Tinnitus, der Feind im Ohr

An dem lästigen Pfeifton im Ohr leiden in der Schweiz über eine Million Menschen. Welche Therapien das Leben erträglicher machen.

Schmerzhafter Lärm: Martin P. mit Gehörschutz an einer Strassenkreuzung. Foto: Christian Pfander

Schmerzhafter Lärm: Martin P. mit Gehörschutz an einer Strassenkreuzung. Foto: Christian Pfander

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Meist ist es ein unerwartetes Ereignis. Ein Lärm, ein Knall, der erschreckt und ängstigt. Darauf folgt ein dauerndes Pfeifen in einem oder beiden Ohren: der Tinnitus. Betroffen sind 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung, also bis 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz, wie Lukas Anschütz erklärt, Leiter der interdisziplinären Tinnitus-Sprechstunde am Berner Inselspital.

Oft trifft es ältere Menschen ab 50, wenn das Hören ohnehin mühsamer wird. Aber auch Kinder können betroffen sein. Und es ist nicht immer das Erschrecken, das dem Tinnitus vorangeht. «Es gibt 90 Auslöser von Tinnitus», sagt Anschütz. Zusätzlich leidet über die Hälfte der Betroffenen unter einer schmerzhaften Hörüberempfindlichkeit, einer Hyperakusis.

Wie Martin P. (Name geändert). Bereits mit 13 Jahren nistet sich beim heute 38-Jährigen ein zunächst leiser, aber lästiger Tinnitus ein. Dazu schmerzen seine Ohren, wenn er länger ­Musik hört. Mit 19 feiert er am Ende des Gymis mit Kollegen in einem Zürcher Technoclub. Anderntags wacht er mit Hyperakusis auf. Selbst leises Tellerklirren schmerzt.

Von Arzt zu Arzt gerannt

Einen Rückschlag erleidet er während seines Architekturstudiums. Mit schlechtem Hörschutz besucht er ein Konzert. «Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem superlauten Piepsen in den Ohren.» Zur Hyperakusis hatte sich auch der Tinnitus-Ton hochgeschaukelt. Die Krankheit isoliert den Studenten, er verliert Freunde, rennt von Arzt zu Arzt, nimmt hohe Dosen Kortison, sucht Hilfe in der Alternativmedizin. Alles erfolglos. Das laute Pfeifen im Ohr bleibt, sodass er sein Studium mit Verzögerung abschliessen muss.

Freiwillig in die Psychiatrie

Beim Berufseinstieg macht die Arbeit zwar Freude. Martin P. erlebt aber das, worüber sich auch andere Betroffene beklagen: Arbeitskollegen haben kaum Einfühlungsvermögen und verrichten ihre Tätigkeit mit dem üblichen Geräuschpegel. Trifft ihn während der Arbeit unerwartet das Niesen eines Büronachbars, das Schrillen einer Glocke, das Rattern der Kaffeemaschine, dann steigt der Pfeifton seines Tinnitus an – so hoch, dass er das Büro panikartig verlassen muss.

Dreimal geht er in den Spitalnotfall. Auf ärztlichen Rat begibt er sich schliesslich sogar freiwillig in die Psychiatrie. Dort findet er aber keine Therapie. Und: Während des einmonatigen Aufenthalts wird ihm gekündigt. Er muss Sozialhilfe beantragen. Mit Gehörschutz bleibt er nun oft in der Wohnung, verlässt sie nur noch für die nötigsten Besorgungen und die monatlichen Gespräche in der Tinnitus-Selbsthilfegruppe. Einzig hier findet er Verständnis. Die Hoffnung hat der heute 38-Jährige noch nicht ganz aufgegeben. «Ich muss wieder fit werden, meine Ängste abbauen, damit ich wieder arbeiten kann.»

Wenig Verständnis

Martin P.s Schicksal ist typisch für Menschen mit chronischem Tinnitus und Hörüberempfindlichkeit: Weil sie auf wenig Verständnis stossen, ist ihr Leben immer wieder von schmerzenden Hörerlebnissen gezeichnet. Diese schaukeln Tinnitus und Hyperakusis hoch, verstärken Ängste und führen auch zu Depressionen. Weil die Schulmedizin keine wirksame Therapie anbietet, greifen viele Betroffene zu Mitteln der Alternativmedizin oder zu noch nicht erprobten Therapieansätzen.

Damit ein Mittel wirkt, müsste die Erkrankung aber objektiv erfassbar sein. Doch beim Tinnitus ist dies nicht der Fall; hier gibt es nur den subjektiven Eindruck. Betroffene stufen anhand von vorgespielten Tönen (Audiometer) die Intensität und Höhe ihres Tinnitus selbst ein. So werden bisherige Therapien nach dem Prinzip Versuch und Irrtum angewendet: Durchblutungsfördernde oder entzündungshemmende Medikamente (Kortison) sollen das Innenohr kurieren. Mal helfen sie, mal nicht.

«Ich muss meine Ängste abbauen, damit ich wieder arbeiten kann.»Martin P. leidet an Tinnitus und Hyperakusisote

Andere Therapieansätze gehen davon aus, dass die Schallübertragung im Mittelohr über die Gehörknöchelchen beeinträchtigt ist. Hier steuern sensitive Hirnnerven (Trigeminus und Facialis) die Muskeln der Knöchelchen. Diese Nerven können durch das Auslösungsereignis dauernd ausser Takt geraten und für die Angstzustände verantwortlich sein. Die australische Audiologin Myriam Westcott ist überzeugt, dass hier der Ursprung für die Überempfindlichkeit liegt. Wieder ­andere Theorien sehen den Ursprung eines Tinnitus in geschädigten Hörhärchen im Innenohr, die für die hohen Töne zuständig sind: Um deren Ausfall wettzumachen, produziere das Gehirn fortan selbst solche Töne.

Doch welche Therapien können helfen? Aufgrund der Studienlage ist einzig von der kognitiven Verhaltenstherapie eine positive Wirkung zu erwarten. Dabei lernen Patienten unter Anleitung individuell oder in Gruppen, mithilfe von Ritualen wie Entspannungs- und Wahrnehmungsübungen sowie mit Lebensanpassungen den Tinnitus als erträglichen Begleiter des ­Lebens zu akzeptieren.

Die lästigen Hörgeräusche zu akzeptieren gelernt hat auch der Berner Andreas Blatter. «Du darfst dem Tinnitus nicht nachstudieren, musst ihn nehmen wie einen Freund, der dich ab und zu halt auch aufregt», sagt der pensionierte Fotograf.

Noch nicht so weit ist Martin P. Er kämpft weiter mit seinem Feind im Ohr.

Erstellt: 23.09.2019, 19:38 Uhr

Tipps für Betroffene: Dem Leben mehr Ruhe und Erholung gönnen

Tinnitus und Hörüberempfindlichkeit (Hyperakusis) sind nur schwer therapierbar. Hier Chancen und Risiken der gängigsten Behandlungsmethoden:

Medizinische Abklärung: Sind Risse im Trommelfell oder eine Verkalkung der Gehörknöchelchen massgeblich für den Tinnitus verantwortlich, können operative Eingriffe ihn zumindest vermindern. Deshalb ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.

Kognitive Verhaltenstherapie: Tinnitusbetroffene beklagen sich oft, weil Ärzte keine Heilung anbieten können und sie wegen objektiv nicht feststellbarer Symptome in die «Psycho-Ecke» gestellt werden. Die kognitive Verhaltenstherapie (www.sgvt-sstcc.ch) kann jedoch helfen, negativen Gefühlen der Angst oder Wut mittels Strategien zu begegnen und besser über die Runden zu kommen.

Medikamente: Nicht empfehlenswert, ihre Wirkung ist nicht erwiesen. Dasselbe gilt für Naturmittel wie Ginkgo. (Antidepressiva wirken nur gegen begleitende Depressionen, nicht aber gegen Tinnitus.)

Selbsthilfegruppen: An verschiedenen Orten in der Schweiz können Betroffene in geführten Selbsthilfegruppen Wertschätzung erfahren und Erfahrungen austauschen (www.tinnitus-schweiz.ch/selbsthilfe-gruppen).

Lebensumstellung: Weniger Hektik und mehr Ruhe. Das gelingt, wenn Betroffene zum Beispiel in der Natur mit Freunden oder Gleichgesinnten spazieren gehen und so erholsame Erlebnisse geniessen. (chr)

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