ist die Erkrankung eine grosse Herausforderung. «Wenn man Angst hat, dass das eigene Kind verhungert, muss man sich unglaublich zusammenreissen, um es nicht ständig zum Essen zu drängen», sagt Leas Mutter.

Diese Druckversuche führen zu Konflikten, die Therapeutinnen versuchen diese zu entschärfen und auf eine «Alle gemeinsam gegen die Krankheit»-Strategie hinzuarbeiten. Die Klinik stellte Essensregeln auf, an die Lea sich halten musste. Wenn ihre Eltern kochten, durfte sie beispielsweise nicht mehr in die Küche kommen, um sich nicht über kalorienreiche Zutaten aufzuregen. Viele Eltern machen sich Vorwürfe, wenn ihre Kinder an Essstörungen leiden. «Wir sehen die Eltern nicht als schuldig», sagt Pauli.

Noch einen anderen Grund sehen die Experten für die Zunahme im jungen Alter: Mädchen haben sich immer schon miteinander verglichen. Doch Social Media bringt eine neue Dimension. Heute vergleichen sich die Kinder und Jugendlichen auf den Plattformen mit digital aufgehübschten Bildern. Filter und Photoshop schaffen Realitäten, die wenig mit echten Körpern zu tun haben. Pauli kämpft gegen das übertriebene Schlankheitsideal in den westlichen Kulturen.

In ihrem Buch «Size Zero. Essstörungen verstehen, erkennen und behandeln» setzt sie sich dafür ein, dass wir weibliche Kurven wieder als normal wahrnehmen. «Mit der Pubertät wird bei Mädchen das Hormon Östrogen aktiv, das für weibliche Rundungen sorgt», sagt Pauli. Diese Rundungen gehörten zur Natur einer Frau und seien nicht etwas, gegen das man ankämpfen müsse. Ähnliche Zusammenhänge sieht die deutsche Expertin Herpertz-Dahlmann, denn in westlichen Industrieländern sind Essstörungen deutlich häufiger als in Kulturen mit einem anderen Schönheitsideal.

Wenn Eltern Diät halten

Tatsächlich sind die Jugendlichen laut der Schülerbefragung 2017 der Stadt Zürich nicht besonders zufrieden mit ihren Körpern. 50 Prozent der 14-jährigen Mädchen finden, sie sollten schlanker sein, und 36 Prozent machten zum Zeitpunkt der Befragung eine Diät. 75 Prozent der Jungs wollten mehr Muskelpakete, was mit 14 Jahren körperlich noch gar nicht möglich ist. Essstörungen beginnen meist mit dem Einsetzen der Pubertät, die sich heute auch nach vorne verschoben hat.

Wenn man Angst hat, dass das eigene Kind verhungert, muss man sich unglaublich zusammenreissen, um es nicht ständig zum Essen zu drängen.Mutter von Lea

Pauli beobachtet einen Zweitgenerationeneffekt. Jugendliche hätten heute Eltern, die selbst mit Schlankheitsidealen und Diäten aufgewachsen sind. Dieses Bewusstsein würden sie manchmal weitergeben. Sie erinnert sich an mehrere Fälle, bei denen ein Mädchen in der Klinik landete, das ursprünglich mit der Mutter oder der älteren Schwester eine Diät begonnen hatte.

Die Psychiaterin wünscht sich, die Schulen würden nicht nur einseitig auf Adipositasprävention setzen, wie sie das in den letzten zehn Jahren getan haben. Im Kanton Bern gibt es mit dem Präventionsprogramm Bodytalk PEP, das Jugendliche zu einem positiven Körper- und Selbstbild verhelfen möchte, bereits erste Ansätze in diese Richtung. Seit kurzem gibt es noch eine besondere Version. Sie heisst Bodytalk PEP junior, um die immer jüngeren Betroffenen anzusprechen.

Lea ist heute 13 Jahre alt und geht in die erste Gymiklasse. An einem stationären Aufenthalt ist sie knapp vorbeigeschrammt. Nach rund neun Monaten intensiver Therapie geht es ihr nun wieder gut.

*Name geändert

Erstellt: 08.07.2019, 10:36 Uhr

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