Täter sind oft männlich, geschieden, nicht religiös

In Wädenswil tötet ein Mann seine Frau und richtet sich selber: In der Schweiz kommt es häufiger zu solchen Familiendramen als in allen anderen westlichen Ländern.

Spielte sich hier ein typischer Fall ab? Versiegelte Haustür am Tatort in Wädenswil. <nobr>Foto: Moritz Hager («Zürichsee-Zeitung»)</nobr>

Spielte sich hier ein typischer Fall ab? Versiegelte Haustür am Tatort in Wädenswil. Foto: Moritz Hager («Zürichsee-Zeitung»)

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Am Freitagnachmittag fanden Beamte ein totes Ehepaar in einer Wohnung in Wädenswil. Die Zürcher Kantonspolizei geht aufgrund erster Ermittlungen davon aus, dass der 64-jährige Mann seine 62-jährige Partnerin mit einer Schusswaffe getötet und anschliessend sich selber gerichtet hat. Medien haben weitere Hintergründe zum Drama veröffentlicht. Vieles bleibt weiterhin unverständlich.

Doch bei aller Fassungslosigkeit: Es handelt sich allem Anschein nach um einen typischen Fall. Das lässt sich zumindest aus den nackten Zahlen der Statistiker schliessen.

Jedes Jahr kommt es in der Schweiz zu sechs bis sieben solchen Tötungsdelikten innerhalb von Familien, bei denen der Täter anschliessend Suizid begeht. Dies haben Forscher um Radoslaw Panczak vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern vor drei Jahren im Rahmen einer grossen Studie errechnet. Sie hatten im Zeitraum 1991 bis 2008 73 solcher Ereignisse mit insgesamt 158 Toten gefunden. «Obwohl diese Ereignisse selten sind, haben sie verheerende Effekte auf die Familien und die Gesellschaft und werden von der Medienberichterstattung normalerweise stark abgedeckt», schreiben die Autoren im Fachblatt «PLOS One».

Fünf Fälle mit Frauen als Täterinnen

Der Fall in Wädenswil passt dabei laut Studie ins Schema: «Die Mehrheit der Täter sind Männer und die meisten Opfer Frauen», so die Forscher. In 93 Prozent der untersuchten Fälle waren die Täter männlich, in 84 Prozent die Opfer weiblich. Bei drei Viertel der Dramen brachte ein Mann seine Ehefrau um, in weiteren acht Prozent tötete er neben der Frau auch ein oder zwei Kinder. Die Forscher fanden gerade mal fünf Fälle, bei denen Frauen die Tat ausübten. Bei dreien war der Ehemann das Opfer, bei zweien die Kinder.

Infografik: Täter sind meistens Männer Grafik vergrössern

Beim Alter fällt das Wädenswiler Drama jedoch aus dem Rahmen. In der Statistik gibt es bei den Tätern zwei auffällige Spitzen. Die erste liegt bei 45 Jahren. Es sind in der Regel Fälle mit klassischen Eifersuchtsdramen. Bei der älteren Generation mit einer Häufung um 75 Jahre spielten andere Motive rein: Ehemänner, die ihre schwer kranke Ehefrau aus Überforderung oder aus Mitleid töten.

Die Forscher um Panczak haben erstmals auch mögliche Risikofaktoren identifiziert. So waren unter den Tätern häufiger geschiedene als verheiratete Männer. Zudem neigten Nichtreligiöse eher zur Tötung als Katholiken. Keinen Einfluss hatten statistisch gesehen die Anwesenheit von Kindern im Haushalt, die Sprache oder eine städtische oder ländliche Umgebung.

Soziale Schicht spielt keine Rolle

Überraschend war, dass kein Zusammenhang zur sozialen Schicht gefunden wurde. Weder Bildung noch Beruf hätten einen Einfluss. Die Nationalität spielt gemäss Studie ebenfalls keine Rolle. Ausnahme: Ausländer mit einer befristeten Aufenthaltsbewilligung waren häufiger Täter. Dies passt ins Bild: Generell waren stressige Lebenssituationen ein Risikofaktor, also auch Scheidungen oder knappe Wohnverhältnisse.

Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ist die Häufigkeit von Familiendramen in der Schweiz erhöht. Die Forscher vermuten, dass dies mit der leichten Verfügbarkeit von Schusswaffen in der Schweiz zusammenhängt. In 85 Prozent der Fälle war dies die Tatwaffe. In der Studie konnte nicht eruiert werden, ob bei den einzelnen Familiendramen Armeewaffen verwendet wurden. Doch aufgrund anderer Untersuchungen gehen Panczak und Kollegen davon aus, dass ein eingeschränkter Zugang zu Waffen nicht nur Suizide, sondern auch Familiendramen verhindern könnte.

Erstellt: 23.05.2016, 11:25 Uhr

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