Singen Sie heute Abend aus voller Kehle!

Kann ich nicht, gibts nicht! Singen macht glücklich – und schützt vor Krankheiten.

«Oh du Fröhliche!»: Zusammen singen stärkt das Gemeinschaftsgefühl und hat die gleiche Wirkung wie Lachen. Foto: Getty Images

«Oh du Fröhliche!»: Zusammen singen stärkt das Gemeinschaftsgefühl und hat die gleiche Wirkung wie Lachen. Foto: Getty Images

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Klar und kraftvoll erklingt die Stimme des Vorsingers Bertrand Gröger vorne beim Altar: «Wah lah yeh lah wah!» Die rhythmische, afrikanisch anmutende Phrase ist bis in die hintersten Winkel der Zuger Kirche St. Michael zu hören. Wie im sogenannten Circle Singing üblich, fordert Bertrand Gröger das Publikum auf, die kleine Melodie nachzuahmen. Eine einladende Handbewegung, und schon schallt es aus dem tausendköpfigen Publikum zurück, sodass die Kirchenwände vibrieren: «Wah lah yeh lah wah!»

Jedem Anwesenden wird sofort klar: Singen berührt, bewegt und befreit. Das gilt in der Kirche ebenso wie in weltlichen Chören, im Kreis der Familie und sogar unter der Dusche.

«Singen ist ein Grundbedürfnis des Menschen.»Bertrand Gröger, Jazzmusiker

Zum Schlussevent der Zuger Chornacht im vergangenen September waren nicht nur die Mitglieder der 31 mitwirkenden Chöre gekommen. In den Kirchenbänken sassen auch massenweise singungeübte Menschen. Wie schaffte es der Jazzmusiker Bertrand Gröger aus Freiburg im Breisgau, diese bunt gemischte Gesellschaft in weniger als zehn Minuten zu einer Einheit zusammenzuschweissen und wirklich jedes Gesicht zum Strahlen zu bringen? «Ganz einfach», sagt der 55-Jährige, der neben dem renommierten Jazzchor Freiburg auch je einen Chor in Zug und Bern leitet: «Singen ist ein Grundbedürfnis des Menschen, auch wenn das heute viele offenbar vergessen haben. Lässt man gar nicht erst den Gedanken aufkommen, dass Singen etwas Peinliches sein könnte, öffnet man damit ganz unkompliziert die Herzen aller Beteiligten.» Gerade durch das Spielerische und Repetitive der Circle Songs – welche ihren Ursprung bei den Sklaven auf den Baumwollplantagen der USA haben – finden auch Anfänger leicht den Zugang zur Musik. Diese «Kreisgesänge» werden frisch von der Leber weg und ohne Noten gesungen. «Gemeinsames Singen, das steht für den Experten fest, beschert immer wieder «tiefe, allumfassende Glückserlebnisse und manchmal fast rauschartige Zustände».

Diese Beobachtung bestätigt auch eine wachsende Zahl nüchterner Studien. Der deutsche Musikwissenschaftler Gunter Kreutz hat die wichtigsten in seinem Buch «Warum Singen glücklich macht» zusammengefasst und kommt zum Schluss: Wer dieser «kulturellen Tätigkeit» regelmässig frönt, lebt vermutlich zufriedener und nicht zuletzt auch gesünder. Der Professor aus Oldenburg sagt: «Singen ist ein Vorgang mit vielen körperlichen, psychischen und zwischenmenschlichen Facetten. Zu vielen, um es als schöne Nebensächlichkeit abzutun.»

Singen wirkt wie lachen

Das beginnt schon mit der Tatsache, dass singen unsere Gesichtsmuskeln ähnlich beansprucht wie lachen. Wie Psychologen wissen, beurteilt der Mensch Dinge positiver, wenn seine Lachmuskeln aktiviert sind. Das versetzt ihn in eine positive Erwartungshaltung. Die Wörter «Stimme» und «Stimmung» sind nicht zufällig sprachgeschichtlich miteinander verbunden. Schon nach wenigen Minuten des gemeinsamen Singens stellen sich spürbare Stimmungsveränderungen ein – unabhängig vom gewählten Liedgut.

In einer von Gunter Kreutz geleiteten Forschungsstudie stellten Menschen, die sich vom Glück im Stich gelassen fühlten, unter professioneller Leitung ein Chorkonzert auf die Beine. Vor und nach den Proben wurden jeweils Fragebögen zur persönlichen Gemütsverfassung verteilt. Mit dem Resultat, dass die Mitglieder ihr Befinden hinterher im Schnitt optimistischer einschätzten. Und nicht nur das. Die Analyse ihres Speichels ergab, dass die Konzentration von Oxytocin signifikant erhöht war – von dem Hormon also, das mit Glücks- und Bindungsgefühlen in Verbindung steht. Diese Effekte traten nicht oder äusserst abgeschwächt ein, wenn die Teilnehmer angeordnet wurden, mit dem Sitznachbarn ein Gespräch zu führen, anstatt zu singen. Eine mögliche Erklärung dafür sieht Gunter Kreutz in dem synchronen Miteinander beim Chorsingen. Denn wie auch sozialwissenschaftliche Studien nahelegen, fördern aufeinander abgestimmte Bewegungen das Vertrauen zwischen den Individuen innerhalb einer Gruppe.

Singen soll auch eine gute Anti-Stress-Massnahme sein. Verschiedene Studien haben die Werte des Stresshormons Cortisol im Blut von Chorsängern untersucht und festgestellt: Nach der Probe fallen sie niedriger aus. Das überrascht Chorleiter Bertrand Gröger nicht: «Die Leute wirken hinterher tatsächlich meist viel gelöster als zu Beginn der Probe.» Chormitglieder haben ihm auch schon anvertraut, dass sie persönliche Schicksalsschläge wie den Tod eines Angehörigen, eine Arbeitslosigkeit oder die eigene Krankheit dank dem Singen in der Gemeinschaft besser verkraftet hätten. Das bestätigen auch von Wissenschaftlern durchgeführte Befragungen.

Singen macht leistungsfähiger

Singerfahrungen wirken nicht nur auf die Psyche der Menschen, sondern in hohem Mass auch auf ihren Körper. Denn um gut singen zu können, braucht es mehr als die kleinen, im Kehlkopf verborgenen Stimmlippen. Der gesamte Körper kommt als Resonanzraum zum Einsatz und verleiht dem Ton seinen individuellen Klang. «Deshalb muss beim Einsingen der gesamte Körper aufgewärmt werden – wie beim Sport auch», sagt Bertrand Gröger. Durch das kontrollierte Ein- und Ausatmen gelangt mehr Sauerstoff ins Blut der singenden Person. Das macht sie fitter und leistungsfähiger. Die Rumpfmuskulatur und das Herz-Kreislauf-System werden gestärkt, die Lungenkapazität vergrössert.

Ein britisches Forscherteam begleitete mehrere Singgruppen für Menschen mit der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD über acht Monate hinweg. Die Lungenfunktionswerte der Patienten blieben über diesen Zeitraum stabil, was laut dem Musikwissenschaftler Gunter Kreutz durchaus positiv zu werten ist, denn normalerweise wäre bei solchen Patienten eher eine Verschlechterung zu erwarten. In Interviews gaben viele Teilnehmer sogar an, dank verbesserter Atemtechniken körperliche Anstrengungen besser zu bewältigen.

Bei gesunden Kindern bewirkt ein regelmässiges, gut angeleitetes Singen ebenfalls Wunder. «Singen vergrössert nicht nur ihren Stimmumfang, es schützt die Kinder auch vor diversen stimmlichen Fehlfunktionen, die Sprachentwicklungen mit sich ziehen können», sagt Gunter Kreutz.

Angebote für gemeinsames Singen gibt es heute zunehmend auch in Altersheimen, Reha- und Schmerzzentren, Spitälern und psychiatrischen Kliniken. Von Alzheimer-Patienten etwa weiss man, dass sie sich an gesungene Texte besser erinnern können als an gesprochene. Menschen, die nach einem Schlaganfall mit einer undeutlichen Aussprache zu kämpfen haben, verbessern diese durch regelmässiges Singen in der Gruppe. Und gerade kürzlich zeigte eine Studie aus den USA, dass sich bei Frauen und Männern mit der Nervenkrankheit Parkinson gewisse Symptome abschwächten, wenn sie Singstunden besuchten: Ihr Zittern liess nach, sie gingen sicherer und klagten weniger über Sprech-, Atem- und Schluckbeschwerden.

Singen schränkt das Schnarchen ein

Dass das schöngeistige Hobby sogar das Immunsystem stärkt, mag überraschen. Verschiedentlich wurde nachgewiesen, dass das Immunglobulin A im Speichel von singenden Probanden ansteigt. Das ist ein Protein, das Viren und Bakterien in den oberen Atemwegen bekämpft. «Und ob Sie es glauben oder nicht», merkt Wissenschaftler Gunter Kreutz an: «Singen reduziert auch nachweislich das Schnarchen und das Hungergefühl.» Es gibt also viele gute Gründe, am besten noch diese Woche – wieso nicht unter dem Weihnachtsbaum? – mit beherztem Singen anzufangen. Es ist, wie Experten betonen, eine Therapie, die gänzlich ohne Nebenwirkungen auskommt. Stimmen wir also an: «Wah lah yeh lah wah!»

(Schweizer Familie)

Erstellt: 24.12.2018, 12:55 Uhr

Nur die wenigsten können nicht singen

«Ich kann nicht singen», sagen viele Leute über sich. Die meisten unterschätzen sich dabei allerdings. Oft fehlt es ihnen bloss an Übung.

Studien beweisen: Mehr als 50 Prozent der Personen, die auf Anhieb keinen Ton treffen, verbessern das durch Gesangsunterricht deutlich. Wohl wissend, dass nicht jeder das gleiche Talent hat, pflegen Gesangspädagogen und -therapeuten gerne zu sagen: «Wer gesunde Stimmbänder hat, kann auch singen.»

Tontaubheit ist sehr selten

Es gibt aber Menschen, die trotz intakter Sinnesorgane unfähig sind, Melodien oder Rhythmen zu erkennen und wiederzugeben. Fachbegriffe für diese Störung sind Amusie oder Tontaubheit. In vielen Fällen wird Amusie durch Hirnverletzungen nach Schlaganfällen verursacht. Sie kann aber auch erblich bedingt sein.

Forscher aus Montreal (Kanada) haben unlängst anhand von objektiven Tests aufgezeigt, dass nur 1,5 Prozent der Bevölkerung – etwas mehr Frauen als Männer – von der angeborenen Form betroffen sind. Und die lässt sich durch ein musikalisches Training tatsächlich nicht beeinflussen.

Elsbeth Hardegger, Stephans-Chor Männedorf-Uetikon



«Vor einem Jahr bin ich aus dem Bündnerland an den Zürichsee gezogen und habe einen neuen Job angetreten. Die erste Probe hier im neuen Chor war für mich wie ein Nachhausekommen: Wir probten ein Stück, das ich aus meinem früheren Kirchenchor bereits kannte. Das schuf sofort Verbundenheit. Die Proben sind streng, aber genial für die Körperhaltung und die Atmung. Wenn ich angespannt von der Arbeit komme, bin ich hinterher völlig ausgeglichen. Sogar Kopfschmerzen sind wie weggeblasen. Singen ist für mich die beste Therapie. Zudem berühren mich die Inhalte der geistlichen Musik und spenden mir Trost.»

Nikolai Volle (20), Kammerchor und Vokalensemble



«Schon als Kind war ich ein angefressener Chorsänger. Die Zeit des Stimmbruchs war bitter, weil ich in keiner Gruppe mitsingen konnte. Heute wirke ich sogar in zwei Chören mit; einem projektbezogenen Jugendensemble und einem kleinen Chor, dem auch Leute über 60 angehören. Das gemeinsame Singen schweisst Menschen zusammen, auch über Generationen hinweg. Wenn man das volle Potenzial aller Stimmlagen ausschöpft und wirklich alles gibt, entsteht ein strahlender, voller Klang, der direkt in die Seele geht. Diese harmonischen Schwingungen – einfach der Hammer! Am Ende jeder Probe habe ich ein breites Grinsen im Gesicht. Ein Leben ohne Singen? Hmm... das wäre hart.»

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