So geben Sie Ihren Mitmenschen einen ökologischen Schubser

Ein Genfer Forscher verrät, wie man mit etwas List Leute dazu bringt, ökologischer zu denken und zu handeln.

Für das Wetter interessieren sich alle, für das Klima nicht. Foto: Urs Jaudas

Für das Wetter interessieren sich alle, für das Klima nicht. Foto: Urs Jaudas

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Soll ich dieses Jahr nicht nach Teneriffa fliegen? Auf das Autofahren ganz verzichten? Mich nur noch vegetarisch ernähren?

Wie schafft man es, das Verhalten der Menschen zu einem grösseren Umweltbewusstsein positiv zu beeinflussen? Viele denken immer noch: «Was geht mich das an?», und leben weiter ganz und gar nach dem Motto: «Nach mir die Sintflut». Das Thema Erderwärmung lässt sie kalt, ruft keine Emotionen hervor.

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Doch weshalb gehen die einen voller Elan zum Demonstrieren auf die Strasse, während die anderen passiv und gleichgültig bleiben. «Dies liegt unter anderem auch daran, dass die Folgen des Klimawandels generell noch als weit weg empfunden werden», erklärt der Neuropsychologe Tobias Brosch von der Universität Genf. Wer könne sich schon vorstellen, was in 50 oder sogar in 100 Jahren sei?

Mithilfe der Magnetresonanztomografie hat der Genfer Wissenschaftler deshalb im vergangenen Jahr untersucht, wie unterschiedlich das menschliche Gehirn solche Informationen zum Klimawandel verarbeitet. Was passiert, wenn jemand erfährt, dass das Eis an den Polen noch weiter schmilzt, der Meeresspiegel noch stärker steigt, es weltweit häufiger Extremwettereignisse wie etwa Starkniederschläge oder Stürme geben wird, aber auch Versorgungsengpässe, Zahl der Klimaflüchtlinge und soziale Konflikte zunehmen? Für die Studie teilte er die Personen in die zwei klassischen Typen «Egoist» oder «Altruist» ein.

«Altruisten können sich mental in die Zukunft projizieren», erklärt Brosch. Der Studie zufolge aktivieren sie Areale im präfrontalen, ventromedialen Cortex, die für mentale Simulationen zukünftiger Situationen zuständig sind. Dadurch sind diese Menschen in der Lage, die Welt von morgen für sich sichtbar zu machen. Egoisten zeigten diese Aktivierung nicht, lebten im Hier und Jetzt und machten sich nur Sorgen um die nächsten Jahre. «Deshalb sind sie auch nicht sehr beunruhigt», sagt Brosch. Sie könnten nicht gut nachvollziehen, was es bedeute, wenn es in 80 Jahren zwei bis drei Grad wärmer sei.

Kognitive Trägheit

Mehr und mehr sind Psychologen in Sachen Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit gefragt. Dies zeigte sich auf dem Kongress des Vereins «Initiative für Psychologie im Umweltschutz» am vergangenen Freitag im Volkshaus in Zürich. Dort sprach Tobias Brosch darüber, wie man mit kleinen Interventionen grosse Wirkung erzielen kann. Mit ökologischen Schubsern, auch «Green Nudges» genannt, ist es möglich, die Menschen dazu zu bewegen, kluge Entscheidungen zu treffen. Ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückzugreifen oder ökonomische Anreize zu verändern.

Das Prinzip geht auf den Verhaltensökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler sowie den Rechtswissenschaftler Cass Sunstein zurück. Demnach handelt der Mensch von Natur aus oft nicht rational nach dem Modell eines Homo ­oeconomicus, sondern wird durch automatische Prozesse beeinflusst und neigt zur kognitiven Trägheit. «Dieses Phänomen macht sich das Nudging mit etwas List zunutze», sagt Brosch, aber ohne dass jemand dabei zu Schaden komme oder es jemandem wehtue. Hinzu käme, dass es jeweils auch transparent kommuniziert werde.

Es gibt auch die Möglichkeit, bei Entscheidungen eine Standardvoreinstellung zu machen. Das bedeutet, dass zum Beispiel die Auswahloption für den Ökostrom schon vorangekreuzt wird. Man kann dies jedoch immer noch verändern, wenn man es anders haben will. So war es auch in einem Versuch mit mehr als 42000 Haushalten. Davon berichteten Forscher der Universität Köln 2015 in der Fachzeitschrift «Nature Climate Change». Die Studienteilnehmer konnten zwischen diversen Tarifen eines Stromanbieters wählen, die jeweils für einen geringen Aufpreis auch die Option anboten, Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu beziehen. Das Resultat: War dieses Angebot bereits voreingestellt, konnte die Auswahl der «grünen» Variante um das 10-fache auf rund 70 Prozent gesteigert werden, als wenn man es erst hätte anklicken müssen. Seit 2006 ist die Standardeinstellung beim Zürcher Elektrizitätswerk (EWZ) bereits «genudged» – auf erneuerbare Energien.

Wie mentales Judo

Um den individuellen Energieverbrauch zu senken, lässt sich das Verhalten auch sozialpsychologisch beeinflussen. Zum Beispiel erhielten einige Haushalte in den USA regelmässig eine Übersicht, wo sie im Vergleich zu den Nachbarn stehen. War jemand sehr sparsam, bekam er zusätzlich dazu noch zwei Smileys auf seine Rechnung. Dadurch ging der Energieverbrauch über zwei Jahre um durchschnittlich zwei Prozent zurück, wie Hunt Allcott von der New York University berechnete.

«Keiner wollte der schlimmste Umweltsünder sein», sagt Brosch. Es sei wichtig, dass ­solche minimal invasiven Interventionen die traditionellen Strategien zur Förderung umweltfreundlichen Verhaltens ergänzten, darunter die Informationsvermittlung, ökonomische Anreize oder gesetzliche Regelungen. Es gibt dazwischen aber nicht immer eine klare Grenze, wie etwa bei den fünf Rappen für einen Plastiksack im Supermarkt. Dieser habe eher einen symbolischen als einen finanziellen Wert, brächte die Leute aber zum Umdenken.

«Nudging ist wie mentales Judo», sagt Brosch. Man nutze die Denkfehler des anderen aus, da man dessen Stossrichtung kenne und ohne grosse Kraft­anstrengung reagieren könne. Der Ökostrom-Trick sei aber zum Guten – für alle. Denn es war eine politische Entscheidung, aus der Kernenergie auszusteigen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 08:09 Uhr

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