Sind Krippen gut oder schlecht für Kinder?

Erstmals haben Schweizer Forscher untersucht, wie sich Kleinkinder in der Krippe und zu Hause entwickeln. Das sind die Resultate.

Die Krippenbetreuung hat auf die Entwicklung der Kinder keinen negativen Einfluss, wenn sie qualitativ gut ist. Foto: Keystone

Die Krippenbetreuung hat auf die Entwicklung der Kinder keinen negativen Einfluss, wenn sie qualitativ gut ist. Foto: Keystone

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Ein hektischer Morgen, alles muss schnell gehen. In der Krippe angekommen, hat das Kind aber keine Lust und zeigt das mit lautem Gebrüll. Mutter oder Vater müssen trotzdem zur Arbeit eilen, aber das kindliche Weinen bleibt ihnen den ganzen Tag als schlechtes Gefühl hängen. Diskussionen darum, welche Betreuung für kleine Kinder die beste ist, gibt es hierzulande immer wieder.

Neue Forschungen bringen nun Erleichterung für alle Eltern, die ab und zu ein schlechtes Gewissen plagt, wenn sie ihre kleinen Kinder morgens in die Kita bringen. Ein Team der Universität Zürich hat erstmals in der Schweiz untersucht, wie sich die verschiedenen Betreuungsmodelle auf die Entwicklung von Kleinkindern auswirken.

Das wichtigste Resultat: Ob zu Hause oder in der Krippe, kleine Kinder entwickeln sich sprachlich, sozial, kognitiv und motorisch in den ersten zwei Jahren genau gleich gut. Die Kita-Betreuung hat auf die Entwicklung der Kinder, anders als manche Kritiker meinen, keinen negativen Einfluss, wenn sie qualitativ gut ist. Das hat ein Team um den Entwicklungs­psychologen Moritz Daum herausgefunden. Daum leitet den Fachbereich Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kindesalters an der Uni Zürich.

Internationale Studien haben in anderen Ländern bereits ähnliche Resultate erbracht.

Für ihre Studie luden die Forscher 637 Kleinkinder im Alter von 18 und von 24 Monaten ein. Sie überprüften die soziale, kognitive, sprachliche und motorische Entwicklung der Kleinen mit verschiedenen standardisierten Testreihen, die auch bei anderen Studien in der Entwicklungsforschung international zum Einsatz kommen. Die Kinder besuchten an zwei bis fünf Tagen pro Woche eine Kita.

Die sozialen Fähigkeiten testeten sie zum Beispiel mit vier Aufgaben, bei denen die Kinder den Forschern helfen konnten, und mit dreien, bei der sie mit den abwechslungsweise männlichen und weiblichen Testleitern zusammen eine Kooperationsaufgabe lösten.

Die Testleiterin streckte sich beispielsweise nach einem Objekt, dass sie für die Aufgabe brauchte, aber selbst nicht ganz erwischte, und beobachtete, wie das kleine Kind reagiert und ob es ihr zu helfen versucht. Bei der sprachlichen Entwicklung erfassten die Forscher den Wortschatz der Kinder und ob sie zum Beispiel bereits zwischen der Einzahl und Mehrzahl von Wörtern unterschieden.

Bedeutsam für die Schweiz

Internationale Studien haben in anderen Ländern bereits ähnliche Resultate erbracht, doch nicht immer lassen sich diese Ergebnisse einfach auf die Schweiz übertragen. «Die Resultate dieser Studie sind für die Schweiz sehr bedeutsam», sagt Sonja Perren, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und Expertin für Entwicklung und Bildung in der frühen Kindheit. Die Studie sei qualitativ gut gemacht. «Dies ist eine gute und wichtige Studie mit einer hohen Anzahl sehr kleiner Kinder, die erstmals unter Laborbedingungen getestet wurden», sagt auch Andrea Lanfranchi, Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik.

Die Kinder, die an der Studie teilnahmen, stammen aus Familien mit eher hohem Bildungsstandard, was die Studien­autoren selbst als gewisse Einschränkung thematisieren. Umso erstaunlicher sind allerdings die Resultate. Studien aus den USA haben bisher nämlich gezeigt, dass Kinder mit gebildeten Eltern, die zu Hause bleiben, ihren Gspäändli, die in die Krippe gehen, sprachlich voraus sind. Nicht so in der Schweiz: «Das spricht für die gute Qualität unserer Kindertagesstätten», sagt Lanfranchi.

Eine Basler Studie konnte vor einigen Jahren bereits nach­weisen, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien und vor allem Kinder, deren Eltern eine andere Sprache sprechen, vom Krippenbesuch in ihrer kogni­tiven und sprachlichen Entwicklung profitieren.

Um eine sichere Bindung zu einem anderen Menschen aufbauen zu können, muss ein Kind spüren, dass es sich auf diesen verlassen kann.

Lanfranchis Forschungen bestätigen diese Aussage. Gerade bei sozial belasteten Eltern könne eine Kita besonders hilfreich sein. «Sogar eine Kinderkrippe mässiger Qualität ist für die soziale Entwicklung eines Kindes förderlicher als beispielsweise eine Mutter, die unter Depressionen leidet.»

Immer wieder kochen Diskussionen hoch, ob Krippen der Bindungsfähigkeit kleiner Kinder schaden könnten. Die Experten für die frühkindliche Entwicklung sind sich in dieser Frage einig: Entscheidend für die Bindungsfähigkeit ist die Qualität der Beziehung und nicht, ob ein Kind zu Hause oder in der Kita betreut wird.

Damit ein Kind eine sichere Bindung zu irgendeinem anderen Menschen aufbauen kann, muss es spüren, dass es sich auf diesen Menschen verlassen kann. Egal ob es Mutter, Vater, Oma, Opa oder die Kita-Betreuerin sind. «Massgeblich ist die prompte und adäquate Reaktion der Bezugsperson auf die Bedürfnisse des kleinen Kindes», sagt Daum. Deshalb sei nicht die Zeit, die das Kind mit jemanden verbringe, das entscheidendste Kriterium, sondern eben die Qualität der Interaktion.

Qualität der Krippen zentral

«Die Forschung ist sich einig, dass Kinder zu verschiedenen Menschen unterschiedliche Bindungen aufbauen können», sagt Daum. Das war in früheren Zeiten, als die Kleinfamilie noch nicht die Norm war, sowieso für alle Kinder Alltag. «Die zentrale Frage ist nicht Kinderkrippe ja oder nein, weil die Eltern von Anfang an sowieso der Angelpunkt jeglicher Entwicklung sind», sagt Lanfranchi. Auch zu den eigenen Eltern könne ein Baby eine unsichere Bindung aufbauen, wenn es nicht spüre, dass sie auf seine Bedürfnisse eingehen. Auch Sonja Perren sagt: «Die familiäre Umgebung ist für die sozial-emotionalen Kompetenzen viel bedeutsamer als die ausserfamiliäre Betreuungssituation.»

Wichtig ist auf jeden Fall, dass die Qualität der Kita stimmt. Was in der Schweiz, laut Daum, allerdings meist der Fall sei. Eltern könnten bei der Auswahl auf den Betreuungsschlüssel achten. Ideal ist, wenn eine Betreuungsperson für drei bis sechs Kinder zuständig ist.

Auch die Ausbildung der Betreuenden ist entscheidend. Der Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) und das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind haben vor wenigen Wochen eine Qualitätsinitiative gestartet, um das Niveau der Betreuung in der Schweiz weiter zu steigern. Unter anderem stehen auch Weiterbildungsangebote für das Personal in den Kitas auf dem Programm.

Auch wie die Eltern zu ihrer Arbeit stehen, bleibt nicht ohne Wirkung. «Für die psychische Gesundheit der Kinder ist wichtig, dass die Eltern zufrieden sind», sagt Daum. Wenn es also Mama oder Papa glücklich macht, wenn sie zur Arbeit gehen, wirkt sich das auch positiv auf die Entwicklung der kleinen Kinder aus. Umgekehrt haben Kleinkinder auch ein feines Sensorium, wenn Mutter oder Vater eigentlich lieber mit ihnen zu Hause wären und sie nur widerwillig in die Krippe bringen. Dann frage sich das Kind, was soll ich hier, wenn Mama und Papa diesen Ort blöd finden.

Daten für neue Studien

Die Diskussion um die Kitas sollte nicht politisch missbraucht werden, finden die Forscher. «Ideologische Grabenkämpfe spielen bei der Diskussion um Betreuungsformen häufig eine Rolle. Dabei sollte das Wohl der Kinder im Zentrum stehen», sagt Entwicklungspsychologe Daum.

Weil es trotzdem noch offene Fragen gibt, zum Beispiel was für einen Einfluss Geschwisterkinder in diesem Zusammenhang haben und ob Einzelkinder von der Krippe stärker profitieren, haben die Zürcher Forscher eine App entwickelt, mit der sie weitere Daten für neue Studien sammeln möchten, um die Resultate auf eine noch breitere Datenbasis zu stützen. Alle Eltern mit Kindern zwischen 0 und 6 Jahren können so an den Forschungen der Universität Zürich teilnehmen.

Bei gelegentlichen Heulattacken am Morgen kann der Experte zudem Entwarnung geben. «Kinder sind resilient.» Und sie kontrollieren ihre Gefühle noch nicht, wie Erwachsene das tun, sondern lassen ihnen in der jeweiligen Situation freien Lauf. Sobald der Abschied vorüber ist, drehen sich die gleichen Kinder häufig um und spielen zufrieden mit ihren Freunden, als wäre nichts gewesen.

Erstellt: 13.09.2019, 06:25 Uhr

Bei der Forschung helfen

Das Team um Entwicklungs­psychologe Moritz Daum von der Universität Zürich hat auch die App «Kleine Weltentdecker» entwickelt, mit der Eltern die Entwicklungsschritte ihrer Kinder von 0 bis 6 Jahren begleiten und dokumentieren können. Die App ist in die drei Bereiche Fragen, Wissen und Tagebuch gegliedert. Unter der Rubrik Wissen findet man ausführliche Informationen zu den Entwicklungsschritten und Tipps, wie man das Kind dem Alter angemessen fördern kann. Im Tagebuch lassen sich wichtige Schritte festhalten und Fotos speichern. Die Fotos, so ver-sichern die Forscher, würden nur lokal auf dem eigenen Smartphone abgelegt. Dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes angepasst finden Eltern in der App auch einen Fragebogen zu dem, was ihr Kind schon alles kann. Bei einem 18 Monate alten Kleinkind beispielsweise die Frage, ob es schon Spielzeuge in eine Kiste räumt, drei Klötzchen stapelt oder einen Stift halten kann. Mit dem Ausfüllen dieser Fragebögen nehmen die Nutzer der App an den Forschungen der Universität Zürich teil. (abr)

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