So sehen Sieger aus

Wenn man gewinnt, ist man selber schuld. Wenn man verliert, die anderen.

Er hat alles seiner Kraft und seinem Willen zu verdanken – zumindest solange er gewinnt: Filmszene aus «Rocky III». Foto: Imago

Er hat alles seiner Kraft und seinem Willen zu verdanken – zumindest solange er gewinnt: Filmszene aus «Rocky III». Foto: Imago

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Der Fussball hat der Welt so viel geschenkt – grosse Momente, unerträgliche Funktionäre sowie ein unerschöpfbares Reservoir an Floskeln. «Normalerweise sage ich ja nichts über den Schiedsrichter», lautet zum Beispiel eine dieser Phrasen. Wie es dann weitergeht, weiss jeder: Es folgt ein Lamento über den gemeinen Schiedsrichter. Anlass zu so einer Anklage ist selbstverständlich eine Niederlage.

Wenn die eigene Mannschaft verloren hat, dann muss das bekömmlich verdaut werden, und dabei ist ein Schuldiger hilfreich. Sportler aller Disziplinen führen dann gerne externe Faktoren an – und wenn sie nicht auf den Schiedsrichter deuten, dann lag es am miesen Rasen, dem Wetter, dem unfairen Gegner. Gibt es hingegen einen Erfolg zu feiern, betonen Sportler die eigene Leistung. «Kompliment auch an das ganze Team», lautet dann eine pseudobescheidene Floskel des Siegers.

Aber bevor nun alle wissend grinsen, folgt ein kleiner Zwischenruf vom Spielfeldrand: Wie Psychologen beobachtet haben, ticken die Menschen auch in ihrer Eigenschaft als Partner, Arbeitnehmer und sämtlichen anderen Erscheinungsformen auf die gleiche Weise. Lief es gut, war man seines Glückes Schmied; lief es schlecht, lag es an den Umständen.

Verzerrte Realität

Gerade haben Psychologen um Mark Allen von der australischen University of Wollongong und Sylvain Laborde von der Deutschen Sporthochschule Köln eine Meta-Analyse zu dem Thema veröffentlicht. Für ihre Publikation im «Personality and Social Psychology ­Bulletin» haben die Forscher die Ergebnisse von 69 Studien mit mehr als 10000 Athleten analysiert. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass im Fall einer Niederlage – egal ob als Team oder Einzelsportler – gerne externe Faktoren zur Begründung herangezogen werden und persönliche Verantwortung eher im Fall eines Sieges reklamiert wird.

Es verhält sich also tatsächlich so, wie Fans das kennen und auch selbst machen, wenn ihr Team verloren oder gewonnen hat und sie in der Kneipe debattieren. «Es wäre ungewöhnlich, wenn ein Athlet seinen Sieg mit der Qualität des Rasens erklärt oder damit, dass der Schiedsrichter so unfair zu seinem Gegner war», schreiben die Psychologen.

Auch die einzelnen Mitglieder einer Mannschaft reagieren entsprechend, wie die Psychologen beobachtet haben. Gibt es einen Sieg zu feiern, beanspruchen die einzelnen Spieler einen relevanten Anteil der Teamleistung für sich. Ging der Wettkampf aber in die Hose, spielen einzelne Athleten ihren Anteil an der mangelnden Mannschaftsleistung sehr gerne herunter. Es ist wie im Büro, da hält auch jeder seinen Beitrag zur Arbeit für besonders relevant.

«Wettkampfsport ist die ideale Umgebung, um die selbstwertdienliche Verzerrung zu erforschen.»

Dass die Meta-Analyse der Psychologen um Allen die offenbar verzerrte Urteilskraft von professionellen Sportlern behandelt, hat einen einfachen Grund: «Wettkampfsport ist die ideale Umgebung, um die selbstwertdienliche Verzerrung zu erforschen», sagen die Psychologen. Ergebnissen aus Labor­experimenten sei hingegen weniger zu trauen, da die Situationen dort zu artifiziell und die Probanden nicht wirklich in die Sache involviert seien.

Den sogenannten Self-Serving Attribution Bias (so die gängigere Bezeichnung für den Effekt) zeigen Menschen nämlich vor allem dann, wenn etwas für sie auf dem Spiel steht: Ist das Ergebnis eines Wettkampfes oder einer sonstigen Anstrengung hingegen nicht so wichtig, dann lässt sich schliesslich ohne emotionalen Schmerz die volle Verantwortung für ein Scheitern übernehmen.

Wozu dann einen Schiedsrichter der Schiebung beschuldigen? Der professionelle Wettkampfsport ist deswegen das perfekte Labor: Die Regeln sind klar und jedes Mal die gleichen, alle Beteiligten wollen gewinnen, und egal, was passiert, die beobachtenden Psychologen fahren meist gute Daten ein.

Die treibende Kraft hinter dem Effekt der selbstwertdienlichen Verzerrung sei Selbstvertrauen und der Drang, ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten. Man will sich auch in der Niederlage für einen guten Sportler halten. Unter Top-Athleten ist der Effekt ein wenig geringer ausgeprägt, beobachteten die Forscher um Allen. Wer noch nicht die absolute Spitze erreicht hat, so liesse sich da spekulieren, hat eben noch ein etwas fragileres Selbstwertgefühl, das es zu schützen gilt, und muss auch mehr Niederlagen rationalisieren.

Den Selbstwert schützen

In den anderen Lebenslagen, in denen der Effekt beobachtet wurde, geht es ebenfalls um Schutz vor Kränkung. So schieben geschiedene Partner die Schuld an der Trennung meist dem anderen zu, weil selbst habe man sich ja weitgehend anständig verhalten und versucht, mit den gewiss schwierigen Umständen zurechtzukommen. Und Manager erklären Misserfolge zum Beispiel gerne als Folge eines schwierigen Marktes. Glänzende Bilanzen betrachten sie hingegen als Resultat ihrer genialen Strategie.

Sehr wahrscheinlich spielt der Self-Serving Attribution Bias auch in den aktuell allgegenwärtigen Debatten rund um Diskriminierung eine wichtige Rolle. Wer sich aufgrund seines Geschlechts oder anderer Merkmale benachteiligt fühlt, kann vor sich Misserfolge damit begründen und sein Selbst so vor Kränkung schützen. Das süsse Gefühl eines Erfolgs lässt sich so hingegen noch steigern: Dann könnte darauf hingewiesen werden, dass man im Vergleich zu anderen viel härter habe arbeiten müssen. Natürlich trifft das oft zu, jedoch ist dieses Denkmuster auch dann emotional wohltuend, wenn es nicht zutrifft.

Anfälliger für die selbstwertdienliche Verzerrung sind im übrigen Männer. In der Kindheit bestünden in dieser Hinsicht keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, so die Forscher. Mit steigendem Alter lasse die Stärke des Effektes unter Frauen dann rascher nach.

Im Sport wie auch in allen anderen Fällen gilt: Es ist menschlich, so zu ­denken. Es schützt das Selbst und ­amüsiert oder befremdet unbeteiligte Beobachter.

Erstellt: 11.01.2020, 21:12 Uhr

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