Stromstoss ins Pferdeherz

Colin Schwarzwald behandelt an der Vetsuisse-Fakultät herzkranke Pferde. Er beherrscht einen Eingriff, den weltweit nur wenige Tierärzte durchführen.

Am EKG-Monitor sieht Colin Schwarzwald, ob der Stromstoss beim Pferd Wirkung zeigt. Foto: Michelle Oesch, Vetsuisse, Uni Zürich

Am EKG-Monitor sieht Colin Schwarzwald, ob der Stromstoss beim Pferd Wirkung zeigt. Foto: Michelle Oesch, Vetsuisse, Uni Zürich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Colin Schwarzwald gefragt wird, was ihn am Pferdeherz so fasziniert, überlegt der 47-Jährige nur kurz: «Koliken beim Pferd behandeln, das machen viele», sagt er. «Aber um Pferdekardiologie auf dem Niveau zu betreiben, wie wir das tun – da gibt es weltweit nur sehr wenige Spezialisten. Das braucht die entsprechende Ausrüstung und viel Erfahrung.»

Schwarzwald hat sie an der Ohio State University in den USA gesammelt. Seit 2012 leitet er die Klinik für Pferdemedizin der Universität Zürich. Obschon ihm die sechs Kilo schweren Pferdeherzen am meisten liegen – der Pferdekardiologe interessiert sich auch fürs 25 Gramm leichte Mäuseherz. «Wir machen fast alles ausser Hund und Katze, das fällt an der Vetsuisse-Fakultät in den Bereich der Kleintierklinik.» Doch dann zählt Schwarzwald Superlative auf, die ihn am Pferd so beeindrucken: Es kann in zwei Sekunden von 0 auf 70 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Sein Herz pumpt in Ruhe 30 Liter, bei Anstrengung aber bis zu 450 Liter Blut pro Minute. Es schlägt in einem Pferdeleben etwa 530 Millionen Mal – regelmässig und ohne Pause. Zumindest beim gesunden Pferd.

Bei Schwarzwalds erstem Patienten an diesem Morgen ist der Herzschlag jedoch alles andere als regelmässig. Mal folgen mehrere Herztöne rasch aufeinander, dann wieder einer erst nach einer langen Pause. Der grosse Wallach, der sonst mühelos Hürden von über einem Meter Höhe nimmt, wollte vor drei Wochen nicht einmal mehr über ein Mini-Hindernis springen. Als er zwei Tage später beim Galoppieren ungewöhnlich langsam war, holte die Besitzerin den Tierarzt. Der Befund: Vorhofflimmern, die häufigste krankhafte Herzrhythmusstörung beim Pferd. Bei dieser Erkrankung ist die «Elektroleitung» defekt, die dem Herzmuskel Impulse gibt, damit er sich koordiniert zusammenzieht. Deshalb pumpen die Herzvorhöfe bei ihm das Blut nicht mehr. Da sie nur zu etwa einem Fünftel zur Herzleistung beitragen, kann das Pferd das in Ruhe wegstecken – nicht aber bei Anstrengung.

Behandlung von innen

Im Gegensatz zum Menschen, wo Vorhofflimmern vor allem eine Alterserkrankung ist, sind bei Pferden auch schon junge Tiere betroffen. Schlaganfälle, die gefürchtete Komplikation bei Menschen, erleiden die Equiden praktisch nie, weil ihr Blut beim Vorhofflimmern keine Gerinnsel bildet.

Bei diesem siebenjährigen Patienten ist das Ganze trotzdem bedrohlich. EKG-Aufzeichnungen im Trab und im Galopp zeigten, dass er bei Belastung zusätzlich «maligne Herzrhythmusstörungen» bekommt. «Dann kann es jederzeit zum plötzlichen Herzstillstand kommen. Ein solches Pferd zu reiten, ist zu riskant. Ohne Therapie können Sie es nur noch auf die Weide stellen.» Die Besitzerin entschied sich für die etwa 5500 Franken teure Behandlung.

Schwarzwald wird bei dem Pferd ein Verfahren einsetzen, das weltweit nur an etwa einem Dutzend Zentren durchgeführt wird. Bei der «transvenösen elektrischen Kardioversion» (TVEC) bekommt das Herz von innen einen starken Stromstoss. Er soll die konfuse elektrische Erregung der Herzvorhöfe wieder ins Lot bringen. Medikamente seien in diesem Fall zu riskant, weiss Schwarzwald. Er setzt eine Betäubungsspritze am Hals des sedierten Pferds, wo er dann in die Vene einen Katheter mit einer Elektrode an der Spitze einführen wird. Sie soll bis in die linke Lungenarterie. Das heisst: Sie muss zum Herz, durch den Vorhof, die rechte Hauptkammer und weiter Richtung Lunge.

«Ein Pferd mit malignen Herzrhythmusstörungen zu reiten, ist zu riskant. Ohne Therapie können Sie es nur noch auf die Weide stellen.»

Vorsichtig schiebt Schwarzwald den fast zwei Meter langen Katheter vor. Sensoren an dessen Spitze messen den Blutdruck. So erkennt der Pferdekardiologe, wann er die richtige Stelle erreicht, denn die Blutdruckkurve sieht in der Lungenarterie anders aus als im Herz. Zusätzlich verfolgt seine Kollegin den Katheter von aussen mit einer Ultraschallsonde, die sie an den Brustkorb des Pferds hält. Den zweiten Katheter schiebt Schwarzwald in den rechten Herzvorhof. Als ein Röntgenbild die korrekte Lage bestätigt, übernimmt die Narkoseärztin das Kommando. Der Herzpatient bekommt eine Vollnarkose und sackt zu Boden, wo eine spezielle Luftmatratze das Pferd auffängt.

Wie häufig gefährliche Herzrhythmusstörungen bei Pferden sind, wisse man nicht, es gebe keine repräsentativen Erhebungen. «Sie sind aber sicher viel häufiger, als die meisten Tierärzte vermuten», sagt Schwarzwald. Einer alten Studie zufolge sollen 2,5 Prozent der Pferde an Vorhofflimmern leiden. Bei einer Population von über 100'000 Equiden wären das etwa 2600 wiehernde Patienten in der Schweiz. Nur eine Minderheit davon wird aber kardiologisch untersucht. Dabei sei es gar nicht so selten, dass ein Pferd während körperlicher Belastung plötzlich tot umfalle. «Wichtig ist, dass man Herzgeräusche abklärt. Manche sind völlig harmlos, andere können zu gefährlichen Rhythmusstörungen führen. Allein durchs Abhören lässt sich das kaum unterscheiden. Das ist vielen Tierärzten und Pferdehaltern nicht so bewusst», sagt Schwarzwald.

Timing muss stimmen

Inzwischen haben Schwarzwalds Kollegen das Pferd vorbereitet: Es ist intubiert, seine Beine mit Polstern geschützt, der Sauerstoffgehalt im Blut stimmt, und seine Harnblase ist über einen Katheter entleert. Ein drahtloses EKG, mit Brustgurt befestigt, übermittelt die Herzstromkurve.

Entscheidend ist nun das Timing. Erfolgt der Stromstoss nur eine halbe Sekunde zu spät, kann das lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen auslösen. «Achtung, alle weg vom Pferd!», warnt Schwarzwald. Dann kommt der 100 Joule starke Stromstoss. Das narkotisierte Tier zuckt heftig, aber das Vorhofflimmern lässt sich davon nicht beeindrucken. Oft brauche es vier bis fünf Versuche, sagt Schwarzwald, der zu den wenigen Pferdekardiologen international gehört, die auch wissenschaftlich tätig sind. Minuten später gibt er den nächsten Stromstoss, 125 Joule, rund siebenmal mehr als beim Menschen üblich. Wieder geht ein Ruck durch den grossen Wallach. Dann macht sich Erleichterung breit im OP: Sein Herz schlägt normal, das Vorhofflimmern ist verschwunden. Eine Stunde später steht er, noch etwas müde, wieder in seiner Krankenbox. In bis zu 30 Prozent der Fälle komme es zum Rückfall, sagt Schwarzwald. Um dem vorzubeugen, wird sein Patient noch einen Monat lang ein Herzmedikament bekommen. Zeigt eine erneute Untersuchung dann, dass alles okay ist, darf er wieder springen.

Privat hat der Pferdemedizin-Professor mit Pferden wenig zu tun. Er hält einen Mischlingshund und dank seiner Partnerin «ungefähr 600 weitere Tiere», ganz genau wisse er selbst nicht, sagt er und lacht. Der Familie seiner Partnerin gehört der Walter Zoo in Gossau. Ist dort ein Kamel, ein Tiger oder ein anderes Tier herzkrank, rückt Schwarzwald an. Bei einer Schimpansin mit wiederkehrenden Schwächeanfällen setzte er zum Beispiel einen EKG-Rekorder ein, um ihren Herzschlag kontinuierlich zu überwachen. Auch das fasziniert ihn: «Auf die Tierart kommt es gar nicht so an – das Herz funktioniert im Prinzip bei allen gleich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2018, 16:49 Uhr

Artikel zum Thema

Verstehen, was das Pferd sagen will

Werner Muff zählt zum Favoritenkreis am CSI Zürich. Erinnerungen an eine Zeit vor 30 Jahren kommen in ihm hoch. Mehr...

In 15 Minuten vom panischen Pferd zur stillen Stute

Pferde können in ungewohnten Situationen schnell panisch werden. Pferdezähmerin Ruth Herrmann beruhigt sie – ohne Gewalt. Mehr...

Wir lieben und wir fressen sie

Der Fall Hefenhofen beleuchtet das bizarre Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Warum rühren uns geschlagene Pferde in einem Masse, wie es die toten Flüchtlinge im Mittelmeer nicht mehr tun? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Alle Bienen bitte hier entlang: In blumiger Tracht laufen Teilnehmer eines Umzuges anlässlich des Pfingsttreffens der Siebenbürger Sachsen durch das deutsche Dinkelsbühl. (20. Mai 2018)
(Bild: DPA/Timm Schamberger) Mehr...