So begleiten Sie Ihre Kinder richtig durch die Pubertät

Mit der Geschlechtsreife organisiert sich das Gehirn neu. Das fordert Teenager und Eltern. Wie Sie diese Phase meistern, ohne das Vertrauen zu verlieren.

Wenn sich Jugendliche ungelenk bewegen, kann dies daran liegen, dass gewisse Verschaltungen im Gehirn noch nicht abgeschlossen sind: Drei Mädchen im Teenie-Alter. Foto: iStock

Wenn sich Jugendliche ungelenk bewegen, kann dies daran liegen, dass gewisse Verschaltungen im Gehirn noch nicht abgeschlossen sind: Drei Mädchen im Teenie-Alter. Foto: iStock

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Am besten fängt man von hinten an, wenn man über die Pubertät redet. Bei dem Moment, wenn die Tochter oder der Sohn wieder aus ihrer Wohnhöhle erscheinen, in denen sie sich die letzten Jahre verkrochen haben, und wieder am Familienleben teilnehmen, sodass die Eltern mit ihnen endlich vernünftig über eine Zukunftsplanung reden und sie zum Einkaufen schicken können, ohne dass die Hälfte vergessen geht.

Vielleicht helfen Eltern diese Aussichten, die bisweilen anstrengende Pubertätszeit ihrer Zöglinge gelassener zu überstehen. Und noch etwas kann ihnen helfen zu ertragen, dass sich das bislang anhängliche und folgsame Kind in eine mühsame Kratzbürste voller Widerworte oder Trägheit verwandelt: die Einsicht, dass es sich bei diesem veränderten Verhalten um den Beginn einer ebenso wichtigen Entwicklungsphase handelt, wie beispielsweise im Kleinkindalter das Sprechen und Laufen zu lernen. Denn das mitunter ruppige Benehmen signalisiert die Loslösung vom Elternhaus, den Übertritt ins Erwachsenenalter und in die Selbständigkeit.

«Wir verurteilen das Verhalten von Teenagern, weil wir nicht damit zurechtkommen, dass sie rebellieren und unabhängig werden», sagte Sarah-Jayne Blakemore vom University College in London in einem Gespräch mit der britischen Wochenzeitung «The Observer», «dabei macht ihr Gehirn eine enorme Veränderung durch, was sich auf ihr Verhalten, auf ihre Selbstwahrnehmung, auf ihren Umgang mit anderen und ihre Entscheidungsfähigkeit auswirkt.» Die 44-Jährige muss es wissen. Nicht nur, weil sie selbst ein abenteuerlustiger Teenager war und nun Mutter zweier Söhne im besten Rebellionsalter ist. Sondern weil sie sich als Neurowissenschaftlerin mit den Vorgängen im pubertären Gehirn beschäftigt hat.

Weitgehende Auswirkungen

Seit langem ist bekannt, dass in der Pubertät die Hormone verrücktspielen, allen voran die Sexualhormone Testosteron bei den Buben und Östrogen bei den Mädchen. Typische Anzeichen dafür sind Pickel und das Heranreifen der Geschlechtsorgane. Doch als sollte dies nicht schon genügen, um die Heranwachsenden stimmungsmässig in die Krise zu stürzen, fanden Ende der 1990er-Jahre Forscher in den USA die wissenschaftliche Bestätigung für die Vermutung mancher Eltern, dass das Gehirn ihrer Kinder in der Pubertät einige Jahre wegen Umbauarbeiten geschlossen ist.

Freunde gewinnen in der Pubertät an Bedeutung – die Eltern bleiben aber wichtig: Freundinnen beim Baden. Foto: Getty Images

Tatsächlich organisiert sich das Hirn in dieser Zeit neu. Unzählige Verbindungen werden zwischen den Nervenzellen gebildet und anschliessend wieder abgebaut. Nur die aktivsten Verknüpfungen bleiben übrig und werden sogar verstärkt. In dieser Zeit ist das Gehirn besonders formbar durch Einflüsse von aussen: «Stress, Alkohol, Drogen, das soziale Umfeld, die Familie, die Kultur, der Freundeskreis, all dies beeinflusst die Entwicklung des Gehirns eines Heranwachsenden», sagt Sarah-Jayne Blakemore.

Wenn sich Jugendliche ungelenk bewegen, kann dies daran liegen, dass die Verschaltungen in den Gehirnregionen für Motorik und Sensorik noch nicht abgeschlossen sind. Doch während hier der Umbau relativ schnell beendet ist, dauert er bei Sprachvermögen und bei der räumlichen Orientierung etwas länger. Noch länger, nämlich bis ins 20. Lebensjahr hinein, brauchen die Bereiche für Planung, Risikoabwägung und Handlungskontrolle. Die Folgen während der «Umbauarbeiten»: eine erhöhte Risikobereitschaft, unkontrollierbare Gefühlsschwankungen und fehlende Prioritätensetzung. Genau die Themen also, die Erwachsene zur Verzweiflung bringen.

Sarah-Jayne Blakemore hat bei ihren Forschungen herausgefunden, dass Jugendliche durch die fehlende Steuerung und Kontrolle im Frontallappen nicht nur impulsiv und bauchgesteuert handeln, sondern sich auch schlecht in die Empfindungen und Ansichten anderer hineinversetzen können. Ermahnungen oder gar Ärger und Drohungen von Erwachsenen laufen deshalb häufig ins Leere. Dafür spielen die Anerkennung und der Einfluss von Freunden eine umso grössere Rolle, die wohl als Orientierung in dem Wirrwarr der Gefühle und Unsicherheiten dienen.

«Die Kinder müssen ihre Stacheln ausfahren, um ihre Eigenständigkeit auszuprobieren.»Susann Gassmann, Eltern- und Jugendberatung der Stadt Zürich

Die körperlichen und seelischen Veränderungen, dazu die wachsenden Anforderungen in Schule und Lehre, die erste Liebe, die Ablösung von den Eltern: «Wir können uns als Erwachsene oft nur schlecht vorstellen, was diese für junge Menschen neuen und daher noch ungewohnten Erfahrungen bedeuten», sagt Susann Gassmann von der Eltern- und Jugendberatung der Stadt Zürich. Diese neuen Herausforderungen stehen immer im Zusammenhang mit der Suche nach der eigenen Identität, nach eigenen Vorstellungen und Wünschen, oft verbunden mit der Abgrenzung gegenüber der Welt der Erwachsenen durch Rückzug und Rebellion. Auch für die Eltern eine schwierige Zeit, da sie den Eindruck haben, im Leben ihrer Kinder plötzlich nur noch eine Nebenrolle zu spielen.

Die Schmerzen aushalten

Doch der Schein trügt, denn die Eltern bleiben weiterhin wichtig für ihre Kinder, auch wenn diese auf einmal eigene Wege gehen. «Es ist, wie wenn man einen Kaktus umarmt», beschreibt Stefan von Wartburg, Eltern- und Jugendberater bei Pro Juventute, das neue Verhältnis. «Das pikst und tut weh, weil die Kinder ihre Stacheln ausfahren müssen, um ihre Eigenständigkeit auszuprobieren und zu einer neuen Weltsicht zu kommen.» Vater und Mutter müssten jedoch die Schmerzen aushalten, um den Kindern in dieser Phase der Unsicherheit und Neuorientierung einen Halt zu geben. Denn hinter manchem coolen oder wütenden Auftreten verstecken sich Unsicherheiten und Ängste.

Die Erwachsenen sollten nicht auf einmal selbst Skateboard fahren oder schrille Outfits anziehen.

Nichts sei schlimmer, als wenn sich die Eltern von ihren Kindern abwenden, sie ausgrenzen oder mit Unverständnis reagieren, betonen übereinstimmend sowohl Susann Gassmann wie Stefan von Wartburg. Die Eltern müssten im Gegenteil mit den Teenagern in Kontakt bleiben, weiter das Gespräch suchen und sich für ihre Welt interessieren. «Ein Skaterpark ist normalerweise kein Ort, wo ich hingehen würde», sagt Stefan von Wartburg, «aber ich habe dort meinem Sohn bei seinen Tricks zugeschaut, um ihm mein Interesse für seine Aktivitäten zu zeigen.» Genauso könne man mit einer Teenagertochter über ihre auffällige Kleidung und ihr Make-up reden, fragen, was ihr daran gefällt, statt gleich sein Missfallen zu zeigen.

Das heisst allerdings nicht, dass die Erwachsenen auf einmal selbst Skateboard fahren oder schrille Outfits anziehen sollten, um ihre Aufgeschlossenheit für die Teenie-Welt zu demonstrieren. «Das wirkt nicht nur seltsam auf die Jugendlichen», sagt Stefan von Wartburg, «es nimmt ihnen auch die Möglichkeit, sich von der Welt der Erwachsenen abzugrenzen.» Dem Nachwuchs bleibt dann nichts anderes übrig, als sich noch radikaler oder unter Umständen vernünftiger als die Eltern zu verhalten.

Gespräche statt Verbote

Teenager brauchen ihre Freiheit und Unabhängigkeit, um sich von den Eltern zu lösen und selbständig zu werden. «Das bedeutet, dass ich sie ziehen lassen muss, auch wenn es mir schwerfällt», sagt Stefan von Wartburg. Auch das gehört zur neuen Rolle der Eltern: Sie müssen ihre Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen lassen, selbst wenn es in ihren Augen gefährlich werden könnte. Das ist allerdings kein Freibrief für jugendlichen Übermut und Leichtsinn.

Die erste Liebe ist wundervoll und bedeutet gleichzeitig eine grosse Herausforderung: Zwei Verliebte. Foto: iStock

Eltern sollen, ja müssen ihre Sorgen mitteilen und Grenzen aufzeigen, jedoch nicht durch Verbote, sondern im Gespräch mit den Teenagern und auch durchaus mit Kompromissen. Also nicht: «Du musst Punkt Mitternacht zu Hause sein, weil ich das auch musste.» Sondern klären, wo es im Ausgang hingeht, wer dabei ist, wie der Sohn oder die Tochter wieder heimkommt. Dann können die Eltern klare Regeln aushandeln, indem sie auch ihre Sorgen und Bedenken äussern, wenn der Nachwuchs nach Mitternacht unterwegs sein möchte.

Erziehung in der Pubertät sei eine Gratwanderung zwischen Grenzen setzen und loslassen, sagt Susann Gassmann. «Jugendliche brauchen Leitplanken, an denen sie sich orientieren können, die Eltern müssen jedoch flexibel sein und sich auch in die Sichtweisen des Jugendlichen einfühlen.» Dieser Umgang miteinander erfordert das Vertrauen, dass man selbst bei schwierigen Themen ein offenes Ohr findet, sich für die Ansichten des anderen interessiert und seine Meinung respektiert – und zwar auf beiden Seiten. Dieses Vertrauen kann jedoch nicht erst entstehen, wenn die Kinder flügge werden. «Eine belastbare Beziehung mit einer guten Gesprächskultur, die auch Krisenzeiten standhält, muss schon vor der Pubertät gelebt werden», sagt Stefan von Wartburg, «am besten vom ersten Tag nach der Geburt an.»

Oft suchen sich die Jugendlichen fragwürdige Vorbilder, wenn sie in der Pubertät von den Erwachsenen allein gelassen werden.

Gassmann wie von Wartburg kennen aus ihrer Arbeit die Probleme der Teenager, wenn sie in der Pubertät von den Erwachsenen allein gelassen werden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Mal sind die Eltern zu sehr von ihrer Arbeit beansprucht, mal interessieren sie sich grundsätzlich nicht für ihre Kinder, weil sie mit den Themen der Jugendlichen nichts anfangen können. In Migrantenfamilien kommen die Eltern manchmal mit der neuen Kultur nicht zurecht. In Scheidungsfamilien fehlt der Vater oder die Mutter im Alltag. Oft suchen sich die Jugendlichen dann fragwürdige Vorbilder, wollen durch riskante Unternehmungen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen oder distanzieren sich von den Eltern.

Verständnis und Geborgenheit

Glücklicherweise verstehen sich laut der Shell-Jugendstudie von 2015 rund 90 Prozent der befragten Jugendlichen, abgesehen von Diskussionen über den Ausgang oder die Kleidung, gut mit ihren Eltern. Doch die Zeit des Erwachsenwerdens ist schwieriger geworden, wie die zunehmende Zahl der Hilfesuchenden in den Beratungsstellen zeigt. Der Leistungsdruck sei gestiegen, es gebe mehr familiäre Brüche im Leben der Jugendlichen, die Eltern seien durch den Stress bei der Arbeit weniger präsent, dazu kämen die Einflüsse der Konsumgesellschaft und der sozialen Medien, zählen die Studienleiter nur einige der Herausforderungen auf, die Jugendliche heute zusätzlich zu den Schwierigkeiten mit den körperlichen und den seelischen Veränderungen beschäftigen.

Dabei brauchen Teenager einen Ort, sagen die Elternberater, an dem sie sich geborgen und verstanden fühlen, wenn die Schule sie überfordert, die Kollegen nerven, sie Liebeskummer haben und sie sowieso nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Dieser kann auch bei einer vertrauenswürdigen Person aus der Familie oder dem Bekanntenkreis sein. Wichtig ist, dass eine Bezugsperson den Kontakt hält und bei den ersten Anzeichen für eine Krise lieber früher als später professionelle Hilfe holt. Denn das, stellt Susann Gassmann klar, bedeutet kein Versagen der Erziehungsberechtigten, sondern ebenfalls eine Form der Zuwendung und Sorge.

Erstellt: 20.08.2018, 14:22 Uhr

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Acht Regeln für Eltern von Teenagern

1. Stellen Sie Fragen, und hören Sie zu. So fühlt sich Ihr Kind ernst genommen und spürt Ihr Interesse.

2. Seien Sie nicht belehrend, begründen Sie Ihre Ansichten. Lassen Sie Ihr Kind selbst Lösungen und Antworten finden.

3. Lob wie Tadel sind wichtig, müssen aber berechtigt sein.

4. Bestehen Sie auf vereinbarten Regeln. Aber seien Sie grosszügig und kompromissbereit.

5. Weichen Sie Streitgesprächen nicht aus.

6. Übergeben Sie Verantwortung und Pflichten, etwa im Haushalt.

7. Seien Sie ein gutes Vorbild, und bleiben Sie gelassen.

8. Bleiben Sie in Kontakt, egal was passiert.

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