«Tigermücken können den eigenen Garten zur Hölle machen»

Sie sticht unablässig und kann Denguefieber übertragen. Wie man mit den Plagegeistern umgehen kann, zeigt ein Besuch im Misox.

Ewiger Kampf gegen die Mücke: Jede Woche streut Giorgio Gadola Insektengift in die 2000 Gullys der Bündner Gemeinde Roveredo. Foto: Andrea Zahler

Ewiger Kampf gegen die Mücke: Jede Woche streut Giorgio Gadola Insektengift in die 2000 Gullys der Bündner Gemeinde Roveredo. Foto: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Jäger trägt Orange. Und rollt auf einem schwarzen Scooter heran. Als Giorgio Gadola am Strassenrand vor uns anhält, öffnet er das Helmvisier und begrüsst uns grinsend: «Benvenuti alla battaglia!» Willkommen in der Schlacht.

Der Mitarbeiter des Werkhofs von Roveredo ist im Kampfmodus, aber ganz ernst ist ihm der Schlachtruf nicht: Giorgio Gadolas Gegner ist bloss fünf Millimeter gross. Die Tigermücke. Gadolas Waffe ist ein Behälter auf dem Rücken, mit zehn Kilo Larvizid – ein körniges, spezifisch gegen Mückenlarven wirksames Gift, das er portionenweise in die Gullys von Roveredo zu streuen hat, um die Larven zu zerstören. Die feuchten und warmen Schächte sind ein Lieblingsbrutplatz der Tigermücke. Jede Woche macht Giorgio Gadola die Tour, von Mai bis September. Roveredo hat so die Ausbreitung der Tigermücke gestoppt. Die Bevölkerung wurde angewiesen, stehendes Wasser in ihren Gärten zu vermeiden und ebenfalls Körner zu verteilen. Giorgio ist ihr Held. Wobei man den ironischen Unterton durchaus vernimmt, wenn ihm die Dorfbewohner auf der Piazza bei der Bar Centrale entgegenrufen: «Ciao Giorgio, come va – la battaglia?»


Video: Kampf gegen die Tigermücke

Kein Grund zur Panik: Eine lokale Krankheitsübertragung hat es durch diese Mücke in der Schweiz noch nie gegeben. (Video: SDA-Keystone)


So entspannt treten sie in Roveredo der Mücke aus Asien entgegen. Im Misox und vor allem im Tessin ist diese Mücke eine alte Bekannte. In Autopneus hat sie den Weg von Asien nach Europa gefunden, ist in den 90er-Jahren in Italiens Häfen gelandet, um sich von dort per Autostopp ins Tessin aufzumachen (siehe Karte). Ab dem Jahr 2000 hat sie sich in der südlichen Schweiz breitgemacht.

Besonders beliebt ist sie nicht, aber es scheint, als hätten die Tessiner und die Menschen aus dem Misox sich mit ihr arrangiert.

«Wollishofen braucht euch!»

Ganz anders die Deutschschweizer. Hier verbreitet die Tigermücke noch Angst und Schrecken. Schon Funde von einzelnen Exemplaren lösen Besorgnis und Betroffenheit aus. Die Resonanz ist umso grösser, wenn Behörden bekannt geben, dass sich in einer Region eine fortpflanzungsfähige Population gebildet habe. Im Raum Basel war dies 2018 der Fall. Letzte Woche informierte die Stadt Zürich die Bewohner von Wollishofen, dass in ihrem Quartier 13 Tigermücken und rund 200 Eier ­gefunden worden seien. Die Tiere ­wurden nicht eingeschleppt, sondern haben den Winter überlebt. Wollishofen ist ihr Zuhause.

Beinahe genüsslich beschrieben die Medien daraufhin die Tropenkrankheiten, die die Tigermücke verbreiten kann: Dengue, da droht ein Fieberschock. Oder die Chikungunya-Krankheit, die starke Gelenkschmerzen mit sich bringt. Das Onlineportal «Watson» publizierte eine Fotostrecke mit Spinnen. Der Titel: «Spinnen essen Mücken – Wollishofen braucht euch!» Und ein Experte für Angststörungen durfte gar die Abneigung der Menschen gegenüber kleinen Insekten ergründen. Die Deutschschweiz auf dem Psychiatersofa.

Auch in Roveredo waren die Tropenkrankheiten anfänglich ein grosses Thema. Sollte das Misox bald zum schwül-heissen Dengue-Dschungel werden? Würde es neben der Sommergrippe nun auch noch Chikungunya geben?

Tigermücken breiteten sich aus: Revierförster Beat Keiser erhielt besorgte Anrufe von den Bewohnern. Foto: Andrea Zahler

Beat Keiser war damals der Mann, der die Menschen beruhigen musste. «Ich bekam eine Zeit lang viele Anrufe von nervösen Bewohnern – vor allem am Feierabend», erzählt der Revierförster. Die Leute beobachteten den Vormarsch der Tigermücke sehr genau. Sie machte sich zuerst am unteren Dorfende bei der Ein- und Ausfahrt zur A13 breit und eroberte dann langsam die Hänge links und rechts davon. Noch waren es keine Tigermückenschwärme, wie in Mendrisio unten, wo diese den Aufenthalt in den Gärten zeitweise verunmöglichten. Aber einzelne Exemplare begannen bereits zu nerven, blieben den ganzen Tag aktiv, stachen unablässig zu und machten klar: Diese asiatische Mücke schmerzt und stört mehr als die heimische Stechmücke.

Jeder Gärtner wird zum Kämpfer

Aber Revierförster Beat Keiser, gesegnet mit der Autorität einer majestätischen Eiche, konnte die Menschen beruhigen. Der gebürtige Luzerner wurde gut gebrieft. Vom Amt für Natur und Umwelt in Chur, das ihm vorrechnete, wie gross die Chance einer Ansteckung mit Tropenkrankheiten ist: nämlich praktisch gleich null.

Die Tigermücke lebt nur einen Monat, sie kann in ihrem Leben maximal 150 Meter weit fliegen, sticht zwar bis zu achtmal zu, aber weil es in der Schweiz weder Denguefieber noch das Chikungunya-Virus gibt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass sie diese Krankheiten überträgt. Bisher gab es in der Schweiz noch keinen einzigen Fall, der auf die Tigermücke zurückgeht.

Stiche von Tigermücken sind schmerzhaft, aber meist ungefährlich. Foto: Keystone

So ist in Roveredo dank dem guten Zusammenspiel von Behörden und Bevölkerung alles unter Kontrolle. «Roveredo ist die Musterschülerin», sagt die Wissenschafterin Eleonora Flacio. Sie muss es wissen. Die Tessinerin ist auf dem Gebiet der Tigermücke europaweit führend. Zusammen mit ihrem Team von der Technischen Hochschule Lugano hat sie die Bündner Behörden bei der Mückenbekämpfung instruiert. Sie war es auch, die das erste Überwachungsprogramm auf dem Kontinent gestartet hat.

Eleonora Flacio weiss alles über dieses Insekt. Und sie weiss mittlerweile auch ziemlich viel über die Natur des Menschen. Wie er Fremdem anfänglich gegenübertritt. Wie er Offensichtliches verdrängt und erst richtig aktiv wird, wenn er direkt betroffen ist. «Tigermücken können den eigenen Garten zur Hölle machen», sagt sie. «Und glauben Sie mir, spätestens nach einem problematischen Sommer haben wir dort die diszipliniertesten Mückenbekämpfer, die Sie sich vorstellen können.»

Karte vergrössern

Die Menschen in der Deutschschweiz, sagt Flacio, seien noch weit davon entfernt, der Leidensdruck sei noch zu wenig gross. «Aber das wird kommen, sie brauchen dann einfach Zeit.» Die Tigermücke gehört zum globalisierten Handel und vor allem: zur Klimaerwärmung. «Wir werden mit diesen Veränderung leben müssen. Und ich bin sicher, dass wir das schaffen werden.»

Trost gibts auch von Beat Keiser. Der Förster sieht, wie sich die Natur im Misox mit dem Klimawandel verändert, wie sich Hanfpalmen vermehren und Kastanienbäume mittlerweile bis zum hoch gelegenen Castello reichen. «Roveredo verändert sich, dazu gehört nun eben auch eine Mücke», sagt er. «Die bringen wir hier nicht mehr weg. Aber wir können sie unter Kontrolle halten.»

Darum schickt Keiser seinen Mann Giorgio auch nächste Woche wieder raus. 2000 Gullys. Die Frage ist nicht, wann diese Arbeit in Roveredo endet. Sondern wann sie in der Deutschschweiz beginnt.

Erstellt: 26.07.2019, 20:28 Uhr

Artikel zum Thema

Zürich kämpft gegen die Tigermücke

Video Das sind die Methoden, wie gegen die aus Asien stammenden Stechmücken vorgegangen wird. Mehr...

Tigermücke sticht auch in der Schweiz zu

Die aggressive Mücke kann das Dengue-Fieber übertragen. Nun taucht sie auch nördlich der Alpen häufiger auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...