So lange schlafen Schweizer

Mathematiker haben die normale Schlafdauer weltweit verglichen – und Interessantes herausgefunden.

Der Mann im Bild ist Spanier, die gehen eigentlich erst kurz vor Mitternacht ins Bett.

Der Mann im Bild ist Spanier, die gehen eigentlich erst kurz vor Mitternacht ins Bett. Bild: Lavandeira jun./Keystone

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Die Schweiz geht im Durchschnitt um ca. 23.10 Uhr zu Bett, wacht knapp vor sieben Uhr auf und schläft ziemlich genau 7,9 Stunden. Damit verhalten wir uns, was den Schlaf betrifft, ziemlich genau wie die Dänen, schlafen aber rund 6 Minuten länger als die Deutschen und 12 Minuten weniger als die Holländer. Andererseits schlafen die Spanier etwa gleich lang, gehen jedoch im Durchschnitt erst knapp vor Mitternacht ins Bett, dafür schlafen sie bis Viertel vor acht Uhr aus. Also: alle Eulen nach Madrid! Diese Daten haben amerikanische Forscher in einem internationalen Schlafvergleich mittels Handydaten herausgefiltert und analysiert.

Die Forscher um Daniel B. Forger von der University of Michigan nutzten die Daten einer Handy-App, die Reisende als Hilfe gegen den Jetlag nutzen. Darin geben die Nutzer ihre üblichen Schlafgewohnheiten, die Zeitzonen und andere Charakteristika ein. Weil sie ein grosses Interesse daran haben, den Jetlag zu überwinden, würden die Daten sehr genau eingegeben, streichen die Autoren heraus. Die Angaben jener Nutzer, die ihre Daten der Forschung zur Verfügung stellten, analysierten Forger und seine Kollegen eingehender.

Wie wirken soziale Faktoren

Insgesamt nahmen etwas über 8000 Personen aus über 100 Ländern und aller Altersstufen teil, wobei die Männer in der Überzahl waren. Da die Teilnehmer aus allen Breitengraden stammten, konnten die Forscher die Einflüsse des Sonnenlichts und der Herkunftsländer auf den menschlichen Schlaffahrplan schön auseinanderdividieren. Die Forscher wollten vor allem zeigen, dass übers Handy erhobene Daten Laborexperimente sinnvoll ergänzen können. In diesen können soziale Faktoren kaum gemessen werden. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, so der Basler Schlafforscher und Chronobiologie Christian Cajochen, dass die Daten rückblickend ausgewertet wurden und wichtige Fragen der Schlafforschung gar nicht gestellt worden sind, zum Beispiel die Frage nach den Chronotypen.

Menschen, die später zu Bett gehen, schlafen tendenziell weniger lang – mit Ausnahme der Spanier, die einfach länger schlafen.

Die Trends bestätigen vor allem auch alte Erkenntnisse, etwa dass die Einschlaf- und Aufwachzeiten stark von der inneren Uhr gesteuert werden, die mit dem Tageslicht korreliert. Am Morgen stellt die aufgehende Sonne auf «wach und aktiv», am Abend signalisiert die Dämmerung Ruhe. Die Handydaten zeigen zudem, dass Menschen, die sich während des Tages länger natürlichem Sonnenlicht aussetzen, früher zu Bett gehen und länger schlafen. «Diese Ergebnisse stimmen auch mit eingehenderen Studien der Schlafforschung überein», sagt Christian Cajochen.

Bettzeit korreliert mit Schlafdauer

Die mathematische Auswertung der Daten zeigte, dass die morgendlichen Aufwachzeiten weltweit deutlicher von der inneren Uhr getaktet werden und stärker mit dem Sonnenaufgang korrelieren. In der Grafik ist denn auch kein Trend in Bezug auf die Schlafdauer zu erkennen, was bedeutet, dass der Wohnort keinen spezifischen Einfluss auf die Aufwachzeit hat.

Der Zeitpunkt, an dem die Menschen ins Bett gehen, beeinflusste die Schlafdauer dagegen mehr. Sodass sich die kulturellen Unterschiede bei Schlafdauer und Schlafzeiten in der Einschlafzeit feststellen lassen.

Wäre beides rein biologisch gesteuert, müssten die Schlafzeiten eigentlich überall gleich sein. Doch Menschen in Ländern, die später zu Bett gehen, schlafen tendenziell weniger lang – mit Ausnahme der Spanier, die einfach länger schlafen.

«Es scheint, dass die Einschlafzeit von gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten beeinflusst wird und die Aufwachzeit von der inneren Uhr», sagt Daniel Forger. Vor allem das länger Aufbleiben werde vom sozialen Umfeld dirigiert. Die Unterschiede bei der Schlafdauer sind zwar nicht gewaltig. Am längsten schlafen die Holländer mit 8 Stunden und 12 Minuten, am kürzesten die Einwohner Singapurs, nämlich 7 Stunden und 24 Minuten.

Verminderte Leistungsfähigkeit

Die Forscher geben aber zu bedenken, dass auch schon eine halbe Stunde weniger Schlaf pro Tag langfristig einen grossen Einfluss auf die kognitiven Funktionen und die Langzeitgesundheit haben kann. Die Erkenntnisse könnten wichtige Hinweise auf die Ursachen der zunehmend schlaflosen Gesellschaft geben, glauben die Forscher. Chronischer Schlafmangel kann gesundheitliche Probleme zur Folge haben, von depressiven Gefühlen bis zu Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems und Schlaganfällen. Er vermindert die Lebensqualität und die Leistungsfähigkeit und belastet das Gesundheitssystem durch häufigere Unfälle.

Auch die Abhängigkeit des Schlafs von Alter und Geschlecht zeigte sich deutlich. So schlafen Frauen aller Altersklassen im Durchschnitt eine halbe Stunde länger als Männer. Sie gehen früher zu Bett und schlafen länger. Im Alter verschiebt sich zudem auch der Schlaffahrplan. Ältere Menschen gehen tendenziell früher zu Bett, wachen aber auch früher auf. Eine vertiefte Analyse zeigte zudem, dass Frauen und ältere Menschen sensibler auf Änderungen des Tageslichts, also von Sonnenunter- und Sonnenaufgang reagieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2016, 18:54 Uhr

«Der Körper holt sich den Schlaf nicht automatisch»

Herr Baumann, schlafen die Schweizer genug?
Eine gute Frage. Wahrscheinlich schlafen wir im Durchschnitt eher zu wenig, wobei das natürlich nicht nur die Schweiz betrifft. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass beispielsweise junge Erwachsene um die 9 Stunden Schlaf benötigen würden für eine volle Leistungsfähigkeit, während jüngere Erhebungen in der Schweiz zeigen, dass diese Altersgruppe um die 7,5 Stunden schläft. Interessanterweise kommen einige Menschen mit diesem Mangel an Schlaf dennoch gut zurecht, während andere wiederum Folgen des Schlafmangels wie Müdigkeit oder Schläfrigkeit aufweisen.

Wann empfiehlt es sich, zu Bett zu gehen, wann soll man aufstehen?
Grundsätzlich sollte man dann ins Bett gehen, wenn man müde ist, und bestenfalls aufstehen ohne Wecker. Wenn man am Wochenende länger schläft als unter der Woche, weist dies auf einen Schlafmangel hin. Der Schlafbedarf ist von Person zu Person unterschiedlich. Längere Ferien können Hinweise auf das eigene Schlafbedürfnis geben. Es ist ausserdem darauf zu achten, dass die Bettzeiten regelmässig sind, ausserdem sollte auf die eigene innere Uhr gehört werden, wenn das möglich ist. Dieser individuelle Taktgeber kann frühere oder spätere Bettzeiten bevorzugen.

Holt sich der Körper nicht sowieso so viel Schlaf, wie er braucht?
Nein, gucken Sie sich doch mal frühmorgens im Tram um. Wenn sich Körper und Gehirn in diesem Sinne durchsetzen würden, sähen wir weniger müde Gesichter. Wir sehen in unserer Sprechstunde häufig die Tendenz, dass sich die beruflichen Herausforderungen, die sozialen Angebote und andere Interessen wie Rund-um-die-Uhr-Beschäftigungen mit Smartphones und anderen Geräten gegen das eigentliche Schlafbedürfnis durchsetzen.

Wieso ist ein gesunder Schlaf so wichtig?
Weil der Schlaf viele wichtige Funktionen hat, die wir im Übrigen noch nicht ausreichend gut verstehen. Im Schlaf werden beispielsweise Verbindungen zwischen Nervenzellen neu geordnet, Abbauprodukte aus dem Gehirn entfernt, und tagsüber Erlerntes wird verarbeitet und abgespeichert. Ohne Schlaf kein Überleben, und zu wenig Schlaf oder gestörter Schlaf führt zu verminderter Lebensqualität, verändertem Leistungsverhalten und stellt ein Risiko für verschiedene Erkrankungen dar.

Wieso schlafen Frauen mehr als Männer?
Es gibt tatsächlich Studien, die solche Unterschiede aufzeigen. Wieweit dies auf verschiedene berufliche Karrieremodelle, anderweitige soziale Verpflichtungen, hormonelle Unterschiede oder grundsätzlich verschiedene Lebenskonzepte zurückzuführen ist, muss hier offenbleiben.

Christian Baumann ist Professor für Neurologie und Leiter der Parkinson- und Schlafforschung an der Klinik für Neurologie des Universitätsspitals Zürich.

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