«Sie schlagen, klauen, lügen und betrügen»

Professorin Nora Raschle sagt, aggressive und sozial auff­ällige Mädchen hätten eine veränderte Hirnaktivität.

Derzeit werden in mehreren Instituten in Europa Ursachen für sozial auffälliges Verhalten bei Jugendlichen untersucht. Foto: iStock

Derzeit werden in mehreren Instituten in Europa Ursachen für sozial auffälliges Verhalten bei Jugendlichen untersucht. Foto: iStock

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Aggressive und sozial auffällige Mädchen zeigen eine reduzierte Hirnaktivität und eine schwächere Vernetzung zwischen den Hirnregionen. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Studie, an der auch die Neuropsychologin Nora Raschle von der Universität Zürich beteiligt war.

Sind junge Frauen genauso gewalttätig wie Männer?
Im Prinzip schon. Doch bei männlichen Jugendlichen kommt dies etwas häufiger vor. Aber auch Mädchen können plötzlich so aggressiv werden, dass sie Dinge zerschlagen, andere Menschen verletzen oder auch Tieren bewusst Leid zufügen. Sie halten ihre Wut dann ebenfalls nicht mehr im Zaum. Auch sie schliessen sich in Gangs zusammen.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?
Derzeit untersuchen wir gemeinsam mit mehreren Instituten in Europa an insgesamt 1500 Jugendlichen die Ursachen für sozial auffälliges Verhalten bei beiden Geschlechtern. Jungen sind oft sozial problematischer und kommen schneller mit dem Gesetz in Konflikt. Bei Mädchen steht die Beziehungsaggression im Vordergrund: Sie mobben, erpressen, lügen und betrügen.

Ist das nicht eher eine pubertäre Zickerei?
Nein, da gibt es einen klaren Unterschied. Streiten ist ja etwas ganz Normales. Auch das Austesten von gewissen Regeln etwa gegenüber Erwachsenen gehört dazu. Doch wenn die Polizei immer wieder einschreiten muss, ist ganz klar eine Grenze überschritten. Dies gilt auch für Einbrüche oder gewalttätige Auseinandersetzungen. Denn auch Mädchen schlagen und klauen.

Warum eigentlich?
Mit Sicherheit spielen viele Faktoren wie etwa auch das soziale Umfeld oder vielleicht auch die Hormone oder die Gene eine Rolle. Doch nun konnten wir erstmals in einer Studie mit 60 Mädchen zeigen, dass bei den sozial auffälligen jungen Frauen im Alter von 15 bis 18 Jahren die Hirnaktivität anders ist. Wir haben ihnen Bilder etwa von verschiedenen Emotionen oder über Gewalt gezeigt und gesehen, wie sie darauf reagieren und welche Hirnareale dabei angeregt werden.

Ticken sie tatsächlich anders?
Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie wurde deutlich, dass bei ihnen im Vergleich zur Kontrollgruppe bestimmte präfrontale Hirngebiete weniger aktiv sind, welche die kognitiven Kontrollprozesse steuern. Diese Bereiche waren auch weniger mit weiteren Hirnregionen vernetzt, die für die Verarbeitung und Regulierung der Emotionen zuständig sind.

Braucht es neue Therapien?
Wir wollen nun herausfinden, wie die betroffenen Mädchen ihre Emotionen am besten in den Griff bekommen – etwa mit verhaltenstherapeutischen Strategien, damit sie rechtzeitig einen Schritt zurück machen können.

Erstellt: 28.05.2019, 16:13 Uhr

Nora Raschle
Die Psychologin ist Professorin für entwicklungsbezogene Neurowissenschaften an der Uni Zürich. Foto: UZH

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