«Zwanzigjährige sagen mir: Die Lust ist weg»

Antidepressiva können sexuelle Störungen auslösen, die teilweise Jahre andauern. «Beunruhigend», sagt ein Mediziner.

Für Beziehungen ist es eine grosse Belastung, wenn Antidepressiva die Lust nehmen. Foto: Kniel Synnatzschke (Plainpicture)

Für Beziehungen ist es eine grosse Belastung, wenn Antidepressiva die Lust nehmen. Foto: Kniel Synnatzschke (Plainpicture)

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Ziemlich verzweifelt sitzen die Patienten in der Sprechstunde von Roberto Cosimo Melcangi: «Das Gefühl ist weg, die Lust ist weg, so erzählen mir die Männer von ihren Problemen», sagt der Endokrinologe. Sex sei nur noch eine ferne Erinnerung. «Und diese Männer», sagt Melcangi, «sind nicht im fortgeschrittenen Alter, sondern zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt.» Der Hormonspezialist forscht an der Universität Mailand zu einem Leiden, über das man noch nicht allzu viel weiss, das die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) aber kürzlich offiziell als Krankheitsbild anerkannt hat.

PSSD heisst die Störung, die Abkürzung steht für «Post-SSRI Sexual Dysfunction». Betroffen sind Menschen, die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eingenommen haben, also Medikamente gegen Depressionen. Bei einigen Patienten lösen diese Antidepressiva lang anhaltende sexuelle Störungen aus, die selbst dann nicht weggehen, wenn die Betroffenen die Arz­neien längst abgesetzt haben.

Medikamente gegen Depressionen gehören in der Schweiz mit zu den am häufigsten verschriebenen Mitteln.

Medikamente gegen Depressionen gehören in der Schweiz mit zu den am häufigsten verschriebenen Mitteln. Knapp zehn Prozent der Bevölkerung bekommen im Laufe eines Jahres ein Rezept für ein Antidepressivum. Das zeigt eine im Juni erschienene Studie der Universität Zürich und der Krankenkasse Helsana.

Die EMA fordert die Hersteller der verschiedenen SSRI nun auf, ihre Packungsbeilagen mit einem entsprechenden Warnhinweis auf PSSD zu ergänzen. Auf Anfrage sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi, dass die Anpassung auch in der Schweiz durchgesetzt werde.

Man weiss schon lange, dass die SSRI, während ein Patient sie einnimmt, hemmend auf die sexuelle Lust wirken können. Teilweise wurden die SSRI wegen ihrer lusthemmenden Wirkung sogar verschrieben, wenn Männer an vorzeitigem Samenerguss leiden. In der Regel verschwinden Nebenwirkungen jedoch, wenn Patienten ihre Medikamente absetzen. Nicht so bei PSSD. «Deshalb ist die Störung auch so beunruhigend», sagt Melcangi. Sie kann Jahre dauern.

Fallberichte von PSSD tauchen bereits seit mehr als 10 Jahren auf. Meist jüngere Männer und Frauen berichten von fehlender Lust, kaum spürbaren Orgasmen, Erektionsstörungen, reduzierter Sensibilität oder sogar von Taubheitsgefühlen an den Genitalien. In einer holländischen Studie aus dem Jahr 2014 schilderten die Forscher den Fall eines 43-jährigen Mannes, der nach dem Absetzen der SSRI unter Taubheitsgefühlen an den Genitalien litt. Die Störung war so ausgeprägt, dass der Mann seinen Penis mit Tigerbalsam einreiben konnte, ohne viel zu spüren. Eine Studie der US-Universität Tulane in New Orleans kam 2018 zum Schluss, PSSD sei eine «lähmende Störung, die die Lebensqualität herabsetzt», und man brauche mehr Forschung.

Die Wissenschaftler haben erste Erklärungsansätze, was im Gehirn der Betroffenen abläuft. Im Tiermodell lässt sich das Ganze nicht leicht studieren, weil der Mensch ein weitaus komplexeres Paarungsverhalten hat als die Maus. Sexuelle Erregung und Lustgefühle finden im menschlichen Gehirn beispielsweise in anderen Arealen statt als die Kontrolle der Geschlechtsorgane. Auch zwischen Frauen und Männern gibt es Unterschiede, welche Areale bei sexueller Erregung aktiv sind.

«Wir vermuten, dass es eine gewisse Dunkelziffer der an PSSD Erkrankten gibt, weil viele nicht gerne über ihre sexuellen Probleme sprechen.»Roberto Cosimo Melcangi

Um Erregung in Nervenzellen weiterzuleiten, spielen Natriumkanäle in der Zellmembran eine wichtige Rolle. «Man vermutet, dass es durch die SSRI zu Veränderungen der Natriumkanäle kommen kann», sagt Yacov Reisman, Urologe an der Universität Amsterdam, der ebenfalls eine Studie zu PSSD verfasst hat. Auch epigenetische Veränderungen stünden zur Debatte, also Veränderungen in der Aktivierung und der Deaktivierung von Genen, die am Prozess beteiligt sind.

Zahlen zu PSSD gibt es noch keine. Die Störung ist selten. Das Schwierige für Ärzte und Patienten ist die Unberechenbarkeit der Situation. Niemand weiss im Vorfeld, wer bleibende sexuelle Störungen entwickelt und wer nicht. Eine englische Forschergruppe publizierte letztes Jahr einen Bericht, in dem die Wissenschaftler 300 Fallberichte gesammelt hatten. «Das Problem bei PSSD ist, dass wir bisher nur die Erfahrungen der Patienten als Basis haben und keine randomisierten Studien», sagt Roberto Cosimo Melcangi. «Wir vermuten, dass es eine gewisse Dunkelziffer gibt, weil viele nicht gerne über ihre sexuellen Probleme sprechen.»

Das zeigte sich auch bei der Erforschung von sexuellen Störungen während der SSRI-Einnahme. Als die Forscher in einer Studie zum Thema gezielt nach Problemen mit der Sexualität fragten, schnellte der Prozentsatz der Betroffenen von 5 bis 15 auf rund 60 Prozent aller Befragten. In der Schweiz ist PSSD bisher noch kein Thema in der Forschung. «Ich habe mich mit Kollegen und Kolleginnen über das Thema unterhalten, und wir alle haben den Eindruck, dass PSSD sehr selten vorkommt», sagt Psychiatrieprofessor Erich Seifritz, Direktor und Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Grundsätzlich sei jedoch zu wenig erforscht, was mit Patienten, die erfolgreich mit Antidepressiva behandelt worden seien, nach dem Absetzen der Medikamente geschehe, sagt Seifritz.

Taubheitsgefühle

Depressionen sind komplex und nicht leicht zu behandeln. Die Ärzte müssen häufig mehrere Substanzen bei einem Patienten ausprobieren, bis sie ein Medikament finden, das Linderung verschafft. Dass Menschen auf die SSRI so unterschiedlich reagieren, erschwert auch die Erforschung von PSSD. «Es ist gut möglich, dass es eine gewisse genetische Disposition braucht, um PSSD zu entwickeln», sagt Melcangi. Auffällig sind Parallelen zu einer anderen Störung, hinter der ebenfalls die Nebenwirkung eines Medikamentes steckt: Finasterid ist ein Mittel, das Männer gegen Haarausfall schlucken.

Schon länger gibt es Kritik daran, dass Ärzte in der Schweiz so häufig SSRI verschreiben.

Sexuelle Probleme und fehlende Lust gehören aber auch zum Krankheitsbild von Depressionen, was die Ursachenforschung weiter erschwert. Allerdings tritt PSSD ebenso bei Patienten auf, die ihre Behandlung mit Antidepressiva erfolgreich abgeschlossen haben. Zudem scheinen es vor allem die Taubheitsgefühle zu sein, die spezifisch für SSRI und für PSSD sind. Zu der internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die die EMA nun mit einem langen Forschungsbericht zum Handeln aufforderte, gehören auch Mitglieder des renommierten unabhängigen Forschernetzwerks Cochrane. Cochrane veröffentlichte im Juli zudem eine Auswertung verschiedener Studien zu den SSRI. Dabei zeigte sich, dass die Medikamente in der Auswertung, vor allem bei leichteren Formen von Depressionen, nicht besser abschnitten als Placebo. Schon länger gibt es Kritik daran, dass Ärzte in der Schweiz so häufig SSRI verschreiben.

«Ich habe nie verstanden, ­warum die SSRI in der Schweiz so beliebt sind», sagt Gregor ­Hasler, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Freiburg. Es gäbe auch andere Medikamente gegen ­Depressionen. Gerade bei jüngeren Menschen wäre er sehr zurückhaltend, SSRI zu verschreiben.

Depressionen zu behandeln, ist wichtig. Es sind bedrohliche Krankheiten, die grosse Auswirkungen auf das gesamte Leben und das Umfeld eines Kranken haben und ein Risikofaktor für Suizide sind. Wer an einer schweren Depression leidet, für den ist fehlende sexuelle Lust meist nicht das Hauptproblem. Deshalb ist es im Einzelfall immer ein Abwägen, wie dringlich die Behandlung ist und wie belastend die Nebenwirkungen. Aber alle Experten sind sich einig: Zu PSSD braucht es unbedingt klinische Studien.

Erstellt: 25.08.2019, 17:52 Uhr

Keine Glatze und keine Lust

Einen stark hemmenden Einfluss auf die sexuelle Lust kann auch das Medikament Finasterid haben, das Männern gegen Haarausfall helfen soll. Post-Finasterid-Syndrom (PFS) heisst die Störung, bei der Männer unter ähnlichen Symptomen leiden wie bei PSSD. Sie haben keine Lust mehr, berichten von Erektionsstörungen oder sogar von geschrumpften Hoden. Finasterid macht deshalb schon länger negative Schlagzeilen. Doch auch hier haben nicht alle Patienten diese Nebenwirkungen. Gegen den Hersteller des Mittels laufen bereits Klagen. Die Betroffenen sind international in der Interessengemeinschaft PFS Foundation organisiert, die Fälle sammelt und Forschungen ko­-or­diniert. Es gibt bereits Studien zu PFS, die zeigen, dass die Nebenwirkungen teilweise 10 Jahre nach Absetzen anhalten. (red)

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