«Rund 0,5- bis 1-mal häufiger Sex im Monat »

Die neue Lustpille für die Frau lasse sich nicht mit Viagra vergleichen, sagt Sibil Tschudin, Leitende Ärztin für gynäkologische Sozialmedizin und Psychosomatik am Universitätsspital Basel.

Für die meisten Lustprobleme ist das in den USA neu zugelassene Medikament Flibanserin keine Lösung.

Für die meisten Lustprobleme ist das in den USA neu zugelassene Medikament Flibanserin keine Lösung. Bild: ALLEN G. BREED/Keystone

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Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat mit Flibanserin erstmals ein Medikament zugelassen, das den weiblichen Sexualtrieb steigern soll. Wie gerechtfertigt ist aus Ihrer Sicht die Bezeichnung «Viagra für Frauen»?
Das lässt sich so nicht direkt vergleichen. Viagra ist für Erektionsstörungen bei Männern. Wenn bei Betroffenen gar keine Lust vorhanden ist, hilft dies in der Regel jedoch nicht weiter. Flibanserin zielt hingegen auf die Lust. Der Wirkstoff beeinflusst die Botenstoffe im Gehirn und kann so allenfalls eine Verbesserung herbeiführen. Dabei muss man sich aber bewusst sein, dass im Gegensatz zu einer klar feststellbaren Erektionsstörung bei mangelnder Lust ganz viele verschiedene Faktoren massgeblich sind.

Zum Beispiel?
Die Einflüsse reichen von der Qualität der Partnerschaft über gesundheitliche Aspekte bis zur allgemeinen Lebenszufriedenheit. Mit Flibanserin kann – wenn überhaupt – nur ein Ausschnitt davon angegangen werden. Wichtig ist, zu beachten, dass die Studienresultate zwar eine statistisch signifikante Verbesserung zeigen. Doch der Effekt ist bescheiden. Konkret gaben die Frauen an, rund 0,5- bis 1-mal häufiger Sex im Monat zu haben. Da fragt sich schon, wie wesentlich dies für die einzelne Frau ist. Erst recht, wenn dafür täglich die Pille geschluckt werden muss.

Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus? Der deutsche Berufsverband der Frauenärzte (BVF) hat vor einiger Zeit deswegen gewarnt.
In der einen Studie mit 1100 Teilnehmerinnen, die mir bekannt ist, hörten knapp 10 Prozent wegen Nebenwirkungen auf. Dabei geht es um Schläfrigkeit, Schwindel, Übelkeit – solche Vorkommnisse können einen natürlich beeinträchtigen, gerade wenn es um Lust in der Sexualität geht.

Dann würden Sie das Medikament nicht verschreiben, wenn es in der Schweiz erhältlich wäre?
So absolut lässt sich das nicht sagen. Ich finde es immer gut, wenn man eine Palette an Möglichkeiten hat. Dann kann man individuell schauen, welche man nutzt. Bei einzelnen Frauen kann dadurch vielleicht tatsächlich etwas bewirkt werden. Aber es ist gefährlich, zu glauben, dass dies jetzt der Durchbruch sei.

Werden Sie bereits von Patientinnen auf das Medikament angesprochen?
Natürlich gibt es immer wieder Patientinnen, die sich eine Pille wünschen, mit der sich mangelnde Lust oder Befriedigung beim Sex lösen lassen. Doch das sind falsche Hoffnungen. In der Regel funktioniert dies nicht so einfach.

Die Zulassung gilt offiziell für die sogenannte Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD). Gab es die Diagnose früher in dieser Form überhaupt?
Es stellt sich schon die Frage, inwiefern auch Pharmafirmen mit darauf hingewirkt haben, diese Diagnose zu lancieren. Schliesslich sind neben Flibanserin auch weitere ähnliche Medikamente in Entwicklung. Aus meiner Sicht ist es wichtig, zu verstehen, dass sich Lustempfinden im Gegensatz zur Erektionsstörung nicht einfach messen oder kategorisieren lässt. Die Lust ist etwas sehr Individuelles und wird von jedem anders empfunden. Von einer Störung kann man vor allem dann sprechen, wenn sich bei einer Person ein deutlicher Lustabfall bemerkbar macht, der als störend empfunden wird.

Erstellt: 19.08.2015, 18:05 Uhr

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