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Schweizer Forscher entwickeln Windkanal für den Nahostkonflikt

Ein Computermodell berechnet die Folgen von politischen Entscheidungen punkto Gewalt. Forscher aus der Schweiz und Israel haben die Simulation am Palästinakonflikt getestet – und die friedlichste Lösung bestimmt.

Die Zwei-Staaten-Lösung würde die Gewalt laut dem Modell am meisten Abschwächen: Palästinenser und Israelis in Jerusalem.
Die Zwei-Staaten-Lösung würde die Gewalt laut dem Modell am meisten Abschwächen: Palästinenser und Israelis in Jerusalem.
Reuters

Eine neue Computersimulation sagt die künftige Entwicklung der Gewalt in Jerusalem voraus. Forscher aus Zürich, Genf und Israel berichten darüber im «American Journal of Political Science». Das Modell sei quasi ein «Windkanal», mit dem man politische Optionen testen könne.

Die Computersimulation mache sichtbar, in welchen Stadtteilen gewalttätige Auseinandersetzungen vorkommen und wer darin involviert ist – aber auch, wie sich diese entwickeln könnten, wenn bestimmte politische Pläne zur Entspannung der brisanten Situation umgesetzt würden, teilt die ETH Zürich mit. Mit realen Daten wurde das Modell nicht nur justiert, sondern auf seine Gültigkeit überprüft, erklärte Mitautor Dirk Helbing von der ETH Zürich in der Mitteilung. «Dies verleiht dem Modell eine grosse Realitätsnähe.»

«Stadtbild der Gewalt»

Die Jerusalemer Kollegen hatten Informationen über Anschläge aus Polizeiberichten, Zeitungsartikeln und Berichten von Hilfsorganisationen von 2001 bis 2009 gesammelt – samt Zeit, Ort und anonymisierten Angaben zu Tätern und Opfern. Sie unterschieden zwischen vier sozialen Gruppierungen: gemässigten orthodoxen und weltlichen Juden, ultraorthodoxen Juden, Palästinensern sowie israelischen Sicherheitskräften.

Das daraus ermittelte «Stadtbild der Gewalt» stimme gut mit der Simulation überein, schrieb die ETH. Sie zeige zum Beispiel die Gewalttaten im Osten und Zentrum Jerusalems während der Zweiten Intifada von 2001 bis 2004, aber auch die Konzentration der Gewalt im Osten der Stadt danach.

Danach berechneten die Forscher vier zukünftige Gewalt-Szenarien. Dabei stellte sich heraus, dass die räumliche Trennung der verfeindeten Parteien, also eine Zwei-Staaten-Lösung auf der Basis der Grenzen vor 1967, die Gewalt am meisten abschwächen würde.

Trennung oder mehr Verständnis

Auch der Palästinenservorschlag, mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines Palästinenserstaats, sowie der Clinton-Plan, den Palästinensern den Gaza-Streifen, Teile des Westjordanlandes und Jerusalems abzutreten, würden die Gewalt abschwächen – allerdings weniger stark als die Zwei-Staaten-Lösung. Die Umsiedlung vieler Menschen berge jedoch neues Konfliktpotenzial, warnen die Forscher.

Sie betonen ein weiteres Schlüsselresultat der Simulation: Ein wichtiger Faktor für Gewalt sei die soziale Distanz zwischen den Gruppen, also ihre kulturellen, religiösen oder ideologischen Differenzen. In der Nach-Intifadazeit etwa nahm die Gewalt zwischen ultraorthodoxen Juden und Sicherheitskräften zu.

Somit könnte nicht nur die räumliche Trennung der Streithähne zur Entspannung beitragen, schliessen die Forscher, sondern auch ein verbessertes Verhältnis zwischen den Gruppen.

Hilfe für politische Entscheidungen

«Dies unterstreicht, dass es nicht einen ‹richtigen› Weg zu mehr Frieden in Jerusalem gibt, sondern verschiedene Optionen», sagte Projekt-Initiator Ravi Bhavnani vom Graduate Institute of International and Development Studies (IHEID) in Genf. Ihr Ansatz erlaube es, diese Alternativen zu vergleichen.

Es sei sehr positiv, dass die Simulation Möglichkeiten zur Reduktion der Gewalt und damit zum Schutz von Menschenleben aufzeige, kommentierte Helbing. «Modelle wie dieses könnten dereinst helfen, schwierige politische Entscheidungen auf einer besseren Informationsgrundlage zu treffen.»

Das Modell, das Karsten Donnay aus Helbings Team entwickelt hat, ist ein sogenanntes «agentenbasiertes Modell». Damit kann aus dem vom Verhalten einzelner Individuen auf ganze Systeme geschlossen werden. Sie werden zum Beispiel auf Staus oder das Entstehen von Ameisenstrassen angewendet.

Die Studie wurde mit Forschungsgeldern der Europäischen Union, der ETH Foundation, der ETH Zürich sowie der Hebrew University of Jerusalem und dem mit dieser assoziierten Levi Eshkol Institute for Social, Economic and Political Research finanziert.

SDA/wid

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