Schwangere schluckten Pillen – Kinder schwer missgebildet

Ein Medikament gegen Epilepsie kann in der Schwangerschaft zu Missbildungen bei Kindern führen. Betroffene Eltern in Genf verklagen jetzt den Hersteller.

Schuldgefühle bis heute: Eine Hebamme hört den Bauch einer schwangeren Frau ab, um die Herztöne des Babys zu prüfen.

Schuldgefühle bis heute: Eine Hebamme hört den Bauch einer schwangeren Frau ab, um die Herztöne des Babys zu prüfen. Bild: Uli Deck/Keystone

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Epilepsiekranke sind oft ein Leben lang auf Medikamente angewiesen. Um Anfälle zu vermeiden, verschreiben Ärzte ihnen häufig das bewährte Mittel Depakine, Tabletten aus dem Hause des französischen Pharmaherstellers Sanofi. Schluckt eine Frau die Pillen jedoch während der Schwangerschaft, läuft sie Gefahr ihr ungeborenes Kind schwer zu schädigen. Entwicklungsstörungen und Missbildungen können die Folge sein.

Wie «10vor10» berichtet, sind mindestens 15 solcher Fälle in der Schweiz bekannt. Betroffene Eltern wollen laut SRF nun gegen den Hersteller Sanofi und das Universitätsspital Lausanne klagen.

In Fachkreisen lang bekanntes Risiko

Die Zahlen der Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic sind alarmierend: Rund 30 bis 40 Prozent der Kinder von Schwangeren, die das Medikament oder Generika eingenommen haben, zeigen im Laufe der Kindheit Entwicklungsstörungen auf. Bei 10 Prozent dieser Kinder führe der Wirkstoff Valproat sogar zu Missbildungen.

Mediziner und Hersteller, so Swissmedic, wüssten seit Jahrzehnten um das Schädigungs-Risiko. Im Beipackzettel wurde das jedoch lange mit keinem Wort erwähnt – erst seit 2006 findet sich ein Hinweis. Eine explizite Warnung sprach Hersteller Sanofi sogar erst 2015 aus.

Schock für die Eltern

N.A. wurde nach eigenen Angaben nicht ausreichend über die möglichen Nebenwirkungen für ihr Kind aufgeklärt. Die Mutter aus Genf nahm das Medikament vor 15 Jahren ein – mit schlimmen Folgen für ihr Kind. Bis heute plagen sie schwere Schuldgefühle, schildert N.A. in der Sendung «10vor10». «Warum hat mich niemand gewarnt?», fragt sie.

Die betroffenen Eltern klagen nun in Genf gegen den Herstelller und das Universitätsspital Lausanne. Ihre Forderung: 3,5 Millionen Franken Schadenersatz.

Hohe Wellen geschlagen hat der Fall auch bereits in Frankreich. Dort haben sich hunderte von Betroffenen zusammengeschlossen und gegen den Hersteller geklagt. Mit Erfolg – mittlerweile hat das französische Parlament die Gründung eines Entschädigungsfonds beschlossen.

Kein Verbot des Medikaments

Die Pharmafirma Sanofi und das Universitätsspital wehren sich gegen die Vorwürfe der Schweizer Geschädigten. Die Patientinnen seien stets korrekt informiert worden. Ein Verbot des bewährten Medikaments hält auch Swissmedic nicht für sinnvoll, man setze stattdesssen auf eine noch bessere Aufklärung der Patientinnen und Ärzte.

Die Behörde warnt Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere aktuell vor der Einnahme auch von anderen Präparaten mit dem Wirkstoff Valproat. Ein Risiko bergen können auch Medikamente von Desitin Pharma, Sandoz und Orion Pharma.

(jdr)

Erstellt: 07.02.2017, 20:45 Uhr

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