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Stammt das Coronavirus aus einem Hochsicherheitslabor?

Immer wieder entweichen gefährliche Viren aus Labors. War das bei Corona auch so? Biosicherheitsexpertin Kathrin Summermatter nimmt Stellung.

Ein Mitarbeiter hantiert in einem Sicherheitslabor in der chinesischen Stadt Wuhan mit Proben. Foto: «China Daily», Reuters

Ein Mitarbeiter hantiert in einem Sicherheitslabor in der chinesischen Stadt Wuhan mit Proben. Foto: «China Daily», Reuters

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Die Theorie, dass das aktuelle Coronavirus aus dem Hochsicherheitslabor in Wuhan ausgebrochen sei, hält sich hartnäckig. Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenarium?
Ich erachte das als sehr unrealistisch, eine klassische Verschwörungstheorie. Ich verfolge das Thema Infektionen durch Erreger aus dem Labor seit gut 20 Jahren. Solche Ansteckungen beschränken sich immer auf ganz wenige Leute, die im Labor selber arbeiten. Das sind meistens sehr gut ausgebildete Personen, die wissen, wie sie sich verhalten müssen. Und die Biosicherheitslabors selber sind entsprechend ausgerüstet, damit genau solche Szenarien nicht vorkommen.

Aber es sind durchaus schon Viren aus Labors entwichen.
Der letzte grosse Ausbruch war 2007 in Pirbright in Südengland. Damals gelangte der Erreger der Maul- und Klauenseuche aus einem tiermedizinischen Labor in die Umwelt und sorgte für einen Ausbruch bei Rindern. Viele Tiere mussten damals notgeschlachtet werden. Das Labor war alt, und man hat mit grossen Virusmengen gearbeitet. Der Erreger konnte über das Abwasser zu den empfänglichen Tieren gelangen, was nicht hätte passieren dürfen. Mit Erregern wie dem Coronavirus, die auch Menschen infizieren können, wird allerdings ganz anders gearbeitet. 

Mit Maul- und Klauenseuche ist man weniger vorsichtig?
Nein, das nicht. Die Umgebung schützt man natürlich genau gleich. Doch damals führte eine unglückliche Verkettung von Faktoren dazu, dass es zu dem statistisch sehr unwahrscheinlichen Ausbruch kam. Das zeigte sich bei der anschliessenden Untersuchung. 

Wenn ein solcher Ausbruch in England passieren kann, warum nicht in China?
Das sind ganz andere Verhältnisse. China hat im Bereich der Hochsicherheitslabors seit über zehn Jahren ein sehr hohes Niveau. Sie haben häufige Inspektionen und sehr strenge Sicherheitsstandards. Während der Sars-Epidemie kam es im Jahr 2004 durch Mitarbeiter zu Ansteckungen ausserhalb eines Labors. Das führte dazu, dass die Biosicherheit der Labors in China stark verbessert wurde.

Das Sars-Coronavirus ist damals aus einem Biosicherheitslabor entkommen?
Das war nicht der Ursprung der Sars-Epidemie. Wie beim ak­tuellen Coronavirus geht der Ursprung von Sars auf Tiere auf einem Markt zurück. Damals war es eine Zibetkatze, heute wird angenommen, dass Fledermäuse eine gewisse Rolle spielen könnten. Im Biosicherheitslabor wurden damals Proben von infizierten Patienten kultiviert, weil man grössere Mengen für die Untersuchungen benötigte. Dabei haben sich zwei Mitarbeiter angesteckt und die Infektion weitergegeben. Das waren aber Einzelfälle, die passierten, als die Epidemie bereits in vollem Gange war. Die Infektionen wurden rasch bemerkt und isoliert.

Kennen Sie die Labors in China?
Ich war selber Teil eines Inspektionsteams. Nicht in Wuhan, aber an einem anderen Ort, wo wir Produktionsanlagen für Polioimpfstoffe anschauten. Sars hat alle sensibilisiert. Die Welt­gesundheitsorganisation war damals in China rasch vor Ort, inspizierte die Labors und schlug Massnahmen zur Kontrolle und Sicherheitsstandards vor. Alle Hochsicherheitslabors weltweit müssen sich registrieren und werden regelmässig inspiziert. Dabei geht es nicht nur um die technische Sicherheit, sondern auch darum, wie die Mitarbeiter mit den Erregern arbeiten, welche Schulungen sie haben und so weiter. Ausbrüche mit Ansteckungen von mehreren Menschen sind seither nicht mehr passiert.

Eine Publi­kation von indischen Forschern, die inzwischen allerdings wieder zurück­gezogen wurde, behauptet, dass einige Gensequenzen beim aktuellen Coronavirus künstlich eingefügt wurden. Lässt sich das aufgrund des genetischen Aufbaus überhaupt feststellen?
Das ist bei einem Erreger wie dem Coronavirus, das sich schnell verändert, schwierig nachzuweisen. Klar, wenn es ein typischer Virusstamm wäre, den man wirklich nur in Labors verwendet, dann würde man das schon sehen. Aufgrund der Publikationen, die jetzt in der Wissenschaft diskutiert werden, geht man beim aktuellen Virus aber davon aus, dass es natürlicherweise durch den Konsum von infizierten Tieren übertragen wurde.

An Ihrem Institut wird auch mit Coronaviren gearbeitet. Welche Biosicherheitsstufe gilt da?
Es gibt insgesamt vier Stufen. Die höchste gilt für Erreger wie Pocken, Ebola, Lassa, die eine hohe Mortalität beim Menschen haben und gegen die es keine Impfstoffe gibt. Sars oder das neue Coronavirus gehören zur Sicherheitsstufe 3, weil die Viren weniger gefährlich sind als beispielsweise Ebola. Für die saisonalen Coronaviren, die für Erkältungen sorgen, gilt die Stufe 2.

Was ist denn bei Stufe 4 vorhanden im Vergleich zu 3?
Zusätzlich zu allen Sicherheitsmassnahmen, wie zum Beispiel Unterdruck im Labor, um bei einem Leck das Entweichen kontaminierter Luft zu verhindern, tragen die Mitarbeiter bei der Stufe 4 einen Überdruckanzug mit externer Luftversorgung, so wie man es aus Katastrophenfilmen wie «Contagion» kennt. Zusätzlich gibt es im Labor eine doppelte statt nur einfache Abluftfiltrierung.

Zum Teil werden in Labors gefährliche Viren hergestellt, um sie zu untersuchen. Vor einigen Jahren machten dies niederländische Forscher mit dem Vogelgrippevirus. Ist das nicht riskant?
Das ist die ethische Diskussion, die bei den Grippeviren angefangen hat. Es gibt in diesem Bereich durchaus Regulierungen. In der Schweiz, wie eigentlich in allen Ländern, macht man bei solchen Experimenten immer eine Risikobewertung. Wenn man zum Beispiel bei einem Coronavirus nicht genau weiss, ob bei den Experimenten etwas Gefährliches herauskommt, gilt das Vorsorgeprinzip. Man geht dann eine Biosicherheitsstufe höher. Forscher müssen das bei ihren Versuchen immer wieder neu diskutieren. 

Könnte es auch sein, dass das aktuelle Coronavirus absichtlich freigesetzt wurde?
Diese Diskussion kommt jedes Mal, wenn ein neuer Erreger auftaucht. Ich persönlich finde die Wahrscheinlichkeit dafür sehr gering. Die wissenschaftlichen Daten deuten stark darauf hin, dass das Virus von einem Markt in Wuhan stammt. Zudem gibt es tierische Träger, die das Virus auch auf den Menschen übertragen können. Das ist bei weitem die plausibelste Erklärung. Aber schlussendlich kann man das nie ausschliessen.

Ist das Coronavirus überhaupt geeignet als Biowaffe?
Es gibt internationale Listen, auf denen alle Erreger drauf sind, die sich als potenzielle Biowaffen missbrauchen lassen. Bei den Amerikanern ist Sars drauf. Es sind aber auch das Vogelgrippevirus H5N1 und andere Erreger der Biosicherheitsstufen 3 und 4 aufgelistet. Das ist ein relativ breites Spektrum. Missbrauchen kann man alles. Auch ein nor­males Darmbakterium kann für Durchfall sorgen. 

Erstellt: 13.02.2020, 15:01 Uhr

Kathrin Summermatter leitet das Biosicherheitszentrum am Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern. Foto: PD

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