Stress macht kreativ – oder krank

Unser Hirn braucht Unsicherheit, um auf neue Ideen zu kommen. Doch wenn es zu komplex wird, kann Stress toxisch werden.

Zeitdruck und hohe Verantwortung: Den einen hilft es, besser zu werden, andere werden krank davon. Foto: iStock

Zeitdruck und hohe Verantwortung: Den einen hilft es, besser zu werden, andere werden krank davon. Foto: iStock

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Ein Steinzeitmann ist in einer Höhle. Ein Säbelzahntiger steht ihm gegenüber. Einmal wurde er in einem Kampf mit blossen Händen von solch einem Tier fast getötet. Nun muss er wieder kämpfen. Medizinprofessor Achim Peters beschreibt in seinem Buch «Unsicherheit, das Gefühl unserer Zeit» anschaulich, was im Körper des Mannes passiert und warum dieser Urahn für das 21. Jahrhundert relevant ist.

Das Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet. Der Arbeitsmodus des Gehirns verändert sich. Statt seine Ressourcen möglichst effizient einzuteilen, arbeitet es nun auf Höchstleistung und wird in den Worten Peters’ zur «unglaublich effektiven Problemlösungsmaschine».

Die geweiteten Pupillen liefern mehr Bilddaten, man hört mehr, die Gerüche sind intensiver. Der Energieverbrauch des Gehirns springt nach oben. Das Cortisol hat noch eine andere Eigenschaft: Es bereitet das Gehirn darauf vor, umzulernen. Alte Strategien werden hinterfragt, fieberhaft werden nun neue Lösungen gesucht.

«Not macht erfinderisch»: Das galt bereits in der Steinzeit. Illustration: Claudio Köppel

Der Urmensch sieht einen Stein und tötet damit das Raubtier. Er hat gelernt – auch für später. Die Stresssituation hat eine innovative Lösung hervorgebracht. Doch das Gehirn versucht, die Balance zu halten: nicht zu dogmatisch zu sein, aber auch nicht zu wenig Vertrauen in das eigene Weltbild zu haben.

Weltmodell wird überarbeitet

Eine Theorie, wie das Gehirn Informationen verarbeitet, funktioniert so: Es arbeitet ständig daran, die Überraschungen gegenüber dem existierenden Weltmodell zu reduzieren. Kommen Sinneseindrücke herein, die das Gehirn nicht erwartet hat, ändert sich die Sicht auf die Realität dementsprechend. Das Weltbild passt sich an, bis es diese Überraschungen so weit wie möglich reduziert hat.

«Möglichst akkurat, aber nicht zu komplex» – so läuft nach Peters diese Modellbildung im Gehirn ab. Gibt es keine Überraschungen, muss das Gehirn wenig arbeiten und verbraucht weniger Kalorien. Es will die Energie minimieren, und dafür will es möglichst wenig Unsicherheit und Stress ausgesetzt sein.

Auch Anleger schaffen sich Weltmodelle, die möglichst nahe an der Realität stehen. Kommen Überraschungen herein, arbeitet das Gehirn daran, seine Auffassung von der Realität anzupassen. Es mag nicht immer logisch durchdacht sein, und Experten mögen über die Auffassungen von Privatinvestoren den Kopf schütteln. Aber solange es funktioniert, wird ein möglichst einfaches Realitätsmodell auch nicht hinterfragt.

Muss man angesichts hoher Unsicherheit schnell umlernen, kommt man in Stress. Dem Gehirn wird nun mehr Energie bereitgestellt. Doch das ist für den Notfall gedacht – «in manchen Situationen ist der Stress nicht nur gut für uns, sondern überlebenswichtig», betont Peters.

Denn normalerweise optimiert das Gehirn den Energieverbrauch: mit möglichst wenig Aufwand die anstehenden Aufgaben angehen. Geht die Unsicherheit nicht mehr vorbei, wird diese Überwachheit krankhaft. Ein Angestellter, der lange um seinen Job fürchten muss, oder ein Anleger, dessen Portfolio ständig enttäuscht, sucht ohne Pause nach Lösungen. Stress bietet also Chancen: Man kommt vielleicht zu Lösungen, die einem davor nie eingefallen wären. Man überdenkt das eigene Weltbild und kann so die neue Unsicherheit bewältigen. Lernt man dazu, sieht man das etwa in den Zellfortsätzen von Nervenzellen (Dendriten), die sich neu ausrichten.

Stress öffnet für neue Ideen

Das lässt sich auf Erfahrungen am Finanzmarkt übertragen. Das Portfolio stürzt ab, die Anlageidee läuft nicht wie gedacht – der Stress, der dann entsteht, ist nicht nur Angst vor den Verlusten. Die negative Überraschung sorgt für eine körperliche Reaktion, bei der das Gehirn nun offen für neue Ideen wird. Selbst jahrelang gehegte Überzeugungen werden in Frage gestellt. Der Kursverlust kann also eine Chance sein, Neues zu lernen und für die Zukunft gerüstet zu sein.

Wenn die Unsicherheit jedoch nicht beseitigt werden kann, fühlt man sich von der Komplexität überfordert. In vielen Lebensbereichen sieht Peters «die maximale Überforderung des Einzelnen» (vgl. Interview unten). Die Gedanken könnten sich im Kreis drehen, man kommt ins destruktive Grübeln. Die Dendritenbäumchen wachsen nicht neu unter dem Stress, sondern verkümmern.

Chronischer Stress führt dazu, dass das Cortisol nicht vollständig abgebaut wird. Das Gedächtnis schwächelt, Schlaflosigkeit folgt. Patienten mit einem toxischen Grad an Stress werden deprimiert. Oder sie gewöhnen sich zu sehr an den Stress – «habituieren» – und lernen schlechter von neuen Situationen.

Die Verantwortung abzugeben, ist für Peters keine Lösung. Denn so erhöht sich die eigene Unsicherheit, weil man nicht mehr aktiv die Welt unter die Lupe nimmt und aktuell bleibt. Dann muss man Experten glauben – und versagen ihre Ratschläge, wird die Unsicherheit noch grösser. Achim Peters argumentiert: «Sich in der Welt sicherer zu fühlen, bedeutet unabdingbar, diese Welt und ihre Veränderungen zu lesen und besser zu verstehen.»


«Verantwortung bedeutet oft maximale Überforderung»

Interview Achim Peters, Medizinprofessor und Bestseller-Autor, zum Umgang mit einer unsicheren Welt.

Herr Peters, Sie erforschen den Stoffwechsel im menschlichen Gehirn. Ist das nur biologisch interessant?
Nein, daraus ist eine Theorie entstanden, wie Menschen die Welt wahrnehmen und auf sie reagieren. Dabei geht es um den Unterschied zwischen unserer Zielerwartung und dem, was wir erreichen können. Wir Menschen streben einen Zustand an, in dem dieser Unterschied möglichst gering ausfällt – unser Gehirn minimiert also die Überraschungen. Wenn wir die Überraschungen reduzieren, senken wir auch die Unsicherheit – entweder indem wir unser Modell der Welt anpassen oder indem wir handeln, um die Unsicherheit zu reduzieren.

Und die praktische Relevanz kann man experimentell zeigen?
Ja. Es gibt ein Experiment, das zeigt, dass die Minimierung von Überraschungen das Verhalten von Personen besser erklärt als der Ansatz der reinen Nutzenmaximierung. Dabei ist die Minimierung von Überraschungen eine Erweiterung der Nutzenmaximierung.

Forscher und Autor
Ein Weltklasseforscher und gleichzeitig ein erfolgreicher Wissenschaftskommunikator – Achim Peters bringt die Resultate seiner Forschungsgruppe an der Universität Lübeck regelmässig mit populärwissenschaftlichen Büchern an die Öffentlichkeit. Er ist Pionier der Hypothese des «Selfish Brain» (egoistisches Gehirn). Demnach leitet sich das Gehirn durch die Aktivierung des Stresssystems Energieflüsse zu. Daraus schliesst Peters, dass Übergewicht eine Folge der Anpassung an Stress sein kann.

Wenn wir Unsicherheit reduzieren wollen, sollten wir nicht jede Art von neuer Erfahrung vermeiden?
Kurzfristig reduziert diese Vogel-Strauss-Taktik tatsächlich die Unsicherheit. Über Jahrhunderte haben Menschen an Weltmodelle mit geringer Vorhersagekraft geglaubt. Diese Weltmodelle wurden mystifiziert – und waren damit nie ganz durchschaubar. Man verlässt sich auf andere und kann Verantwortung abgeben. Dann fühlt man sich sicherer. Aber wenn man das eine Weile macht, dann wird das eigene Weltmodell nicht mehr aktualisiert. Schliesslich merkt man, dass man zu oft danebenliegt. Die Unsicherheit ist dann extrem hoch. Wer langfristig weniger unsicher sein will, der muss zuerst erlauben, unter Unsicherheit zu leiden.

Andererseits fühlen sich viele mit der Verantwortung alleingelassen. Etwa bei der Altersvorsorge, die man verstärkt auf den Einzelnen überträgt. Belastet das nicht auch?
Verantwortung hört sich erst einmal gut an. In unserer komplexen Gesellschaft bedeutet das aber oft die maximale Überforderung des Einzelnen. In vielen Lebensbereichen heisst das mehr Unsicherheit und damit Stress, etwa bei Finanzen, Rente oder auch in der Medizin, wo der Patient mehr Verantwortung übernehmen soll. Als Lösung schlägt die Soziologin Anna Henkel vor, dass Experten und Laien – etwa der Anlageberater und sein Kunde – gemeinsam Verantwortung übernehmen und den Schaden gemeinsam tragen.

«Die Ohnmacht des Einzelnen hat etwas mit Deregulierung zu tun.»

Anleger fühlen sich den Bewegungen am Finanzmarkt oft ungeschützt ausgesetzt.
Es gibt einen Teil der Unsicherheit, den wir selbst auflösen können. Aber es ist natürlich sehr schlecht, wenn wir uns ohnmächtig fühlen. Wenn also die Welt so komplex chaotisch ist, dass keine Vorhersagen möglich sind. Eine Lösung dafür sind Systeme, bei denen sich Teilnehmer einer Ordnung unterziehen – das können moralische Prinzipien oder Gesetze sein. Wechselseitige Zugeständnisse können die Unsicherheit reduzieren. Die Ohnmacht des Einzelnen hat etwas mit Deregulierung zu tun. Stattdessen sollte man durch Regeln das Ganze übersichtlicher und vorhersehbarer gestalten. Angesichts der Unübersichtlichkeit im Finanzbereich plädiere ich dafür, dass schädliche Handlungsoptionen herausgenommen werden – ein Beispiel ist, dass Anlageberater nicht alle Verantwortung auf den Kunden abwälzen.

Was sind die Folgen von zu viel Stress?
Wenn Stress ständig auftritt, wird er zu einer riesigen Last und kann toxisch werden. Etwa wenn man unter Armut oder Einsamkeit leidet, am Arbeitsplatz gemobbt wird oder der Job nicht sicher ist. Die Folge sind langfristig Erkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes oder Depression. Die Lebenserwartung sinkt.

«Eine Abnehmpille, die chemisch gegen Habituation wirkt, kann zu Depressionen und Suizid führen.»

Manchen macht Stress aber nichts aus.
Etwa die Hälfte der Menschen hat die genetische Veranlagung, sich an ständigen Stress gewöhnen zu können. Diese Habituation sorgt dafür, dass man sich subjektiv sicherer fühlt. Das ist ein unbewusster Ablauf im Gehirn. Aber da nicht alle Menschen diese Veranlagung haben, können wir davon ausgehen, dass es auch Nachteile bringt. Wer habituiert hat, kann in brenzligen Situationen nicht mehr hochfahren und angemessen auf Risiken reagieren – die notwendige Nervosität fehlt.

Was bringen Therapien?
Dabei muss man unterscheiden. Unspezifische Massnahmen wie Entspannungsübungen können die nötige Ruhe bringen, um Probleme überhaupt anzupacken. Aber das geht nur, wenn sie lösbar sind. Wer arm in einem amerikanischen Slum wohnt, der kann dagegen wenig tun. Spezifisch gegen den toxischen Stress kann Psychotherapie helfen. Man erkennt Muster im eigenen Leben und lernt zu verstehen, wie man in die jetzige Situation gekommen ist. Medikamente für schwierige Fälle sind sehr wirksam, haben aber starke Nebenwirkungen. Sie führen etwa dazu, dass Leute habituieren – und dick werden. Eine Abnehmpille, die chemisch gegen Habituation wirkt, kann hingegen zu Depressionen und Suizid führen.

Achim Peters: «Unsicherheit: Das Gefühl unserer Zeit – und was uns gegen Stress und gezielte Verunsicherung hilft», C. Bertelsmann Verlag, 432 Seiten, 29.90 Franken.

Erstellt: 28.02.2019, 18:33 Uhr

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