Sorgen Aromastoffe in E-Zigaretten für Lungenprobleme?

In den USA häufen sich schwere Lungenschäden – möglicherweise wegen der Dampfgeräte. Schweizer Ärzte sind alarmiert.

Verdampfer und Liquids sind nicht reguliert, Experimente etwa mit THC-haltigen Mitteln können gefährlich werden. Foto: Getty Images

Verdampfer und Liquids sind nicht reguliert, Experimente etwa mit THC-haltigen Mitteln können gefährlich werden. Foto: Getty Images

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Dylan Nelson wurde die E-Zigarette beinahe zum Verhängnis. Der 26-jährige Amerikaner aus dem Bundesstaat Wisconsin fühlte sich nach ein paar Zügen mit einer neuen Kartusche krank. Am folgenden Morgen ging er ins Spital, wo sich sein Zustand zunehmend verschlechterte. In den Lungen sammelte sich Flüssigkeit. Schliesslich mussten ihn die Ärzte vorübergehend in ein künstliches Koma versetzen.

Nelson überstand die Krankheit und konnte später das Spital wieder verlassen. Doch er habe noch Lungen- und Herzschäden, und die Ärzte wüssten nicht, ob das ausheile, zitierte vergangene Woche die Nachrichtenagentur Associated Press die Mutter des jungen Patienten.

Nelson ist einer von rund 450 Patienten, die in den letzten Wochen in den USA mit schweren Lungenproblemen Spitäler aufsuchen mussten, sechs starben. Gemäss Medienberichten sind vorwiegend gesunde Erwachsene oder Jugendliche beiderlei Geschlechts betroffen. Zu den Symptomen gehören Kurzatmigkeit, Müdigkeit, Brustschmerzen und Erbrechen. Ein Teil musste wie Nelson mehrere Wochen im Spital bleiben. Tote habe es keine gegeben, einige Patienten waren aber nahe dran, wird berichtet.

«Nur eine Frage der Zeit»

Als Grund für die Welle unerklärlicher Fälle wird das sogenannte Vaping vermutet, das Inhalieren von meist nikotinhaltigen Flüssigkeiten (Liquids), die in E-Zigaretten verdampft werden. ­Ärzte sind beunruhigt – auch in der Schweiz, obwohl bei Fachleuten bislang keine vergleichbaren Fälle bekannt sind.

«Symptome wie Atemweg­irritationen, Husten und Schwindel nach kurzzeitigem Konsum von E-Zigaretten sind auch in der Schweiz bekannt», sagt Claudia Künzli, Leiterin Gesundheitsförderung und Prävention bei der Lungenliga. Weitere Effekte seien Augenirritationen oder Kopfschmerzen. Alexander Möller, Lungenspezialist am Kinderspital Zürich, erwartet, dass auch bei uns ähnliche Probleme wie in den USA auftreten werden. «Es ist nur eine Frage der Zeit, da die E-Zigaretten-Welle bei uns erst so richtig ankommt», sagt der Mediziner.

Der Amerikaner Dylan Nelson musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Foto: Patrick Degrave

Am nächsten an die Fälle in den USA kommt eine Patientin von Macé Schuurmans, Chefarzt Pneumologie am Kantonsspital Winterthur. Der Zustand der Asthmatikerin habe sich «sehr stark verschlechtert», nachdem sie von Zigaretten auf E-Zigaretten gewechselt habe, berichtet der ­Spezialist.

E-Zigaretten gelten als weniger krankmachende Alternative zum herkömmlichen Rauchen. Doch harmlos sind sie deswegen nicht, erst recht nicht nach den mysteriösen Fällen in den USA. Allerdings ist nicht gesichert, dass E-Zigaretten tatsächlich dahinterstecken. Unklar ist zudem, ob nur bestimmte Inhaltsstoffe der Liquids oder Verunreinigungen für die Symptome sorgen. Manche Patienten gaben an, mit den E-Zigaretten THC inhaliert zu haben. In vielen Fällen wissen die Ärzte in den USA rückblickend aber nicht, welche Liquids die Lungenpatienten davor verwendet hatten.

Wir wissen noch wenig.Reto Auer, Institut für Hausarztmedizin an der Universität Bern

Deshalb haben sich vor vier Wochen die Centers for ­Disease Control and Prevention (CDC) des US-Gesundheitsministeriums eingeschalten. Die Behörde fordert die Ärzte nachdrücklich auf, mögliche Fälle von unerklärlichen Lungenerkrankungen, die im Zusammenhang mit Vaping stehen könnten, den lokalen Gesundheitsbehörden zu melden. Wichtig sei dabei, dass die Ärzte auch erfassen, welche Produkte ihre Patienten verwendet haben.

Fachleute pochen nun erst recht auf Langzeitstudien, die gesundheitliche Auswirkungen auch über eine längere Dauer untersuchen. «E-Zigaretten enthalten toxische Substanzen, die zum Teil krebserregend sind. Es ist nicht auszuschliessen, dass durch den Konsum von E-Zigaretten die Entstehung von Asthma oder Bronchitis begünstigt wird», sagt Claudia Künzli von der Lungenliga.

Experimentieren kann gefährlich sein

In Bern und Genf läuft derzeit eine gross angelegte, vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie, die an 1200 ausstiegswilligen Rauchern die Langzeitrisiken von Nikotinverdampfern untersucht (www.estxends.ch). Geleitet wird das Forschungsvorhaben von Reto Auer vom Institut für Hausarztmedizin an der Universität Bern. «In der Studie erfassen wir auch unerwartete Nebenwirkungen», sagt Auer. Vorfälle wie in den USA habe es aber noch keine gegeben. «Wir wissen noch wenig», betont der Arzt. Es sei deshalb sehr wichtig, diese Fälle und die Situation in den USA eng zu verfolgen.

Der Mediziner befürwortet E-Zigaretten für den Ausstieg aus dem Rauchen und relativiert die Fälle in den USA. «Wenn ein Produkt von Millionen Personen gebraucht wird, ist es unvermeidlich, dass gewisse Personen nicht gut darauf reagieren», sagt er. Zum Beispiel kenne man Lungenallergien auf Liquids.

«Bedeutender ist aber, dass Verdampfer und Liquids nicht reguliert sind», so der Mediziner. Es sei deshalb leider zu erwarten, dass gewisse Produzenten nicht sauber arbeiten und so das Leben von Konsumenten gefährden würden. Und schliesslich würden gewisse Benutzer mit den Geräten und Liquids herumexperimentieren, was gefährlich werden könne.

Die Qualität stimmt nicht

Dazu zählt Auer auch die Fälle in den USA, bei denen Patienten zuvor THC-haltiges Liquid inhalierten, das sie am Schwarzmarkt gekauft hatten. «Diese THC-haltigen Mittel sind bekannt, gefährlich zu sein, da in einem ­unregulierten Cannabismarkt die Herstellung manchmal sehr unrein erfolgt», betont Auer. «Die Regulierung von Cannabis gehört deshalb wahrscheinlich auch in die Debatte.»

Auer kritisiert das «Wildwest»-Umfeld bei Herstellung, Verkauf und Werbung von E-Zigaretten. Künftig sollten nur noch Liquids benutzt werden können, deren Qualität in einem regulierten Markt unabhängig gesichert sei. Zusätzlich müssten Benutzer wissen, dass sie nicht mit den Geräten experimentieren und keine Substanzen verwenden sollten, die zum Dampfen eigentlich nicht geeignet seien.

Auch Kinder sind umworben

Die ungeklärten Fälle in den USA könnten in der Schweiz die Diskussionen um das Tabak­produktegesetz im Parlament beeinflussen. Mediziner und Gesundheitsligen sind sich einig, dass die aktuelle Fassung viel zu wenig weit geht, nicht nur was herkömmliche, sondern eben auch was E-Zigaretten betrifft.

«Der Konsum ist bei Kindern auf dem Vormarsch», warnt Alexander Möller vom Kinderspital. Deshalb sei es extrem wichtig, dass ein gutes Tabakproduktegesetz komme, das die Werbung stark einschränke. «E-Zigaretten werden sehr gezielt und direkt bei Jugendlichen beworben», so Möller. Es stimme nicht, wenn die Industrie behaupte, dass sie dies nicht tue. «Man muss nur in einen x-beliebigen Kiosk gehen. Dort wird bei den Süssigkeiten ohne jegliche Kontrolle für E-Zigaretten geworben.»

Dieser Artikel wurde erstmals am 21. August 2019 publiziert. Aufgrund der Aktualität veröffentlichen wir ihn erneut.

Erstellt: 12.09.2019, 11:39 Uhr

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